Sternenkind-Mama: „Ich hätte mich gern anders von meinem Kind verabschiedet“

Trauer um das eigene Kind.

Sternenkind. Eine Mutter verliert ihr Baby

Ihr Lieben, unsere Leserin Sandra hat vor fünf Jahren ihren Sohn Raphael in der 31. Schwangerschaftswoche verloren. Seither hat sich viel getan in ihrem Leben, unter anderem hat sie einen Verein für andere Betroffene gegründet.

Liebe Sandra, du hast dein Kind verloren, erzähl uns doch mal, wie viel Zeit du mit ihm hattest und mit welchen Gefühlen du heute an es zurückdenkst.

Nachdem wir erfahren haben, dass das Herz von unserem Sohn aufgehört hat zu schlagen überschlugen sich die Ereignisse. Viel zu schnell mussten wir Entscheidungen treffen ohne richtige Aufklärung.

Im Moment der Geburtseinleitung konnten wir nicht klar denken. Wir wussten nicht, was uns erwartet und es hat uns niemand darauf vorbereitet, wie wir die Zeit wertvoll nutzen könnten.

Wir hätten im Nachhinein zum Beispiel unsere anderthalbjährige Tochter besser drauf vorbereiten können, dem Baby Kleidung besorgen können, wir hätten eventuell einen Fotografen organisieren können.

Und dann kam euer Sohn zur Welt…

Genau. Raphael kam mit 1800 Gramm zur Welt. Eine stille Geburt.

Nachdem die Geburt stattgefunden hat mussten wir den Kreißsaal wechseln und bekamen noch ein Zimmer auf Station. Kurze Zeit später wurde ich zur Abschlussuntersuchung gerufen und entlassen.

Zurückblickend bin ich dankbar für die kurze Zeit mit meinem Kind, aber ich weiß nun auch von den Möglichkeiten, die ich gehabt hätte.

Dir hat nach dem Verlust nicht nur dein Kind gefehlt, sondern auch ein würdevoller Umgang, stimmt´s?

Den würdevollen Umgang hätte ich mir bereits in der Zeit im Krankenhaus gewünscht. Das Personal war bemüht, aber stellenweise überfordert in dieser Situation. Würdelos empfand ich mein totes Kind über den Flur zu tragen und später in einem Kühlschrank neben Blutkonserven und Butterbroten unterzubringen.

Aus dem Krankenhaus entlassen steht man nun da. Hilflos und alleine. Keine psychologische Unterstützung. Zum Glück hatten wir einen wunderbaren Bestatter gefunden, der in dieser schweren Zeit für uns da war.

Du hast dann den Verein SternenEltern Saarland gegründet, wie kam es dazu? Was wollt ihr vor allem bewirken?

Nachdem ich meinen Sohn verloren hatte, habe ich nach Hilfen im Internet gesucht. Erst dann merkte ich, dass ich nicht alleine war. Gemeinsam mit einer betroffenen Mama aus der Schweiz gaben wir uns Kraft, die Schwangerschaft mit unseren Folgewundern durchzustehen.

Als wir es geschafft hatten, gründete ich eine Facebook-Gruppe und kurz darauf eine Selbsthilfegruppe und lernte weitere Mitstreiter kennen – schließlich gründeten einen Verein.

Es war klar, dass sich etwas ändern müsste. Gerade Erinnerungen an das Sternenkind sind wichtig und helfen beim Trauerprozess. So entstand unser Notfallteam, welches unter anderem 3D-Abdrücke von Händen und Füßen des Babys fertigt.

Daraufhin folgte eine Näh- und Kreativgruppe, um Andenken und Kleidung für das Sternenkind herzustellen, damit es in würdevoller Form bestattet werden kann. Heute haben wir insgesamt fünf Selbsthilfegruppen.

Aktuell kämpfen wir im saarländischen Landtag um eine würdevolle Bestattung und Anerkennung aller Sternenkinder. Gleichzeitig um eine bessere Betreuung und Aufklärung in den Krankenhäusern und Vor-Ort-Unterstützung.

Wie wichtig ist dir der Umgang mit anderen Eltern – auch in Hinblick auf deine eigene Trauer?

Der Austausch in der Selbsthilfegruppe ist sehr wertvoll, denn man schenkt sich gegenseitige Kraft, baut sich auf, wenn es einem schlecht geht, isoliert sich nicht uvm.

Nun treffen sich bei euch Eltern, die ihr Kind in der Schwangerschaft verloren haben, genauso wie Eltern, die sich für einen Spätabbruch entschieden haben. Gibt es da Vorbehalte unter den Eltern?

Nein, überhaupt nicht. Alle Eltern teilen das gleiche Schicksal. Wir alle trauern um unsere Kinder.

Was meinst du, ist es entscheidend, zu welchem Zeitpunkt Eltern ihr Kind verlieren?

Für uns Sterneneltern ist es ganz gleich, zu welchem Zeitpunkt man sein Kind verliert. Nur unsere Regierung zieht hier Grenzen wie zum Beispiel beim Mutterschutz. Dieser wird nämlich erst ab der 24. SSW oder einem Geburtsgewicht von 500 Gramm gegeben.

Euer Sohn wog 1800 Gramm. Ihr habt ihn bestatten lassen. Habt ihr bestimmte Rituale zu seinem Geburtstag?

Wir gehen immer zum Friedhof, mein Mann nimmt sich Urlaub und wir lassen Luftballons in den Himmel steigen mit einer gebastelten Geburtstagskarte und natürlich bekommt er ein Geschenk. Unsere große Tochter legt auch immer Wert auf einen Geburtstagskuchen.

Ihr seid so stark, sagen viele in Momenten, in denen sich Trauernde eigentlich schwach fühlen. Gibt es Worte für Sternenkind-Eltern, die eher verletzen als trösten?

Oh ja, vermeidet Floskeln wie „ihr seid ja noch jung“, „Zeit heilt alle Wunden“, „besser als ein krankes Kind“, und und und. Falls es schwerfällt, die richtigen Worte zu wählen, sollte man schweigen und einfach nur zuhören.

Wie geht es dir denn aktuell in deinem Leben?

Mir geht es gut in meinem Leben, ich habe einen wundervollen Ehemann, drei gesunde Kinder und einen Schutzengel, der über uns wacht. Meine Eltern, die uns immer unterstützen und Freunde mit denen ich Reden kann.

Für mich war mein Therapeut wichtig, der mir nach dem wertlosen Umgang in der Klinik aus dem Trauma herausgeholfen hat, der Austausch mit anderen Betroffenen und die Gründung des Vereins eine gute Entscheidung und hat mir bei meinem Trauerprozess geholfen.

Der Gedanke daran, anderen Eltern helfen zu können und Möglichkeiten zu bieten, die ich nicht gekannt habe war und ist für mich sehr heilsam.

Wie erinnerst du dich an ihn und die kurze Zeit mit eurem Sohn?

Wir haben eine Handy-Fotoaufnahme in unserem Wohnzimmer, fahren regelmäßig zum Friedhof. Der Bestatter hatte mir damals einen Abdruck auf Silikon gemacht, mein Mann suchte einen Goldschmied, der mir daraus ein Medaillon in Gold gegossen hat.

Raphael ist in unserem täglichen Leben präsent und auch meine Kinder erzählen voller Stolz von ihrem Bruder im Himmel. Raphael, unser Engel.

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1 comment

  1. Liebe Sandra,
    herzlichen Dank für diesen Artikel und deinen Einsatz im Sternenkinder-Verein. 2019 wurde ich Sternenkindmama von Zwillingen und durfte davon profitieren, dass Eltern wie du sich seit einigen Jahren für einen würdevollen und selbstbestimmten Abschied engagieren. Ich bin sehr dankbar für die liebevoll genähten Schlafsäckchen, die wir bekamen, für die Fotos vom Sternenkinderfotografen und für die Selbsthilfegruppe, die ich seither besuche.

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