„Meine Schwester kam vor 25 Jahren als Sternenkind zur Welt“

Totgeburt

Foto: pixabay

Hallo an alle Leser vom „Stadt, Land, Mama“ Blog. Mein Name ist Sylvie, ich komme aus Steyr, Oberösterreich. Schon als Kind in der Volksschule war es mein größter Wunsch, ein Geschwisterchen zu bekommen. In der Schule erfand ich sogar immer Geschwister und malte sie mit auf Bilder, obwohl diese gar nicht existiert haben. Ich wollte einfach kein Einzelkind sein.

Im Jahr 1996, ich war 9 Jahre alt, ich weiß das noch ganz genau, saß ich eines Abends mit meiner Mama vor dem Fernseher. Beim genaueren Betrachten ihres Bauches fiel mir auf, dass er sich wölbte. Wuchs da grad etwa was 😊?

Voller Freude fragte ich sie, ob sie schwanger sei – und sie bestätigte es. Das war so besonders! Endlich konnte ich in der Schule erzählen, dass ich ein Geschwisterchen bekommen werde. Ich war sehr stolz und der Bauch meiner Mutter wuchs weiter und weiter. Manchmal bekam ich Tritte aus Mamas Bauch mit.

Das Baby entwickelte sich bis zum sechsten Monat sehr gut, da haben wir dann auch erfahren, dass es ein Mädchen wird. Es konnte nicht schöner sein! Eine Schwester für mich!

Blogbeitrag Sternenkind

Doch das Schicksal hatte einen anderen Plan. Nach dem sechsten Monat ging es meiner Mama nicht mehr so gut, sie musste sich laufend Untersuchungen unterziehen – bis ihr schließlich gesagt wurde, dass sich das Baby nicht mehr gut entwickeln würde. Das Loch im Herzen meiner Schwester stellte ein großes Problem dar.

Die Zeit verging, die Ungewissheit, was passieren würde, wenn sie auf die Welt kommt, war für meine Eltern fast unerträglich. Schließlich war der Tag der Geburt gekommen, meine Mutter war bereits am Ende ihrer Schwangerschaft, es ging alles so schnell. Doch für meine kleine Schwester Carina Melina gab es keine Chance mehr.

Die Trauer meiner Eltern war so erdrückend, ich konnte einfach nichts unternehmen, ich konnte niemanden trösten. Meine Mutter hatte sich entschieden, meine Schwester zur Obduktion freizugeben, um die endgültige Todesursache herauszufinden, in der Hoffnung, anderen Familien mit ähnlichen Diagnosen eventuell schon früher/besser helfen zu können.

Das hieß aber auch, dass meine Schwester hier keinen Platz hatte, an dem wir trauern konnten: Kein Grab, keine Lichter, keinen Ort der Erinnerung. Drei Jahre lang haben meine Eltern im Stillen gelitten und mit fast niemanden darüber gesprochen, schon gar nicht mit mir. Ihre Vermutung war, dass ich ohnehin nicht verstehen würde, was da geschehen war.

Dabei hatte ich immer einen gedanklichen Draht zu meiner verstorbenen Schwester und glaube fest daran, dass sie meine Gebete damals erhört hat und mir 1999, drei Jahre nach ihrem Tod, meinen Bruder David geschickt hat. Dafür bin ich ihr so dankbar!

Für mich war dieser Verlust sehr prägend, er begleitet mich immer wieder in meinem Leben. Ich habe Carina immer bei mir gespürt, ich konnte es niemanden beschreiben, aber ich hatte immer das Gefühl, dass ‚etwas‘ auf meinen Schultern sitzt. Erst, als ich einen wunderschönen Engel gekauft habe und diesen an einem besonderen Platz in meiner Wohnung gestellt habe, war dieses erdrückende Gefühl verschwunden.

Meine Schwester wird immer einen Platz in meinem Leben haben, auch wenn sie ein Sternenkind ist. Darum habe ich für sie dieses Jahr den Song „Sternenkind“ geschrieben, auch in meinem Künstlernamen habe ich sie berücksichtigt: „Sylina“ ist eine Mischung aus Sylvie und Carina. Ich liebe die Musik, ich schreibe seit kurzem meine eigenen Songtexte. Sie erzählen Geschichten aus meinem Leben, was mich beschäftigt, berührt und was mir in meinem Kopf herumschwirrt. So war klar, dass auch meine verstorbene Schwester ihren Song bekommen sollte.

Meine ganze Familie und ich haben viel aus diesem Verlust gelernt – und zwar, wie wichtig es ist, solche Themen anzusprechen. Der Tod gehört zum Leben, es ist besonders wichtig, Geschwister in diesem Prozess sensibel zu begleiten. Ich als Kind habe mich oft schuldig gefühlt, weil ich den Tod nicht verstanden habe. Meine Eltern wussten es auch nicht besser, jeder musste schauen, dass es weitergeht. Heute weiß ich: Carina ist bei uns, passt auf uns auf und singt im Himmel meine Lieder.

Danke an alle Leser, liebe Grüße Sylvie

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3 comments

  1. Ich fühle es sehr. Meine Schwester wurde auch vor etwa 24 Jahren tot geboren, im etwa 6 Monat. Ich war erst 3 und trotzdem lässt sie mich nicht los. Es ist, als fehlte etwas – ohne daß ich es beschreiben kann. Denn eigentlich kann ich mich aktiv nicht an die Schwangerschaft erinnern. Meine Eltern erzählten jedoch, dass ich sehr traurig und wütend war das „das Baby“ gestorben ist. Zurück geblieben nach 24 Jahren ist immer noch das Gefühl eines großen Verlustes. Und eine kleine Leere, die nicht gefüllt werden kann. Selbst als mein Sohn geboren wurde, waren die ersten Gedanken „Und so konnte Malu uns nie ansehen.“

    Ich vermisse dich, Malu. Obwohl ich dich nicht kenne, bist du mir so nah.

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