Sind wir als Eltern für das Glück unserer Kinder verantwortlich?

Glückliche Kindheit

Foto: pixabay

Ihr Lieben, wir sind immer extrem glücklich, wenn wir durch Gastbeiträge selbst noch etwas lernen und wertvollen Input bekommen. Bei dem folgenden Text geht es uns genau so. Was für wunderbare Einblicke, die Eltern nicht nur den Druck nehmen, ihre Kinder 24 Stunden am Tag glücklich machen zu müssen, sondern die zeigen, wonach wir stattdessen gemeinsam mit unseren Kindern schauen sollten, um ein erfülltes Leben führen zu können. Ihr wart schon so begeistert von dem Text Mein Kind ist ein Träumer: Wie das mit der Schule und dem Lernen trotzdem klappen kann der AutorInnen Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund. Hier kommt ihr neues Stück für mehr Wärme ums Herz:

Bin ich für das Glück meiner Kinder verantwortlich? Seit wir uns beruflich stärker mit dem Thema Glück beschäftigen und dazu das Buch „Jaron auf den Spuren des Glücks“ geschrieben haben, wurde uns diese Frage von Eltern erstaunlich oft gestellt. So, als wäre das Glück der Kinder ein weiterer Punkt, der auf der langen To-Do-Liste der Eltern landet. Natürlich möchten wir alle, dass unsere Kinder glücklich sind – aber müssen wir uns wirklich dafür verantwortlich fühlen?

Jetzt habe ich mir solche Mühe gegeben und es ist wieder nicht recht!

Wenn man bei der Google-Bildersuche „Familie“ eingibt, bekommt man einen Vorgeschmack darauf, was die Medien heute darunter verstehen: Vater, Mutter, Tochter und Sohn rennen glückselig lächelnd, Hand in Hand im goldenen Schimmer der untergehenden Sonne übers Feld, genießen das üppig bestückte Picknick im Park auf der blitzblanken Decke, liegen strahlend und eng umschlungen auf der Couch oder dem Teppich in der aufgeräumten Wohnung.

Die moderne Familie ist also aktiv, unternehmungslustig und erlebt gemeinsam harmonische Momente des Glücks.

Das beginnt natürlich beim reichhaltigen Frühstück, bei dem die Kinder begeistert die gesündesten Sachen verspeisen, während die attraktiven Eltern selbstverständlich Zeit haben, sich angeregt zu unterhalten (geben Sie bei der Bildersuche hier „Familie Frühstück“ ein).

So lächerlich diese Bilder sind und so sehr wir uns bewusst sind, wie unrealistisch diese Darstellungen sind: Sie beeinflussen uns doch.

Sie setzen uns in den Kopf, dass Kinder immer glücklich sind, wenn es die Eltern nur gut genug machen.

Und weil wir es ja alle gut machen wollen, legen wir uns für unsere Kinder ganz besonders ins Zeug: Wir klügeln das perfekte Programm für den Kindergeburtstag aus, bestellen schon Wochen vorher die passende Deko oder basteln sie gleich selbst, planen spannende Ausflüge und informieren uns auf Blogs, wie man Kindern gesundes Essen schmackhaft machen kann (Gemüsegesichter und Co. lassen grüßen!). Immer in der Hoffnung auf begeisterten Nachwuchs und schöne Familienmomente.

Doch wo so viele Erwartungen drinstecken und so viel vorbereitet wurde, ist die Enttäuschung oft nicht weit. Die Kinder quengeln im Zoo, weil sie ein Eis wollen, anstatt sich die Tiere anzugucken. Die Tochter ist vom ganzen Trubel und der Lautstärke beim Kindergeburtstag so gestresst, dass es Tränen gibt und das jüngere Geschwister hat einen Wutausbruch, weil es ein kleineres Geschenk bekommen hat als das Geburtstagskind. Die ach so gesunden Gemüsegesichter werden zwar neugierig beäugt, aber am Ende doch von Mama gegessen. Und das tagelang vorbereitete Weihnachtsfest war wieder einmal nicht so besinnlich und harmonisch, wie man sich das vorgestellt hatte.

Wir fühlen uns verletzt und wütend: Jetzt haben wir uns so viel Mühe geben und es ist wieder nicht recht! Wie undankbar und verwöhnt die Kinder doch heute sind! Wir hätten das früher doch viel mehr zu schätzen gewusst…

Willkommen im hedonistischen Hamsterrad!

Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler

Wie eine Untersuchung des Psychologieprofessors Shigehiro Oishi der University of Virginia zeigt, glauben in Deutschland die meisten Menschen, dass sich ein glückliches Leben vor allem durch Vergnügen, Freude, Stabilität und Komfort auszeichnet. Um dem näher zu kommen, planen wir den nächsten tollen Urlaub, streben einen weiteren Karriereschritt an, versuchen mehr Geld zu verdienen, um uns ein größeres Haus oder ein Zweitauto leisten zu können.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass wir auch beim Glück unserer Kinder oft auf diese Karte setzen, ihnen mit tollen Freizeitaktivitäten ein Lächeln entlocken wollen oder ihnen mit neuen Spielsachen eine Freude machen.

Vielen von uns ist bewusst, dass all das nicht zu langfristiger Zufriedenheit führt, sondern höchstens zu einem kurzfristigen Hochgefühl. Aber wenn wir uns fragen, was für uns und unsere Kinder wirklich zu einem glücklichen Leben dazugehört, dann werden viele von uns ein wenig hilflos – im Sinne von: „Ich weiß, dass uns Dauerbespaßung, Konsum und Karriere nicht glücklich machen – aber was denn dann?“

Wo versteckt sich das Glück?

Die Forschung zu Lebenszufriedenheit und Positiven Psychologie zeigt, dass das Glück nicht laut, bunt und teuer daherkommt, sondern eher auf leisen Sohlen.

Es schleicht sich in unser Leben, wenn wir gemeinsam mit Menschen, die wir mögen, einer Arbeit nachgehen, die uns interessiert und anderen nützt.

Es pirscht sich an, wenn wir mit unserer scheinbar knappen Zeit verschwenderisch umgehen und sie Menschen schenken, die uns wichtig sind.

Es kommt aus seinem Versteck, wenn wir wissen, was wir gerne tun, gut können und wobei wir die Zeit vergessen.

Es gesellt sich zu uns, wenn wir bewusst genießen, uns in ein spannendes Buch vertiefen, ein Musikstück hören, ein heißes Bad nehmen, beim Essen alle Sinne anknipsen oder die Natur bestaunen.

Es verweilt etwas länger bei uns, wenn wir uns bewusst machen, was wir alles haben, wofür wir dankbar sind, was heute gut gelaufen ist und worauf wir uns freuen.

Es findet einen Platz in unserem Leben, wenn wir über uns hinausdenken, andere unterstützen, uns für eine gute Sache einsetzen und dadurch Sinn erleben dürfen.

Es findet zu uns zurück, wenn wir auch unangenehme Gefühle zulassen können und in schwierigen Momenten Menschen um uns haben, mit denen wir sie teilen können.

Wie wir gemeinsam mit unseren Kindern herausfinden, was glücklich macht

Im Buch „Jaron auf den Spuren des Glücks“ macht sich der junge Fuchs Jaron gemeinsam mit seinen Freundinnen, dem verträumten Hasenmädchen Lotte, der gemütlichen Bärin Frieda und der etwas ängstlichen, aber treuen Ente Merle auf die Suche nach dem Glück.

Das tut er nicht ganz freiwillig: Seine strenge Lehrerin, Frau Luchs, hat ihn für das Semesterprojekt in eine Mädchengruppe gesteckt, weil die coolen Jungs ihn nicht dabeihaben wollten.

„Wer nimmt den Fuchs noch?“, ruft Frau Luchs und mustert eine Gruppe nach der anderen: „Merle, Frieda, Lotte – ihr seid nur zu dritt?“

„Bitte nicht zu den Mädchen, bitte nicht zu den Mädchen“, bettelt Jaron in Gedanken und trommelt mit den Pfoten gegen seine Oberschenkel.

„Dürfen wir nicht bitte, bitte zu dritt arbeiten, Frau Luchs?“, schnattert Ente Merle.

Aber Frau Luchs bleibt hart. „Ich habe gesagt: Vierergruppen! Jaron kommt zu euch.“

Die Mädchengruppe stöhnt auf und auch Jaron verdreht die Augen. „Das kann die doch nicht machen!“, denkt er und seufzt.

Als Lotte schließlich Glück als Thema vorschlägt, weiß Jaron, dass er zwar etwas mehr davon gut gebrauchen könnte, ist aber skeptisch, ob es sich finden lässt.

Nach einigen Startschwierigkeiten entwickelt sich zwischen den Tierkindern eine schöne Freundschaft, in der Jaron mehr und mehr zu sich selbst findet und den Mut entwickelt, seinen eigenen Weg zu gehen. Die Kinder entdecken während ihres Abenteuers verschiedene Glückslektionen, die sie in ihrem Forscherjournal festhalten. Diese regen die Leser/innen dazu an, sich selbst auf Spurensuche zu begeben und herauszufinden, was ihnen gut tut.

Jaron erwarten aber schon bald neue Widrigkeiten. Sein Vater, der Bürgermeister, betrachtet die Veränderungen, die Jaron durchläuft, mit Argwohn. Er verbietet ihm, sich weiter mit den drei Mädchen zu treffen und erteilt ihm Hausarrest für seine Aufmüpfigkeit. Er ist sich sicher, dass sein Sohn einfach nicht weiß, was gut für ihn ist.

Jaron hingegen leidet immer mehr darunter, dass er die Erwartungen seines Vaters nicht erfüllen kann:

„Weißt du, Papa“, sagt Jaron. „Ich wollte dir keinen Ärger machen.“ Nervös nimmt er seine Pfoten vom Klavier und knetet sie. „Ich weiß, dass du lieber einen Sohn hättest wie David: so ein Sportass, auf den du beim Spiel stolz sein kannst, und für den du dich nicht schämen musst, weil er den Elfmeter verschießt. Oder jemanden wie Vinnie, der Biss hat und sich durchsetzen kann, wie du immer sagst. Ich habe es wirklich versucht, aber ich bin nicht so. Ich schaffe es nicht, dass du zufrieden mit mir bist.“

Jarons Vater hört zu, ohne ein Wort zu sagen. Er spielt ein paar Töne, hält plötzlich inne und sagt, ohne Jaron anzusehen: „Es ist schlimm, wenn man das Gefühl hat, dass man nie genügt und anders sein müsse. Das wollte ich nie an dich weitergeben.“

Da beginnt Jaron so fest zu schluchzen, dass sein ganzer Körper bebt. Der Vater legt ihm den Arm um die Schulter und drückt ihn an sich. Jaron vergräbt die Schnauze im Fell seines Papas und weint, bis keine Tränen mehr übrig sind.

Nach langem Ringen und einigen dramatischen Ereignissen finden Jaron und sein Vater zueinander und es gelingt dem Bürgermeister besser, seinen Sohn so anzunehmen, wie er ist:

Neben den Lektionen, die eher zum gemeinsamen Reflektieren einladen, finden die Kinder auch konkrete Glücksübungen: Beispielsweise die „Was ist gut gelaufen“- Übung oder die Freundlichkeitsübung, die sich in Studien als wirksam erwiesen haben, um die Lebenszufriedenheit und das Wohlbefinden langfristig zu fördern:

Sind wir nun für das Glück unserer Kinder verantwortlich?

Diese Frage muss wohl jede Mutter und jeder Vater für sich selbst beantworten. Wir persönlich glauben, dass wir als Eltern unsere Kinder nicht „glücklich machen“ können. Aber wir können gemeinsam mit unseren Kindern herausfinden, was ihnen und uns guttut und was zu einem zufriedenen Leben beiträgt. Dadurch legen wir einen Grundstein für die Fähigkeit unserer Kinder, später selbst für das eigene Wohlbefinden sorgen zu können, anstatt den falschen Dingen nachzujagen.

Die Autoren: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler sind Psychologen und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching. Sie sind Autoren mehrerer Bestseller, darunter „Lotte, träumst du schon wieder?“ und „Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden“. Mehr zu ihrer Arbeit: www.mit-kindern-lernen.ch

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