Gastbeitrag von Pia: Vier Stunden nach seiner Geburt schlief mein Sohn für immer ein

pia1

Ich würde euch gerne von meinem Sohn erzählen.

Levi David wurde am 26.08.2015 um 8:58Uhr geboren. Und um 13:38Uhr ist er ganz friedlich in meinen Armen eingeschlafen.

Ich heiße Pia, bin 24 Jahre alt und das ist unsere Geschichte:

Wir haben eines Tages ganz spontan entschieden, dass wir nicht länger verhüten wollen. Wir wollten ja beide Kinder und es gab irgendwie keinen Grund mehr , warum wir warten sollten.

Und prompt hielten wir drei Wochen später einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand.

Es ging so schnell! Nicht einmal ein Zyklus zwischen dem Absetzen der Pille und der Schwangerschaft –  wir freuten uns riesig.

Die Schwangerschaft verlief ziemlich normal: Alles ziepte und tat irgendwie mal weh, mir war übel. Schwangerschaftszipperlein eben.

Unser Krümel wuchs, das Herz schlug bei jedem Ultraschall kräftig.

Doch bei einer Untersuchung konnte mein damaliger Gynäkologe das Köpfchen nicht mehr richtig ausmessen. Das Kind läge wahrscheinlich zu sehr in die Leiste gekuschelt.

Nach weiten vier Wochen überwies er uns an eine Kollegin, zur pränatalen Diagnostik. Die hätte einfach die besseren Geräte, aber es wäre alles bestens. Wir sollten und überhaupt keine Sorgen machen.

Da waren wir in der 23. Woche. Unser Krümel strampelte fleißig und wir genossen so sehr das Kuscheln zu dritt.

Dann der Termin bei der Spezialistin. Ihre Worte hallen heute noch in meinen Ohren: "Mit ihrem Kind stimmt wirklich etwas nicht. Es ist etwas Schlimmes. Etwas ganz ganz schlimmes".

Anencephalie.

Anencephalie gehört zu den Neuralrohrdefekten, so wie die Kiefer-Gaumenspalte (Hasenscharte) oder der offene Rücken. Im jeweiligen Bereich schließt sich das Neuralrohl, aus dem dann Gehirn und Rückenmark entsteht, nicht richtig.

Levi hatte ein offenes Köpfchen. Sein Schädelknochen hörte oberhalb der Augen einfach auf.

Unsere gesamte Welt lag in Trümmern.

Das Baby, das so fleißig in meinem Bauch gegen das Ultraschallgerät trampelte, sollte nicht lebensfähig sein?

Babys mit dieser Fehlbildung leben maximal ein paar Tage. Manche nur einige Stunden. Einige sterben unter der Geburt. Und es trifft 1 von 1000 Kindern. Das sind gar nicht so wenige..

Für uns kam eine Abtreibung nicht in Frage. Noch lebte mein Kind ja – ich würde es definitiv nicht töten. Es würde sowieso sterben, das stand fest – aber ich würde die Zeit, die es hat, auf keinen Fall verkürzen.

Zum Glück sah mein Freund das genauso – er stand zu mir und seinem Sohn, der sein ganzer Stolz war.

Bis zur Geburt war es ein sehr langer, anstrengender Weg. Geprägt von großer Trauer, aber aber vor allem immenser Liebe und großem Vertrauen zu unserem Sohn.

Wir suchten einen Sarg aus, eine Grabstelle, wir ließen unterschiedlich große Mützchen anfertigen, suchten ihm ein Sternenoutfit. Wir hatten ein wunderschönes Babybauchshooting, ehrenamtlich über den Verein „Dein Sternenkind“. Und direkt nach der Geburt kam eine wunderbare Fotografin ins Krankenhaus und machte die die allerschönsten Erinnerungsfotos von uns und Levi.

Auch unser Pastor war direkt im Krankenhaus und taufte unseren kleinen Mann. Levi war nur kurze Zeit auf dieser Erde, aber in dieser Zeit war unendlich viel Liebe um ihn herum und wir haben ihn jede Sekunde gehalten.

Er ist unser aller größtes Glück. Unser Anker und unser Fels in der Brandung. Er lehrte uns bedingungslose Liebe. Und er zeigte uns, wie wichtig es ist, im Hier und Jetzt zu leben und den Augenblick zu genießen.

Ohne ihn wären wir nicht die Menschen, die wir jetzt sind!pia2

—-

Gedenkseite für Levi: https://m.facebook.com/Levi-L%C3%B6wenherz-896625210456277/

Fotos: Nadine Martin und Inna Sawazki (dein Sternenkind e.V.)

IN EIGENER SACHE: Wir sind für den Scoyo Eltern Blog Award nominiert. HIER könnt Ihr uns Eure Stimme schenken, wir würden uns sehr darüber freuen!

c873707d60b64953932641d8ca205183

Du magst vielleicht auch

5 comments

  1. Danke
    Danke für den schönen Bericht. Ich bin froh dass es heute einfacher ist und man so offen darüber reden kann. Ich war 29 und meine Bettina wäre heute auch 29. Ich musste kämpfen, damit sie auch natürlich sterben durfte und musste kämpfen, dass wir sie überhaupt beerdigen durften., da sie während der Geburt starb. Auch wir hatten den Bescheid Mitte der Schwangerschaft erhalten: Anenzephalus.
    Ich musste sogar darum kämpfen, sie überhaupt in meinem Armen halten zu dürfen und alles an ihr betrachten zu dürfen.

  2. Wow
    So viel Liebe und gleichzeitig soviel Trauer ich musste eben ziemlich mit den Tränen kämpfen!! Was für ein stakrer Berricht über so eine schwere Zeit von einer jungen noch viel stärkeren Mama. Du bist wirklich eine Löwin. ICh wünsche euch nur das Beste für die Zukunft!

    Alles Liebe,
    Hannah

  3. So ein schöner Beitrag. So
    So ein schöner Beitrag. So traurig, aber doch so schön. Dass ihr eurem Kind die Zeit gabt. Ich kann das so gut nachempfinden (und wahrscheinlich auch wieder kein bißchen), jedenfalls hätte ich wohl ebenso gehandelt.
    Alles Liebe für euch!
    Jutta

  4. Vielen Dank für den schönen,
    Vielen Dank für den schönen, traurigen Bericht. Schön, dass euer Sohn leben und euch so viel geben durfte. Alles Gute für euch!