Vatersein und neue Väter: „Wir könnten, wenn wir wollten“

Vatersein

Foto: Max Zerrahn

Ihr Lieben, immer wieder ist von „neuen Vätern“ die Rede. Aber was und wer ist damit überhaupt gemeint? Das haben wir Autor Tillmann Prüfer gefragt, der uns dazu noch erzählt, wie das eigentlich laufen sollte zwischen uns Frauen und Männern, die wir gemeinsam Kinder bekommen haben. Das Gute: Er schont sich und seine eigenen Verhaltensweisen dabei nicht. Das gilt übrigens nicht nur für das nun folgende Interview, sondern auch für sein neues Buch: Vatersein – Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen.

Lieber Tillmann, Finanzminister Christian Lindner sorgte jüngst für Aufruhr, weil er „da schon so seine Vorstellungen“ habe, wie er – wenn irgendwann mal Kinder kommen – seine Elternzeit verbringt. Er wolle „Bücher schreiben, vielleicht promovieren, jagen, fischen, imkern.“ Wie hast du so in deinen Elternzeiten geschafft?

Das sind natürlich hehre Ziele. Ich habe neben all dem Kinderwagengeschiebe, Windelwickeln, Einkaufen, Füttern, Schaukeln und wieder Wickeln vielleicht gerade noch geschafft, ein Abendessen für meine Frau und ein paar Zeilen Text zu verfassen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Christian Lindner damit wirklich seine Elternzeit meinte oder einfach nur darüber fabuliert hat, wie er seine Zeit nach der Politik gestalten könnte.

Was also würdest du Christian Lindner erzählen, wenn er in einem Vatersein-Workshop vor dir säße und Tipps bräuchte?

Ich würde ihm sagen: Jagen, Imkern und Fischen? Das ist doch schon mal sehr gut, wenn ein Vater weiß, was ihm Spaß macht. Dann kann er nämlich genau diese Passion mit seinen Kindern teilen. Wenn Christian Lindner mit seiner Tochter oder seinem Sohn zusammen einen Bienenstock pflegt, dann wäre das eine tolle Sache, das Kind könnte viel von ihm lernen und er würde sein Kind auf eine ganz eigene Weise kennenlernen. Und ich würde ihm raten, einen Plan zu machen, wie er das auch umsetzen möchte. Soweit kommen viele Väter schon gar nicht. Sie fragen sich nicht, was ihnen selbst Spaß macht, was sie mit ihrem Kind teilen wollen, sondern warten bis ihre Partnerin ihnen sagt, was sie machen sollen.

Du sagst, es brauche mehr „neue Väter“? Was genau macht einen neuen Vater für dich aus?

Es wird so viel über neue Väter gesprochen, dass man denken könnte, wir lebten in einer ganz neuen Zeit. Aber ich bezweifle, dass wir wirkliche viele Väter haben, die Dinge grundsätzlich anders machen. Väter nehmen sich heute vor, ein engeres Verhältnis zu ihren Kindern haben und sie wollen sicherlich mehr Care-Arbeit übernehmen. Das haben sich unsere Väter aber auch schon vorgenommen. Aber wenn wir nüchtern auf die Zahlen blicken, dann hat sich kaum etwas geändert.

Neun von zehn Vätern arbeiten in Vollzeitjobs. Die meisten Mütter kleiner Kinder arbeiten Teilzeit. Nach wie vor glauben Männer, dass ihre eigentliche Bestimmung ist, an einem Arbeitsplatz Karriere zu machen und ihre Kinder eine Feierabend-Beschäftigung sind. Und sie lassen zu, dass sie die wichtigste Zeit, in der sie eine tiefe, fruchtbare Beziehung zu ihren Kindern aufbauen können, einfach verpassen.

Für dein neues Buch „Vatersein – Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen“ lieferst du viele wichtige Belege dafür, dass Kinder eben keinen Vater brauchen, der in der Elternzeit fischen und imkern geht… Spaß beiseite… nein, es gibt einfach Beweise dafür, wie sehr Kinder von einer männlichen Bezugsperson in jungen Jahren profitieren. Erzähl uns mal mehr dazu.

Vatersein
Tillmann Prüfer. Foto: Max Zerrahn

Ich muss das etwas präzisieren. In der Entwicklungspsychologie spricht man eher nicht von Mutter und Vater, sondern von der Mutterrolle und der Vaterrolle bei der Sorge um ein Kind. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn es muss nicht unbedingt eine männliche Bezugsperson sein und schon war nicht der leibliche Vater. Meist sind das die leiblichen Väter, in der Vaterrolle. Aber das ist nicht zwingend.

Was man aber tatsächlich weiß, ist, dass Kinder sehr davon profitieren, wenn sie jemanden in Leben haben, der eine Mutterrolle innehat – und jemanden, der – oder die – die  Vaterrolle spielt. Das heißt, ein Kind nicht nur zu behüten, sondern auch herauszufordern, mit Neuem bekannt zu machen, zu ermutigen. Man hat zum Beispiel festgestellt, dass Väter wichtiger für den Spracherwerb sind. Sie konfrontierten die Kinder eher mit neuen Worten, und fordern eher zum Erzählen heraus, als Mütter. Das machen sie schon deswegen, weil sie, anders als die Mütter, erst einen eigenen Weg zum Kind suchen müssen.

Es ist mittlerweile bewiesen, dass Väter keineswegs weniger geeignet sind, einem Kind emotionale Nähe zu geben, als Mütter. Merkst du das auch an dir selbst im Alltag mit deinen vier Töchtern?

Natürlich merke ich das. Diese Nähe entsteht, wenn wir Zeit miteinander verbringen, etwas unternehmen, Spaß haben, streiten. Das Missverständnis ist oft, dass man glaubt, die emotionale Verbindung müsse die Gleiche sein, wie die Mutter sie hat. Man kann auch sehr verbunden sein, in dem man gemeinsam auf dem Sofa lümmelt oder das Handy repariert. Je authentischer man als Vater dabei ist, desto besser.

Wenn wir unsere Eltern oder Schwiegereltern fragen, würden viele sagen: Mei, was stellt ihr Frauen euch denn so an, eure Männer machen doch eh schon so viel mehr zu Hause als unsere damals… was können wir ihnen entgegnen?

Dahinter steht oft, das sich die ältere Generation angegriffen fühlt, weil sie glauben, man werfe ihnen implizit vor, es falsch gemacht zu haben. Und das sollte nicht sein. Jede Generation von Müttern und Vätern hat versucht, ihren Kindern das Beste zu bieten. Aber es kommt darauf an, die Umstände zu verändern, unter denen das geschieht. Dafür haben Feministinnen bislang viel getan – und ich finde, jetzt wären mal die Männer dran. Es geht nicht darum, dass der arme Vater, der schon so im Büro schuftet, jetzt auch noch Zuhause mit anpacken muss. Es geht darum, dass Väter sich nicht mehr als Büroarbeiter verstehen, die als Zweitjob Vaterschaft betreiben. Und das auch aktiv für sich einfordern.

Woher hast du dir deine Vorbilder in Sachen Vaterschaft gesucht?

Natürlich bei meinem eigenen Vater. Das ist das erste junge Vorbild, was Väter haben – und oft auch das einzige. Ich habe Glück gehabt, damals einen Vater haben zu dürfen, der viel Zeit mit uns Kindern verbringen wollte und uns auch viel zu erzählen hatte.

Würden deine Frau und deine Töchter sagen, ihr als Eltern hättet die Care-Arbeit durchaus gerecht geteilt?

Teilweise. Es gibt im Haus Dinge, die vor allem ich erledige und solche, um die sich meine Frau kümmert. Das würde ich auch alle Paaren raten: Die Verantwortlichkeiten klar und konkret aufzuteilen sie dann auch beim Partner oder der Partnerin zu belassen. Aber es gibt so viel mehr als Hausarbeit und Versorgungsarbeit. Wer hat die Elternabende im Kopf und weiß, wann das Kind auf Klassenfahrt geht? Wer weiß, wie die Freundinnen der Töchter heißen und wie es im Kleiderschrank der Jüngsten aussieht? Meistens nicht ich. Meine Frau kann mir zurecht vorwerfen, dass sie es ist, die all die Fäden zusammenhält, die eine Familie am Funktionieren halten.

Was möchtest du frisch gebackenen und werdenden Vätern noch Motivierendes mit auf den Weg geben?

Auf dich wartet als Vater keine neue Aufgabe, sondern ein neues Leben. Es ist das größte Abenteuer, auf das du dich begeben kannst, umarm es und lass es dir noch niemanden wegnehmen.

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1 comment

  1. Mir gefällt der Artikel sehr! Er bringt vieles, was wir in unserer Familie so erleben auf den Punkt! Mein Mann hat sich zum Beispiel lange nur für den Kob aufgerieben, war viel weg, hat sogar Geburtstage der Kinder verpasst. Ich hatte alle Fäden in der Hand. Dann kam Corona, er im HomeOffice zu Hause mit beiden Kindern ich fast nur in Präsens auf Arbeit. Das hat bei uns so vieles gedreht, ihm ist so bewusst geworden, was er sich die Jahre vorher hat nehmen lassen. Er ist durch die Zeit ein ganz anderer Vater geworden. Im Gespräch hat er mir dann mal gesagt, er war vorher viel außen vor, jetzt ist er mitten drin und so viel glücklicher damit. Ich glaube, ich werde das Buch bei bevorstehenden Geburten im Freundeskreis verschenken oder bei Wochenbettbesuchen dem Vater schenken.

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