Zwillingsmutter Mary in der Corona-Krise: Die größte Überforderung ist zum Glück vorbei

Liebe Mary, Du bist Mama von dreijährigen Zwillingsjungs und alleinerziehend. Vor vier Wochen gab es einen ARD-Beitrag über Dich, wie du die Doppelbelastung Kinderbetreuung und Home-Office durchhälst. Für alle, die den Beitrag nicht gesehen habe: Wie ging es dir in dieser Zeit?

Genau. Zum Zeitpunkt des Drehs war ich bereits seit 6 Wochen mit den Jungs im Homeoffice und habe versucht sowohl meinen Job, als auch die Betreuung der Kinder so gut wie möglich hin zubekommen. Das hat von mir verlangt, einige meiner eigentlichen Prinzipien über Board zu werfen, die Kinder durften sehr viel TV gucken und es gab öfter mal Fast Food.

Ich habe nachts gearbeitet, um das nachzuholen, das ich tagsüber nicht geschafft habe. In der ganzen Zeit war ich vorallem müde. Aber auch unzufrieden. Ich habe ja Kinder, um Zeit mit ihnen zu verbringen. Doch während der 6 Wochen musste ich meine Jungs so oft abweisen, vertrösten, enttäuschen, wegschicken und ihre Geduld strapazieren, dass ich ernsthaft Sorgen hatte, dass sie das nachhaltig schaden könnte.

Mich hat es innerlich zerrissen, denn ich wusste, dass ich uns ernähren muss, aber eben auch eine Führsorgepflicht habe. Diesen Spagat kann man über eine solche Dauer nicht stemmen, ohne selbst hinten runter zu fallen. Ich konnte mich zum Ende nicht mehr selbst spüren, hab mich nicht mehr im Spiegel gesehen und habe nur noch funktioniert. Selbst das am Ende nicht mal mehr gut. Ich hatte furchtbare Angst um uns.

Wie sah ein typischer Tag aus? 

Mein Wecker klingelte um 06:00 Uhr morgens, extra nur mit Vibration, ohne Ton, in der Hoffnung, dass die Jungs weiterschlafen und ich ein paar Minuten Vorlauf bekomme.

Das hat natürlich nicht funktioniert, wir schlafen im Familienbett, also sind wir gemeinsam aufgestanden. Ich habe den PC hochgefahren, den Kindern was zum Frühstück gemacht, schnell ein paar Mails sortiert und mir einen groben Überblick verschafft. Dann ging es ins Bad und ich habe vor dem PC Frühstück gegessen. Für die Jungs habe ich verschiedene Beschäftigung geplant, also Basteln, Malen und Co.

Je nach Meeting-Aufkommen lief der Fernseher. Die Jungs sind gerade erst 3 geworden und nicht gut darin, sich selbst zu beschäftigen. Der PC lief den ganzen Tag, und wann immer es ging, hab ich versucht zu arbeiten. Natürlich ging das nicht hochkonzentriert, denn jedes „Mama, schau mal“ riss mich aus meinen Gedanken und ich musste von vorn anfangen.

Zwischen 10:30 Uhr und 11:00 Uhr hab ich angefangen, Mittagessen zu kochen. Neben mir oft den Rechner, um keinen Anruf zu verpassen. Die Kinder mussten sowohl Frühstück als auch Mittag sehr oft alleine essen, was mich sehr geschmerzt hat, aber die „Ruhe“ musste ich nutzen, um was wegarbeiten zu können. Dann gab es einen Mittagschlaf für die Jungs. Eine Stunde, in der ich konzentriert arbeiten konnte.

Sobald die Kinder ausgeschlafen haben, habe ich mit der Arbeit pausiert, um mich zu 100% auf die Kinder zu konzentrieren. Der Nachmittag gehörte uns. Anfänglich sind wir in der Zeit für eine Stunde spazieren gegangen, die Jungs haben Radfahren gelernt, was mich sehr stolz macht.

Um 18 Uhr gab es dann Abendessen, die einzige Mahlzeit am Tag, die wir gemeinsam einnehmen konnten. Dann durften / mussten sie TV schauen und ich habe gearbeitet. 

Um 20 Uhr habe ich die beiden dann ins Bett gebracht und anschließend erneut gearbeitet ,so lang wie es nötig war. Gegen 23 Uhr bin ich zu den Jungs ins Bett gekrochen.

Wie ging es deinen Zwillingen zu dieser Zeit? 

Die beiden haben eigentlich am allermeisten gelitten. Sie waren für ihre 3 Jahre absolut und maximal verständnisvoll. Wie es Dreijährige eben sein können. Ich liebe sie so sehr. 

Beide mussten lernen. sich alleine / gemeinsam zu beschäftigen. Sie waren absolut unterfordert. Ich meine, wir sind totale Draußen-Menschen. Wir spielen nur dann drinnen, wenn es absolut nicht anders geht. Die Kinder wollten raus, wollten klettern, springen, rutschen, wandern und rennen. Die körperliche Unterforderung war wirklich das Schlimmste. Ich habe ihnen recht schnell ein kleines Trambolin und einen Sandkasten für den Balkon gekauft, damit konnten wir ein wenig kompensieren.

Dennoch wurden sie von Woche zu Woche unzufriedener, trauriger und auch wütender. Wir wohnen auf 70qm, hier kann man sich schlecht zurück ziehen, also hat jeder alles abbekommen. Ich habe an mir bemerkt, dass ich viel schneller wütend wurde und mehr geschimpft habe.

Das kennen wir nur zu gut.

Noch heute ist vor allem mein Erstgeborener sehr anhänglich. Er kann schlecht ohne mich sein und weint morgens, wenn ich ihn in die Kita bringe. Sobald ich den Raum verlasse, kommt er nach. Er ruft mich, wenn er mich nicht mehr sehen kann, auch wenn ich ihm sage, dass ich kurz ins Bad gehe- Mein Zweitgeborener vermisst sein geliebtes Schwimmbad so sehr, dass er „abhauen“ will, sobald das olle Virus weg ist. Das sagt er fast täglich.

Es war so unendlich schwer neben der Arbeit und dem Haushalt, die Gefühle der Kleinen aufzufangen und auf beide gleichzeitig einzugehen. Der eine war wütend und wollte gehalten werden und der andere hat sich den Kopf gestoßen und brauchte Trost. Natürlich passierte das auch vor Corona schon, ABER da hatte ich die innerliche Augeglichenheit, um das auffangen zu können.

Ich meine, man tröstet gerade das eine Kind, dessen Brot „falsch“ durchgeschnitten wurde, hat währenddessen eine eine Telefonkonferenz und dann stößt sich das zweite Kind den Kopf am Türrahmen. Die Schmerzgrenze war in den Wochen auch ungemein niedrig, es wurde einfach ALLES beweint und bejammert.

Nun dürfen Kinder von Alleinerziehenden wieder in die Kita. Wie hat sich dadurch Eure Situation verändert?

GOTT SEI DANK!!! Meine Kinder gehen seit 4 Wochen wieder in die Kita. Ich schicke sie vormittags und hole sie gleich nach dem Vesper wieder ab. Das deckt nicht meine gesamte Arbeitszeit, aber es handelt sich um eine Notbetreuung und ich möchte sie nicht überstrapazieren. Was ich am Vormittag nicht schaffe, arbeite ich abends nach. Für uns ist durch die Notbetreuung fast wieder Normalzustand eingekehrt. Es hat eine Weile gedauert bis wir eine neue Struktur gefunden haben, aber jetzt läuft alles richtig gut. Sie gehen wieder gerne, auch wenn sie durch die kleinen Gruppen nicht mit allen Freunden spielen können. Ich kann konzentriert arbeiten und bin das Gefühl endlich los, meinem Job nicht mehr gerecht werden zu können.

Wie hast du dich noch verändert? 

Nachdem die Kinder wieder in die Kita durften, hab ich bemerkt, wie der Stress langsam von mir abfiel. Ich konnte mir wieder Sachen merken, hab das Gefühl wiedergewonnen, etwas wert zu sein und nicht nur zu versagen. Bis die Energie wiederkam, vergingen allerdings 2-3 Wochen.

Du bist alleinerziehend. Hast Du sonst im Alltag Unterstützung durch zb. Großeltern oder den Kindsvater?

Leider nicht. Zu Beginn des Lockdown habe ich versucht, ein Netzwerk aufzubauen von Freunden und Bekannten. Das hat sich sehr schnell zerschlagen, weil es ja das Kontaktverbot gab. Meine jüngere Schwester arbeitet als Krankenschwester auf der Pandemiestation, mein Bruder ist Handwerker und selbst frischgebackener Papa, meine ältere Schwester ist Schulsekretärin. Meine Mutter hat Krebs im Endstadium und mein Papa hat schweres Asthma.

Um einmal die Woche einkaufen gehen zu können, kam die Nachbarstochter, um eine Stunde auf meine Kinder aufzupassen. Das war die einzige Unterstützung, die ich bekommen habe. Alle anderen, die gern helfen wollten, durften nicht.

Wenn Du dir eine Sachen wünschen könnest, die Dir sofort den Alltag erleichtern würde, was wäre das?

Im Moment wünschen wir drei uns eigentlich nur endlich in den Urlaub fahren zu können. Wir leiden sehr unter dem Gefühl des Lagerkollers. Das Eingesperrt sein der ersten 6 Wochen und das begrenzte Draußensein nagt sehr an uns. Wir waren es einfach nicht gewohnt. Ich wünsche mir nichts mehr als glückliche und gesunde Kinder. Ich würde auch alles nochmal genauso machen. Ich habe gelernt, dass Prinzipien durchaus über Board geworfen werden sollten, um sich das Leben ein wenig zu erleichtern und dass es nicht schlimm ist und man jederzeit wieder zur „Normalität“ zurück kann.

Hast du dich als Alleinerziehende in der Corona-Krise besonders allein gelassen gefühlt?

Oh ja!! Sehr sogar. Vor allem als Alleinerziehende mit der Option auf Homeoffice. Denn mit dieser Option gab es für mich keine Ersatzleistung vom Staat. Ich hatte nur die Option zu arbeiten oder arbeitslos zu sein. Dieser Druck war kaum zu ertragen. Finanzielle Sicherheit mit einer gestressten Mama und sich selbst überlassenen Kleinkindern – oder pleite mit glücklichen Kindern und einer weniger gestressten Mama…

Als ich keinen Ausweg mehr gesehen habe, kam ich auf die Idee einen offenen Brief an die Bundesregierung, dem regierenden Bürgermeister von Berlin und an Herrn Spahn zu schicken. Den habe ich auf Facebook veröffentlicht, und so wurde das ARD auf mich aufmerksam. Ich finde generell, dass Alleinerziehende in unserer Gesellschaft „vergessen“ werden. Sie sind sich selbst überlassen und fallen im System leider immer hinten runter.

Was wünscht Du Dir für die nächsten Wochen? 

Normalität!!! Mehr nicht. Wir waren (und sind) eine glückliche kleine Familie, die Pläne und Ideen hatte. Wir hatten Reisen geplant und haben unsere „Freiheit“ genossen. Es wäre schön, wenn wir nicht ständig das Wort „Corona“ hören müssten, sondern irgendwann auch wieder gute Nachrichten hören. Es wäre so schön, wenn wir wieder Zeit mit unserer Familie verbringen könnten, vor allem mit meiner kranken Mama. Wir wollen wieder leichtfüßig durchs Leben tanzen, ohne auf Abstand achten zu müssen.

Ihr könnt Mary auch auf https://www.facebook.com/zwillingsmama.maryb folgen

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