Auf der Frühchenstation zu Corona-Zeiten: „Wir dürfen unser Baby nur getrennt voneinander besuchen“

Baby im Tragetuch

Liebe Mia, deine Tochter kam acht Wochen zu früh auf die Welt – inmitten der Corona-Krise. Wie ist die Geburt abgelaufen?

Die Geburt war ein „geplanter“ Kaiserschnitt. Es zeichnete sich schon zwei Wochen lang ab, dass unsicher ist, wie gut unsere Tochter im Bauch versorgt ist. Zum Glück waren da schon die ersten Lockerungen nach Corona, sodass mein Mann mit dabei sein durfte. Wir trugen beide Mundschutz – aber bei einem 30-minütigen Kaiserschnitt ist das zu ertragen – bei einer normalen Geburt, die Stunden dauert, stell ich mir das unangenehmer vor.

Da das ganze OP-Team sehr nett war und ich den operierenden Arzt schon kannte, haben wir uns sehr gut aufgehoben gefühlt. Natürlich war es ein tolles Gefühl, unsere Tochter sehen zu können und auch wenn der erste Bussi auf den Mundschutz ging, waren wir glücklich, dass sie alles so gut überstanden hat.

Durch die Frühgeburt durftet ihr natürlich nicht gleich nach Hause. Wie ging es nach der Entbindung weiter?

Unsere Tochter kam, nachdem wir sie noch ein zweites Mal kurz sehen durften, auf die ITS für Frühchen, ich bin in den Aufwachraum und mein Mann ist zu unserer Tochter gegangen. Man sagt, dass Frühchenmamas nach einem Kaiserschnitt meist schneller wieder auf die Beine kommen, als wenn das Kind neben einem im Bettchen liegt und so war es bei mir auch: noch am Abend der OP hat der zweite Aufstehversuch geklappt und mein Mann konnte mich im Rollstuhl zu unserer Tochter bringen.

Ich selber bin fünf Tage im Krankenhaus geblieben, mein Mann immer an meiner Seite. Er kam eine Nacht vor der Geburt und blieb, bis ich entlassen wurde – das war mir eine unglaubliche Stütze. Möglich war dies, weil ich mir ein Einzelzimmer genommen hatte und somit der Platz neben mir eh frei war. Das kann ich nur jedem in unserer Situation empfehlen. Unsere Tochter ist noch immer im Krankenhaus – was ganz normal ist, denn Frühchen müssen bis mind. zur 36+0 SSW im Krankenhaus bleiben.

Sie konnte aber nach einer Woche von der ITS auf die IMC (etwas weniger Überwachung) und nach einer weiteren Woche auf eine weitere IMC (mit noch etwas weniger Überwachung) umziehen. Sie entwickelt sich toll und wenn man bedenkt, dass Sie noch immer 5,5 Wochen in meinem Bauch gehabt hätte, können wir mehr als stolz auf sie sein.  

Wie war die Situation auf der NEO?

Die Neonatologie an sich war super, gerade auf der ITS ist der Betreuungsschlüssel mit einer Schwester auf zwei Kinder super – die Mäuse werden rund um die Uhr umsorgt und bewacht und die Schwestern sind dabei geduldig mit uns Eltern, erklären alles und zeigen viel.

Die Hygiene war natürlich Mundschutz, beim Betreten des Zimmers immer die Hände und Arme waschen und desinfizieren und eigentlich nach allem was man getan hat desinfizieren. Gewickelt wird mit Handschuhen. Die Besuchsregeln sind ziemlich einfach und für mich grausam zugleich: Mama und Papa dürfen immer kommen, aber immer nur einer von beiden, dafür aber rund um die Uhr, außer zu den Übergabezeiten.

Wie ging es dir damit?

Ich bin gut mit der Situation zurechtgekommen. Geweint habe ich nur zweimal – das erste Mal, als mir klar wurde, dass wir druch Corona nicht zusammen zu unserer Tochter dürfen. Für mich war das ganz schwer, weil wir so ja nicht zusammenwachsen konnten – ich habe eh schon kein wirkliches Wochenbett, da wir ja immer zwischen Zuhause und Krankenhaus pendeln und dann können wir das alles nicht mal zusammen erleben.

Mich hat das auch wütend gemacht: weil wir uns auf dem Flur mit einem Kuss verabschiedet haben und dann ist einer ins Zimmer unserer Tochter gegangen und der andere hat gewartet – als ob das das Virus aufgehalten hätte. Ich hätte ja auch verstanden, wenn man mit den anderen Eltern der Kinder im gleichen Zimmer einen Besuchsplan hätte absprechen müssen, damit eben nicht gleichzeitig vier Leute im Zimmer sind, aber die Option gab es nicht.  

Es gab viele Eltern, die das noch viel schlechter verkraftet haben. Mütter, die bitterlich weinen, wenn die Männer weggeschickt werden. Weil man eben nicht als Familie zusammenwachsen kann – und das in der so schon verschärften Situation mit einem Frühchen. Wir haben mit unserer Tochter viel Glück, wenn man im gegenzug im Nachbarbett das kleine Baby sieht, das mit nur 624 Gramm zur Welt kam… Diese Mäuse brauchen genauso oder vielleicht sogar noch mehr als jedes zur richtigen Zeit geborene Kind, Mama und Papa.

Wie geht es deinem Mann damit?

Mein Mann macht eh aus jeder Situation das Beste – er hat immer geduldig gewartet, wenn ich dran war. Als ich wieder selber laufen konnte, haben wir eine für uns gute Regelung gefunden: einer geht früh zu ihr, der andere am Nachmittag und am nächsten Tag ist es genau umgekehrt. So ist immer einer bei dem dabei, was am Morgen so gemacht wird (Physio, Visite etc.) und bei dem, was am Nachmittag anliegt (baden etc.).

Welche Situationen wolltet ihr so gerne teilen – und konntet es nicht?

Baden war zum Beispiel ein riesen Thema für mich. Als ich gefragt wurde, wer sie als Erstes baden darf, habe ich dies von Herzen gern meinem Mann überlassen – weil ich wusste, er freut sich und hat da richtig Spaß dran. Als der Sonntag dann kam, er mit ihr dieses erste Mal erlebt hat und ich zu Hause auf der Couch saß, kamen ein zweites Mal in der ganzen Zeit die Tränen. Ein Video ersetzt nicht das Erlebnis. Es wird für immer nur seine Erinnerung bleiben!

Hast du versucht, auf eure Situation aufmerksam zu machen?

An diesem Sonntag, weinend auf der Couch, habe ich mich an das Ministerium für Soziales und Gesundheit unseres Bundeslandes gewandt. Hier habe ich fünf Tage später die Info erhalten: „Die Betretungsverbote für Krankenhäuser und andere Einrichtungen, die aufgrund der Situation erlassen wurden, sind inzwischen aufgehoben. Aber natürlich sind die Einrichtungen für das weiterhin bestehende Infektionsrisiko sensibilisiert und haben entsprechende Hygienekonzepte umgesetzt. Direkte Einflussmöglichkeiten auf die Besuchsregelungen in den Krankenhäusern haben wir leider nicht, da diese eigenständige Unternehmen sind.“ Ich muss mich also nun ans Krankenhaus wenden – da ich dort noch den richtigen Ansprechpartner suche, komme ich da aktuell nicht weiter, aber ich bleibe dran. Denn es wird weiter Eltern geben, denen die gemeinsamen Erinnerungen fehlen werden.

Wie geht es euch heute?

Wir bleiben die Optimisten, die wir immer waren. Seit fast zwei Wochen pendeln wir zwischen Krankenhaus und zu Hause und Büro und versuchen dabei, auch das UNS nicht zu verlieren – weil einer früh und der andere am Nachmittag im Krankenhaus ist, getrennt voneinander, heißt das eben auch: wenig Zeit miteinander.

Daher versuchen wir zusammen Mittag zu essen und haben das gemeinsame Abendbrot zum Austausch. Jeder hat dann immer etwas Spannendes zu erzählen, was unsere Tochter wieder Neues kann, wieviel mehr sie nun trinkt oder wiegt – man freut sich ja über jedes Gramm. Wir hoffen sehr, dass sie sich weiter so gut entwickelt und wir sie wirklich um die eigentliche 36+0 SSW herum mit heimnehmen dürfen…

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5 Kommentare

  1. Hallo, so anders ist das auch ohne Corona nicht. Unser 2. Kind war ein extremes Frühchen und nach der Geburt ca. 1 Jahr auf der Intensivstation – lange vor Corona.
    Wenn man als Familie in dieser Zeit weiter Geld verdienen möchte, sich um Kind 1 kümmert und die normalen Alltagspflichten erledigt, kann man auch nur selten zusammen ins Krankenhaus. Meistens war das zu wichtigen Arztgesprächen und Kind 1 wurde mit schlechtem Gewissen bei Freunden geparkt. Wir haben uns täglich abgewechselt, einer war Vormittags Arbeiten und Nachmittags im KH, der Andere war morgens im KH und Nachmittags arbeiten. Familienzeit gab es dadurch kaum.

    1. Wir haben 3 Frühchen, alle zwischen 30. und 32. SSW. Da wir im Ausland arbeiten, aber wegen dem schlechten Gesundheitssystem dort die Geburt in Deutschland angestrebt haben, war ich dreimal ohne meinen Mann mit den Kindern für 3 Monate in Deutschland. Oma und Opa haben geholfen und mein Mann war intensiv über Videochat und Bilder dabei – sicher nicht das selbe wie live, aber rückblickend war es eine gute Lösung, als Familie sind wir mit etwas Verzögerung zusammengewachsen und wachsen immer noch jeden Tag zusammen. Deutschland bietet im Vergleich sehr gute Bedingungen für Frühcheneltern, wenn, so schwer es auch sein mag, Beschränkungen zum Schutz aller aufgelegt werden, ist es immer noch vertretbar, ich möchte gar sagen sehr gut. Gute Zusammenwachszeit trotzdem, die bleibt doch für länger.

  2. unser erstes kind musste einen tag nach der geburt auf die neugeborenen intensiv station. ich war auf der wöchnerinnen station ganz am anderen ende des KH (wegstrecke mindestens 15 minuten in meinem zustand). ich mit geburtsverletzungen, konnte eigentlich gar nicht sitzen und gescheit laufen. und mir ging es psychisch aufgrund der situation sehr schecht. wir durften unser familienzimmer dennoch behalten und er war fünf tage mit im krankenhaus. ich stelle es mir noch schlimmer vor so eine situation ganz alleine meistern zu müssen. ich kann das sehr gut verstehen was für eine belastung das ist! das ist es ja eh schon auch ohne diese beschränkungen derzeit!

  3. Meine beste Freundin hat auch vor ein paar Wochen ein Frühchen bekommen, 6 Wochen zu früh. Bei denen war es sogar so, dass ihr Mann sie, während sie selbst noch im Krankenhaus war, nur 1/2 Stunde am Tag besuchen durfte. Als sie dann raus war, durfte ein Elternteil den ganzen Tag beim Kind sein und das andere nur 1 Stunde am Tag. Die Mutter war also den ganzen Tag da, der Vater nur 1h. Das war wahnsinnig hart für ihn.
    Für beide war es das totale Highlight, als sie den Kleinen gesund mit nach Hause nehmen konnten und das erste Mal ohne Mundschutz mit ihrem Sohn kuscheln durften.

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