Die Krise ist weiblich: Warum die Pandemie vor allem die Frauen trifft

Ihr Lieben, die meisten von Euch betreuen und beschulen gerade wieder ihre Kinder. Bei manchen läuft das reibungslos, bei anderen gibt es ganz schön viel Stress und Ärger. Bei allen ist und bleibt es aber eine gewaltige Leistung und Herausforderung. Nina Stahr ist dreifache Mutter und Landesvorsitzende der Grünen in Berlin. Sie hat das Buch geschrieben: „Die Krise ist weiblich“. Wir dürfen ein Kapitel daraus veröffentlichen:

„Wenn 8,8 Millionen Kinder, die in Deutschland in Kitas und Schulen gehen, plötzlich nicht mehr dort betreut werden können, dann geht auch das Modell, auf das sich ein Großteil der Paare hierzulande geeinigt hat, nicht mehr auf. Der Deal, dass beide Elternteile arbeiten, weil andere sich um die Kinder kümmern— in der Ganztagsschule, im Hort, in privater Betreuung und Freizeiteinrichtungen—, ist außer Kraft gesetzt.

Allerdings: Dieser Deal ist faul. Und war es auch schon vor Corona. Denn einerseits fördert der deutsche Staat mit seinem Steuermodell die Alleinverdienerehe, andererseits ist es hierzulande kaum möglich, von einem Gehalt allein eine Familie zu ernähren. Und selbst da, wo es möglich ist, bedeutet es für Frauen, wenn sie sich darauf einlassen, dass sie im Fall einer Trennung im Alter in die Armut rutschen, weil ihnen dann wiederum die Erwerbsjahre fehlen, in denen sie für sich selbst eingezahlt hätten. Ja, es gibt auch das umgekehrte Modell, doch kommt es so verschwindend selten vor, dass es in der Regel nun einmal die Frauen sind, die sich vor diesem Dilemma wiederfinden.

Im Klartext: Entweder Frauen zerreißen sich zwischen Erwerbsarbeit und Kindern—häufig auf Kosten der eigenen Gesundheit— oder gehen das Risiko ein, im Alter in Armut leben zu müssen. Das hat sich in der Pandemie fortgesetzt und verschärft; vieles wurde auf Frauen abgewälzt und die Zerrissenheit hat sich bis zur Grenze der Erschöpfung gesteigert und oft auch darüber hinaus. Doch noch etwas ist faul an diesem Deal. Denn Schulen und Kitas sind mitnichten dafür da, Eltern den Rücken freizuhalten, um als Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen. Vielmehr sind sie Ausdruck des in unserem Grundgesetz verankerten Rechts auf Bildung. Nein, die Kita ist keine Kinderverwahrstätte— sie ist Bildungseinrichtung. Und auch wenn jetzt diskutiert wird, dass es einen Rechtsanspruch auf einen Hortplatz und damit auf die Ganztagsbetreuung von Schulkindern geben muss, dürfen wir bei dieser Diskussion nicht vergessen: Auch die Schule ist in erster Linie Bildungseinrichtung.

Gerade die Ganztagsschule kann ein Instrument der besseren Chancengleichheit sein, deshalb setze ich mich auch dafür ein. Und auch ich möchte allen Eltern ermöglichen, arbeiten zu gehen und ihre Kinder in guten Händen zu wissen. Doch gleichzeitig müssen Kita und Schule viel mehr vom Kind aus gedacht werden. Was brauchen Kinder in Kita und Schule, um einen guten Start ins Leben zu bekommen? Und wenn Eltern das Gefühl haben, ihr einjähriges Kind ist einem Neun-Stunden-Kitatag noch nicht gewachsen, warum schaffen wir dann nicht auch für Eltern die nötigen Rahmenbedingungen, dem Bedürfnis ihres Kindes gerecht zu werden? Auf die strukturellen Änderungen, die es hierfür braucht, komme ich später noch einmal zurück.

Doch für die Zeit der Pandemie gilt: Kinderrechte, die ohnehin schon eine viel zu geringe Rolle in unserer Gesellschaft spielen, wurden jetzt völlig vernachlässigt. Würden wir Kinderrechte ernst nehmen, dann hätten wir eine digitale Bildungsstrategie bereits verankert. Respektierten wir die festgeschriebenen Rechte der nächsten Generation, so würden wir uns um ihr psychisches Wohlbefinden in diesen Zeiten enorme Gedanken machen. Der Anstieg häuslicher Gewalt an Kindern ist eines der Extreme. Aber belastend ist für Kinder auch das Gefühl, ständig im Weg zu sein, wegorganisiert zu werden. Die Eltern zu erleben, wie sie sich am Versuch aufreiben, Aufmerksamkeit zu geben und gleichzeitig für den Arbeitgeber verfügbar zu sein. Nicht mehr frei nach draußen zu dürfen, die Freunde nicht mehr zu treffen oder die Großeltern nicht mehr zu sehen. Was macht diese Situation mit Kindern? Was bedeutet es für unsere Demokratie, wenn eine ganze Generation das Gefühl vermittelt bekommt, du und wie es dir geht, das ist dem Staat egal? 

Auf sozialen Netzwerken wie LinkedIn machte alsbald ein Post die Runde: „Du bist auf stumm“ sei der Satz des Jahres 2020, eine Referenz an die vielen Videokonferenzen in Corona-Zeiten. Für Kinder ist wohl am meisten der Satz „Sei still, ich bin am Telefon“ in Erinnerung geblieben. 

Aus diesem Blickwinkel erscheinen die auf Familien bezogenen Entscheidungen über Corona-Maßnahmen besonders fehlgeleitet. Auch hier wurde nur die Perspektive der Erwerbswelt berücksichtigt: Welche Jobs sind wichtig, welche können eine Weile hintanstehen? Und ich sage nicht, dass es falsch war, diese Frage zu stellen. Denn natürlich müssen wir in einer solchen Situation sicherstellen, dass in Krankenhäusern weiterhin gearbeitet werden kann, dass die Polizei weiterhin einsatzfähig ist, dass Medien weiterhin unabhängig berichten können und dass der Supermarkt weiterhin öffnen kann. Doch eine zweite Frage hätte gleichberechtigt daneben stehen müssen: Was bedeuten diese Schließungen für die Kinder und Jugendlichen, was brauchen sie in dieser Zeit? Und daran knüpft sich die dritte Frage: Was brauchen die Eltern—das heißt meist die Mütter—die ihre Kinder zu Hause betreuen müssen?

Diese Fragen müssen gleichermaßen gestellt und alle beantwortet werden. Ja, Betreuung in Kita und Schule ermöglicht Eltern, arbeiten zu gehen. Aber Kita und Schule sind gleichzeitig Bildungseinrichtungen und müssen vom Kind her gedacht werden. Und wenn sie wegfallen, dann darf eben nicht nur die Aufrechterhaltung der systemrelevanten Infrastruktur eine Rolle spielen, sondern der Wegfall der Bildungsinstitution muss genauso kompensiert werden wie der Wegfall der Betreuungsfunktion und damit die Unmöglichkeit, in normalem Maß der Erwerbsarbeit nachzugehen. Dafür braucht es gute Konzepte für Fernunterricht und für Verknüpfung von analogem und digitalem Lernen, damit zumindest der Teil der Kinder, der nicht zu Hause bleiben kann, in die Schule gehen kann. Und es braucht eine Lohnersatzleistung wie beispielsweise das Corona-Elterngeld, damit Eltern nicht gezwungen sind, Homeoffice und Betreuung von (kleinen) Kindern gleichzeitig zu leisten—und am Ende beidem nicht richtig gerecht zu werden.“

Nina Stahrs Buch könnt Ihr HIER bestellen

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7 comments

  1. Schon das Intro ist ja falsch. Es gibt beileibe nicht nur die beiden traurigen Alternativen: a) Mama zerreisst sich und b) Mama bleibt zuhause und arm, es gibt auch noch c) Mama und Papa teilen sich die Sorgearbeit UND die Erwerbsarbeit. Aber diese Perspektive kommt hier im Blog, wo es nur um Mamas geht, ja leider fast immer zu kurz. Ich glaube tatsächlich, dass da die Realität, zumindest im Osten, oft progressiver ist als sich das hier im Blog spiegelt.
    Ich werde mir mein Leben doch nicht vom Steuersystem diktieren lassen?!
    Und ich denke auch nicht, dass Betreuung nur vom Kind aus gedacht werden muss, warum? Kita, Krippe und Hort ersetzen das vielbeschworene Dorf, das es braucht, und halten unter anderem den Eltern den Rücken frei. Was soll daran schlecht sein?

  2. Ich kann der Autorin nur beipflichten, kann aber auch die Kritik meiner Vorkommentatorinnen sehr gut verstehen. Mir fehlen auch konkrete Verbesserungsvorschläge. Aber es handelt sich ja nur um ein Kapitel des Buches. Bestimmt kommen die konkreten Ansätze später im Buch?

    Mir geht es selbst aktuell schlecht, weil ich Sorge vor moralischer Verurteilung habe. Ich bin mit Baby zu Hause und das größere Kind geht trotz Appell seitens des Landes, das Kind möglichst zu Hause zu lassen, in die Kita. Wir haben jedoch ein unglaublich hartes Jahr hinter uns – auch aus anderen Gründen als Corona. Ich hatte kaum mal eine halbe Stunde für mich und nun das Gefühl, mich durch die Pro-Kita-Entscheidung gerade so vor psychischen Folgen gerettet zu haben. Dennoch lastet der moralische Druck schwer.

    Mir kamen zunächst Gedanken, dass ich es in einer Zeit, die für unsere Familie nicht so schwer ist, wieder gutmachen möchte und zeigen will, dass ich ein solidarischer Mensch bin. Z.B. durch ehrenamtliche Arbeite o.ä.
    Aktuell macht sich jedoch mehr Ärger in mir breit. Gestern schob ich mit meinem Kinderwagen an meinem 80jährigen Nachbar vorbei, der eng an eng mit zwei Gärtnern seinen Pflasterweg besprochen hatte. Das ist okay in Zeiten der Pandemie? Seinen Garten verschönern? Aber wenn ich Entlastung brauche, um meinem Baby einen guten Start ins Leben zu schenken … genauso wie mein großes Kind das bekommen hat … das ist nicht okay? Wir müssen dringend auch die Arbeitswelt in der Pandemie mehr beachten. Und Risikogruppen mehr schützen (ohne zu isolieren und vereinsamen zu lassen, ganz wichtig!)

    Dieser moralische Druck, den wir Mütter empfunden, scheint mir Ausdruck von tief verwurzelter systemischer Ungerechtigkeit zu sein.

    1. Liebe Milie,
      es tut mir sehr leid, dass du dir Sorgen, um moralische Verurteilung machen musst und dennoch kann ich mich nicht immer davon frei machen, dass ich auch manchmal denke: warum schicken die in Elternzeit oder arbeitslos oder Hausfrauen etc. ihr Kind in die Kita und wir arbeiten im Home-Office, machen Homeschooling mit dem Großen und betreuen den Kleinen auch zu Hause. Aber dann stelle ich wieder fest, dass wir privilegiert sind, weil wir die Möglichkeit haben, alles unter einen Hut zu bekommen. Und ich weiß ja nicht, warum die anderen ihr Kind in die Kita schicken, welchen Belastungen sie ausgesetzt sind. Ich denke, niemand hat das Recht, andere zu verurteilen, weil niemand die Situation des anderen wirklich kennt. Ich glaube, du bist ein solidarischer Mensch, weil du für dich sorgst, bevor es zu spät ist und damit ja auch die Solidargemeinschaft entlastet, die nicht für die Folgen des „zu spät“ aufkommen muss.
      Liebe Grüße
      Maria

  3. Hallo,
    ich betrachte das ganze Thema eher global. Wir stehen alle am Anfang eines völlig neuen Themas oder besser einer Themenwelt, die in Schuhen steckt, die noch sehr groß sind. Negative Heraburteilen wie in einigen Kommentaren hier zu lesen ist, bringt das Große Ganze nicht weiter. Wir müssen und werden hineinwachsen in diese sehr facettenreiche Herausforderung, Konzepte zu erarbeiten und sozial gut umzusetzen.

  4. Ich kann dieses dumme Geschwätz langsam nicht mehr hören! Es heißt immer nur „man hätte das anders machen müssen, man müsste die Kinder vor Gewalt in der Familie schützen, man muss die Familien unterstützen…. Natürlich hätte/ müsste man das! Aber wie konkret??? Ich bin Lehrerin, wenn ich Elterngeld kriege und deshalb nicht mehr arbeite-wer unterrichtet denn dann in dem tollen analog/digitalem Fernlernangebot die Schüler? Mein Mann ist im Buchhandel tätig…gibt es dann gar nix mehr zu Lesen, wenn er aufhört?
    Nochmal: Das ist doch dummes Geschwätz?! So einfach ist es nicht!

    1. Mir fehlt auch das konkrete.
      Wenn die Eltern Elterngeld bekommen sind die Kinder ja immer noch nicht vor Gewalt in der Familie geschützt.
      Ziemlich viel Blabla ehrlich gesagt.
      Eher enttäuschend.

      1. Ich gebe Dir auch recht. Es ist eigentlich nur Theorie – und jeder will was sagen. Aber konkrete Vorschläge gibt es nicht. Mein Mann ist übrigens in der Kultur – die liegt ja bekanntlich seit 10 Monaten mehr oder weniger brach…tja,gibt es bald auch keine Kultur mehr. Mich hat schon immer diese reflexartige Einteilung in systemrelevant oder eben nicht gestört. Hoffen wir, dass es irgendwann wieder gut ist.

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