Wie es sich für Väter lohnt, mehr Hausarbeit & Erziehung zu übernehmen

Väter können das auch

Ihr Lieben, dass Väter das mit Haushalt und Erziehung schon auch können, das wissen wir wohl alle ganz genau. Warum trotzdem noch so oft die Haupt-Last der Care-Arbeit an der Frau hängen bleibt, darüber haben wir mit Journalist und Vater Fabian Soethof gesprochen. Er gibt nicht nur phänomenale Antworten, sondern hat auch ein sehr kluges und dabei auch noch zum Teil sehr amüsantes Buch geschrieben, weil er sich selbst darin nicht immer allzu ernst nimmt, aber sich eben auch nicht aus der Verantwortung stiehlt. Das Buch heißt: Väter können das auch! Es ist Zeit, Familie endlich gleichberechtigt zu leben.

Es erscheint am 21. März, am selben Abend findet um 20 Uhr auch die Buchpremiere mit Caroline Rosales als Moderatorin in Berlin statt und ihr könnt dafür noch Tickets ergattern. Ansonsten findet ihr Fabian auf seinem Blog oder bei Instagram. Jetzt lest aber erstmal rein ins sehr unterhaltsame Interview.

Lieber Fabian, du sagst viele Väter wollten heute nicht mehr nur finanzielle Verantwortung übernehmen, sondern Familie und Erziehung gleichberechtigt leben. Was genau hindert sie daran?

Die eingefahrenen Rollenbilder in unserer Gesellschaft und Wirtschaft hindern sie daran – und dadurch hindern sich die Väter auch oft selbst. Es scheint für Männer leichter, nach der Geburt zwei Wochen Urlaub und später mal zwei Monate Elternzeit zu nehmen, davor und danach aber weiter in Vollzeit erwerbsarbeiten zu gehen, weil es „doch alle so machen“, weil das für nur überschaubaren Stress mit dem Arbeitgeber sorgt, weil „Frauen das doch eh viel besser können“ – und weil sie tatsächlich oft die Hauptverdiener in der Familie sind und nicht langfristiger an Einkommen einbüßen wollen oder, seltener, wirklich nicht können.

Viele Familien rutschen durch festgefahrene Rollenbilder in „traditionelle Fahrwasser“, wie du es nennst. Darunter würden auch die Väter leiden. Inwiefern? Mal provokant gefragt: Ist es nicht besonders praktisch für sie, wenn jemand anders putzt?  

Väter leiden darunter, weil viele von ihnen vielleicht wirklich gerne mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen – Statistiken belegen das –, sie aber glauben, dies nicht zu können. Der Financial Load liegt großteilig auf ihren alleinigen Schultern. Sie können dann keine derartige Bindung zu ihren Kindern aufbauen, wie es weniger erwerbsarbeitende Mütter tun und es für alle Beteiligten gut und gesund wäre. Klar, sie bringen das Geld nach Hause. Aber ob sie auf dem Sterbebett bereuen werden, nicht genug gearbeitet zu haben? Und ob sie ihre Frau wirklich den ganzen Scheiß alleine machen lassen wollen? Ich bezweifle das beziehungsweise hoffe inständig, dass es eigentlich anders ist.

Und: Natürlich scheint es praktischer bzw. einfacher zu sein, wenn jemand anderes putzt, zumindest kurzfristig. Das gilt nicht nur für Väter: Wer macht schon gerne mehr Arbeit als nötig? Die Frage ist, zu welchem Preis Väter ihre Frauen viel mehr unbezahlte Care-Arbeit verrichten lassen als sie sie selbst tun. Es soll ja durchaus Paare geben, bei denen die traditionelle Rollen- und Arbeitsverteilung aufrichtig und abgesprochen okay für beide Seiten ist.

Aus eigener Erfahrung wage ich aber zu bezweifeln, dass Windeln wechseln, Putzen, Kochen, Aufräumen und Einschlafbegleitung allein zur Erfüllung und einem halbwegs ausgeglichenen Alltag führen. Warum sollten Frauen das anders sehen? Warum sollten sie nicht auch mehr als nur vormittags in Teilzeit erwerbsarbeiten dürfen und können? Nur weil sie keinen Pimmel haben? Und warum sollten Männer dies nicht erkennen?

Bei allem Respekt: Kein Tag im Büro ist so anstrengend wie einer mit kleinen Kindern zuhause. Außerdem ist es auch meine Wohnung, es sind auch meine Kinder. Ich will nicht, dass meine Frau sich wie meine Mutti fühlt, sie will das gewiss auch nicht. Also: Ja, es ist für ihn praktisch, wenn sie putzt – solange beim nächsten Mal er putzt.

Du selbst leitest eine Online-Redaktion – in Teilzeit. War das ein Problem mit dem Arbeitsgeber oder hast du einfach Glück in der Medienbranche?

Ich habe auch abseits einer Pandemie das Glück, dass ich meine Arbeit von fast überall und zu flexiblen Zeiten erledigen und eigenverantwortlich agieren kann. Natürlich kamen damals Fragen auf, wie das denn funktionieren soll, wer mich wann vertritt, was in Notfällen passiere und so weiter.

Aus Erfahrung weiß ich aber, dass solche „unkonventionellen“ Szenarien nur dann im Vorfeld für wirkliche Probleme oder Skepsis sorgen, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber in deren Umsetzung nicht erprobt sind. Wir wussten, dass es funktionieren würde – und ja auch funktionieren muss. Bei allem Respekt für beide Seiten: Jede*r ist ersetzbar. Und wenn der neue Arbeitsalltag einmal angelaufen ist, wird man merken: Läuft ja besser, als befürchtet.  

Hast du das Gefühl, du musst dich vor anderen Vätern dafür rechtfertigen? Warum machen das so wenige andere Männer (die arbeiten ja nach der Geburt des Kindes sogar in der Regel noch mehr als vorher)?

Ich musste mich im privaten Umfeld zum Glück noch nie dafür rechtfertigen. Ich hätte mich aber vor meiner Familie rechtfertigen müssen, wenn ich so weiter gemacht hätte wie immer. Ich glaube, so wenige andere Väter arbeiten dauerhaft in Teilzeit, weil sie erstens heimische Anstrengung, also Care-Arbeit, vermeiden wollen und sich lieber ins Büro flüchten mit dem Argument des Geld-Verdienens. Bei Geringverdienenden mag das ein stichhaltiges sein – bei Besserverdienenden halte ich es oft für vorgeschoben bzw. eine Frage der Prioritäten.

Zweitens wollen sie Anstrengung im Job vermeiden: In den meisten Unternehmen gilt Mann noch immer als Exot, wenn er sich länger als zwei Monate am Stück um seine Kinder kümmern will. Erst wenn dies selbstverständlicher wird, also mehr Männer von mehr Elternzeit und Teilzeit Gebrauch machen, merken ihre Chefs oder Chefinnen, dass Männer in dieser Hinsicht ein genau so großes „Ausfallrisiko“ wie Frauen darstellen – und wissen mittelfristig, dass sie ihnen deshalb keine Steine in den Weg legen sollten. Mit einem unzufriedenen Arbeitnehmer ist auch niemandem geholfen.

Drittens: Solange sie nicht aus eigener Erfahrung wissen, wie anstrengend, aber auch wie sinnvoll Care-Arbeit wirklich ist, wissen sie nicht, was viele Frauen täglich nahezu ungesehen leisten. Das muss flächendeckend erkannt werden, damit ein wirklicher Wunsch zur Veränderung entsteht. Frei nach einem Spruch des Autors und Comedians Moritz Neumaier: „Das ist nicht feministisch, sondern logisch.“

Ich jedenfalls will nicht mehr täglich spät abends nach Hause kommen, wenn die Kinder im Bett liegen und all die Heimarbeit getan wurde. Ich finde, das sollte für niemanden ein Lebens-Arbeits-Modell sein. Es sollte ohnehin „Life-Work-Balance“, nicht „Work-Life-Balance“ heißen, solange diese Balance nicht wirklich ausgeglichen ist.

Hattest du väterliche Vorbilder für deine doch sehr moderne Einstellung?

Ich finde es ja schon wieder traurig, dass meine Einstellung als modern empfunden wird. Ich empfinde sie mindestens für relativ privilegierte Paare wie uns als eigentlich selbstverständlich – weiß aber, dass sie das leider noch lange nicht ist. Nein, ich hatte keine väterlichen Vorbilder in dieser Hinsicht. Meine Eltern waren sehr jung und trennten sich kurz nach meiner Geburt. Ich war an den Wochenenden regelmäßig bei meinem Vater, wir verstehen uns bis heute sehr gut.

Ein so genannter „anwesender Vater“ war er im neueren Sinne trotzdem nicht: Damals waren stets seine Lebenspartnerin, Tanten oder meine Oma da, bis heute arbeitet er als Geschäftsführer eines kleinen Elektro-Sanitär-Familienunternehmens über 60 Stunden pro Woche. Ich bin unter Frauen aufgewachsen, die sich kümmerten. Meine Generation ist es. Meine Söhne werden mir eines fernen Tages zumindest nicht vorwerfen können, dass ich nicht da gewesen wäre. Höchstens, dass ich kein Geld für ihre Ausbildung sparen konnte. Danke für fast nichts, Kapitalismus!

Statistiken zeigen, dass auch wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten, oft der Großteil des Familien-Mental Loads (Geburtstagsgeschenke besorgen, Essenpläne erstellen, Babysitter organisieren etc.) bei der Frau liegt… Warum?

Weil sie es so gelernt haben, weil sie sozialisiert wurden, weil uns Gesellschaft, Werbung, Film und Fernsehen noch immer unterm Strich seit Jahr und Tag nichts anderes erzählen. Das fängt im Kleinkindalter bei Spielzeug (Autos vs. Puppen) und Kleidung (blau vs. rosa) an, zieht sich durch die Kindheit („Boys will be boys“ vs. „Ein Mädchen macht sowas nicht“) bis hin ins eigene Elterndasein, in dem gerade Frauen es niemandem Recht machen können: Sie sollen sich kümmern und dies bitteschön auch wollen. Sie gelten als Rabenmütter, wenn sie „früh“ wieder arbeiten wollen. Sie werden gefragt, wo bloß ihr Kind ist, wenn sie abends auch mal vor die Tür gehen.

Väter erleben all dies nicht – und verspüren deshalb auch gar keinen Druck, zuhause mitdenken zu müssen. Mama kümmert sich, Mama macht das schon. Und so entsteht der Teufelskreis: Irgendwann weiß Mama es wirklich besser als Papa, weil sie seit Jahr und Tag Dinge organisiert und bedenkt, von denen er immer weniger Ahnung kriegt, sich erst recht auf dieser Schieflage ausruht und insgeheim womöglich sogar denkt, dass seine Erwerbsarbeit und Karriere wichtiger sei als ihre. Bis es kracht, oft auch leider nur innerlich.

Wie verteilt ihr eure Aufgaben in eurer Familie? Verteilt ihr ganze Arbeitspakete?

Reden und planen hilft, mittlerweile passiert vieles aber intuitiv oder selbstverständlich. Zum Beispiel bringe ich in der Regel die Kinder zu Schule und Kinderladen. Einer von uns beiden hilft ihnen vorher beim Anziehen. Einer von beiden holt sie ab, auch da sind wir, da beide in Teilzeit arbeiten, zum Glück flexibel. Es gibt aber keine starre Verteilung im Sinne von „Du kümmerst dich immer um neue Kinderklamotten, ich um Termine bei Ärzt*innen“ oder so. Mal koche ich, mal sie. Mal nehme ich am Elternabend teil, mal sie.

Was ich zugeben muss: Ich bin ganz gut darin, im Alltag „abzuarbeiten“, Wäsche waschen, einkaufen und so weiter. Sie denkt weiter an die Zukunft und somit auch an Urlaube, Pläne und dergleichen. Da macht mein Kopf zu oft zu. Weil ihm die täglichen To-Do-Listen oft schon alles verstopfen. Weil Mental Load anstrengt und niemals endet. Und weil auch ich männlich sozialisiert wurde und gewisse Dinge tief in mir drin lieber erledigen lassen würde. Diese Erkenntnis allein hilft bloß niemandem weiter.

Wenn jetzt eine Familie vor dir sitzt, die weiß, dass die Aufgaben eigentlich ungerecht verteilt sind – und das jetzt ändern will. Wie schafft sie das, aus dem eingefahrenen Modell wieder rauszukommen?

Jeder Elternteil sollte seine Privilegien checken: Was kann ich warum machen, was mein Partner oder meiner Partnerin nicht machen kann? Will ich, wollen wir wirklich so leben und arbeiten wie bisher? Wie kann ich dem Gegenüber dabei helfen, seine Wünsche und Ziele zu realisieren? Ist es für Männer wirklich ein Rückschritt, mutmaßlich Karriereknicke hinzunehmen, wenn das Opfer der eigenen Karriere die der eigenen Frau ist? Zumal Frauen seit Jahrzehnten diese Brüche hinnehmen mussten?

Wenn all das erkannt und bedacht wurde, sind ausgeweitete Eltern- und Teilzeitoptionen bei Vätern ein naheliegender erster Schritt. Das mag gegenüber der eigenen Eingefahrenheit und dem Arbeitgeber oder der Arbeitgeberin gegenüber anstrengend erscheinen, lohnt sich aber. Zumal es aus gutem Grund Gesetze dafür gibt. Und wenn diese Inanspruchnahme dafür sorgt, dass er mehr Zeit mit seinen eigenen Kindern verbringen kann, zuhause nicht länger nur „hilft“ und die finanzielle Last nicht mehr nur auf seinen Schultern liegt, wenn auch die Frau einer Erwerbsarbeit nicht nur nachgehen will, sondern auch kann – come on, what’s not to like?

Was bringt es am Ende ALLEN Familienmitgliedern, wenn die Last auf mehreren Schultern verteilt ist?

Was es Vätern und Müttern bringt, habe ich schon angedeutet. Wenn ein Elternteil – sofern wir von Paaren sprechen – jeden Scheiß alleine macht, ist er entsprechend müde und zerrissen und kann den Bedürfnissen der Kinder mehr schlecht als recht gerecht werden, von den eigenen ganz zu schweigen. Wer sich mehr teilt, kann sich auch öfter mal herausnehmen. Den Kindern hilft, nicht mehr nur eine echte (und weniger ausgelaugte) Bezugsperson zu haben.

Außerdem sehen sie zumindest in den eigenen vier Wänden und nehmen für ihre eigene Sozialisation mit, dass Männer nicht „so“ und Frauen nicht „so“ zu sein haben: Auch Papa kann waschen, putzen, kochen, trösten. Auch Mama kann auf Dienstreise oder in Videocalls sein. Und all das sowie meine obigen Antworten führen in einer perfekten Welt eines fernen Tages zu einer Schließung des Gender Care Gaps, des Gender Pay Gaps und somit zu mehr Gleichberechtigung.

Was wünschst du dir für die nächste Väter- und Müttergeneration?

Ich wünsche mir, dass Eltern nicht mehr nur das machen können und müssen, was angeblich von ihnen erwartet wird. Sondern das, was sie wirklich wollen: Er will Vollzeit erwerbsarbeiten und sie Jahre lang zuhause bleiben? Bitteschön! Fragt euch nur, ob das wirklich euer Wunsch ist. Sie will Karriere machen und er Hausmann sein? Lasst euch nicht durch Sprüche von der buckeligen Verwandtschaft oder den Kolleg*innen davon abhalten! Schön wäre, wenn all dies einfach kein Thema mehr wäre. Aber damit das eines Tages so kommt, müssen wir im Privaten UND Politischen noch viel darüber sprechen UND entsprechend handeln.

Zukünftige Eltern und meine Kinder als Erwachsene sollen ohne Abhängigkeitsverhältnisse selbstbestimmter entscheiden können, wem sie in welcher Form ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Frei nach dem Wir-Sind-Helden-Song „Müssen nur wollen“, aber nicht im Sinne von „Reißt euch zusammen und funktioniert“, sondern im Sinne von: Wenn wir als Gesellschaft wirklich an einem Strang ziehen würden, wenn wir also wirklich wollen, dann ist all das hier nicht ewig nur eine Utopie. Sondern Gleichberechtigung ein erreichbares Ziel – wenngleich nicht unbedingt innerhalb der nächsten zehn Jahre, wie sich die aktuelle Bundesregierung gut gemeint in ihren Koalitionsvertrag schrieb.

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4 comments

  1. Das ist ein sehr erfrischendes Denken. Und das umdenken bzw. Das ändern der Verteilung leider nicht ganz möglich aber evtl auch ein Anstoß zum umdenken für manche was man machen kann

  2. Aus tiefster Seele DANKE! für dieses facettenreiche, tolle Interview! Danke, dass es aus der Sicht eines Mannes kommt. Ich fühle mich gesehen und verstanden. Bitte, bitte mehr davon! Viele Grüße
    A.

  3. Schrecklicher Titel der zu Sarkasmus einlädt. „Wie es sich für Mütter lohnt…“ Einfach inakzeptabel, Männer zu geteilten Verpflichtungen locken zu wollen und ihnen diesen Kram schmackhaft machen zu müssen. Dein Haushalt – deine Pflichten. Deine Kinder – deine Aufgaben usw. Punkt.

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