Lockdown, Bockdown: Keine Ahnung, ob´s mir gut geht

Bergisches Land

Ihr Lieben, seit gestern sitzen wir nun also im Lockdown light. Tun wieder einen Schritt zurück, wo wir doch grad wieder behutsam begannen, am Leben zu schnuppern. Die Kinder durften nach den fünf Monaten zwischen März und August endlich wieder zum Sport. Eine gewisse Normalität setzte wieder ein. Ein bisschen Frieden fürs Gehirn, ein Instagramfilter über den Sorgen, die dieses Virus mit sich bringt. Leider mehr Schein als Sein, denn die Sorgen waren ja nie weg und nun treten sie wieder ungefiltert in unser Leben.

Lockdown light: Was machen wir nun mit dem November?

Das Wetter wird schlechter. Die Tage beginnen nebelig. Geburtstage werden nicht mehr gefeiert, Gastwirte, Theaterschauspieler und Hoteliers haben Zwangsurlaub. Wir liegen wie in Lauerhaltung in dieser Schlacht, immer wartend, dass was passiert. Quarantäne für die Kids, eine Ansteckung, irgendwelche Hiobsbotschaften ja, wir rechnen irgendwie damit.

Ich kenn uns so gar nicht. Wir, die wir sonst so optimistisch durchs Leben gegangen sind, alles wird schon gut werden. Freude und Leichtigkeit. Nun gibt es im Draußen kaum noch etwas, auf das wir uns freuen können. Ich habe da keine Lust drauf, niemand hat da Lust drauf, aus dem Lockdown wird ein Bockdown. Ich bin so down, ich hab keinen Bock. Wir brauchen doch Lichtblicke. Etwas, das uns aus dem grauen NO-vember, aus dem Alltagstrott holt, also müssen wir die Freude im Innern finden.

Halloween, Karneval am 11.11., Geburtstage: Klein zu Hause

Wie viele Bilder von Verkleidungen und Gruseltagen ich am Wochenende gesehen habe. „Dann machen wir es uns halt zu Hause schaurig-schön“ haben viele an Halloween wohl gedacht. Oder die vielen schönen Waldbilder im bunten Herbstlaub. Ein bisschen Leichtigkeit und Spaß für die Kinder – so, so wichtig.

Trotzdem: Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, kann ich nur noch sagen: Gerade gut. Oder: Gerade nicht so doll. Weil es zwei Stunden später schon wieder ganz anders aussehen kann. Ich bin stimmungsschwankiger geworden durch Corona, dünnhäutiger, manchmal verstehe ich mich selbst und meine Launen nicht.

Sehnsucht! Was mir fehlt, seit Corona in unser Leben platzte: Vorfreude

Ich liebe Reisen, aber das geht ja nun nicht mehr, die Vorfreude fällt weg. Ich liebe Karneval, aber das geht ja nun nicht mehr, die Vorfreude fällt weg. Ich liebe Freundetreffen, geselliges Beisammensein, festes Drücken, aber das geht ja nun nicht mehr. Ich liebe Abwechslung, ich liebe es, außer Haus zu sein, ich liebe Sport oder den Kindern beim Sport zuzusehen. Hm. Das macht mich melancholisch. Das macht mich stimmungsschwankig, aber das ist ja okay. Da kommen wir schon durch.

Ich mag aber auch, wenn es anderen gut geht. Manchmal kommt dann der Weltschmerz. Was ist mit den Pflegenden, die gerade über ihre Grenzen gehen? Was ist mit den Intubierten, die das Virus erwischt hat, mit den Trauernden, die nicht mehr alle zur Beerdigung dürfen. Was ist mit den Obdachlosen, die keine „Laufkundschaft“ mehr haben. Mit denen, die wirklich um ihre Existenzgrundlage fürchten, was ist mit der Veranstaltungsbranche, wir können doch ohne Kultur nicht leben!

Allen soll es gut gehen! Vom Weltschmerz auf unseren Schultern

Ich fühl da so mit, es zieht mich so runter. Diese Warterei, dieses zermürbende Nicht-Wissen, wie es weitergeht. Dieses permanente Gefühl, nun kommt der nächste Hammer.

Ich esse viel mehr. Für ein paar Glücksgefühle zwischendurch. Ich telefoniere viel mehr. Statt persönlichere Kontakte. Ich zweifele mehr. Ich rede mehr in Luftblasen. Was wäre, wenn. Hätte, wäre, könnte. Wie viel Gehirnkapazität das fordert. Ich muss mir wieder aktiv „coronafreie Kopfzeiten“ gönnen.

Mini-Highlights im Alltag: Sich über die kleinen Dinge freuen

Mich freuen, dass die Kinder gesund sind. Dass sie zumindest in der Schule heute ihre Freunde sehen können. Im Hier und Jetzt leben. Was morgen ist, sehen wir dann. Nur von morgens bis mittags planen und von mittags bis abends. Fragen beantworten. Sorgen wegstreicheln, denn auch an den Kindern geht das alles nicht einfach so vorüber.

Damit rechnen, dass Trump wiedergewählt wird, damit man morgen bei der Wahl nicht so enttäuscht ist. Abwarten und schauen, statt zu sehr mitzufühlen. Nicht in Emotionen verlieren für Sachen, die wir nicht ändern können. Gutes tun, weil es selbst so gut tut. Einfach mal Postkarten verschicken oder Pralinen.

Es gibt sie, die Lichtblicke. Wir müssen nur genau hinschauen

Für Mini-Highlights im Alltag sorgen, wenn die nächste Zeit doch so highlightarm werden wird, ohne Weihnachtsmärkte, ohne Adventsbasare, ohne ausartenede Weihnachtsfeiern. Sich über und auf Kleines freuen. Sich bewusst mit Sachen beschäftigen, die Spaß machen, Dinge in den Kopf holen, die glücklich machen.

Sich freuen, dass in Berlin Kinder unter 12 doch noch kontaktlos Sport machen dürfen. Sich über Babyfotos der neuen Nichte freuen, die man zwar gern näher kennenlernen würde, deren Bilder aber eben auch schon glücklich machen. Sich über Verbündete im Job und Freundeskreis freuen, bei denen man sich mal auskotzen kann, sich freuen, dass die ersten Amazon-Rezensionen für unser Buch eintrudeln, sich über ein leckeres Essen hermachen oder einen lieben Gruß verschicken.

Machen wir das Beste draus: Alle zusammen!

Machen wir das Beste draus. Schließlich betrifft es uns ja alle. Und auch das kann ja tröstlich sein. Außerdem haben wir ja uns hier. Meldet euch, wenn ihr Hilfe brauchen solltet. Wenn ihr mal Frust loswerden wollt oder Lob. Lasst uns hier einen kleinen Wohlfühlplatz schaffen für die nächste Zeit. Wir schippern ja doch alle gemeinsam durch dieses Meer der Elternschaft.

P.S. Tipp von meinen Mädels: Einfach liebevoll von CORONALE statt von anstrengendem Lockdown sprechen, dann klingt es wie ein cooles Festival und nimmt dem Ganzen das Dunkle (hilft wirklich, oder?)


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8 comments

  1. Ich danke dir, für diese Worte. Denn ja, auch mir geht es mit dieser Situation sehr schlecht und ich könnte immer zu die Tränen wegwischen.
    Ich hatte tatsächlich nach dem ersten Lockdown einen Nervenzusammenbruch und der neue, aktuelle hat mir, jetzt da es mir besser ging, wieder den Biden unter den Füssen weg gerissen. Diese Ungewissheit, diese (Existens-) Angst, diese Widersprüche in manchen Situationen machen mich fertig.
    Kleiner Lichtblick, die Kinder dürfen (aktuell) in den Kindergarten und in die Schule und die Hoffnung (wenn doch sehr gering) im Dezember wieder arbeiten gehen zu dürfen. Aber dann bleibt die Frage, wie lange? Machen wir dann im Januar/Februar wieder zu, weil Weihnachte und Silvester die Zahlen wieder steigen?
    Ich versuche mit mit schönen Dingen abzulenken und mich an kleinen Dingen zu erfreuen um Seelisch nicht ganz abzurutschen. Und ich bin froh zu lesen, dass ich mit meiner Gefühlswelt nicht alleine dastehe.

  2. Ich bin ein bisschen bei Flo (bei Halloween und dabei, dass die beiden „Lockdowne“ nicht vergleichbar sind…ich meine, Spielplätze+Kiga sind offen, damit ist doch alles gut;)
    Ich habe aber viele Freunde, die Freiberufler in der Kulturszene sind und da geht’s nicht nur um schlechte Laune und kein Laternenfest oder Kinderturnen -da geht’s echt um‘s Existenzielle. Familien mit zwei kleinen Kindern, kaum noch Einkommen…Miete???
    Wenn ich an die denke, geht mein „Ist-das-alles-furchtbar-Gefühl“ schnell weg! (Ich bin Beamtin)

  3. Kopf hoch! Es kann ja eigentlich nur besser werden ;-).

    Wir trauern um das Kinderturnen, das gerade erst vor ein paar Wochen wieder begonnen hat. Ansonsten sehen wir die ganze Sache so: Weniger Termine (Sankt Martin, anstrengende Familiengeburtstage, etc.) = mehr Zeit mit den Kindern. Spielen, Geschichten lesen und die Vorweihnachtszeit genießen. Ganz ohne aufgezwungenes Keksebacken für den Kindergartenverkauf oder drei verschiedenen Nikolausterminen zur selben Zeit. Ohne Stress und Hektik. Mit einem geregelten Alltag (Schule und Kindergarten sind ja zum Glück offen. Ich bin dafür so dankbar!) und mehr „Frei-zeit“. Wann passt das besser als jetzt? Backen, Weihnachts- und Nikolausgeschichten lesen, viele schöne Lichter und Kerzen überall.Vielleicht ja auch bald ein bisschen Schnee?

  4. So verschieden sind da die Wahrnehmungen.

    Während der erste Lockdown im Frühjahr meine Ehe in eine (inzwischen zum Glück wieder überwundene) Krise, meine Frau an den Rand des Nervenzusammenbruchs und meine Kinder zum völligen Durchdrehen gebracht hat, läuft dieser kleine Lockdown jetzt für meine Familie fast geräuschlos.
    Nur die Tochter ist etwas traurig, dass sie aktuell nicht zum Wing Tsun Training gehen darf. Aber dafür haben wir eine Reihe Übungsvideos für zu Hause von ihrem Training zugeschickt bekommen, die wir jetzt abends gemeinsam durchüben.

    Aber sonst:
    Die Kinder gehen in die Schule bzw. in die Kita. Im kleinen Rahmen kann man sich weiterhin mit Freunden treffen. Und ich muss weiterhin im Büro präsent sein.
    Letztes Wochenende habe ich sogar noch einen Freund in einer anderen Stadt besucht.

    Schade ist natürlich, dass sowohl mein Sohn als auch ich im November Geburtstag haben und nun die Feiermöglichkeiten doch deutlich eingeschränkt sind. Wir haben aber schon Konzepte, wie wir die Feiern für uns in einem sicheren privaten und etwas engeren Rahmen doch stattfinden lassen können.

    Die sonstigen Aktivitäten des Novembers (also insbesondere Halloween und Fasching) haben mir nie irgendwas gegeben. Ich finde so Kostümfeste einfach extrem grauenhaft und habe weder Lust noch Ideen für Verkleidungen. Eigentlich bin ich regelrecht froh, dass die Einladungen zu irgendwelchen Kostümpartys ausbleiben. Dann steht man nicht unter dem Druck, noch Verkleidungen für die Kinder anschaffen oder selbst basteln zu müssen.

    Auf das bescheuerte aus den USA eingeschleppte „trick or treat“ (letztlich in erster Linie eine vermeintliche Entschuldigung für das Zelebrieren von Vandalismus) kann ich auch gut verzichten. Fliegen halt mal keine Eier auf die Hauswand.

    Weihnachtsmarkt brauche ich auch nicht. Letztlich haben Weihnachtsmärkte doch eh nicht mehr zu bieten, als irgendwelche überteuerten Fress- und Saufbuden. Nicht mal die Kinder können dem Gedränge wirklich was abgewinnen, außer eben Binge-Eating mit Süßkram.

  5. Schöner Text, danke dafür!

    Ich hatte dieses Jahr nur wenig „handfeste“ Einschränkungen und Belastungen durch Corona. Mein Sohn ist erst 16 Monate alt und wird noch zu Hause betreut, außerdem empfanden mein Mann und ich seine Kurzarbeit in erster Linie als positiv. Dennoch finde ich die ganze Situation sehr bedrückend und auch mir wird ganz schwer ums Herz, wenn ich an alle denke, die durch die Corona-Krise in finanzielle Bedrängnis kommen, oder an die Familien, deren Belastung steigt, oder an einsame Ältere oder Singles, die die Situation psychisch sehr belastet. Auch mache ich mir viele Gedanken über diejenigen, die durch Corona einen Angehörigen verloren haben. In meinem eigenen Umfeld ist der eigentlich sehr fitte und rüstige Vater eines Schulfreundes an Corona verstorben.
    Bezogen auf mich selbst habe ich gemerkt, wie wichtig für mich Aktivitäten sind, bei denen viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen: im vollbepackten Restaurant/Kneipe, im Kino, auf einem Konzert etc. etc. Solche Gemeinschaftserlebnisse, die eine Verbundenheit schaffen auch mit Menschen, die man nicht kennt, fehlen mir.
    Ich vermisse die Unbeschwertheit, ich mache mir Sorgen, wie es gesamtgesellschaftlich wohl weitergehen wird und wie man diejenigen ins Boot holen könnte, die sich bisher nicht kooperativ verhalten und damit erreichte Erfolge (Rückgang der Infektionszahlen) immer wieder aufs Neue gefährden.

    1. Mein Sohn ist 14 Monate alt und Corona ist eine Katastrophe für mich – ich bin alleinerziehend ohne familiäre Unterstützung und daher auf Freunde angewiesen. Es gibt schon noch Besuche, aber deutlich weniger.
      Das Kind ist dauerverrotzt, wie Millionen Einjährige vor ihm. Wg Corona muss er bei jedem Husterer zum Covid-Test, bevor er wieder in die KiTa darf und ich fahre Minimum zwei weitere Kindkrank-Tage ein.
      KiTa kürzt ihre Öffnungszeiten. Das reicht für mich in TZ noch zum Arbeiten, aber nicht für Haushalt, eigene Termine, mal in Ruhe nen Kaffee trinken, ohne immer auf dem Sprung zu sein, immer Aufpassen zu müssen, immer fast zu spät zu kommen, immer irgendwas unerledigt liegen lassen zu müssen.
      Weihnachten habe ich die letzten Jahre auf Arbeit verbracht oder bei Freunden. Arbeiten fällt flach, weil KiTa geschlossen. Und Weihnachten bei Freunden ist zwar angedacht, aber steht auf der Kippe. Ob es von den Regularien dann erlaubt sein wird. Was die Infektionszahlen sagen. Ob ich mit dem Kind in Quarantäne muss. Wieviel Risiko meine Freunde eingehen wollen.
      Im Zweifel denkt halt doch jeder zuerst an seine eigene Familie. Für Leute wie mich gehen durch Corona sehr viele Türen einfach mal zu und ich bleib draussen stehen und darf zusehen, wie ich zurecht komme.

  6. Oh wie ich mich in deinem Beitrag wieder finde, fast komplett, du hast mir aus dem Herz geschrieben.Danke ,ich denke immer ich bin zu sensibel und könnte bitte besser damit klar kommen. Aber genauso ist es ein auf und ab der Gefühle und der Laune. Was mich auch echt betrübt sind diese negativ Nachrichten den ganzen Tag und höre leider für mein Leben gerne Radio. Nun geht es mir für den Moment ein wenig besser.

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