Interview: Wie wir nach dem Tod unseres Kindes erneut den Mut fanden, schwanger zu werden

Liebe Pia, wir haben neulich wieder Deinen Gastbeitrag geteilt, in dem Du uns von Deinem ersten Sohn Levi erzählt hast. Levi starb vier Stunden nach seiner Geburt – das ist nun fast 4 Jahre her. 2017 wurde Euer Sohn Jaro geboren und nun bist Du wieder schwanger. Wie hast du die beiden Schwangerschaften erlebt? Konntest Du überhaupt "guter Hoffnung" sein oder hattest Du ständig Angst?

In meiner Schwangerschaft mit Jaro hatte ich zwar anfangs große Angst vor einer Fehlgeburt und bin während meiner Arbeitszeit bei jedem Zwicken zur Toilette gelaufen, danach aber ging es mir vordergründig wirklich gut. Ich bin gerne schwanger gewesen und habe auch in der 10. Woche schon erfahren, dass dieses Baby keine erneute Anencephalie haben wird, was mich sehr beruhigt hat.

Allerdings konnte ich unter der Geburt dann überhaupt nicht los lassen. Wir hatten eine Hausgeburt geplant, doch dann kam eine Schwangerschaftsvergiftung dazwischen und auch mein Blutdruck war jenseits von Gut und Böse.  Als Jaro dann weinend auf meinem Bauch lag, konnte ich immer wieder nur sagen "Er lebt! Marcel, er weint! Er lebt wirklich!" 

Rückblickend, auch im Gespräch mit meiner Hebamme, ist mir dann bewusst geworden, wir groß die Angst unterschwellig eigentlich war. Auch die Schwangerschaftsvergiftung kann ich auf den ganzen Stress vor der Entbindung zurück führen. Es hat dann auch wirklich einige Monate gedauert, bis ich verstanden habe, dass dieses Baby jetzt bei uns bleibt.

In der Schwangerschaft jetzt fühle ich mich komplett anders. Ich habe mich von Anfang an sicher gefühlt, ohne das erklären zu können. Wir haben uns eine neue, wirklich tolle Gynäkologen gesucht und haben bisher auch nur 2 von den 3 vorgeschriebenen Ultraschalluntersuchungen plus einer Feindiagnostik in der 20. Woche machen lassen. (Der dritte Schall ist nächste Woche, wir freuen uns schon riesig ihn dann wieder zu sehen) Dieser kleiner Junge scheint kern gesund zu sein und einer Hausgeburt steht planmäßig nichts im Wege. Dieses Mal habe ich großes Vertrauen in meinen Körper, dass er es schafft ein gesundes, lebendes Baby zu erschaffen. Das hat er schließlich schon einmal geschafft. 

Ein Kind zu verlieren ist das Schlimmste, was man als Eltern erleben kann. Wie hat sich Eure Partnerschaft durch Levis Tod verändert?

Anfangs hat es uns sehr zusammen geschweißt. Marcel hat mich sehr unterstützt. Er ist noch eine Weile zu Hause gewesen und ich bin nach 8 Wochen in einen neuen Job gestartet. Ich bin Krankenschwester und es tat mir so gut, etwas sinnvolles zu tun und einen Rythmus zu haben. Marcel hat den gesamten Haushalt geschmissen und mich mit fertigem Essen und eingelassenem Badewasser begrüßt.

Er hat sich sehr darauf konzentriert, wie es mir geht und sich selbst dabei zurück genommen. Bis alles aus ihm heraus geplatzt ist. Wir hatten dann eine ziemlich schlechte Zeit. Auch während der  Schwangerschaft mit Jaro haben wir viel gestritten, wir waren beide sehr sehr gereizt. Rückblickend lagen unsere Nerven einfach extrem blank. Ich glaube, wir konnten uns beide nicht eingestehen, wie groß die Angst, ein weiteres Kind zu verlieren, doch eigentlich war.

Auch jetzt sind wir kein perfektes Traumpaar, aber wir wissen, was wir aneinander haben. Niemand kennt mich so wie er. Vor niemanden kann ich so schonungslos ich selbst sein. Es gibt so viele kleine Augenblicke, die ich niemals vergessen und für die ich ihm auf ewig dankbar sein werde.

Wie präsent ist Levi in Eurem Alltag?

Levi gehört ganz fest dazu. Von ihm hängen hier Fotos und Erinnerungsrahmen. Wir sagen jeden Abend allen Kindern gute Nacht- Jaro liegt zwischen uns, bekommt seinen Gutenachtkuss und dann gibt es ein "Schlaf gut Levi".

Mein Neffe hat damals erzählt, dass Levi jetzt auf dem Mond wohnt, das haben wir einfach so beibehalten. Wenn Jaro den Mond sieht, wirft er ein Küsschen in den Himmel. Und jetzt fängt er auch an von sich aus über Levi zu sprechen. Das tut mir sehr sehr gut. Ich habe mir immer gewünscht, dass er irgendwie eine Verbindung zu seinem großen Bruder hat. Wir gehen auch regelmäßig zum Friedhof. Jaro bringt "Blumen kaufen" mit Levi in Verbindung und weiß ganz genau, wo er hin laufen muss und liebt es, die Pflanzen zu gießen und mit dem Playmobilzug auf dem Grab zu spielen. Er hat überhaupt keine Berührungsängste und das finde ich sehr wichtig!

Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Wie siehst Du das? Wird der Schmerz wirklich erträglicher?

Der Schmerz verändert sich. Er nimmt irgendwann nicht mehr den ganzen Alltag ein. Er ist da, immer. Aber man kann sich irgendwann wieder konzentrieren. Man lernt wieder zu lachen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. 

Aber die Intensität des Schmerzes bleibt. Die Tage vor Levi's Geburstag waren die letzten Jahre immer die schlimmsten. Dicht gefolgt von Weihnachten. Da wird die große Lücke noch einmal umso deutlicher.

Was möchtest Du Deinen Kindern mit auf den Weg geben?

Dass sie freie und eigenständige Menschen sind. Dass sie ihren Kopf nutzen sollen, um sich selbst eine Meinung zu bilden und diese auch zu vertreten. Sie sollen glücklich werden- egal womit. Sie sind genau so richtig, wie sie sind. Und wir stehen hinter ihnen und unterstützen sie. Sie brauchen keine Angst zu haben, Fehler zu machen, weil sie bedingungslos geliebt werden. Gemeinsam schaffen wir alles. Sie sind niemals alleine, wenn sie das nicht möchten.

Ich habe Marcel gefragt, was er mit auf den Weg geben will. Er sagt: Ich möchte, dass meine Kinder sicher durchs Leben gehen und ihnen dafür die Wurzeln mitgeben und sie stärken. Sie sollen bei ihren Mitmenschen auf die inneren Werte achten, hilfsbereit und aufrichtig sein und ihre Umwelt zu schätzen wissen. Das versuche ich ihnen vorzuleben.

Wie hast Du Dich in den letzten Jahren verändert?

Ich bin stärker und selbstbewusster. Ich weiß, wo meine Prioritäten liegen und lasse mich nicht mehr so leicht beeinflussen.
Ich bin nicht mehr der 'dauerstrahlende-Sonnenschein', wie ich tatsächlich oft genannt wurde. Ich bin ernster und nicht mehr so naiv. Ich habe gelernt, dass ich mich in erster Linie auf mich verlassen kann und man anderen Menschen nicht in den Kopf schauen kann. So viele "Freundschaften" sind kaputt gegangen, weil ich nicht mehr nur funktioniere. Ich habe ein bisschen das Vertrauen in andere Menschen verloren. 

Was hilft Dir, wenn die Trauer um Levi übermächtig wird?

Die Trauer zu zulassen und ihr Raum geben. Ich höre dann gerne unsere Levi Playlist. Vor allem die Lieder, die auf seiner Beerdigung liefen. John Legend 'all of me' und 'bedingungslos' von Sarah Connor. Überhaupt bricht die Trauer oft durch Lieder, die spontan irgendwo laufen, wieder hoch. Ich kann sie vielleicht noch zur Seite schieben, bis die Zeit passt, aber dann lebe ich sie bewusst aus. Sie zu verdrängen, lässt sie nur größer und größer werden.

Am besten hilft mir in solchen Momenten auch der Austausch mit meiner lieben Freundin Yvonne, die ebenfalls ihren ersten Sohn Mats, verloren hat und mittlerweile Patentante von Jaro ist. Ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Yvonne, ich weiß, du wirst diese Zeilen lesen: Danke! Für alles! Ich hab dich lieb!

— Und Hier könnte Ihr nochmal den ersten Beitrag von Pia über den Abschied von Levi lesen.

Foto: Fuchsbau Fotografie


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