Acht Klischees über Einzelkinder – und warum sie schwachsinnig sind

Ihr Lieben, es gibt kaum eine Spezies, um die so viele Vorurteile ranken, wie um Einzelkinder. Warum eigentlich? Julia Katharina Müller ist selbst als Einzelkind und ohne Geschwister aufgewachsen und hat sich diesen Vorurteilen in ihrem Buch „How to survive als Einzelkind(Affiliate Link) humorvoll gewidmet.

Sind Einzelkinder wirklich so kleine verwöhnte Könige, wie es immer heißt? Sind Einzelkinder nur verwöhnt, weil Geschwisterkinder es ihnen nachsagen? Und ist es nicht am Ende egal, ob jemand verwöhnt ist, oder nicht, Hauptsache, die Person ist glücklich? Wir haben Julia mal gebeten, die gängigsten die Klischees über Einzelkinder für uns zu entkräften. Los geht´s:

1. Einzelkinder können alles teilen, nur Aufmerksamkeit nicht.

Ich möchte behaupten, dies ist völliger Humbug. Wir leben im Jahr 2019 – ich denke, dass sich die Spezies Einzelkind seither zum Vorteil entwickelt hat. Zum eigenen Vorteil natürlich.

In einem Land vor unserer Zeit, also als es noch Könige und Königinnen gab, die Hähnchenbollen über die Schultern warfen und aus Metallkelchen tranken, da kann ich mir gut vorstellen, dass Einzelkinder damals nach Aufmerksamkeit trachtende Furien waren, die ihre Haare jeden Abend mit hundert Bürstenstrichen gekämmt bekamen, damit sie weiterhin schön glänzten.

Da wir heutzutage aber im Jahr des Conditioner leben und unsere Haare auch zum Glänzen kriegen, wenn wir sie nicht jeden Abend bürsten lassen, kann sich unser Fokus auf ganz andere Dinge legen. In den frühen 2000ern war der Fokus vielleicht auf uns selbst, Techno-Mukke war ja ziemlich angesagt und dazu tanzte man tatsächlich alleine und nicht zu zweit, sodass der eigene Kosmos sich voll um sich selbst drehen und man sich toll präsentieren konnte.

Aber jüngst kann man den Fokus doch gar nicht mehr richtig auf sich selbst legen, oder? Wozu die ganze Meditation? Wozu das ganze Guru-Geschwafel? Um zu sich selbst zurückzufinden! Seine innere Mitte zu finden. Die haben wir nämlich irgendwo im WWW verloren.

Wie kann man die Aufmerksamkeit auf sich legen, wenn man pro Sekunde mit einem Instagram-Bild vollgeballert wird? Wenn um uns herum ständig Ablenkungsfaktoren lauern, die Werbung uns zuballert und die Aufmerksamkeitsspanne unserer Mitmenschen gar nicht dafür ausreicht, uns für länger als 30 Sekunden ihre Gedanken zu schenken, bevor sie sich wieder fragen, was sie als nächstes einkaufen müssen oder welches T-Shirt sie morgen anziehen?

Also: Wir leben in einem Zeitalter, in dem gar nicht mehr genug Aufmerksamkeit vorhanden ist, um sie teilen oder nicht teilen zu können. Ich würde die Überschrift ein wenig anders formulieren, etwa so: Einzelkinder können alles teilen, nur ihr Essen nicht – ach, was rede ich da. Wer teilt schon gerne sein Essen, wenn es gut schmeckt?

2. Einzelkinder sind verwöhnt. 

Aaaaahhh! Ich kann’s nicht mehr hören! Was bedeutet das überhaupt? Dass wir immer alles bekommen, was wir wollen? Dass unsere Eltern in Geld schwimmen? Soll ich Ihnen mal etwas verraten?

Unsere Eltern stehen nicht jeden Morgen vor meinem Bett, um uns mit einem Gemüsesmoothie zu wecken. Sie kaufen uns nicht alles, was wir wollen und auch wir müssen uns Nebenjobs suchen, um die Wohnung neben dem Studium zu finanzieren. Mehr als ein Hobby ist meist auch für uns nicht drin und wir können in unserer Pubertät tatsächlich nicht ohne Konsequenzen rebellieren. Woher kommt dieser Verwöhntsein-Mythos?

Wahrscheinlich von Geschwisterkindern, die auch gerne ein Zimmer für sich hätten, es aber teilen müssen. Ich weiß es wirklich nicht. Aber in einem Punkt sind wir wirklich verwöhnt und wir können nicht einmal etwas dafür:   Dieser Mythos ist damit nicht nur so alt wie die Sphinx, sondern auch teilweise die Wahrheit. Tatsächlich. Aber eben nur teilweise. Und ich hoffe sehr, dass er irgendwann ausstirbt.

Foto: Zaubertgut Fotografie

3. Einzelkinder übernehmen alle Neurosen ihrer Eltern.

So sehr ich diesem Mythos auch gerne widersprechen würde – es stimmt. Aber das ist doch auch ganz natürlich. Wir Menschen neigen schließlich dazu, alles uns Sympathische nachzuahmen und in unser Handlungsrepertoire aufzunehmen, da macht es doch Sinn, dass wir auch Neurosen von Menschen, die wir lieben integrieren. Warum ausgerechnet wir Einzelkinder dazu prädestiniert sein sollen, erklärt sich wahrscheinlich damit, dass wir alle Zeit der Welt haben, uns sie anzueignen, da wir ja permanent mit unseren Eltern abhängen.

Ihre Welt dreht sich eben nur um uns, da ist es klar, dass wir jede freie Minute liebend gern mit ihnen verbringen und so passiert es von ganz allein, dass wir in Schachtelsätzen schreiben (und reden), nicht auf die Fugen im Bürgersteig treten, die Kaffeetasse erst beim zweiten Mal richtig auf dem Tisch abstellen und die Apfelschorle immer ganz austrinken müssen und nicht einmal für zwei Minuten stehen lassen können.

Daher kommt es, dass wir unsere T-Shirts nach Farben sortieren, aber unsere Hosen egal sind und dass wir unser Bett immer gemacht haben müssen, bevor wir aus dem Haus gehen. Ob ich von mir rede? Pfff, ich bitte Sie. Ich bin Einzelkind. Ich bin verwöhnt. Als ob ich mein Bett machen und meine Klamotten sortieren würde. Das wäre ja gelacht.

4. Einzelkinder sind altklug und denken nur an sich selbst. 

Ob Einzelkind oder nicht – altkluge Menschen sind nervig. Menschen, die an sich selbst denken, ebenfalls. Und auch wenn das Eine gar nichts mit dem Anderen zu tun hat, sitze ich nun trotzdem hier an einem Freitagabend in Kalifornien an diesem Artikel, trinke ein Glas Rotwein dazu und snacke Möhren und Paprika mit Hummus.

Fakt ist, ich bin Einzelkind. Fakt ist auch, dass ich meinem Mitbewohner, der gerade neben mir auf der Couch schlummert ein Glas Wein sowie etwas zu essen angeboten habe und mich wirklich darüber freue, dass er immerhin Ja zum Wein gesagt hat.

Nicht so scheinheilig, Sie wissen schon, wir alle kennen diese Momente, wenn man aus Höflichkeit fragt und einfach nur hofft, dass der andere ablehnt (was in 99% der Fälle natürlich nicht passiert). Also kann ich schonmal sagen, dass ich der lebende Beweis dafür bin, dass Einzelkinder nicht immer nur an sich selbst denken.

Was das Altkluge angeht, bin ich mir nicht so ganz sicher. Immerhin habe ich ein ganzes Buch darüber geschrieben, das ganz altklug darüber philosophiert, warum die Menschheit uns komplett falsch einschätzt. Und ich schäme mich auch nicht, zu sagen, dass ich manchmal Dinge besser weiß, als andere Menschen. Nehmen wir meinen derzeitigen Klassenkameraden Max.

Max ist ein extrem gemütlicher Mensch (Geschwisterkind!) und unglaublich lieb, aber irgendwie scheinen bestimmte Informationen nicht zu ihm durchzudringen. Wie beispielsweise als wir letztens Kapitel 1 eines Buches lesen sollten – der Kurs hatte gerade begonnen und das ist ja einfach logisch – und in einem anderen Kurs der Begriff eines Kapitels Nummer 6 fiel, weil wir das Thema gerade behandelten.

Alles super, Max fragte mich nachmittags, welches Kapitel wir in welchem Buch lesen sollten, versicherte sich dann noch einmal am nächsten Tag und als wir dann das nächste Mal Unterricht hatten und der Lehrer fragte, wie uns das Kapitel gefallen habe, schlug er sich in gemütlicher Verärgerung aufs Knie und sagte: „Damn it! Ich habe doch tatsächlich Kapitel 6 gelesen anstatt Kapitel 1!“ Es ist mir bis heute unbegreiflich.

Und so komme ich zum selben Schluss wie in meinem Buch: Wir Einzelkinder sind nicht altklug. Wir wissen es oft einfach wirklich besser.

5. Eltern von Einzelkindern denken wohl nicht dran, was es für das Kind bedeutet, allein zu bleiben…

…nämlich manchmal etwas ganz Wunderbares. Meinen Sie, Leonardo da Vinci hätte seine Mona Lisa so hinbekommen, wie sie ist, wenn ein kleiner Bruder daneben gestanden hätte, der lustige Farbkleckse aufs Bild getupft hätte, wenn Leonardo nicht hinsah? Wäre Einstein jemals mit seiner Relativitätstheorie fertig geworden, wenn eine große Schwester ihn ständig mit besserwisserischen Sprüchen genervt hätte?

Wahrscheinlich nicht! Was würden wir nur machen, wenn wir die ganze Zeit von nervenden Geschwisterkindern abgelenkt würden und unser Genie unentdeckt bliebe? Vielleicht wären wir musikalisch immer noch im Mittelalter, wenn Elvis Presley damals nicht zur Musik gekommen wäre, weil er auf seine Schwester oder seinen Bruder aufpassen musste.

Fakt ist: Als Einzelkind hat man mehr Langeweile und muss sich zwangsläufig viel mehr mit sich selbst beschäftigen. Das bedeutet auf der einen Seite, dass man viel mehr über sich herausfindet und wahrscheinlich schon sehr früh versteht, was man so alles draufhat. Und nicht nur das: wir müssen uns unsere Freundschaften auch hart erarbeiten und selber suchen.

Johanna beispielsweise ist Geschwisterkind und sitzt nachmittags manchmal einsam in der Puppenecke und langweilt sich. Und bevor sie sich die Mühe macht, mit ihren Windelpupserstampfern neue Freunde auf dem Spielplatz nebenan zu gewinnen, spielt sie lieber mit ihrer jüngeren Schwester, auch wenn es vielleicht nicht ganz so aufregend ist.

Wir Einzelkinder dafür müssen uns nicht nur auf dem Spielplatz behaupten und aufpassen, dass man nicht unser Spielzeug klaut, sondern auch noch versuchen, Kontakte zu knüpfen und damit zurechtkommen, dass Gerrit nun mal lieber mit Gerda spielen will als mit uns, obwohl sie heimlich ihre Popel and seine Schüppe klebt, wenn er nicht hinsieht. So ist das nunmal.

Wir werden von Anfang an abgehärtet, also ist es eigentlich gar nicht so schlecht, allein aufzuwachsen. Und allein aufzuwachsen bedeutet immerhin auch, dass alle Geschenke unterm Tannenbaum für einen selbst sind. Ist das nicht wunderbar? Wir können uns unsere Spielkameraden aussuchen UND kriegen das größte Stück Torte. Keine Sorge, liebe Eltern. Einzelkind sein ist gar nicht mal so schlimm.

6. Einzelkinder sind sozial inkompetent.

Was bedeutet denn Sozialkompetenz? Laut unserer einzigartigen Internet-Suchmaschine ist es “die Fähigkeit einer Person, in ihrer sozialen Umwelt selbstständig zu handeln”. Also, ich kann mich glücklicherweise mit anderen Menschen verständigen. Ich kann alleine einkaufen gehen, Auto fahren, Behördenanrufe stehe ich schweißgebadet durch, aber ich stehe sie durch.

Haben Sie schon einmal versucht, Geld von einer Fluglinie zurückzubekommen? Geld, das Ihnen zusteht? Ja, ich auch nicht – und ich hoffe, dass dieses erste Mal das letzte Mal ist.

Ich habe für ein Gepäckstück doppelt bezahlt – einmal telefonisch durch den Kundenservice und dann noch einmal am Flughafen, weil der Betrag noch nicht abgebucht wurde und damit kein Beweis vorlag, dass ich den zweiten Koffer bereits bezahlt hatte – und mir wurde gesagt, dass ich einfach die Quittung beim Kundenservice einreichen müsse, um dann das Geld wiederzubekommen. Gesagt, getan.

Seit acht Wochen diskutiere ich mit dem Kundenservice, warum mir das Geld zusteht und ich sage Ihnen – so langsam verliere ich meine Sozialkompetenz. Meine letzte E-Mail enthielt mehr Großbuchstaben als so mancher Werbeslogan und ich frage mich, ob ich durchgängig mit hirnlosen Menschen kommuniziere, oder ob diese einfach keinerlei Sozialkompetenz besitzen, denn ich werde von einem Mitarbeiter zum nächsten gereicht.

Kann denn keiner dort selbstständig denken, handeln und arbeiten? Offensichtlich nicht. Lautete eine Frage beim Einstellungsgespräch “Wie gut sind Sie darin, Dinge zu ignorieren, an andere weiterzuleiten und ohne Gewissen arme Studentinnen abzuzocken?” Entschuldigung, ich schweife vom Thema ab, also: Einzelkinder sind sozial inkompetent? Nur, wenn sie für den Kundenservice bei Fluglinien arbeiten.

Julia Katharina Müller: How to survive als Einzelkind. Schwarzkopf & Schwarzkopf

7. Eltern von Einzelkindern projizieren alle Erwartungen einzig und allein auf dieses eine (ARME) Kind!

Naja, wohin sollen sie ihre Erwartungen auch sonst projizieren? Auf die Katze? Das Meerschweinchen? Ich weiß ja nicht so recht. Ich weiß, dass meine Mutter keinerlei offensichtliche Erwartungen an mich hatte und mich ziemlich sicher auch lieben würde, wenn ich mit fünfzig Jahren und dreißig Katzen noch immer in meinem alten Kinderzimmer wohne und Pferdeposter von den Wänden knibble.

Finde ich selbst nicht ganz so spektakulär, deshalb stelle ich unendlich viele Erwartungen an mich selbst, die ich mehr oder weniger erfülle. Was aber definitiv wahr zu sein scheint, ist, dass perfektionistische und dominante Eltern ihre Sprösslinge richtig unter Druck setzen können – und wenn gerade nur ein Sprössling da ist, dann hat das Einzelkind eben Pech gehabt.

Dann muss es eben mit drei Jahren ins Ballett, mit fünf Blockflöte lernen, dann mit Reiten anfangen, um neben der Schule noch in der Biologie AG der Vorreiter zu sein und bloß eine Eins vor dem Komma haben, wenn die Schule abgeschlossen wird. Aber das Gute ist ja, dass wir Einzelkinder besonders tough und egoistisch sind und somit sowieso genug Zeit für alle Hobbies haben, die unsere Eltern uns so aufbrummen, weil wir aufgrund unserer mangelnden Begeisterung zum Teilen keine Freunde haben.

Von daher ist es total in Ordnung, dass ihr, liebe Eltern, eure ganzen Erwartungen auf uns projiziert. Sorgt nur dafür, dass ein ordentlicher Therapieplatz für uns bereitsteht, wenn wir 18 sind.

8. "Ein Kind ist kein Kind."

Hä? Also, ich bin zwar noch keine Mutter, aber ich kann mir vorstellen, dass gerade ein Kind EIN KIND ist, denn bei welchem Kind ist man wahrscheinlich sekündlich hochsensible und helikoptermuttermäßig unterwegs, damit dem kleinen Stöpsel ja nichts passiert?

Genau, beim ersten. Berichten zufolge sind die Eltern beim zweiten Kind meist viel entspannter, deshalb auch der „Aber-Mama,-ich-durfte-das-in-seinem-Alter-noch-nicht“-Neid. Deshalb frage ich mich, welcher Mensch eine kurze Episode von Hirnschaden hatte und dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat.

Denn das würde nicht nur bedeuten, dass Eltern erst beim zweiten Kind ihren Familientraum erfüllt sehen, sondern auch, dass keine der Mythen über Einzelkinder der Wahrheit entspricht. Denn wenn ein Kind kein Kind ist, dann gibt es ja quasi gar keinen Grund, warum Eltern ihren Einzelkindern viel zu viel Aufmerksamkeit, Liebe und Zuneigung schenken sollten. Hab ich recht oder bin ich altklug?

Foto oben: pixabay

 

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4 Kommentare

  1. Einzelkind
    Na, wenn Eltern nur ein Kind haben dann denken sie halt eher auch mal an sich! Ich bin auch ein Einzelkind und habe es manchmal genossen und manchmal verflucht. Genauso geht es bestimmt Geschwisterkimdern. Und die Geschwister, die ich nicht hatte, habe ich jetzt als Kinder als 3fach Mama.

  2. Einzelkind
    Na, wenn Eltern nur ein Kind haben dann denken sie halt eher auch mal an sich! Ich bin auch ein Einzelkind und habe es manchmal genossen und manchmal verflucht. Genauso geht es bestimmt Geschwisterkimdern. Und die Geschwister, die ich nicht hatte, habe ich jetzt als Kinder als 3fach Mama.

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