Mama sein ohne eigene Mama: Sie fehlt halt einfach immer

Oma ist tot

Ihr Lieben, Karin hat innerhalb von zwei Jahren beide Elternteile verloren. Als ihre Mutter starb, war ihr erstes Kind 21 Monate alt und ihr zweites kurz vor der Geburt und noch im Bauch. Wochenbett und Trauer, Überforderung mit Neuanfang und Abschied. Sie wollte etwas Gutes daraus ziehen und gründete hallotod.de. Hier coacht sie Menschen in Trauer, hilft bei der Gestaltung von Traueranzeigen und hat immer ein Ohr für Menschen in ähnlichen Lagen. Denn sie findet: Auch heute noch sprechen wir viel zu wenig über Verluste, Trauer und ihre Bewältigung. Für uns hat sie einen Gastbeitrag geschrieben.

Karin Ohler HalloTod
Karin Ohler von hallotod.de

Oma, Oma, Oma. Stell dir die hüpfende Begrüßung einer Zweijährigen an der Haustür vor. Diese vollkommen reine und ehrliche Freude aus ganzem Herzen. Auf beiden Seiten. Erleben werde ich so eine Situation nicht mehr. Denn meine Mama ist tot.

Ich war nicht immer Mama ohne Mama

21 gemeinsame Monate hatten meine Tochter und ihre Oma. In dem Monat, in dem sie eins wurde, bekamen wir die Diagnose. Lungenkrebs im finalen Stadium. Keine Chance auf Heilung. 251 Tage blieben uns noch. Dann ist meine Mama gestorben. 14 Tage vor der Geburt meines zweiten Kindes, unseres Sohnes. Sechs Tage vor der Entbindung war die Beerdigung.

Irgendwie absehbar war das mit dem Sterben, aber dann kam es doch so plötzlich und unerwartet. Die verbleibenden 35 Wochen zwischen Krebs-Diagnose und Mamas Tod haben wir gerockt: Wir haben unzählige Male Schiffe versenken während langer Stunden Chemo gespielt, den Tumor „Dicke Berta“ getauft, uns die Chemo als wild um sich schlagende asiatische Schwertkämpferin ChingTu vorgestellt und waren noch einmal mit der ganzen Familie im Urlaub.

Wir haben nochmal zusammen gelacht, haben zusammen geweint und schöne Erinnerungen geschaffen. Ich bin rückblickend dankbar für die Diagnose statt eines plötzlichen Todes. Das hat uns noch intensiver zusammengebracht. Klingt komisch, ist aber so. Mein tiefstes Mitgefühl ist bei allen, die unerwartet jemanden verlieren.

Mutterseelenallein.

Dann war sie einfach nicht mehr da. Und auch ein paar Jahre später ist da immer noch dieser luftleere Raum. Immer wieder will ich zum Handy greifen und z. B. vom ersten ausgefallenen Zahn meiner Tochter berichten. Meine Mama hätte es gefeiert und sich auch noch für den 16. verlorenen Milchzahn begeistert.

In diesen Momenten wird mir schmerzhaft bewusst, dass ich die großen und die kleinen Dinge nicht mehr mit ihr teilen kann. Sie hat sich so sehr über ihr und mit ihrem Enkelkind gefreut. So gerne hätte sie Enkelkind Nr. 2 kennengelernt. Auch für meinen Sohn macht mich das traurig. Aber dann sagt dieser kleine Wundermann, dass er sie doch kennengelernt hat. Es war doch nur ein bisschen Bauch dazwischen, auch bei unserem letzten gemeinsamen Urlaub…

Ich kann nicht mehr Kind sein

Da mein Vater zwei Jahre nach meiner Mama gestorben ist, fehlt mir der Ort, an dem ich auch mal Kind sein kann. Kein Ort mehr da, um als Tochter in den Arm genommen zu werden. Kein Ort, an dem mir als Tochter so außergewöhnlich bedingungslos zugehört wird. Der Bestatter Eric Wrede hat mal gesagt, dass der Tod der eigenen Eltern der ist, der am meisten unterschätzt wird. Finde ich auch. Fast 40 Jahre habe ich mit ihnen Zeit verbracht – mal mehr, mal weniger. Nichts hat mich so sehr geprägt wie sie. Jetzt ist keine Generation mehr über mir.

Die kleinen Rituale helfen. Den Kindern und mir.

Wir versuchen, uns aktiv mit dem Thema Tod zu beschäftigen. Ihn nicht auszuklammern und klare Worte zu finden. Da ich mich ja auch beruflich damit beschäftige, haben meine Kinder gefühlt alle Bücher für ihr Alter zum Thema Sterben, Tod und Trauer gelesen. Wir reden viel über die Oma und auch über den Opa. Kleine Rituale helfen uns.

Wir schmücken gemeinsam zu Weihnachten und zu Ostern mit einem Tannenzweig aus dem Garten meiner Eltern und bunter Deko das Grab. Wir haben Steine und Grabkerzen bemalt und zu besonderen Anlässen Luftballons auf den Friedhof gebracht. Das hilft den Kindern und auch mir. Und am Geburtstag singen wir immer ein Happy Birthday gen Himmel. Auch wenn offen bleibt, wo Oma und Opa gerade sind.

Die Traurigkeit bleibt. Und das ist in Ordnung.

Und auch wenn ich keine Vorstellung davon habe, was nach dem Tod passiert, irgendwie tröstet mich die Vorstellung, dass meine Mama mit meinem geliebten Erdbeerkuchen auf mich wartet. Vielleicht macht sie mir auch noch ein paar ostpreußische Kartoffelklöße, die es immer bei uns gab. Ich bin so dankbar, dass sie schon lange vor ihrem Tod ihre Rezepte festgehalten hat und ich sie mit meinen Kindern teilen kann.

Was bleibt ist die Traurigkeit. Mal mehr, mal weniger. In den kleinen und großen Momenten im Alltag und an bestimmten Tagen wie ihrem Todestag, ihrem Geburtstag oder auch an Weihnachten. Und das ist auch ok so. Das ist ein Teil von mir. Respekt habe ich vor der Einschulung meiner Tochter im nächsten Sommer.

Als meine Mama ihre Diagnose bekommen hat, war es ihr Ziel dabei zu sein. Das hat sie leider nicht geschafft, aber wir werden an diesem Tag trotzdem ganz fest an sie denken. Wenn ihr noch eine Mama habt, dann tut mir doch vielleicht einen Gefallen: Gebt ihr ein Zeichen, drückt sie ganz feste und sagt ihr, wie lieb ihr sie habt. Darüber würde ich mich sehr freuen.

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8 comments

  1. Danke für den schönen Beitrag. Meine Mutter ist gestern erst verstorben. Sie hatte zum Glück ein langes Leben und auch zuletzt keine Schmerzen gehabt. Meine Familie wendet sich heute für die Feuerbestattung an ein Bestattungsunternehmen.

  2. Ich kenne diese Schmerz leider nur zu gut. Auch ich habe keine Eltern mehr. Vorallen die Zeit als meine Kinder klein waren waren sehr anstrengend für mich. So alleine ohne Unterstützung meiner Eltern. Allerdings wurde mir auch bewusst wie sehr noch heute allgegenwärtig sind. Durch mich. Vieles habe sie mir beigebracht und mich geprägt. Das macht mich als Person heute aus und vieles davon kann ich heute bei der Begleitung und Erziehung meiner Kinder weitergeben. Es stimmt die Liebe ist das einzige was bleibt.

  3. Ihr Lieben… bei diesem Artikel und euren Kommentaren kamen mir mehrfach die Tränen. Nach Tagen muss ich nun doch auch einen Kommebtar hinterlassen, weil es mir keine Ruhe liess.

    Mein Mann verlor seine Mama im Alter von 15 Jahren – völlig überraschend war eine Routine-Operation wahnsinnig schief gelaufen. Er war ein Teenager und hatte sich natürlich nicht ausgiebig verabschiedet, sollte sie schliesslich nur wenige Tage im Krankenhaus bleiben müssen. Es kann einfach so wahnsinnig schnell gehen.

    Der Tod seiner Mutter ist 20 Jahre her. Ich habe meine Schwiegermutter nie kennenlernen dürfen. Ich trat erst deutlich später in das Leben meines Mannes. Und doch vermisse auch ich sie so unwahrscheinlich.

    Natürlich auf eine ganz andere Art als ihr es bei euren Mamas tut! Aber ich habe mich schon so oft gefragt, was für eine tolle Oma sie wohl gewesen wäre. In allen Erzählungen, auch aus der Perspektive der deutlich älteren Halbgeschwister meines Mannes, die sie als „Stiefmutter“ erlebt haben, ist so viel Dankbarkeit und völliger Sympathie zu hören. Sie war eine starke Frau und mir Rat und Tat stand sie allen zur Seite.

    Wie sehr würde auch ich ihre Hilfe, ein tröstendes Wort oder die pure Freude über unsere Kinder erleben dürfen.

    Der Verlust schmerzt – selbst ohne sie gekannt zu haben. Geschichten, die einfach nicht geschrieben werden dürfen. So schade, zumal wir auch ansonsten sehr wenig Familie haben 🙁

  4. Viel Kraft euch allen, die auch alleine sind! Bin mit 4 Jahren verwaist und seitdem rumgereicht worden, mein Partner hat auch schon sehr lange keine Generation mehr über sich. Wir kommen uns dadurch als Familie sehr alleine vor. Es gibt nur uns, die sich an den Kindern erfreuen, keine Tanten, Omas, Opas! Kein Interesse keine Hilfe! Ich finde das unendlich traurig, da es den Kindern auch viel Erfahrung raubt, wenn sie nur uns haben. Mir hat Mal jemand gesagt, dass die Menschen erst Verständnis für meine bzw. unsere Situation bekommen, wenn sie selber ihre Eltern verlieren. Aber bei vielen bin ich schon so sehr enttäuscht von ihrem vorherigen Verhalten als ihre Eltern noch da waren, dass ich keine Lust habe nun deren Leere zu füllen, leider! Es ist schade, dass es ein Todschweig-Thema ist!!! Unterstützung, Beistand oder so etwas bekam ich nie! Umso wundervoller, dass du was so Gutes aus deiner Trauer gemacht hast! Wünsche dir nur das Beste! Finde das so wertvoll!

  5. Meine Mutter starb vor 14 Jahren im Alter von 56 an Krebs. 6 Wochen vor der Geburt meines ersten Kindes. Inzwischen habe ich drei Kinder und denke sehr oft daran, wie meine Mutter uns bereichert hätte. Ich denke jeden Tag an sie. Sie fehlt immer. Ihr tolles Wesen hat mich geprägt und sie ist unvergessen.

  6. Hallo, ja die Mama fehlt. Meine starb ganz plötzlich und unerwartet im Oktober. Ich hatte den Tag noch mit ihr telefoniert und die Herbstferien geplant, wollte sie am nächsten Tag noch anrufen und alles genau fest machen. Für das Wochenende hatten wir uns noch verabredet. Es war ein Montag Abend, an dem sie für immer eingeschlafen war. Sie hatte noch ein Huhn aus der Tiefkühltruhe genommen, weil sie schon Suppe für meine Kinder vorkochen wollte für die Ferien. Leider kam in der Nacht der Anruf von meinem Papa und meiner Schwester, dass Mutti tot ist. Es ist so unwirklich, so unfassbar! Drückt alle Eure Mamas, wenn ihr sie noch habt!

  7. Ich finde es so schön, dass sie noch gemeinsame Zeit hatten.das ist das Wichtigste überhaupt.
    Die fehlte mir leider extrem, auch jetzt noch. Meine Mama starb mit 59, ungefähr 1 1/2 Jahre nach ihrer Demenzdiagnose. Leider wurde die zunehmend ein anderer Mensch, das Abschied nehmen kaum möglich, auch für meine Töchter nicht. Das ist es was mich rückblickend am meisten schmerzt.

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