Plötzlicher Kindstod: Ich habe zum zweiten Mal ein Kind verloren

Liebe Renate, wir hatten 2019 ein Interview mit Dir, in dem Du über Euren Abschied von Elian erzählt hast. Dieses Interview hat viele Menschen berührt. Du bist danach erneut schwanger geworden. Wie verlief diese Schwangerschaft?

Ja, 2019 war ein ganz besonderes Jahr. Wir bekamen die Zwillinge Emily und Elian. Elian musste wegen den Folgen eines E.Coli Keimes zu den Sternen reisen. Das war Anfang April 2019.  
Anfang September 2019 fuhren wir dann nach Kroatien in den Urlaub. Wir brauchten Abstand vom Alltag, denn das Leben verlief nach Elians Beerdigung wieder ziemlich „normal“. Im Urlaub dann, wobei…auch schon vorher, waren wir uns einig: Wir wünschen uns definitiv noch ein Kind – liebevoll Regenbogenbaby genannt.

Tatsächlich wurde ich wieder sehr schnell schwanger. Alles war gut, die Übelkeit nicht so ausgeprägt wie bei den Zwillingen. Es war ein Moment der Freude, als wir den positiven Test in der Hand hielten. Wir wussten, dass nichts schief gehen wird, denn Elian hat uns ein Regenbogenbaby geschickt. Oft wurden wir gefragt, warum wir ein fünftes (sechstes) Kind wollten. Ob es ein Ersatz für Elian sein sollte…

Was es natürlich nicht war.

Nein. Ganz und gar nicht. Wir haben uns eigentlich gesagt, dass nach vier Kindern Schluss ist. Dann schummelte sich jedoch ein Kind dazu und wir bekamen Zwillinge. Das Schicksal entschied, dass wir fünf Kinder haben sollten. Und der Wunsch nach dem fünften Kind war danach einfach da. Nicht als Ersatz für Elian. Aber als fünftes gewünschtes Kind an der Hand. 

Wie verlief denn die Schwangerschaft mit Samu?  

Die Schwangerschaft an sich verlief total komplikationslos. Es war eine der schönsten Schwangerschaften. Samu war das aktivste Kind in meinem Bauch. Immer wenn ich Sorge hatte, hat er sich bemerkbar gemacht. Manchmal so sehr, dass mein Mann und ich richtig herzlich lachen mussten. Wir haben Scherze gemacht, dass dieses Kind das erste Kind der Welt sein wird, dass aus der Bauchdecke gekrochen kommt. Auch die Kinder konnten sehr viel Kontakt zu Samu aufnehmen. Vor allem unser Ältester war begeistert davon. Fast täglich streichelten meine Großen den Bauch und sagten ihm, wie sehr sie sich freuen, große Geschwister zu werden.

Dann kam der Tag der Geburt….

Ja, Samu kam ziemlich schnell im Geburtspool zur Welt. Die großen Kinder haben während der Geburt im Kinderzimmer „Die Eiskönigin“ geschaut. 
Samu hatte ein Glückshäubchen. Die Fruchtblase platzte erst, während seine Schultern geboren wurden.  Ich legte ihn auf meine Brust und mein Mann rief die Geschwister.

Wir waren alle überglücklich. Die drei Großen schauten sich Samu ganz genau an und streichelten über seine Wange. Es war einfach alles perfekt. Unsere Glücksblase konnte nichts zerstören. Dachten wir… 

Leider habt Ihr Samu verloren. Kannst du uns mehr darüber erzählen? 

Samu ging es sehr gut. Und er war unfassbar hübsch! Am Morgen kamen die großen Geschwister zu uns ins Bett und wir kuschelten als Großfamilie alle zusammen. Die Kinder zogen sich an, Samu bekam eine frische Windel und wir gingen alle gemeinsam runter. 

Wir frühstücken gemeinsam. Samu trank noch eine Flasche, denn irgendwie wollte er nicht an meine Brust. Aber dabei dachte ich mir nichts. Meine Hebamme war für 10 Uhr angekündigt, die kann mir bestimmt weiterhelfen – dachte ich. 

Um 9:45 sahen wir die Hebamme vorfahren. Also brachten wir schnell die Großen nach oben, damit ich in Ruhe mit der Hebamme reden kann. Und in dieser Zeit passierte das Unfassbare. 

Ich ließ meine Hebamme rein. Klein Samu war keine 5 Minuten unbeobachtet gewesen. Ich begrüßte die Hebamme, sie schimpfte mit mir, warum ich denn auf den Beinen bin und fröhlich im Haus rum hüpfe. Ich sei im Wochenbett.

Wir gingen zu Samu – und er war blass. Sie schaute mich an und sagte: „Seine Farbe gefällt mir nicht.“ „Mir auch nicht“, sagte ich. Sie nahm den Kleinen hoch und stimulierte ihn am Rücken, er spuckte ein klein wenig Milch. Sie legte ihn sofort auf unseren Wohnzimmertisch und fing an unseren kleinen Engel zu reanimieren. 

Ich rief auf Anweisung den Rettungsdienst, die auch sehr schnell kamen.
Als die Rettungskräfte übernahmen, brach ich weinend in den Armen meiner Hebamme zusammen. 

Mein Mann war bei den Kindern oben im Kinderzimmer, damit sie nichts mitbekommen. Samu wurde in den Inkubator gelegt und in den Rettungswagen gebracht. Meine Hebamme und ich wurden auch mitgenommen. 

Im Krankenhaus angekommen schickte man uns auf die Station, dann sollten wir zum Oberarzt. Ich sah meine Hebamme an und sagte: „Wenn es ein Gespräch mit dem Oberarzt gibt, dann hat Samu es nicht geschafft.“ Kurz darauf teilte uns der Oberarzt mit, dass Samu gestorben sei.

Hast du Samu nochmal gesehen?

Ja, ich durfte ich noch ein Mal zu ihm. Er sah so friedlich aus. Nicht gequält. Ich habe ihn nochmal in den Arm genommen, bevor ihn die Kripo „beschlagnahmt“ hat. Ja, die Kripo kam und hat mich befragt. „War das Kind gewünscht?“ und „Wie viel hat der Kleine getrunken?“
Nach dem „Verhör“ durfte ich nach Hause. Mein Mann hat den großen Jungs schon erklärt was passiert ist. Er nahm mich einfach nur in den Arm. Kaum angekommen, war die Kripo auch schon bei uns zu Hause. Sie wollten sich ein Bild von unserem Zuhause machen und ob wir auf das Baby gut vorbereitet waren. Sie fotografierten Samus Kleiderschrank, die Windeln, seine Flaschen, die er getrunken hatte, seine Kleidung, einfach alles.

Wie habt Ihr Euch da gefühlt?

Wir fühlten uns wie Verbrecher. Natürlich suchten wir den Fehler auch bei uns. Hatten wir was übersehen? Hätten wir anders handeln können?
 
Nach 3 langen Tagen kam der Anruf der Kripo. Ich wusste, dass wir nichts falsch gemacht haben, trotzdem zitterte ich am ganzen Körper. Der wirklich nette Kripobeamte sagte uns, dass wir keine Schuld an Samus Tod haben. Todesursache: „Plötzlicher Kindstod“. Einerseits fiel eine große Last von uns ab. Auf der anderen Seite kam natürlich die Frage nach dem Warum. Warum schon wieder wir?

Wie schafft man, an diesen zwei Verlusten nicht zu zerbrechen?

Darauf kann ich keine richtige Antwort geben. Mein Mann und ich sind immer füreinander da gewesen. Egal ob bei Elian oder bei Samu. Wir hören uns zu, verstehen uns, reden viel, schweigen zusammen.
Und dann haben wir noch unsere vier wundervollen Kinder an der Hand, die uns immer gezeigt haben, wie schön es ist, eine Familie zu sein. Sie sind unser Lebenselixier. Mein Mann sagt so schön: Wir leben für das Leben und nicht für den Tod. Und Leben haben wir wirklich viel im Haus.

Wie gehen die Kinder damit um?

Die zwei Mädels haben nicht viel mitbekommen. Ich denke, unser 3 Jähriger auch nicht so wirklich. Also ja, er hat mitbekommen, dass wir sehr traurig sind, denn Tränen haben wir nicht vor ihm verborgen. Aber den Grund hat er nicht wirklich verstanden. Da war jemand, der nun nicht mehr da ist. Und das ist okay für ihn. 

Unser 4 1/2 Jähriger hatte deutlich mehr daran zu knabbern. Er tat uns so leid. Tagsüber war er abgelenkt. Abends, wenn wir ihn ins Bett brachten fing er an bitterlich zu weinen. Er vermisst Samu. Wir hatten ihm ja versprochen, dass er ihn jeden Tag kuscheln und streicheln darf. Wir erklärten ihm, was passiert ist. Jeden Tag aufs Neue. Es flossen unfassbar viele Tränen. Bei unserem Großen und bei uns. Es war nicht einfach „stark“ zu sein, wenn man sein Kind so sehr leiden sieht. 

Wir beschlossen, dass wir einen Seelentröster brauchen. Also zog ein kleiner Kater ein und brachte tatsächlich wieder ein wenig Freude ins Haus. Ihm tat der Kater unfassbar gut. Er tröstete uns alle auf eine besondere Art und Weise. 

Was hat Dir geholfen, wenn die Trauer übermächtig wurde?

Was mir persönlich sehr geholfen ha bzw hilft: An die Öffentlichkeit zu gehen. Ich habe einen Instagram-Account eröffnet und unsere Geschichte geteilt. Mittlerweile zeigt dieser Account aber unseren Alltag als Großfamilie und nicht „nur“ die tragische Geschichte. Zudem haben wir bei einem WDR Beitrag zum Thema Sternenkinder mitgewirkt.

Es ist so wichtig, dass Sternenkinder – egal wann sie gestorben sind – kein Tabu-Thema mehr sind. Und ich habe angefangen, ehrenamtlich bei „Dein Sternenkind“ als Koordinatorin zu arbeiten.

Du hast Dir dann tatsächlich einen beruflichen Traum erfüllt. Erzähl mal.  

Ich bin Gesundheits–und Krankenpflegerin und habe auf einer interdisziplinären Intensivstation gearbeitet. Ein toller Job. Aber mit den Schwangerschaften wurde der Wunsch immer größer, Hebamme zu werden. 

Also habe ich mich trotz Schwangerschaft auf die Hebammenausbildung sowie das Studium beworben und tatsächlich einen Platz bekommen. Ich wusste, dass ich genügend Menschen um mich habe, die mich dabei unterstützen. Und so habe ich im Oktober begonnen, meinen Traum zu erfüllen. Ich werde Hebamme!!!

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Hier unser erstes Interview mit Renate über den Verlust von Elian

Wer Renate auf Instagram folgen möchte, kann das hier tun: https://www.instagram.com/mom_midwifetobe_sternenmama

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2 comments

  1. Mein herzliches Beileid. Ein Kind zu verlieren, ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Und in kürzester Zeit gleich zwei Babys zu verlieren, ist furchtbar.

    Aber ich persönlich empfinde es als befremdlich, dass auf Instagram die toten Babys zu sehen sind. Zu trauern ist wichtig, aber diese (Selbst-)Darstellung ist mir zu viel.

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