Einschulung: Hilfe, mein Kind kommt in die Schule. Warum mich das als Vater fertig macht

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Ihr Lieben, wenn es Richtung Einschulung geht, dann löst das in uns Eltern in der Regel gemischte Gefühle aus. Einige denken: Wo bitte ist die Zeit hin? Gerade habe ich dieses Kind doch noch im Arm geschaukelt, jetzt soll es schon zur Schule gehen? Und in anderen flammen gleichzeitig die eigenen Schulerfahrungen auf. Eine emotionale Achterbahnfahrt ist es auf jeden Fall, zwischen Stolz und Respekt vor diesem neuen Lebensabschnitt.

Janni vom Blog "Ich bin dein Vater" befindet sich derzeit in genau dieser Gefühls-Achterbahn, denn seine Tochter wird nach den Sommerferien in die erste Klasse kommen. Da er selbst nicht die schönsten Erinnerungen an seine Schulzeit hat, fällt es ihm doch ordentlich schwer, dem Ganzen positiv zu begegnen. Hier erzählt er uns in einem Gastbeitrag, welche Bedenken er hat…

"Meine Tochter ist ein Kann-Kind. Um genau zu sein, war ein Kann-Kind. Vor einem Jahr haben sich meine Frau und ich dazu entschieden, die Kleine noch ein Jahr länger in der Kita zu lassen. Das war eine gute Wahl. Vor allem für meine Tochter. Ich war einfach nur erleichtert, dass ich ein weiteres Jahr ohne Schule auskommen darf. Passt! Warum mir der Gedanke an Schule Sorgen bereitet, habe ich auf unserem Blog bereits thematisiert. Nun ist die Zeit überreif. Die Kita-Tage sind gezählt und das große Abenteuer Schule steht vor der Tür. Was mir daran Angst macht, meine Vorurteile und wie meine Tochter mit dieser Situation umgeht, davon möchte ich heute gern erzählen.

Vorurteile gegen unser städtisches Schulsystem

Fangen wir mal mit mir an: ich hasse Schule. So, jetzt ist es raus! Hab ich immer schon. Meine Vorurteile sind so groß wie die aufeinandergestapelte Brockhaus-Enzyklopädie in 30 Bänden. Manche unter euch dürften diese Lektüre noch kennen.

Dazu muss ich sagen, dass meine Tochter in eine städtische Schule geht. Also keine private Waldorf- oder Montessorieinrichtung. Gut, jetzt sollte ich meine negative Einstellung keinesfalls auf das Kind übertragen, mache ich auch nicht, zumindest nicht Face-to-Face, aber mir graust es jetzt schon. Wieso?

Im zarten Alter von sieben Jahren kam ich aus Griechenland nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt war ich es noch gewohnt, Schläge von meiner Klassenlehrerin zu kassieren. Das war damals in Griechenland so. In Deutschland angekommen, wurde ich durch ungefähr jede Schulform gejagt, die das deutsche Bildungssystem so hergibt. Von der Realschule über das Gymnasium bis zur Gesamtschule durfte ich hier und da vom Wissensnektar kosten.

Die schlimmste Zeit erebte ich am Gymnasium. Ich gehörte zur dunklen Minderheit einer elitär angehauchten, humanistischen Schuleinrichtung im altreichen Kölner Süden. Ohne Anschluss und Freunde war es sehr schwer für mich, den Lernstoff zu bewältigen. Irgendwann gab es einen Schlüsselmoment und ich verstand das Prinzip Schule.

Ich merkte: Ich musste einfach die Meinung des Lehrers 1zu1 wiedergeben. So wurde ich ab der 9. Klasse zum konformen Schüler, der Sonntagabends der unglücklichste Mensch der Welt war. So wie viele andere da draußen.

Zeiten ändern sich! Wirklich?

Gut, aber was hat das jetzt alles mit der Grundschule und mit meiner Tochter zu tun? Meine Schulzeit ist schließlich 30 Jahre her. Seitdem hat sich einiges getan! Mag sein und stimmt sogar. Leider können die Storys von anderen Eltern und die jüngsten Ereignisse nicht zur Beweisführung dieser These hinzugezogen werden. Kaum einer in meinem Umkreis äußert sich positiv über Schule. Im Gegenteil: Schulbashing ist mehrheitsfähig.

Mein erster Berührungspunkt bestätigt meine Vorurteile, dass Kinder ihre Kreativität in der Schule VERlernen statt VERtiefen: Meine Tochter ist eine sehr körperliche Person. Sie tanzt unheimlich gerne, ist eine gute Schwimmerin und sehr talentiert wenn es um Kraft, Gleichgewicht und Koordinationsgefühl geht. Ganz abgesehen von ihren sozialen Kompetenzen. Sie ist ein tolles Mädchen und ich bin sehr stolz auf sie.

Mein Eindruck ist, dass all diese wichtigen Kompetenzen in unserem Schulsystem aber keine Würdigung bekommen. Sie werden als Grundvoraussetzung angesehen. Einen Nobelpreis bekommt man dafür nicht. Zumindest nicht bei unserer Schuleingangsuntersuchung.

Diese ging etwa eine halbe Stunde und war gespickt mit einigen Tests, die die Schulfähigkeit des Kindes testen soll. Zunächst wurden Seh- und Gehörtests durchgeführt. Macht Sinn. Dann wurde gezeichnet, gemalt, geschrieben, Quadrate nachgemalt etc.. Macht auch Sinn. Dann kam der Bewegungstest.

In ca. 10 Sekunden musste meine Tochter auf einem Bein nach vorne und hinten springen. That’s it! Macht das Sinn? Ich finde das unglaublich dämlich. Das sind ganze 0,6 Prozent Bewegungsevaluation gemessen an der Gesamtzeit. Ganz ehrlich, mir platzt bei solchen Dingen der Kragen.

0,6%: Hier fängt der Hamster an zu humpeln.

Für mich ist körperliche Betätigung genau so viel wert, wie geistige. Häufig gehen die Kompetenzen Hand in Hand. Warum muss in jeder Schule Deutsch, Mathe und Bio das Groß an Unterrichtsstunden einnehmen? Ist Bewegung im Zeitalter der Bandscheibenrepublik nicht genauso relevant? Klar ist es wichtig Schreiben zu lernen und gut zu lesen – keine Frage. Aber wo bleibt die Verhältnismäßigkeit? NULLKOMMASECHS Prozent.

Ihr ahnt es schon: Malen, Basteln und Schreiben gehören (noch) nicht zu den Kernkompetenzen meines Kindes. Ihr Ding ist Bewegung und Was-Wäre-Wenn-Rollenspiele. Da geht sie drin auf. Sie ist halt noch ein Kind und soll es so lang wie möglich bleiben. Es wird schon früh genug der Druck auf sie einprasseln.

Jetzt schütteln die übermotivierten Eltern bestimmt den Kopf, mir ist es aber wichtig. Ich beobachte, wie aufgeregt sie ist. Geradezu unsicher wirkt sie, wenn es um Schule geht. Das haben auch die Erzieher bestätigt, die mit ihr die Vorschule machen. Sie beobachten, dass sie sich selber klein macht und sich nicht so viel zutraut. Ab und an, macht sie nämlich solche Andeutungen. „Ich kann das nicht“ und „das lerne ich nie“, ich finde so etwas ganz schlimm. Wie soll man auf so etwas reagieren?

Irgendwie komisch, weil sie ein toughes, impulsives und lebendiges Kind ist. Was wäre das für eine unglaubliche Scheiße, wenn sich das ändert.

Schule: Wovor ich als Vater Angst habe

So, jetzt Real Talk: Ich habe Angst davor, dass meine Tochter nicht auf den gleichen Stand ist, wie die anderen Kinder. Das sie vielleicht nicht mitkommt. Ich kenne das von mir, ganz früher. Im Gymnasium kam ich mit dem Lernstoff nicht nach. Klar, ich war faul und so, keine Frage. Die Folge daraus: mein Selbstwertgefühl war im Keller.

Mein Selbstprofilierungsventil war Mist bauen und mich prügeln. Ich flüchtete mich in Streiche und Sport, um hier meine Bestätigung zu bekommen. Die Grenze zum Klassenclown ist da sehr schmal. Ich glaube, dass das die Wurzel meiner Bedenken ist. Ich will nicht, dass sich mein Mädchen selbst runtermacht und resigniert.

System, bitte widerleg mich!

Mein Kollege Lempi sagt immer, dass ich bereits jetzt eine feste Meinung habe, bevor die Schule überhaupt angefangen hat. Recht hat er. Ganz ehrlich, ich hätte nur zu gern unrecht mit meinen Befürchtungen. Hoffentlich kommt alles ganz anders als ich denke.

Meine Frau ist da ein Vorbild. Sie arbeitet als Leitung in einer Ganztagsschule und hat bereits früh ihren Hebel auf die technische Organisation der Einschulung geschaltet. Schlafwandlerisch kümmert sie sich um die Formulare, besorgt die Utensilien und macht sich keine Gedanken, ob unser Kind es jetzt packt oder nicht. Sie schüttelt gerne ihren Kopf, wenn ich mich mal wieder aufreagiere. Vielleicht nehme ich mir ein Beispiel an ihr und lass einfach laufen.

Wird also am Ende alles gut? Ohne zu übertreiben, wünsche ich mir eine Schule, wo jedes Kind seine Stärken einbringen kann. Eine Schule, die Kinder ermächtigt Dinge im Team umzusetzen. Diese Konzepte gibt es schließlich. Sie müssen nicht neu erfunden werden. Aber was weiß ich schon. Lisa, bitte frag mich in einem Jahr nochmal, ob ich richtig oder falsch liege. Ich hoffe, dass alles ganz anders kommt!

Lieben Gruß, Janni (Babyvater)

 

Foto: pixabay

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2 comments

  1. Eigenes Trauma rausnehmen
    Hallo Janni, ich habe den Eindruck, dass Du vor allem an Deinen eigenen prägenden Erlebnissen zu knabbern hast, die ganz bestimmt bescheiden waren – das spricht Dir niemand ab. Vielleicht hat das aber auch den Vorteil, dass Du besser hinschauen wirst als viele andere Eltern! Du wirst wachsam Deine Tochter begleiten. Das ist doch wirklich toll. Allerdings frage ich mich, warum ihr es nicht mit einer Waldorfschule oder Montessorischule probiert. Hört sich an, als wäre das genau das Richtige.

  2. Gefühlsachterbahn
    Das trifft es total! Wir haben jetzt diese Gefühlsachterbahn der 1. Klasse fast geschafft (noch 5 Schultage in BaWü 🙂 mit langem Krankheitsausfall der Klassenlehrerin, dann Ersatz-Klassenlehrer, alles sehr nervenaufreibend. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man als Eltern immer ein Ruhepol für die Schulkinder ist. Auf sie prasselt so viel Neues ein, das müssen die kleinen Köpfchen erstmal verarbeiten.

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