Gastbeiträge

08/03/2017 - 07:15

Stadt-Mama Katharina

Kraftakt Schreibaby: Du darfst Hilfe zulassen - Gastbeitrag von Antonie

Wenn das erste Kind anstrengend ist, wird das zweite ganz pflegeleicht – haben sie gesagt. Wenn das erste viel weint, dann ist das zweite ganz zufrieden – haben sie gesagt. 

Mit dem "pflegeleichten, zufriedenen" Baby haben wir gerade einen Termin in der Schreiambulanz gemacht. So viel dazu....

Unser Großer war schon ein Schreibaby, jetzt haben wir also das zweite...

Dabei fing immer alles so gut an, Unser Großer war anfangs total pflegeleicht. Schlafen, Stillen – alles hat super geklappt und wir haben uns gefragt: Das ist es? Elternsein? Ist ja easy-peasy! Muahahaha, nach drei Monaten wurden wir eines Besseren belehrt.

Bei unserem Kleinen waren die ersten Wochen ebenfalls sehr entspannt und wir haben alles getan, damit das so bleibt. Diesmal sollte alles anders werden. Diesmal würden wir alles richtig machen. Als er nach 14 Wochen immer noch ganz gelassen und zufrieden war, haben wir vorsichtig gewagt zu hoffen.

Dann kam die erste Brüllattacke. Mit dem Gefühl eines sehr unwillkommenen Déjà-vu verliefen die nächsten beiden Wochen, bis wir uns schließlich sicher waren: Auch unser zweites Baby hat eine frühkindliche Regulationsstörung. Dabei hatten wir so sehr gehofft, dass wir die Babyzeit zumindest beim zweiten Kind uneingeschränkt genießen können...

Das Kuriose: Sind wir unterwegs oder haben Besuch ist unser Kleiner das perfekte Vorzeigebaby. Er ist brav, aufmerksam, interessiert, einfach nur putzig und wickelt jeden um seinen Finger. Ein kleiner Charmeur. Ich musste mir schon oft anhören, was ich denn habe. Ich würde sicher übertreiben. Er weine doch gar nicht. Er sei doch so lieb. Klar, er ist ja gerade auch damit beschäftigt, seine Umgebung wie einen Schwamm aufzusaugen, begierig, um nicht das kleinste Detail zu verpassen.

Erst zuhause oder wenn der Besuch sich verabschiedet hat, sprich, sobald es wieder "langweilig" ist, schreit er die ganze Aufregung heraus. Nein, ich jammere nicht grundlos und ich übertreibe auch nicht. Ich bin nicht hysterisch und will mich auch nicht wichtigmachen. Tatsache ist, wir haben ein Baby, das alles spannend findet. Das mit sechs Monaten schon krabbelt und sich zum Stehen hochzieht. Wir haben ein Baby, das es nicht schafft, all diese Eindrücke alleine zu verarbeiten. Für unser Baby ist das Leben ist die reiste Wundertüte und damit ist es völlig überfordert.

Schreien ist die einzige Möglichkeit für ihn, um runterzukommen

In der Schreiambulanz haben sie uns erklärt, dass Schreibabys oft die besonders aufmerksamen und aufgeweckten Babys sind, die sich früher und intensiver als üblich für ihre Umwelt interessieren. Die Babys sind permanent reizüberflutet und stehen unter körperlicher und geistiger Dauerspannung. Unser Kleiner möchte zwar schlafen und zeigt es an, indem er allgemein unzufrieden wird, anfängt, den Kopf wegzudrehen und sein Gesicht abzuwenden. Aber er schafft es nicht. Schnuller? Fehlanzeige. Stillen? Reinster Selbstmord für die Brüste. Pucken? Endet in einem Tobsuchtsanfall. Es gibt nur eine Möglichkeit für ihn, um runterzukommen: schreien, schreien und nochmals schreien. Er ballt die Fäustchen, drückt den Rücken durch, läuft rot an, versucht immer wieder, an meinen Haaren zu reißen und brüllt aus Leibeskräften.

Wer es nicht schon selbst erlebt hat, kann kaum glauben, wie unser kleines Vorzeigebaby uns zuhause die Hölle heiß machen kann. Abends dauert es in der Regel zwei oder drei Stunden, bis er endlich schläft. Dabei ist mein Mann sehr viel geduldiger als ich es sein kann. Ich bin oft so vorbelastet durch den Tag, dass ich das Weinen einfach nicht mehr ertrage.

Eigentlich wäre alles so einfach: Er müsste nur die Augen zu machen und schlafen, dann wäre alles wieder gut. Aber er kann es nicht. Und ich? Ich fühle mich hilflos, bin genervt, wütend, unzufrieden. Weil ich das Schreien nicht mehr aushalte. Weil ich denke, die anderen Mütter können es doch auch. Weil ich nur noch deine Ruhe will. Weil mir von dem Geschrei die Ohren klingeln. Weil ich müde und erschöpft bin. Weil ich mich ärgere und mich frage, ob mich das zu einer schlechten Mutter macht.

Mein Baby kann doch nichts dafür. Es macht es nicht mit Absicht. Und eigentlich sollte ich gefälligst dankbar sein. Andere Mütter haben viel größere Probleme als ich. Ich bin dankbar für meine zwei gesunden Kinder. Dankbar, dass ich alles habe, was ich mir wünschen kann und noch so viel mehr. Doch das Geschrei zerrt an meinen Nerven und nach einem schlimmen Tag fällt es mir furchtbar schwer, diese Dankbarkeit auch zu zeigen. Da bist du ja schon wieder, du saublödes, schlechtes Gewissen.

Ich bin nicht perfekt, aber ich bin eine gute Mutter. Wir sind gute Eltern und auch nicht gestresster oder überforderter als andere Eltern. Wir machen auch nichts richtiger oder falscher. Wir sind nicht unfähig. Wir haben uns nicht blöd angestellt und ein Schreibaby erschaffen. Ja, es ist gerade anstrengend und es wird auch noch eine Weile so bleiben. Aber wir wissen, dass mit der Zeit alles besser wird. Wir haben das schon einmal durchgemacht und es geschafft.

Wir wissen, es gibt einen Ausweg. Wir müssen nur herausfinden, was unser kleiner Mann braucht. Bei unserem Großen haben wir es innerhalb von vier Wochen geschafft, die Situation völlig umzukehren. Von mehreren Stunden Schreien am Tag, Schlafen nur im bewegten (!) Kinderwagen und allabendliches Gebrüll bis ins Koma zu: Wir legten ihn wach in seinem Bettchen ab, blieben kurz bei ihm und er schläft ohne Weinen ein. Verrückt, oder?

Nur, weil wir endlich verstanden hatten, was er braucht, um einschlafen zu können. Da war er ein halbes Jahr alt und die Schreiambulanz war uns eine riesengroße Hilfe. Mit einem Dreivierteljahr hat er durchgeschlafen und als wir seinen ersten Geburtstag gefeiert haben, waren diese nervenaufreibenden Monate schon in weite Ferne gerückt. Mittlerweile ist Schlafen kein Thema mehr oder zumindest nicht mehr als es bei einem durchschnittlichen Dreijährigen der Fall ist.

Du darfst Hilfe annehmen, das ist keine Schande

Ich kann jedem, der sich durch die "Situation Baby" irgendwie belastet fühlt, nur raten, sich Hilfe zu holen. Das kann durch die Hebamme oder den Arzt geschehen, sofern sie in dem Bereich weitergebildet sind. Meistens können die Durchschnittshebamme oder der Durchschnittsarzt nur begrenzt Hilfestellung geben. Mein Tipp: Lass dich auch nicht von der Dreierregel verunsichern, die besagt, dass das Baby mindestens drei Stunden am Tag, mindestens drei Tage die Woche für mindestens drei Wochen schreien muss, um ein Schreibaby zu sein. Wenn du das Gefühl hast, dein Baby weint häufiger als normal oder ist übermäßig gestresst oder wenn dir alles über den Kopf wächst, dann hole dir Hilfe. Sofort.

Lass dir nicht einreden, dass du aus der Mücke einen Elefanten machst. Wenn du die Situation als belastend empfindest, dann ist sie es auch. Wir dachten, wir schaffen es diesmal alleine. Wir waren zwar etwas schlauer als beim ersten Mal, aber jetzt kommen wir wieder an unsere Grenzen. Was beim großen Bruder funktioniert hat, klappt gerade nicht unbedingt. Unser kleiner Mann hat andere Bedürfnisse und die Situation mit einem älteren Geschwisterkind ist auch anders.

Es ist keine Schande, sich Unterstützung zu suchen. Deswegen habe ich nicht als Mutter versagt. Ganz im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Stärke, Hilfe zuzulassen. Und das tun wir nun. Schon wieder.

Mehr von Antonie könnt Ihr in ihrem Blog lesen, HIER der Link!

----ZUM WEITERLESEN:

- Wenn das Baby jeden Abend brüllt

-Wenn nichts, aber auch gar nichts gegen das Schreien hilft

 

 

Tags: Schreibaby, Schreiambulanz, Baby, Familie, schreien, Arzt

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Kommentare

Maria — Mi, 03/08/2017 - 14:51

Dass du dieses Thema ansprichst. Es wird immer wichtiger und häufiger vorkommen. Und wie du sagst: Es ist vollkommen in Ordnung - in solchem Fällen nötig - sich Hilfe zu holen. Jeder hat ein Recht auf Hilfe und es erleichtert ja nicht nur euch, sondern in erster Linie deinem Kind das Leben enorm. Irgendwann werdet ihr ja sonst verrückt und so wütend, dass ihr für euer Kind vielleicht nicht mehr so gut da sein könnt. Ich wünsche euch viel Freude mit euren Kindern

Antonie — Fr, 03/10/2017 - 11:18

Danke für die lieben Worte. Ich stimme dir hundertprozentig zu. Es geht nicht nur darum, dass wir Eltern es leichter haben - sondern wir als Familie. Nicht nur, dass unser Kleiner so viel weinen muss, auch für unseren Großen ist das sehr belastend. Als Dreijähriger versteht er das noch nicht, dass die Mama etwas tut, wenn sie einfach nur da ist und den kleinen Bruder im Arm hält, während er weint. Das finde ich so toll an der Babyambulanz: Wir erarbeiten nicht nur Lösungsvorschläge, wie unser Kleiner besser schlafen kann und weniger weint, sondern auch wie unser Großer die Situation besser verstehen kann und wie wir ihn unterstützen können, damit es für ihn leichter ist. Wir haben ihn zum zweiten Termin in der Babyambulanz mitgenommen und seitdem erklärt er jedem: "Unser Baby hat ein Problem. Es kann nicht schlafen und weint. Ich war als Baby auch so, aber jetzt nicht mehr." Den letzten Satz sagt er so stolz, ich könnte mich jedes Mal wegschmeißen :-). Wir haben unseren Großen zum zweiten Termin in der Babyambulanz mitgenommen.

Jassman-Loves — Do, 03/09/2017 - 14:39

Was bin ich erleichtert. Danke für diesen Beitrag. Unser zweites kleines Familienmitglied zeigt uns auch ordentlich und lautstark dass es da ist und beansprucht unsere Nerven, unsere Geduld, unsere Elternliebe und besonders die Ohren der großen Schwester. Ich werde nun mutig sein und mir wieder Versagensangst Hilfe dieser Schreiambulanz holen. Ich atme nochmal fest durch und freue mich auf die Zeit in der die Nacht zum schlafen da ist....

Antonie — Fr, 03/10/2017 - 11:24

Bald ist die Nacht wieder zum Schlafen da, ganz sicher! Und du hast keinesfalls als Mutter versagt, wenn du dir Hilfe holst. Du sorgst dich um deine Familie und möchtest, dass es euch allen (wieder) gut geht. Das macht doch eine gute Mutter aus oder nicht?

Lisa — Fr, 03/10/2017 - 06:40

Danke für deinen Beitrag! Du beschreibst sehr schön, wie es zum stundenlangen schreien kommt. Das traf auf unsere Tochter auch zu. Allerdings gibt das bei ihr ca. 6 Monate, beginnend am Tag 2 nach der Geburt und es ebbte ab, als sie lernte, sich selbst fortzubewegen. Sie konnte einfach nie abschalten und einfach schlafen. Sie ist beispielsweise auch kein einziges Mal als Säugling einfach so beim "Spielen" eingeschlafen und braucht bis heute recht lange zum runterfahren. Heute funktioniert das aber sehr friedlich. Und obwohl sie ein fantastisches Kind voller Neugierde, Tatendrang und kuschelbedarf ist und auch sehr ausgeglichen und frustrationstollerant ist (sie wird bald 5) und ich sie geradezu abgöttisch liebe, kann ich mir kein zweites Kind vorstellen. Wenn ich nur daran denke, dass das erste Jahr wieder so werden würde... Panik! Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob unsere Familie das aushalten würde. Und ob ich das aushalten würde. So bleiben wir also ein Trio und freuen uns, dass vieles wieder leichter wird und rund läuft.

Antonie — Fr, 03/10/2017 - 11:38

Hahaha, beim Spielen einschlafen ;-). Ich lach mich kaputt! Das hat bisher auch keines von unseren Kindern gemacht. Ich bin immer völlig fasziniert, wenn ich das bei anderen Babys miterlebe. Bei unserem Großen wurde es auch besser als er anfing zu krabbeln. Ich habe das Gefühl, dass er sich über die Bewegung abreagieren und runterkommen konnte. Unser Kleiner ist auch sehr viel zufriedener seitdem er krabbelt. Allerdings hat das seinen Spielradius enorm erweitert und dementsprechend auch seinen Input... Ich muss zugeben, dass ich sehr froh bin, sobald wir aus dem Gröbsten raus sind und ich glaube auch, dass meine Nerven kein drittes Kind aushalten würden ;-). Es ist so schön zu lesen, dass es bei euch wieder rund läuft, das gibt mir und sicher auch allen anderen Mamas mit Schreibaby Hoffnung. Und es stimmt, Schreibabys sind später fantastische Kinder, das sagt einfach jeder!

Claudia — Mo, 03/18/2019 - 19:10

Liebe Antonie. Mein erstes Kind war auch drei Monate am brüllen, was mich ziemlich geschafft hat. Aber bei meiner Freundin, wär es viel schlimmer. Ihr Sohn schrie, den lieben langen Tag, meine Freundin am Rand der Erschöpfung und total mit den Nerven fertig. Laut Arzt alles ok. Irgendwann bekam sie den Tip, es mit einem Ostheopathen zu probieren. In ihrer Verzweiflung ging sie dorthin und nach zwei Behandlungen war ihr Sohn wie ausgewechselt und könnte anfangen das Baby zu genießen. Einen Versuch ist es wert.

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