Up to Dad: Auch Väter brauchen Vorbilder für neue Rollenbilder

Ihr Lieben, es gibt etliche ExpertInnen zum Thema Mutterschaft, bei der Vaterschaft sieht es da schon ein bisschen mauer aus. Carsten Vonnoh gehört zu den wenigen, die seit langer Zeit in der Väterberatung tätig sind. Er unterstützt Männer dabei, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen herauszufinden und dabei eine nahe Beziehung zum Kind aufzubauen bzw. zu erhalten. Bei seinen Hilfen, Väter in der Zerrissenheit zwischen Job und Familie zu begleiten, ihnen Vorbilder an die Hand zu geben und Rollenbilder zu überwinden, wählt er einen bindungsorientierten Weg. Das zeigt er nicht nur eindrücklich in seinem Buch Up to dad: Kinder entspannt begleiten und den eigenen Weg finden, sondern auch hier im Interview.

Lieber Carsten, was macht für dich einen guten Vater aus, kannst du das sagen?

Für mich ist ein guter Vater ein Mann, der sich selbst, seine Grenzen und seine Emotionalität ernst nimmt. Der immer wieder neu versucht, sein Kind und sich selbst besser zu verstehen, der immer klarer wird in dem was ihm gut tut und damit die familiäre Atmosphäre bewusst gestaltet. Ein Mann, der Verantwortung übernimmt für seine Schattenseiten, für seine Aggressivität genauso wie für seine Achtsamkeit. Ein Mann, der selbstverständlich mit seiner Partnerin bzw. Der Mutter seiner Kinder aktiv seine Rolle sucht, authentisch kommunizieren lernt und seine Verletzlichkeit als größte Stärke zulassen kann. So viel zum Ideal, das ich formulieren würde. Für die meisten, auch für mich, ist das ein langer Weg. 

Was machst du als Vater selbst anders als dein eigener Vater – und woher nimmst du dir Vorbilder?

Ich bin gar nicht sicher, ob ich so viel anders mache als mein eigener Vater. Was ich aber mache, ist die Dinge in der Familie bewusster anzugehen, mehr zu reflektieren, mich mehr auszutauschen, mehr auf mich zu achten und immer ehrlicher und authentischer zu kommunizieren. Von meinem Vater habe ich viel gelernt, vor allem auch die Liebe fürs Reisen, die Natur und die Musik. Doch wenn es um gewaltfreie Erziehung, persönliche Weiterentwicklung und Zugang zu meinen Gefühlen geht, musste ich meinen eigenen Weg suchen, der noch nicht abgeschlossen ist. 

Du bist in der Väterberatung tätig und unterstützt Männer, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen in der Familie kennenzulernen und dabei trotzdem eine nahe Beziehung zum Kind aufzubauen. Was braucht es dafür?

Ich glaube, dass man keine wirklich liebevolle Beziehung aufbauen kann, wenn man sich seinen eigenen Bedürfnisse und Grenzen nicht bewusst ist, sie ernst nimmt und in den Alltag integriert. Wenn ich kein Gefühl für mich selbst habe, meine emotionalen Verletzungen (die jeder hat) ausblende und mich ständig ablenke, dann ist es schwierig, für meine Kinder greifbar, emotional präsent zu sein. D.h., es braucht genau das: mehr Ehrlichkeit zu sich selbst, Überforderung und Hilflosigkeit zu kommunizieren und nach neuen Wegen zu suchen. Mehr Augenhöhe in der Partnerschaft, eine Haltung des Lernens, statt eines „Ich muss alles wissen“. Raus aus den (Selbst-)Vorwürfen und dem Kampf. Dafür mehr Vertrauen, Offenheit und Wertschätzung.

Erzähl doch mal von einem Aha-Erlebnis, das ein Vater bei dir im Coaching hatte…

Gar nicht selten realisieren Väter bei mir, dass hinter der ganzen Wut und dem Frust eine tiefe Trauer liegt, die oft noch mit der eigenen Kindheit verbunden ist oder nicht verarbeiteten Verlusten. Das bewusst zu haben, der Trauer auch wirklich Raum zu geben kann dazu führen, dass ich vieles entspannter, ich liebevoller mit mir und auch dieser Wut umgehen kann, sie immer weniger wird.

Du gehst mit den Vätern in deinen Beratungen auch tiefer, schaust in die eigene jeweilige Kindheit. Was gibt es da zu finden?

Das ist natürlich bei jedem von uns unterschiedlich, aber oft bekommen wir dort eine Idee, warum wir bestimmte Muster entwickelt haben, warum sie damals gut für uns waren und wie uns das jetzt hindert, möglicherweise liebevoller und entspannter als Vater zu sein. Viele von uns haben eine eher gewaltvolle Kindheit hinter sich, auch wenn das klassische Schlagen selten vorkam. Dafür haben viele Männer mit Beschämung, mit Angst, mit ungesehener Wut und Trauer zu tun gehabt. Sie wurden in ihren „negativen“ Gefühlen nicht ernst genommen, Ihnen wurde nicht zugestanden, dass sie auch zart und verletzlich sind. Oft haben wir dann diese Verletzungen verdrängt, Mauern aufgebaut und die unbewussten Belastungen beeinflussen tagtäglich unseren Umgang mit den Kindern, unseren Partnern und uns selbst. 

Du hast auch mit alleinerziehenden Vätern zu tun, welche besonderen Herausforderungen siehst du da?

Ja, aber ich unterscheide nicht sonderlich zwischen Vätern in unterschiedlichen Familiensituationen. Die meisten Themen sind sehr ähnlich, nur die Dringlichkeit und Intensität ist manchmal unterschiedlich. Alleinerziehende und getrennte Väter haben vielleicht noch mehr damit zu kämpfen, auf ihre Ressourcen zu achten, noch schwerer aus dem Funktionieren und der Überforderung herauszukommen. Den Anspruch zu haben, alles bestmöglich zu machen und trotzdem das Gefühl zu haben, niemandem richtig gerecht zu werden merke ich dort genauso wie in klassischen „heilen“ Ehen.

Carsten Vonnoh: Up to dad

Du hast nun ein Buch geschrieben – „Up to Dad“ – worum geht es darin und: Sollten das auch Mütter lesen?

Ja, ich glaube, das Buch kann für Mütter auch sehr hilfreich sein, die Männer an ihrer Seite besser zu verstehen, möglicherweise auch für sich Impulse heraus zu nehmen, die Familiensituation anders zu betrachten, neue Wege zu finden. Es kann die Grundlage sein, neu und ehrlicher ins Gespräch zu kommen und gerade in der Erziehung und der Sorgearbeit mehr Augenhöhe zu finden. Ich sehe das Buch als Begleiter in der Selbstreflektion, um besser für sich selbst zu sorgen, Alternativen zu alten Mustern zu finden und die Gewissheit zu bekommen, dass wir sehr viel mehr gestalten können, als wir vielleicht denken, gerade gemeinsam als Eltern. 

Was bedeutet der bedürfnisorientierte Vater für seine Kinder?

Im besten Falle gewinnen seine Kinder eine weitere, wirklich präsente und emotional erreichbare Bezugsperson. Die auch liebevoll tröstend, Halt gebend da ist, andere Facetten zeigt, Vorbild im Mann- und Vatersein sein kann. Gerade durch die Unterschiedlichkeit im Elternsein lernen unsere Kinder, dass die Dinge auch anders gemacht werden, dass Kommunikation und Erziehung unterschiedlich sein können und das wertvoll sein kann. Mehr Bedürfnisorientierung beim Vater ermöglicht auch mehr Achtsamkeit in der Partnerschaft, gegenseitige Ergänzung und Unterstützung und damit eine friedvollere Familienatmosphäre. 

Was macht Vatersein heut aus? Und was macht es gut?

Ich glaube, dass der wirkliche Unterschied ist, dass ich mich als Mensch ernster nehme, bewusster erziehe und akzeptiere, dass ich nicht auf alles eine Antwort habe oder haben muss. Dass ich Fehler machen und mich verletzlich zeigen kann. Aber auch dass ich mich weiter entwickeln kann, dass ich eigene Kompetenz erwerben kann, auf Augenhöhe mit der Mutter meiner Kinder meine Familie gestalten kann. Es ist gut, wenn Frauen ihre Partner wirklich an ihrer Seite wissen können, ernsthaft Verantwortung teilen, immer wieder neu justieren, dass es möglichst allen gut geht. Gleichzeitig birgt es die Gefahr, ähnlich wie bei Müttern auch, dass ich mich maßlos überfordere, meine Grenzen überschreite und das Gefühl habe, keinem Lebensbereich wirklich gerecht zu werden. Dabei in der Partnerschaft achtsam mit dem Anderen zu sein, zu teilen, was wesentlich und wichtig ist und Wege zu finden, immer weniger zu funktionieren, können dabei helfen.
Carsten VonnohSystemischer & bedürfnisorientierter Begleiter für Väter, Seminarleiter und AutorVäter in Verantwortung,

Carsten Vonnoh ist systemischer Berater (DGSF), Vätercoach und Seminarleiter (Väter in Verantwortung), er bietet Coaching & Seminare für Väter an. Hier findet ihr ihn auch bei Instagram und Facebook.

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