„Abstand halten ist in der Kita total und absolut unmöglich“ – Eine Erzieherin über den neuen Corona-Alltag

Liebe Melli, Du bist Kita-Erzieherin und Mama von zwei Grundschulkind-Kindern. In was für einer Kita arbeitest Du?

Ich arbeite in einer KiTa mit 2 Krippengruppen für Kinder von 4 Monaten bis 3 Jahre und 2 altersgemischten Gruppen. Wir haben 60 Kinder in der KiTa. Ich arbeite bei den Krippenkindern 30 Stunden in der Woche. 

Dann kam Corona und Deine Kinder konnten natürlich auch nicht in die Schule. Wir habt Ihr Euch zu Hause aufgeteilt?

Mein Mann ging in einem systemrelevanten, deutlich besser vergüteten Beruf in 3-Fach-Schicht ganz normal weiter arbeiten. Ich bin mit den Kindern erst einmal zu Hause gelieben und habe die Beschulung übernommen. Unsere Tochter ist sieben, unser Sohn ist neun Jahre alt und in der vierten Klasse, also kurz vor dem Schulwechsel. Er hat in der Schule eine Schulassistentin, diese fiel natürlich nun weg.

Deine Kinder waren nicht in der Notbtreeung – warum? 

Meine Tochter hat Asthma und wir wollten kein Risiko eingehen. Das bedeutete aber umkehrt auch, dass ich nur arbeiten gehen konnte, wenn mein Mann zu Hause war und die Kinder übernehmen konnte. Als ich dann nach vier Wochen merkte, dass ich doch deutlich mehr arbeiten müsste, signalisierte mir die Schule meiner Kinder, dass es eigentlich keine Notbetreuungsplätze mehr gibt…

Wie hast du die Stimmung unter Euch Erziehern in der Kita in der letzten Zeit erlebt?

Die Stimmung ist angespannt. Alle machen sich Sorgen, keiner traut sich was zu planen. Viele Freunde und Verwandte sagen jetzt zu uns: „Sei uns nicht böse, aber ihr arbeitet ungeschützt, wir möchten Dich im Moment lieber nicht treffen…“ . Alle Kollegen schleppen ihr eigenes Coronapaket mit sich rum und die Solidarität untereinander wird schwieriger. Alle sind unzufrieden.

Wir haben hohe Ansprüche an unsere Arbeit, das jetzt runterzuschrauben auf Grundbetreuung macht weder Spaß noch ist es gut für irgendwen. Es ist ein komisches Gefühl, wenn ein KiTa-Kind jetzt seine Rotznase bei Dir am Shirt abputzt und wenn Du eines der kleinen Kinder in den Schlaf kuschelst, kannst Du einfach keinen Schutzabstand einhalten. Keine Bauecke ist so groß, dass ich einen Meter weit weg rutschen könnte. 

Wie sehen bei Euch die Regelungen aus?

Ich habe noch keine Verfahrensweise für die Zeit ab dem 8.6. bekommen, aber soweit ich weiß, soll es dann zurück in die alten Gruppen mit den alten Mitarbeitern gehen – soweit diese arbeitsfähig sind. Bis jetzt durften wir entscheiden, ob wir mit oder ohne Masken arbeiten. Aber: Die meisten Kinder fühlen sich nicht gut, wenn der Erwachsene eine Maske trägt. Gerade die Kleinen brauchen eine freie Sicht auf die Gesichter, weil sie nur so voll und ganz die Intention ihres Gegenübers verstehen können.

Eltern durften während der Norgruppenregelung die KiTa nicht betreten, d.h. wir haben die Kinder hinter der Eingangstür empfangen und sie dort auch, komplett angezogen, wieder „rausgereicht“. Erstaunlicherweise haben die meisten Kinder das wirklich gut mitgemacht. Natürlich wurden aber auch alle empfangen wie Superstars 😉 .Und dann gings erst einmal Händewaschen,. Elterngespräche, wie sie zwischen Tür und Angel entstehen,  gab es nicht. Aber ab dem 8.6. ist dieses Verbot aufgehoben und die Eltern dürfen wieder in die Gruppen.  

Was meinst Du, wie es den Kita-Kindern in den letzten Wochen in der Kita ging?

Ich habe viele enttäuschte Kinder erlebt. Es ist halt alles anders. Andere Erzieher, andere Kinder, andere Räume, andere Spiele, keine Projekte, kein warmes Mittagessen, etc. Die Kinder vermissen die KiTa mit allen Abläufen, Menschen und Ritualen, so wie es vor Corona war. 

Wie hast du die Eltern dieser Kita erlebt?

Ich hab vor allem viel mehr Gefühl bei den Eltern erlebt als sonst und das in alle Richtungen. Mehr Dankbarkeit, aber auch mehr Wut, mehr Ruhe aber auch mehr Erschöpfung. Es gibt viele Eltern, die sich an die Vorschriften halten, aber natürlich auch immer welche, die kein Verständnis haben z.B. für Prozesse die jetzt einfach länger dauern.  

Viele Erzieher sagen: „In der Kita achten wir alle kleinlich auf alles – und nach der Kita treffen sich die Kinder ohne Abstand auf dem Spielplatz“ – hast du das auch schon beobachtet und wie geht s dir damit?

Kinder können nicht ohne Abstand spielen, das geht gar nicht. Ich kann Rahmenbedingungen schaffen, die Kontakt reduzieren, aber letztendlich staunen alle Schulter an Schulter über den hohen Turm, für das tolle Bild wollen beide genau diesen einen Stift und den T-Rex im Buch anschauen macht mit dem Kumpel halt einfach viel mehr Spaß. Außerdem muss man dann der Erzieherin dringend zeigen, wie groß die Eckzähne sind, das kann sie nur sehen wenn sie wirklich ganz nah dran ist. 

Welche Regeln/Vorschriften sind deine Meinung nach nicht sinnvoll/gut einzuhalten?

Wenn ich zufriedene, lernoffene, freundliche, selbstbewusste, empathische Kinder möchte dann bedarf es so wenig Regeln wie möglich! Abstand halten ist unmöglich, total und absolut! Ständig Händewaschen auch, Kinder fassen sich und anderen immer ins Gesicht. Eltern nicht in die Kita zu lassen ist auch Murks, haben doch alle den selben Infektionskreis. Schutzkleidung wäre auch Quatsch. Endlich ist es soweit, dass die meisten Kinderärzte keine Kittel mehr tragen und wir sollen jetzt wieder damit anfangen? 

In NRW sollen am 8.6. nun alle Kitakinder wieder in die Kita gehen. Was hälst du davon?

Ich war zuerst überrascht. So schnell. Und warum? Wer bestätigt, dass das ein ungefährlicher Schritt ist? Hoffentlich ist das kein Politikum. Hoffentlich werden wir jetzt nicht verheizt. Und wie soll das organisatorisch gehen mit all den ausgefallenen Kolleginnen?  

Damit kriegst du ja auch ein Problem, weil Deine Kinder dann umbetreut sind, wenn du arbeiten gehen musst. Hast du dafür schon eine Lösung?

Nein. Ich hab keine Lösung. Zumal es sich ja nicht nur um die Betreuung meiner Kinder geht, sondern auch um die Beschulung. Ich suche jetzt also eine Lösung für die Betreuung und Beschulung meiner Kinder, um andere Kinder betreuen zu können.

Mein Sohn wird keine oder viel weniger Hilfe von seiner Schulassistentin bekommen, die hat nämlich auch Kinder in der KiTa und hat plötzlich 2 Stunden weniger Zeit am Tag zu arbeiten, weil in NRW der Stundensatz aller Kinder um 10 Stunden in der Woche gesenkt wurde.

Ich könnte die Oma fragen. Sie ist 67 und hat Bluthochdruck. Ich bin systemrelevant, die Notbetreuung ist jetzt sehr voll.  Ich hab zu lange nicht gearbeitet. Das Lehrpersonal muss jetzt nicht mehr nur die Notbetreuung abdecken, sondern auch den rollierenden Unterricht. Wenn jetzt noch neue Kinder in die Notbetreuung müssen werden Lehrer aus dem rollierenden Unterricht genommen. Ich weiß auch gar nicht, in welchem Umfang ich arbeiten müsste, wie viele Stunden und wann am Tag. Hab ich als systemrelevante Frau eigentlich Anspruch auf Coronaelterngeld? Und wer will als Freundschaftsdienst die Kinder eines eventuellem Superspreaders betreuen? Ich hab Angst vor den nächsten Wochen. Ich hab das Gefühl ich werde es eh keinem recht machen, mir selbst schonmal gar nicht. Meine Kollegin in der Kita, die mit mir zusammen 10 Kinder zwischen 4 Monaten und 3 Jahren betreut, ist übrigens auch Mutter eines Grundschulkindes.  

Was ist dir generell noch wichtig zu dem Thema?

Verständnis. Gelassenheit. Und der Glaube daran, dass alle ihr Bestes versuchen. Und wenn man dann mal die Nerven verliert, den Mut zu haben danach ins Gespräch zu gehen.  Auf allen Seiten.

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3 Kommentare

  1. Liebe Melli,
    vielen Dank für deinen Beitrag zur, in meinen Augen, wenig diskutierten Situation der pädagogischen Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und der sozialen Arbeit.
    Ich selbst bin auch als Erzieherin im U3-Bereich tätig und „wuppe“ gerade mit meiner Kollegin und drei Praktikanten im Wechsel die Notbetreuung in einer dreigruppigen Einrichtung. Ich habe zwei Kinder -eines davon musste auch zuhause beschult werden.
    Ich habe Verständnis für alle Entbehrungen und Herausforderungen, welche vor allem für Kinder und Familien im Zuge der Corona-Pandemie in den letzten Wochen einhergehen.
    Und doch hat es mich in den vergangenen Wochen etwas irritiert, dass zu Beginn der Pandemie für absolut wichtige Berufe wie Kranken- und Altenpflege, welche mit stetig schwindender Schutzausrüstung arbeiten mussten auf Balkonen geklatscht und Anerkennung gezollt wurde und es nun nicht einmal eines Gedankens wert ist, dass die Personen, welche sich gerade in der Notbetreuung um Kinder kümmern und ab 28.5. und spätestens ab 8.6. in NRW dann auch wieder mein Kind in der Kindertagesbetreuung und in der sozialen Arbeit betreuten, vollends „schutz- und distanzlos“ arbeiten- vom regelmäßigen Händewaschen und Desinfizieren mal abgesehen.
    Ich mache mir Sorgen darum, was ich evtl. weitertragen könnte und darum arbeite ich und begebe mich in meiner Freizeit in dauerhafte, selbst auferlegte Quarantäne. Und auch mir fehlen soziale Kontakte, gute Gespräche und Zuspruch…
    …aber wie soll ich verantworten, wen ich potenziell anstecke?
    Ich wünsche mir nicht nur von Politikern, sondern auch gesellschaftlich mehr Respekt für die Arbeit, welche wir gerade leisten, damit unsere Gesellschaft nicht ins Chaos stürzt und Familien nach den endlos empfundenen Wochen in denen noch kaum ein Ende in Sicht ist, wieder etwas aufatmen können.
    Schaut hin! Und schenkt uns wenigstens mal ein Lächeln! 🙂

  2. Liebe Melli,
    vielen Dank für deinen großartigen Einsatz! Erzieherinnen leisten einen so wichtigen Job und bekommen so wenig Anerkennung, das ärgert mich sehr.
    Deshalb nochmal herzlichen Dank an dich und alle deine Kolleginnen und Kollegen!
    Liebe Grüße Maria

  3. Hallo Lisa und Katharina,
    Richtig tolle Idee mal eine Erzieherin in dieser Debatte zu Wort kommen zu lassen. Viele der gestellten Fragen haben mir auch die ganze Zeit schon auf der Zunge gebrannt.
    Herzlichen Dank!!
    Viele liebe Grüße
    Raphael

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