Ist das wirklich noch mein Leben? Sophia über das erste harte Babyjahr

Ihr Lieben, heute gibt es mal ein schönes, längeres Lesestück. Dieser Text stammt aus dem Buch „Mama, du bist nicht allein“  von Andrea Bruchwitz. In diesem Buch erzählen echte Mamas ihre Geschichte, berührend, ehrlich und mitten aus dem Leben. Diese Geschichte stammt von Sophia, einer frischgebackenen Mama….

„Sophia kann ihren Augen nicht trauen, nein, das darf doch nicht wahr sein. Mit panischem Gesichtsausdruck tritt sie näher an den Spiegel heran und lässt das grelle Neonlicht jede einzelne Hautpore ausleuchten.

Ist das wirklich ihr Spiegelbild, dort, im schmalen Seitenspiegel am Rande der Kühlwarenabteilung? Wer ist diese Frau mit fahler Haut und geschwollenen Tränensäcken, die mit einem Kinderwagen ziellos durch den Supermarkt steuert? Und wem gehören diese strähnigen Strubbelhaare, die unter der blauen Wollmütze hervorblitzen?

Als sie das letzte Mal in diesen Spiegel geschaut hat, einige Monate vor der Geburt ihres Sohnes, wollte sie nur schnell ihren neuen Lippenstift begutachten. Damals hatte Sophia noch frischgeföhntes Haar und einen strahlenden Teint. Sie liebte diesen schmalen Spiegel im Supermarkt, denn man konnte zwischendurch einen schnellen Blick reinwerfen und dann guten Gewissens, mit einem Lächeln im Gesicht, weitere Besorgungen erledigen.

«Was zum Donnerwetter ist mit mir passiert», murmelt sie schockiert ihrem Spiegelbild entgegen. «Wer bist du?»

Missmutig wendet sich Sophia ab und schiebt den Kinderwagen mit langsamen, schleppenden Schritten durch die Regalreihen, und beinahe hat sie schon wieder vergessen, warum sie eigentlich hergekommen ist. 

Ihr Gedächtnis leidet unter dem dauerhaften Schlafmangel und mittlerweile ist sie schon froh darüber, wenn sie ohne langes Herumgerechne den aktuellen Wochentag benennen kann.

«Entschuldigung, kann ich mal vorbei?‘», ruft ein Mann hinter ihr und reißt sie aus ihren Gedanken heraus.

In den langen Regalreihen ist es mittlerweile voller geworden und die beheizte Luft staut sich unter der Decke. Sophia schaut in ihren halbleeren Einkaufskorb und zuckt zusammen, weil ihr ein eisiger Schmerz durch die Stirn fährt. Ihrem Sohn scheint diese gedrängte und unbequeme Stimmung auch nicht zu gefallen, denn der kleine Junge offenbart durch sein verzogenes Gesicht, dass der nächste Gefühlsausbruch kurz bevorsteht. Sophia reibt sich verzweifelt die Schläfen und fängt an zu beten.

Bitte nicht schreien, bitte nicht schreien, bitte..

Levi schreit sich regelmäßig die Seele aus dem Leib, und ganz egal, wie sehr sie sich auch anstrengt, sie kann rein gar nichts dagegen tun. Sogar wenn der kleine Junge gestillt, gewickelt und von seinen Eltern mit Liebe umhüllt ist, schreit er voller Inbrunst und Leidenschaft. Das Schreien hallt durch die ganze Wohnung ins holzige Treppenhaus, und gelegentlich wird es sogar durchs offene Fenster hinaus in die Straßen getragen. Levi schreit mit mehr Ausdauer als andere Babys, und manchmal fragt sich Sophia, ob er einfach nur schlecht gelaunt, wütend oder tierisch unglücklich ist. Warum? Auf wen? Wie lange noch?

Wer weiß das schon.

Mit feuchtglänzenden Augen schiebt sie den Kinderwagen zur Supermarktkasse und beobachtet eine Frau dabei, wie sie eine Chipstüte und zwei Flaschen Weißwein aus dem Regal zieht. Einige Chipstüten fallen auf den Boden, doch die Fremde läuft einfach weiter zur Kasse.

«Hallo! Sie haben da was verloren!»

Mit gerümpfter Nase hebt Sophia die Tüten auf und stellt sie ordentlich ins Regal zurück. Wie gerne würde sie jetzt mit dieser Frau tauschen, denkt sie, und ein paar sorglose Stunden auf der Couch verbringen… einfach mal kurz Pause machen und nichts tun. Netflix schauen und sich den Bauch vollstopfen.

«Aber jetzt erstmal raus hier, mein Schatz», flüstert sie ihrem quengelnden Sohn entgegen, «bevor du wieder weinst.»

Sophia schiebt den Kinderwagen zügig durch den Gang und greift an der Kasse nach einem Smoothie und einigen Müsliriegeln, um ihrem Körper wenigstens ein Mindestmaß an Nährstoffen zuzuführen. Im Stress des Alltags findet sie kaum freie Minuten, um etwas zu essen, und wenn sich unerwartet ein Zeitfenster öffnet, dann bleiben nur wenige Minuten zum Snacken. 

Aufreißen, schnell kauen, runterschlucken, und wieder zurück zum schreienden Baby. Sophia kann sich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal in aller Ruhe den Esstisch decken und sich entspannt einer warmen Mahlzeit widmen konnte. Das ist nur ansatzweise an den Wochenenden möglich, wenn ihr Ehemann sich um das Baby kümmert und ein Schild mit den Worten «Bitte nicht stören» an der Tür klebt. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als in der Küche neue Rezepte auszuprobieren, doch die Zeit dafür bleibt aus. Zudem fängt in solchen Momenten für jede Mutter eine komplexe Abwägung an, denn es gilt herauszufinden, wie man seine babyfreien Minuten am besten nutzen kann. Sophia könnte ausgiebig duschen, vor dem Fernseher ein Nickerchen machen oder einfach mal länger auf der Toilette sitzen bleiben. Es gibt so viele Tätigkeiten, die einst alltäglich waren und nun beinahe vollständig aus ihrem Leben verschwunden sind. In solchen Momenten erkennt sie ihr eigenes Leben nicht wieder, und ihr hallen immer wieder die gleichen Fragen durch den Kopf:

Ist das wirklich mein Leben? 

Wem gehört diese chaotische Wohnung?

Und wer ist die Frau im Spiegel?

Mit schnellen Schritten schiebt Sophia den Kinderwagen aus dem Supermarkt heraus und holpert über das Kopfsteinpflaster, dann bleibt sie ruckartig stehen, um ein rasendes Auto vorbei zu lassen. Mit letzter Kraft hebt sie den Kinderwagen auf den Bürgersteig und erblickt die nächste Seitenstraße in nicht allzu weiter Ferne.

«Keine Sorge, Levi, bald sind wir zuhause. Schlaf schön weiter.»

Doch im gleichen Moment spuckt ihr Sohn wütend den Schnuller aus und fängt lauthals an zu schreien. Es ist ein empörtes Schreien, das mit jedem Atemzug lauter und durchdringender wird. Sophia stoppt den Kinderwagen, zieht die Bremse fest und beugt sich liebevoll nach vorne.

«Pass’ doch auf», brüllt ein Radfahrer und rauscht an ihr vorbei.

Mit schüttelndem Kopf streicht Sophia ihrem Sohn über die Wange. Die Welt empfindet zurzeit kein Erbarmen mit ihr, obwohl sie schon so stark kämpft. Eine Träne rinnt über ihre Wange, denn sie fühlt sich übermüdet, erschöpft und verloren.

Sophia parkt den Kinderwagen an einer Hauswand und lässt sich daneben auf eine Bank nieder, um ihre Tränen abzutupfen. Während sie geistesabwesend das durchnässte Taschentuch zusammenknüllt, wandert ihr Blick zu einem Schaufenster auf der anderen Straßenseite. Hinter der Glasscheibe erkennt sie eine lachende Mutter, die ihrem glucksenden Baby einen Kuss auf die Stirn drückt. Die anderen beiden Frauen am Tisch lachen mit ihr und nippen an ihren Kaffeetassen.«Wie geht das mit einem Baby?», flüstert Sophia in den Winterhimmel hinein und beobachtet die Gruppe.

Natürlich wusste sie, dass das Leben mit einem Kind anstrengend sein würde, aber niemals hätte sie gedacht, dass die Realität so stark von ihren Wunschvorstellungen abweicht. 

Während ihrer Schwangerschaft hat sie mit klopfendem Herzen all jene Mütter beobachtet, die mit ihrem Nachwuchs im Café saßen, mit frischgekämmten Haaren und einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Sophia hatte eine solche Vorfreude auf dieses Leben und malte sich aus, wie sie schon bald selbst mit ihren Freundinnen dort sitzen würde. Vor der Geburt dachte sie oft daran, wie sie den ganzen Morgen mit ihrem Baby kuscheln und dann ganz, ganz langsam aufstehen würde. Danach käme gelegentlich eine Freundin vorbei, um mit ihr gemeinsam das kleine Wesen zu bewundern und das Leben zu genießen. Genau das sollte ihr Leben sein, dieser perfekte Vormittag mit einem glucksenden Baby auf dem Schoß, und rundherum das perfekte Blumengesteck, der perfekte Kaffee, das perfekte Mittagessen in ihrer perfekt aufgeräumten, hoch-glänzenden Wohnung.

Nun ist das genaue Gegenteil davon eingetreten, denn in der Küche stapelt sich neben der vollen Spülmaschine dreckiges Geschirr – nicht nur im Waschbecken, sondern auch rundherum auf der Arbeitsfläche und sogar auf dem Wandregal darüber. Eine langgezogene Spur aus getragenen Klamotten, Spucktüchern und leeren Verpackungen führt vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Dort fliegen Babyflaschen, Schnuller, Tassen und Teller durch die Gegend. Jedes Mal, wenn eine Freundin vorbeikommen möchte, redet sich Sophia mit panisch aufgerissenen Augen heraus.

Nein, nein, nein, nein.

Ihr Ehemann unterstützt sie zwar liebevoll mit all seiner Kraft, aber seit er wieder in Vollzeit arbeitet, funktioniert im Haushalt rein gar nichts mehr. Sophia musste ihren einstigen Anspruch an das perfekte Zuhause längst aufgeben, und mittlerweile klammert sie sich an einen neuen Leitspruch: Sie muss irgendwie durch den Tag kommen, ohne dabei völlig die Nerven zu verlieren.

Im Rückblick findet Sophia es erstaunlich, dass sie sich seit der Geburt häufig nicht mehr wiedererkennt, denn während der Schwangerschaft war sie glücklicher als jemals zuvor. Obwohl sie gelegentlich unter Müdigkeit und Übelkeit litt, war es doch mitunter die schönste Zeit ihres Lebens.

Die Schwangerschaft glich sogar einem Befreiungsschlag, denn ihre Ärztin verordnete schon ab dem vierten Monat ein striktes Beschäftigungsverbot. Sophia bezog einen Teil ihres Gehalts weiter und konnte sich zugleich ein neues Standbein aufbauen. Endlich durfte sie auf ihre innere Stimme hören und das tun, was ihrer Bestimmung etwas näherkam. Es war die Chance, ein neues Leben zu beginnen.

Schon lange wollte sie eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin machen, denn als ehemalige Balletttänzerin genoss sie es, mit ihrem Körper zu arbeiten und jede einzelne Sehne zu spüren. Während der Schwangerschaft fand Sophia neben dem Yoga-Kurs zu vielen anderen Dingen zurück, die schon lange in ihrem Herzen geparkt und beinahe in Vergessenheit geraten waren.

Endlich ausschlafen, entspannen und jeden Morgen in aller Ruhe frühstücken: Mit der Schwangerschaft drehte sich Sophias Leben um hundertachtzig Grad, denn bevor sie das Projekt «Baby» anging, lebte sie über viele Jahre hinweg ein Vagabundenleben.

Sophia musste in ihrem vorherigen Beruf extrem viel reisen. Ihr Alltag bestand häufig daraus, durch Bahnhöfe und Flughäfen zu rennen, bevor sie abends todmüde ins Bett fiel. Es war ein rastloses Leben ohne Ruhephasen, ohne Routinen und Rituale. 

Wenn Sophia am Flughafen an einem Spiegel vorbeilief und einen seitlichen Blick hineinwarf, gefiel ihr der Anblick dieser geschäftigen Frau, dennoch wusste sie, dass sie in diesem Beruf nicht alt werden würde.

Oh ja, das eigene Spiegelbild zeigt nicht immer die ganze Wahrheit. Ihr ohnehin schon zarter Körper verlor durch den Reisestress zunehmend an Gewicht und an den Wochenenden trank sie gelegentlich zu viel Wein, damit sie endlich loslassen konnte. Ihre innere Stimme wies sie immer wieder darauf hin, dass es nicht ewig so weitergehen konnte. In großen Spiegelwänden sah ihr Leben zwar aufregend aus, aber sie bemerkte, dass sie sich selbst untreu wurde, obwohl sie gar nicht so genau wusste, wer sie eigentlich war oder was sie wirklich wollte.

Und so verweilte Sophia in ihrem stressigen Beruf und schlief mehrmals die Woche in einem anderen Hotel. Mit jedem Jahr rannte sie erschöpfter durch die Flughäfen, so lange, bis das Leben ihr eines Tages die Entscheidung abnahm und sie aus ihrem Hamsterrad herausholte. Sophias innere Stimme sollte Recht behalten – es konnte nicht ewig so weitergehen.Sie spürte, dass sie einen gänzlich neuen Lebensweg vor sich hatte – vielleicht ein Leben als Mutter?

An einem sonnigen Freitagnachmittag sagte sie ganz spontan «Ja» zu diesem neuen Leben, weil es sich interessant, aufregend und vollkommen richtig anfühlte. Sophia war zwar niemals die Art von Frau gewesen, die unbedingt ein Baby haben wollte und Kinder abgöttisch liebte, aber die Vorstellung eines kleinen Wesens mit dem schwarzen Haarschopf ihres Mannes und ihren Rehaugen war ziemlich verlockend. 

Und so ließ das Ehepaar die Verhütung eines Tages einfach weg und sank aufs Bett, um sich zu lieben. Die beiden hatten wahrlich Glück und freuten sich schon nach wenigen Monaten über einen positiven Schwangerschaftstest. Sophia und Álvaro bekamen ein Baby.

***

«Endlich zuhause», murmelt Sophia und biegt mit ihrem Kinderwagen in den Hauseingang.

«Frau Torrez, warten Sie, lassen Sie mich den Kleinen anschauen», ruft eine Nachbarin durch den Hausflur.

«Och, Sie haben so einen braven Jungen, der schläft ja ganz selig.»

Hinter ihrem höflichen Lächeln muss sich Sophia einen ironischen Spruch verkneifen, denn sie hat den ganzen Morgen damit verbracht, den kleinen Schreihals zu besänftigen. Sie hat mehrere schmerzhafte Stillversuche gewagt und irgendwann mit einem schlechten Gewissen das Milchpulver angerührt. Als sie das Baby daraufhin anziehen wollte, war sie völlig durchgeschwitzt, denn im Winter muss man viele einzelne Kleidungsschichten der Reihe nach überstülpen, und mit jedem Ärmelchen und Hosenbeinchen steigt die Ungeduld des Kindes. Sophia weiß nicht mehr, wie sie es nebenbei auch noch schaffen konnte, sich selbst anzuziehen oder ihre Schuhe zuzuschnüren.

«Sie haben wirklich einen süßen Fratz, Frau Torrez, wollen Sie auf einen Kaffee reinkommen?»

«Danke, Frau Seiler, aber wir haben gerade einen guten Moment erwischt und gehen lieber schnell hoch», entgegnet Sophia und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

«Natürlich! Ist denn sonst alles in Ordnung bei Ihnen?»

«Ach, es geht so… seien Sie froh, dass sie hier unten im Erdgeschoss wohnen. Es ist ziemlich laut bei uns in der fünften Etage. Er schreit die ganze Zeit.»

Die Nachbarin strahlt sie wieder mit ihren amüsierten, kinderliebenden Augen an und fängt beherzt an zu lachen.

Sophia verspürt einen kurzen Moment voller Hilflosigkeit und dann lacht sie einfach mit. Vielleicht aus ihrer übermüdeten Laune heraus, vielleicht aber auch, weil Frau Seiler ein herzensguter Mensch ist. 

Womöglich überkommt sie einfach nur eine Endorphinwelle, weil sie ausnahmsweise mit einer erwachsenen Frau ein vernünftiges Gespräch führt, und nicht mit einem schreienden Baby diskutieren muss.

«Sie kriegen das schon hin, Frau Torrez. Meine Große hat mir in den ersten Monaten das Leben zur Hölle gemacht, bis sie krabbeln konnte. Das geht vorbei. Achten Sie auf viel Körperkontakt und stillen Sie so lange, wie es nur geht.»

Sophia lächelt und nickt bejahend, während ihr eine Schweißperle den Hals runterläuft. Zugleich muss sie sich auf die Lippen beißen, denn sie erwähnt lieber nicht, dass es in den vergangenen Wochen mit dem Stillen ganz und gar nicht geklappt hat. Mittlerweile ist sie beinahe vollständig auf Milchpulver umgestiegen.

Das Kind anlegen, entspannen und dabei einschlafen? Nein, das funktioniert bei ihr nicht, obwohl sie schon unzählige Ratgeber gewälzt und eine große Schmerztoleranz hat. Ihre Brustwarzen brennen jedes Mal wie Feuer, es kommt kaum Milch heraus und sie hat bereits einige Stunden damit verbracht, ihre stummen Tränen beim Stillen wegzuwischen und die große Frustration herunterzuschlucken….

Als sie zu Hause am Schlafzimmerspiegel vorbeieilt, stolpert sie beinahe über eine zusammengeknüllte Boxershorts. Sophia hält einen Moment inne und schaut apathisch in den großen Wandspiegel. Ihr Körper hat schon bessere Zeiten erlebt, und was in ihrem Schlafzimmer ansonsten geschieht, ist ihr auch ein Rätsel. Ihren Ehemann hat sie seit der Geburt nicht mehr angefasst und Álvaro beschwert sich hin und wieder mit einem Augenzwinkern darüber, dass er unter Liebesentzug leide.

Aber welche frischgebackene Mutter hat überhaupt die nötige Zeit und Energie, um das Wort «Geschlechtsverkehr» auszusprechen? Wollen diese Mütter nicht vorher ausgiebig ihre Haare waschen, ein duftendes Bad nehmen oder einfach nur im Bett liegen und nichts tun?

Fragen über Fragen.

Levi ist zwar schon einige Monate auf der Welt, aber Sophia hat keinen blassen Schimmer, wie sie mit ihrem geschundenen Körper jemals wieder Sex haben soll. Sogar wenn die Lust irgendwann zurückkehren würde und sie wohlduftend im Bett läge, würde das schreiende Baby jeden neuen romantischen Anlauf ausbremsen.

Andererseits scheint das bei anderen Liebespaaren auch zu funktionieren. Sophia hört immer wieder absurde Geschichten, die sie in die Verzweiflung treiben.

«Wir haben drei Wochen nach der Geburt wieder miteinander geschlafen, es war soooo gut», schwärmte eine andere Mutter.

Sophia konnte nur noch ein erstauntes «Waaaaas?» und ein hysterisches Lachen hervorbringen.

Sex nach der Geburt? Wie bitte?

Womöglich gibt es einen geheimen Club von geschminkten Super-Mamis, die mit ihren Babys den ganzen Tag im Kaffeehaus sitzen und sich abends von ihren Männern befriedigen lassen.

«Puuuuh.»

Sophia atmet laut aus und lässt sich erschöpft aufs Bett fallen, um auf ihrer zerknitterten Winterjacke ein kurzes Nickerchen zu machen. Mit einem Mal ertönt das wütende Schreien ihres Sohnes und hallt durch die ganze Wohnung.

«Herzlich willkommen in meinem Club, dem Club der Schreikinder», ruft Sophia in den Raum hinein, und mit einem übermüdeten Lächeln denkt sie an die Worte ihrer Nachbarin.

Meine Große hat mir in den ersten Monaten das Leben zur Hölle gemacht, bis sie krabbeln konnte.

«Gut, dann weiter so, bis du endlich krabbeln kannst», sagt sie trotzig zu ihrem Sohn, «wir machen das jetzt auf unsere Art und Weise.»

Und in diesem Moment realisiert Sophia, dass sie sich nun endgültig von ihrem geliebten Perfektionismus verabschieden muss. Sophia liebt aufgeräumte Zimmer und glänzendes Geschirr, aber ihre dreckigen Teller dürfen sich ab sofort bis in den Himmel stapeln. 

«Jetzt reicht‘s», sagt Sophia, «keine Spiegel mehr, keine Erwartungen und keine Vergleiche.» 

Wenn etwas Neues im Leben beginnt, dann kann es passieren, dass alte Strukturen aus den Fugen geraten und ein kleines Beben auslösen. Die ersten Schritte sind unsicher und wackelig, doch mit jedem Tag wird die Routine etwas leichter. Dieser steinige Weg ist mit echten Freudentränen und mit Tränen aus schierer Verzweiflung gepflastert, mit unbändiger Mutterliebe und tausenden ersten Malen. 

Einige Hindernisse kann Sophia nur überwinden, wenn sie aus einer blinden Notwendigkeit heraus alles einfach mal ausprobiert. 

Sophia schließt für einen kurzen Moment die Augen und denkt an den wunderbaren Tag, an dem alles wieder leichter wird. Dieser Augenblick kommt schon bald, das weiß sie genau. An diesem Tag wird sie gut gelaunt im Hausflur stehen und einer anderen übermüdeten Mutter aufmunternde Worte zusprechen. 

Bis dahin klammert sich Sophia an die Worte ihrer Nachbarin und wartet auf den Tag, an dem sich Levi von alleine hinsetzt, mit dem Krabbeln anfängt und seine Umgebung selbst erkundet. 

Levi braucht zwar etwas mehr Zeit, um auf diesem Planeten anzukommen, und er schreit lauter als andere Babys, aber im Grunde will er einfach nur die große weite Welt entdecken. Diese Theorie erscheint ihr durchaus plausibel: Wenn der Junge von seiner Umgebung abgelenkt ist, dann wird er bestimmt die Muße am Weinen verlieren. Seine immense Neugierde strahlt doch schon jetzt aus seinen frechen braunen Augen heraus. 

Durchhalten, durchhalten, durchhalten.

Bevor die ersehnte Ruhe einkehrt, wird Sophia ihr Bestes geben, um sich in ihrer neuen Rolle als Mutter einzufinden. Sie weiß, dass dieser Weg erst entstehen kann, während sie ihn entlanggeht. An einigen Tagen wird sie Rückschläge einstecken müssen und dann unverhofft drei Schritte vorwärts machen, während sie mit ihrem Sohn lustige Kinderlieder singt und fröhlich am Wickeltisch herumtanzt. 

An solch magischen Tagen wird Sophia künftig etwas von der überwältigenden Liebe aufsparen, um der Frau im Spiegel abends ein Lächeln zu schenken. 

Diese Frau ist eine echte Kämpferin, und gelegentlich muss sie liebevoll daran erinnert werden, dass sie jeden Tag eine Meisterleistung vollbringt. 


Dieser Text stammt aus dem Buch „Mama, du bist nicht allein“. Andrea hat dafür die Lebensgeschichten von neun Frauen aufgeschrieben. Das Buch soll zeigen, dass zeigt das Buch, dass keine Mutter mit ihren Hoffnungen, Wünschen, Zweifeln und Sorgen allein ist. Die Botschaft dahinter lautet: Liebe Mama, Du bist eine wundervolle Mutter. Auch wenn nicht immer alles nach Plan läuft. Wenn Ihr das Buch bestellen möchtet, könnt ihr das HIER tun.

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2 comments

  1. Hallo Sina, da bin ich ganz bei Dir! Und außerdem wer weiß schon, ob das Vorzeigebaby mit trinken und schlafen nicht nur Kraft für die Autonomiephase tankt, die es dann so richtig auslebt? Mein Sohn war so ein zufriedenes Baby, trank, nahm zu und schlief selig, aber als er krabbeln konnte, war nichts mehr vor ihm sicher. Das zog sich weiter bis mind. 5 Jahre. Alles ausprobieren, mit dem Kopf durch die Wand, ein Nein von uns galt nicht! Er kam auf Dinge, die wären mir im Leben nicht eingefallen. Wir waren auch Stammgast in der Notaufnahme, weil es schlicht unmöglich war, dieses Kind vor allen Gefahren zu schützen, er wollte durch Erfahrungen lernen. Meine Tochter wiederum war ein super anhängliches Baby, schlief Max. 1,5 Stunden am Stück, trank nur im Liegen mit null Ablenkung. Sie wohnte auf und an mir. Dafür reagierte sie mit unter 1 Jahr schon auf Nein, ich war total erschrocken. Sie ist eher zurückhaltend und durchdenkt alle Schritte auf mögliche Gefahren, würde sich nie weiter als 2-3 m von uns entfernen, spielt stundenlang. Soll heißen sie hat mich als Baby total gefordert, doch wurde danach so ein entspanntes Kind. Während die ersten 7 Monate mit meinem Sohn Easy peasy waren und er dann aufdrehte. Mit der Weile sind sie beide 10 und 8 Jahre alt und ich liebe beide von ganzen Herzen und kann in beiden Temperamenten die Vor- und Nachteile für uns Eltern sehen. Eins ist mir aber sonnenklar, ob ein Kind ruhig und pflegeleicht ist, kann nichts mit der Erziehung durch uns Eltern zu tun haben!

  2. Das große Problem beim ersten Kind ist der eigene Perfektionismus, welcher durch Werbespots und unrealistische Social Media Accounts noch gepusht wird. Und immer dieser Gedanke „Wieso bekommen die Anderen es hin und ich nicht?“. Bei meinem ersten Kind hab ich auch echt gehadert. Es ließ sich nicht ablegen, wollte nur getragen werden. Mit 3 – 4 Monaten wurde es besser und später spielte sie auch mal hervorragend allein für sich. Das ist heute immer noch so. Nun weiß ich beim zweiten, dass es besser wird. Auch mein zweites möchte nur getragen werden und viel Körperkontakt. Diesmal kann ich es viel besser wegstecken, dass das Geschirr hat mal stehen bleibt, oder erst gemacht wird, wenn beide schlafen. Er ist jetzt 3 Monate alt und ich merke, dass es besser wird. Aller Anfang ist halt holprig. Je schneller man es schafft entspannt und gelassen zu sein, umso schneller triggern einen diese perfekten Mutterschaftsbilder nicht mehr und man kann die kleinen feinen Momente genießen.

    Was mir beim ersten Kind geholfen hat waren regelmäßige Treffen mit einem Kreis von frischgebackenen Muttis. Allerdings ist sowas Fluch und Segen zugleich. Es tut gut, wenn man hört, dass die anderen auch zwei Stunden brauchen, um das Baby zum Schlafen zu überreden. Meine Hebamme warnte mich damals und sagte: „Die Anderen lügen alle! Wenn sie sagen, dass von Anfang an alles tutti frutti war, merke dir, sie lügen!“.
    Und da ist was dran. Ich war eine zeitlang so neidisch auf eine andere Mama, weil sie immer damit angab, dass ihr Baby bis mindestens 9:30 Uhr schläft. Einige Treffen später kam beiläufig heraus, dass dieses Baby auch immer erst frühestens um Mitternacht Ruhe gibt. Also hat sie vielleicht nicht gelogen, aber nur den angenehmen Teil erzählt.

    Dieses Profilieren verstehe ich sowieso nicht. Als ob ich als Mutter irgendwie beeinflussen kann, ob mein Kind gut schläft oder isst oder sonst irgendwas. Nichts davon ist mein Verdienst. Manche Babys schlafen schnell gut, andere trinken super. Es ist wie es ist. Aber nichts davon zeigt wie gut oder schlecht jemand als Mutter geeignet ist. Es ist schier einfach Glück, wenn man ein rundum in allen Bereichen pflegeleichtes Baby erwischt. Nichts zum Angeben also!

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