Die Mama-Identitätskrise: Wenn Frauen aus dem Baby-Kosmos auftauchen und sich neu sortieren

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Das Baby wird größer und die Mama kommt ins Grübeln. Wo soll denn mein Weg eigentlich hinführen? Lisa hatte Besuch von einer Freundin, die sich genau darüber gerade Gedanken macht. Sie hat ihr einen Brief geschrieben, der vermutlich nicht nur für ihre Freundin, sondern im Grunde für alle Mütter in dieser Lebensphase gilt.

Liebe Nina,

so schön, dass du am Wochenende zu Besuch warst und wir uns mal wieder gesehen haben! Und weißt du was? Ich konnte so gut verstehen, dass du dein kleines Baby-Töchterchen vermisst hast, das waren schließlich die ersten zwei Nächte ohne sie! „Ich habe mich überschätzt“, hast du gesagt. Wie oft wir Mütter das tun! So geht das los… 

Du führst jetzt echt genau das Leben, das ich vor zehn Jahren führte. Du schiebst mit deinem Baby durch Prenzlauer Berg, wohnst am gleichen Platz wie ich damals, steuerst die gleichen Cafés an und himmelst dein blauäugiges Kind an – wie ich damals. Ich denk soo gern dran zurück. Und freu mich so, dass ich das durch dich jetzt nochmal ein klitzekleines bisschen wiedererleben darf. Und doch gibt es einiges, das ich erst jetzt zu schätzen weiß und einiges, das ich nicht misse. Schlaflose Nächte zum Beispiel. Das ständige Rätselraten, was das Baby jetzt wohl hat, warum es schreit, ob es wächst oder zahnt oder müde ist. Es kann ja noch nicht SAGEN, was los ist. Und da war noch etwas.

Ich nenne es die Mama-Identitätskrise.

Wir Ninas und Lisas und Katharinas dieser Welt stecken so viel Elan in unsere Kinder, so viel Schwung und so viel Liebe. Wir stürzen uns in die Untiefen des Familienkosmos und inhalieren das Abenteuer, lassen uns umschiffen von dem warmen Wohlgefühl der uns umhüllenden Wellen – und dann tauchen wir irgendwann wieder auf. Und merken: Huch, mich gibt´s ja auch noch! Ich war ja nicht immer Mama! Ich war ja auch noch so viel mehr! Und bin es noch. Aber wo ist das alles hin? Die Selbstsicherheit der Business-Frau, die ich mal war, die Schlagfertigkeit gegenüber Freunden, mit der ich mal glänzte. Ist das alles verloren? Kann ich überhaupt noch was? Oder kann ich nur noch Mutti?

Werde ich jemals wieder etwas anderes machen als stillen, wickeln, schuckeln? Ist Arbeiten überhaupt noch möglich? Und falls ja: Was kann ich noch und wo will ich überhaupt hin? Hab ich bislang in dem Job gearbeitet, der mich erfüllt? Ist das ein Job, für den es sich „lohnt“, mein Kind einige Stunden in die Obhut eines anderen zu geben? Oh Gott, ich kann mein Baby niemals abgeben. Noch ein Jahr Elternzeit? Reicht das finanziell? Reicht mir das intellektuell? Verpasse ich den Anschluss? An die Kollegen, an die Welt da draußen?

Liebe Nina, in genau dieser Phase steckst du gerade und ich weiß noch, wie dieses Fragengewitter über mir einbrach, das mich kalt und heiß hin- und herschleuderte.

Es ist wunderbar, mit dem Wissen, zehn Jahre später wieder im Job zu sein UND drei tolle Kinder und ein wunderbare Familie zu haben, zurückzudenken an die Babyzeit, weil man schon weiß, wie es ausgehen wird. Aber das weißt du ja jetzt noch nicht. Und das ist zermürbend. Manchmal, wenn ich den Mann morgens zu seiner Arbeit, in sein altes Leben gehen sah, war ich neidisch. Der kann einfach so weiter machen wie zuvor. Ich kann das nicht. Ich habe darüber auch mal geweint oder nachts wach gelegen. Jetzt kann ich sagen: Zum Glück. Denn ich hab so ziemlich genau das gefunden, was ich machen will und das hätte ich vermutlich nicht, wenn ich nicht stundenlang mit meinem Baby durch den Kiez geschoben hätte. Wenn ich einfach weiter für einen Arbeitgeber x geschuftet hätte. Vielleicht hätte ich dann mehr Geld, aber so viel weniger mich selbst.

Es gibt keine Universallösung für die Mama-Identitätskrise, aber es gibt eines, das wirklich helfen kann. Und das ist Vertrauen. Vertrauen in dich selbst und Vertrauen in die Zukunft. Und wenn dein Selbstvertrauen gerade ein bisschen wanken sollte, dann hol es dir von denen, die dich mögen, von deiner Familie, von deinen Freunden, von alten Arbeitskollegen – von mir.

Du bist eine so tolle Frau, du wirst deinen Weg machen, da bin ich mir absolut sicher. Nur weißt du im Moment noch nicht, wie der aussehen soll. Und so anstrengend dieser Zustand auch ist, so wichtig ist er. Du häutest dich gerade! Aus dir ist eine Mutter geworden. Du hast Seiten an dir kennengerlernt, die dir bislang verborgen waren. Jetzt sortierst du dich einfach gerade neu. Ein Baby reagiert auf solche Entwicklungsschübe mit Trotzphasen – Mütter mit Zweifeln. Weil alles so neu ist, weil sich das Leben neu sortiert. Deine Lebensprioritäten haben sich verschoben und in dieser neuen Welt musst du dich nun erst einmal zurechtfinden. Glaub mir, du wirst gestärkt aus dieser Phase hervorgehen. Auch wenn du jetzt sagt: Ja, aber ich bin doch gar kein Macher!

Und ob du ein Macher bist! Dein Kind ist noch nicht eins und du machst dir schon Gedanken über die Zukunft. Über deine Zukunft, besonders beruflich. Du weißt ziemlich genau, was du nicht willst und auch das ist schon ein großer Schritt. Und ob du nun ein Blog gründest oder eine Firma,  ob du einen Roman schreibst oder Tagesmutter wirst… Das wird dir einfallen, wenn die Zeit reif ist. Und lass dich ja nicht von den Businessfrauen um dich herum verunsichern. Denk immer dran, die sehen, während du deiner Tochter gerade beim Lächeln und Laufernlernen zuschaust, in das Gesicht ihres Chefs oder Kollegen und fragen sich genauso: Will ich das so? Ist es das wert? Wirklich! Wir sind doch Menschen und keine Maschinen. Alle haben mal Zweifel. Und fragen sich, ob das Gras auf der anderen Seite des Zaunes nicht doch noch grüner ist.

Du hast bestimmt nicht damit gerechnet, wie toll deine Tochter am Ende sein wird. Sie ist das Beste, was dir je passiert ist! Und sie hat dich zum Nachdenken gebracht, was du aus deinem Leben machen möchtest. Sie hat alles durcheinander gewirbelt und wird das auch noch eine Weile tun. Aber das ist kein Grund zum Verzweifeln. Jedenfalls nicht, solange du dir und euch vertraust. Eher wird dich das irgendwann sehr dankbar machen, glaube ich. Du wirst deinen Weg gehen, nein du gehst ihn schon längst. Ich kenne dich ja. Und bin positiv gespannt auf alles, was da noch so kommt.

Deine Lisa

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11 comments

  1. Danke!
    Liebe Lisa, ich befinde mich zwei Jahre nach der Geburt meines zweiten Kindes immer noch in dieser Zweifelphase, zwar habe ich einige Projekte umgesetzt und mache und tue, aber fühle mich irgendwie noch nicht „angekommen“. Ich weiss aber halt auch nicht, wo ich eigentlich ankommen will. Versuche in der Zwischenzeit, qualitativ hochwertige Sachen zu machen. Ist das normal, dass das so lange dauert?

  2. Na ja ….
    Ich muss gestehen, ich habe mich ein wenig über den Text geärgert. Wenn Sie schreiben

    „Und lass dich ja nicht von den Businessfrauen um dich herum verunsichern. Denk immer dran, die sehen, während du deiner Tochter gerade beim Lächeln und Laufernlernen zuschaust, nur das Gesicht ihres Chefs ihnen gegenüber und fragen sich genauso: Will ich das so? Ist es das wert? Wirklich. Wir sind doch Menschen und keine Maschinen.“,

    spielen Sie eine vermeintlich „wirklich wichtige“ Welt der Kindererziehung gegen eine vermeintlich weniger wichtige Geschäftswelt aus. Das sehe ich doch sehr kritisch. Den Karriereknick vieler Frauen nach der Familienphase auf diese Weise zu verklären, knüpft an eine Tradition an, die ich für schwierig halte. Wenn wir wollen, dass Frauen und Männer mit 50 gleich mächtig, gleich innovativ, gleich (einfluss-)reich und gleich angesehen sind, müssen wir lernen, den Beruf nicht kleinzureden. Wenn wir Frauen mit 30 einreden, ihr Kind sei wichtiger als ihr Job, dürfen wir uns über die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern nicht wundern. Als Mutter und als berufstätige Frau wünsche ich mir eine Arbeitswelt, in der Frauen unabhängig von der Frage, ob es Kinder gibt, ihre Kreativität, ihren Innovationsgeist, ihre Intelligenz, auch ihre Angriffslust und Streitfreude ausleben können.

    1. anders
      Hallo Modeste!
      Natürlich ist das Kind wichtiger als der Job! Wenn du müsstest, was würdest du hergeben?
      Ich arbeite gerne und es ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Trotzdem hat mein Kind mir vor Augen geführt : die von Menschen geschaffene „professionalität“ ist ein scheinkonstrukt, eine Methode miteinander zurecht zu kommen. Kein Mensch ist professionell, wenn er abends ins sein Sofakissen pupst. Wenn er Kinder bekommt und vor Erschöpfung weint. Ich habe viel durch die Geburt meiner Tochter über echte und unechte Bestandteile des Lebens gelernt. Über Menschlichkeit und versagen. All das hat fälschlicherweise wenig Platz in vielen firmen.
      Trotzdem ist mir mein Job wichtig, weil ich keine geborene Hausfrau bin. Aber niemals genauso wichtig wie meine tochter. Mein Mann sieht das nicht anders, obwohl er gerade „Karriere“ macht.

      1. Nicht wirklich
        Das ist jetzt – verzeihen Sie die Emphase – doch nicht Ihr Ernst. Ein Beruf ist nicht ein nettes Ad On zu dem wirklich wichtigen Lebensinhalt Kind. Sondern im besten Fall der Lebensbereich, in dem man seine Fähigkeiten und seine Ideen realisiert und nicht zuletzt die Welt ein Stück weit nach seinen Vorstellungen gestaltet. Diesen Lebensbereich abzuwerten, ist in meinen Augen grotesk. Zudem ist Mutterschaft – Sie kennen hierzu sicher das grandiose Buch von Barbara Vinken – nicht weniger ein Konstrukt als das, was Sie Professionalität nennen. Abgesehen von Ihrer und meiner kleinen Welt, ist das im Übrigen auch gesamtgesellschaftlich fatal. So wird das nämlich nichts mit der Utopie, dass Frauen und Männer eines Tages gleichziehen. In diesem Punkt hat mich das französische Familienmodell sehr überzeugt, das diese Entscheidungen weniger fordert. Ich lebe das auch persönlich gern und ohne große Friktionen mit einem tollen Sohn. In Deutschland führt das Mütterlichkeitsbild noch immer oft dazu, dass Frauen ihr Potential nicht ausschöpfen. Das ist schlecht für die Gesellschaft, die um tolle Ideen und viel Energie gebracht wird. Und allzu oft schlecht für die Frauen, insbesondere wenn sich nach Scheidungen das Leben als brotbackende Dawanda-Mutti als nicht mehr realisierbares Modell herausstellt.

        1. An einem Strang
          Ich stimme Ihnen zu, dass die Profession neben dem Kind nicht ständig kleingeredet werden sollte. Allerdings glaube ich, dass man nach 15 Jahren Karriereleiter, Druck und Ambition die Geburt eines Kindes einen zwangsläufig entschleunigt und man gezwungen ist, sein bisheriges Leben auf den Prüfstand zu stellen. Und das ist doch gut so. In meiner Wunschvorstellung ergänzen sich Kind und Karriere, aber jetzt mit Kind habe ich andere Prioritäten und muss erstmal prüfen, ob mein bisheriges Berufsleben noch dazu passt. Ich entdecke nun neue Seiten an mir, bestimmte Schwächen aber vorallem auch Stärken, die ich wunderbar in den Job integrieren kann und da muss ich mich fragen, ob mein „altes Leben“ noch zu mir passt. Gleichzeitig brauche ich auch einen Ausgleich zum Muttersein, wie viele, die eine Weile zuhause waren und sich ausschließlich dem Kind gewidmet haben. Ich finde es schade, dass es oft gerade unter Frauen diese Front zu geben scheint, Mutter vs Businessfrau. Gerade wir sollten uns gemeinsam dafür stark machen, dass eine Gesellschaft nur dann gerecht ist, wenn sie attraktive Lösungen auch für Eltern mit Karriere- und Kinderwunsch bietet und sicherstellt, dass beides vereinbar ist.

          Nichtsdestotrotz glaube ich, dass Lisa etwas anderes meinte. Ich interpretiere ihren Kommentar so, dass man oft dazu tendiert, dass haben zu wollen, was man gerade nicht hat. Oft vergisst man dabei, dass auch auf der anderen Seite Zweifel bestehen und man sich und seine Entscheidungen dort ebenfalls in Frage stellt.

        2. Verschiedene Sichtweisen
          Das, was Sie über den Beruf schreiben, kann ich genauso über das Muttersein sagen: Familie ist der Lebensbereich, in dem ich meine Fähigkeiten und Ideen realisiere, in dem ich immer wieder aufs Neue herausgefordert bin und wo ich ein kleines bisschen die Welt nach meinen Vorstellung gestalte…. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die Menschen „ihr Potential ausschöpfen“ sollen? Ich empfinde das als einen Ausdruck unserer Leistungsgesellschaft. Wir sollen (oder wollen?) Alles aus uns herausholen, was möglich ist, sonst sind wir nicht gut, sonst verpassen wir etwas,…. Warum muss ich gleichziehen mit meinem Mann, warum wird das inzwischen von uns Frauen erwartet? Was ist, wenn ich mein Kind genießen möchte, lange stillen will, eine tiefe Bindung aufbauen möchte und das ohne Druck, möglichst schnell, wieder arbeiten zu müssen? Leistung und etwas „Schaffen“ ist nicht für alle Menschen das Wichtigste im Leben.

        3. Doch. Ein Job ist ein (mehr
          Doch. Ein Job ist ein (mehr oder weniger nettes) Ad on zum wirklich wichtigen Lebensinhalt. Darf man natürlich auch anders sehen.

  3. Hach Lisa…
    …vielen tausend Dank für deine aufmunternden Worte!!! Ich hab schon am Wochenende auf deiner Terrasse gedacht, dass man eigentlich nur Freunde fürs Leben braucht, die einem in dunklen Stunden die Stimmung aufhellen und schon sprudelt man wieder über vor Ideen und Tatendrang. Es tut gut, euch im Kreise eurer Familie zu sehen und festzustellen, Kinder bremsen einen nicht, sie beflügeln einen. Meine Perspektive dreht sich gerade und manchmal eben so schnell, dass mir ein bisschen schwindelig wird. Schön, dass du dann da bist und mich auffängst – danke dafür! Liebste Grüße aus Berlin, Nina

  4. Die Mama Identitätskrise
    Liebe Lisa,

    Herzlichen Dank für deinen tollen Beitrag! Jedes Wort trifft es genau!
    Grüße von „gefühlten nebenan“

  5. Wie kriegt man alles unter einen Hut?
    Puh, die Anforderungen sind hoch und der eigene Perfektionismus ist auch nicht ohne. Was hilft also, wenn ich Familie und Beruf will? Ein familienfreundlicher Arbeitsplatz! Verständnisvolle KollegInnen, viel Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung und ab und an ein mutmachendes Wort, wenn alles zusammenzubrechen scheint! Werbung für eine familienfreundliche Arbeitswelt macht der Landeswettbewerb „Unternehmen für Familie – Berlin 2016, der gerade läuft. Weitersagen und gute Beispiele öffentlich machen! Damit Mütter und Väter beides hinbekommen: Familie und Beruf. http://www.familienbeirat-berlin.de/