Zwillinge: Erst sorgten sie sich um Emily, dann mussten sie Elian gehen lassen

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Liebe Renate, erzähl doch erstmal ein bisschen was über Eure Familie.

Wir kommen aus Köln, ich bin 29, verheiratet und habe vier Kinder im Alter von 8 Monaten bis 4 Jahren, 1 Sternenkind und zwei Hunde. Von Beruf bin ich Intensivschwester

Deine beiden jüngsten Kinder sind Zwillinge, die allerdings viel zu früh auf die Welt gekommen sind. Wie waren Schwangerschaft und Geburt?

Emily und Elian kamen in der 29+5 nach einem Blasensprung zur Welt. Die Schwangerschaft war durchwachsen. In der 20. Woche gingen wir zur Pränantaldiagnostik. Da hieß es, Emily habe zu wenig Fruchtwasser, ihr Oberschenkelknochen wäre zu kurz, sie sei zu leicht, schlecht entwickelt und all sowas. Es stand eine Trisomie im Raum. Elian hingegen machte keine Sorgen, da schien alles in Ordnung. 

Die Ärzte waren über Emily so beunruhigt, dass ich wöchentlich zur Kontrolle musste. Heute sehe ich das kritisch und würde mich nicht mehr so verückt machen lassen. Am 26.3. hatte ich ein komisches Gefühl und fragte die Ärzte nach einer Lungenreife-Spritze. Diese wurde abgelehnt, weil nichts auf eine nahe Geburt deuten würde.

Mein komisches Gefühl blieb. Am Tag drauf sagte ich zu meinem Mann, er solle erreichbar bleiben, um 16 Uhr platzte die Fruchtblase. Ich rief die Hebamme an, die das bestätigte. Also kam der Rettungswagen, während der Fahrt bekam ich Wehen. 

Die Geburt stand also an..

Ja, mein Mann fuhr auch sofort in die Klinik. Dort wollte man mich für einen Kaiserschnitt vorbereiten. Aber ich wollte eine vaginale Geburt und nachdem mich die Oberärztin untersucht hatte, stimmte sie meinem Wunsch zu. Ich hatte erst Angst "loszulassen", aber meine Hebamme unterstützte mich und Emily wurde schnell geboren. Ich hörte, wie sie schrie und war erleichtert. 

Kurz darauf wurde auch Elian geboren. Auch er schrie und ich war erstmal nur glücklich. 

Doch dann änderte sich die Situation. 

Die Kinder wurden an einem Mittwoch geboren, am Freitagabend musste Elian plötzlich intubiert werden. Er ist septisch geworden und keiner wusste, woher es kam. Doch die Ärzte schienen die Situation in den Griff zu bekommen. Am Sonntagmittag sagten sie noch, dass es ganz danach aussehe, dass Elian das Klinikum als gesundes Kind verlässt. 

Am Montagmorgen wurde sein Kopf geschallt. Plötzlich hieß es, er habe eine kleine Läsion im Hirn, nichts Großes oder Besorgniserregendes, aber an einer unüblichen Stelle. Am nächsten Tag aber bekamen wir die Nachricht, dass die E.Coli Sepsis seine Hirnstrukturen komplett zerstört hätten.

Wie ging es weiter?

Innerhalb von zwei Tagen verwandelte es sich von "Ihr Kind geht gesund nach Hause" zu "Das Hirn ist komplett zerstört." Am Mittwoch drauf saßen wir mit allen Ärzten und dem Chefarzt zusammen und besprachen die Lage. Daraufhin entschieden wir uns gegen die lebenserhaltenden Maßnahmen.  Die schwerste Entscheidung unseres Lebens. 

Elian wurde am Donnerstag extubiert. Nahrung, Flüssigkeit und Medikamente gegen Krampfanfälle wurden weitergegeben. Wir kuschelten die ganze Zeit mit ihm, er lag sogar noch mit seiner Zwillingsschwester im Wärmebettchen. 

Am 8.4. frühmorgens kam dann der Anruf, dass wir bitte in die Klinik kommen sollen. Elian habe immer mehr Anzeichen, dass er gehen möchte. Wir sind natürlich sofort in die Klinik und hatten ihn bis zu seinem letzten Atemzug im Arm. Wir waren sehr froh, dass wir in dem Moment, in dem er für immer eingeschlafen ist, da sein konnten. Er sollte nicht alleine gehen müssen…

Wie habt Ihr Abschied von Eurem Sohn genommen? 

Wir hatten eine Fotografin von "Dein Sternenkind", die uns ab dem Tag der Extubation begleitet hat. Somit haben wir gemeinsame Bilder von unseren Zwillingen lebend und von unserem verstorbenen Sohn. Wir haben seinen Sarg bemalt und von ihm in einer wunderschönen, würdevollen Beerdigung Abschied genommen. 

Wie hat dieser Verlust Euch als Familie und als Paar verändert?

Als Paar sind wir noch mehr zusammengewachsen und halten noch stärker zueinander. Der Verlust von Elian hat uns und unserer Familie gezeigt, dass uns wirklich nicht mal das Schlimmste auseinanderbringen kann.

Wie hast du es geschafft, nicht komplett in ein dunkles Loch zu fallen? 

Ich habe noch vier Kinder, einen Mann und eine liebevolle, sehr verständnisvolle Familie und einige gute Freunde. Das gibt mir viel Kraft. Wichtig war für mich auch, dass wir Elian nie verheimlicht haben oder totgeschwiegen. Wir reden über ihn, er gehört zu uns. 

Gibt es dennoch Momente, in denen die Trauer übermächtig wird?

Natürlich. Zum Beispiel, wenn ich Emily manchmal ansehe. Dann male ich mir aus, wie es wäre, wenn da jetzt zwei Kinder wären. Was Elian jetzt schon alles können würde, was für ein kleiner Kerl er wäre. All das werden wir nie erleben und das ist einfach nur unfassbar traurig. 

Wie präsent ist Elian im Alltag?

Elians Fotos stehen bei den übrigen Familienfotos. Er gehört zu uns, wie jedes unserer anderen Kinder auch. Nur hat er keinen Erdenplatz mehr, sondern einen Sternenplatz.

Mein Großer erzählt immer wieder, dass er nun einen Bruder hat, der mit seinen riesigen Engelsflügeln auf uns alle aufpasst. Manchmal möchte er ihn im Himmel besuchen, aber er weiß auch, dass es nicht geht. Denn Engel kann man nicht sehen, sondern nur "fühlen".

Wenn man irgendetwas Positives sehen will: Was hast du gelernt in dieser schweren Zeit?

Tatsächlich kann ich viel Positves sehen. Wir haben gelernt, wer unsere Freunde sind und wie stark diese Freundschaften sind. Wir haben gelernt, dass das Leben manchmal auch wahnsinnig traurig ist, dass das aber auch okay ist.

Wir haben gelernt, wie stark die Liebe ist und dass Familie wirklich das Allerwichtigste ist. 

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