Ich habe meine Enkel wochenlang nicht gesehen – Oma Gudruns Blick auf die Isolation und uns Eltern

woman 3188744 1280 665x435 - Ich habe meine Enkel wochenlang nicht gesehen - Oma Gudruns Blick auf die Isolation und uns Eltern - Wie geht es eigentlich den Senioren in dieser Krise? Und wie sehen sie unsere Generation? Ein Gespräch mit Oma Gundrun:

Liebe Gudrun, Du bist Mama von drei Kindern und hast zwei Enkelkinder. Du hast uns geschrieben, dass Deine zwei Töchter auch gerade am Rande ihrer Belastbarkeit stehen. Erzähl mal mehr darüber.

Meine zwei Töchter haben je eine siebenjährige Tochter, die beide in die erste Klasse gehen. Meine Tochter E. arbeitet aktuell im Home office, also in ihrer Wohnung in Frankfurt. Sie hat einen anspruchsvollen Beruf, der sie fordert und wegen deutschlandweiten Meetings und Präsentationen auch mal an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit bringt. Sie arbeitet offiziell nur Teilzeit, aber leistet so viel wie eine Vollzeit-Kraft.

Ihr Mann und ihre Tochter sind auch seit vielen Wochen zu Hause. Anfangs war es ganz schön, sagte meine Tochter, so viel Zeit zusammen zu haben. Aber nach so vielen Wochen sieht das anders aus. Nun gilt es einen 6-Stunden-Job parallel zur Schulbildung und dem Beschäftigungs-Bedürfnis der kleinen Tochter zu stemmen. Meine Tochter steht morgens sehr früh auf auf, um die ersten Stunden in Ruhe zu arbeiten. Am schlimmsten ist für sie aber dieses Gefühl von Aussichtslosigkeit, mangelnder Perspektive, Kontrollverlust, gepaart mit der Angst um die Gesundheit ihrer Familie und ihrer Mama. Sie hat vor 8 Jahren bereits ihren Vater verloren. Manchmal weinen wir uns am Telefon einfach nur die Ohren voll. Dann geht es wieder besser.

Tochter S. ist im Sekretariat einer Grundschule Teil des „Krisenteams“ und musste die ganze Zeit ihren Teilzeit-Job weiter leisten. Wohin mit ihrer Tochter? Sie gehört ja nicht zu den Berufsgruppen, die Zugang zu einem Betreuungsplatz haben und sie will das Kind ja auch nicht irgendwo abstellen. Es gibt Bezugspersonen, die für das Grundvertrauen der Kinder, für ihre gesamte Entwicklung nicht einfach austauschbar sind. Nun gehört auch sie zu den Früharbeitern und steht um 6 Uhr, auf damit sie mittags ihren Mann ablöst, der dann abends halt nicht vor 9 Uhr nach Hause kommt. Ist das noch ein Familienleben ? Ok, bei Familien, die Schichtarbeiter sind ist das normal. Aber macht es das gefühlt besser ?

Wie lange hast Du Deine Enkel nicht mehr gesehen?

Ich habe meine Töchter und Enkeltöchter in der ganzen Zeit (also seit Mitte März) drei Mal gesehen. Da ich wegen einer Herzkrankheit zur Risikogruppe zähle, bestand bei uns allen ein große Akzeptanz der ganzen Einschränkungen. Hinzu kommt, daß unser Nachbar seit nunmehr 5 Wochen coronakrank im Krankenhaus liegt, 4 Wochen davon am Beatmungsgerät. Das kann einem schon den Ernst der Lage aufzeigen.

Mir war von Anfang an klar, daß ich zumindest auf ein hoch wirksames Medikament, besser auf den Impfstoff, warten muss, bis ich wieder ein „normales“ Leben haben werde. Das können 2 Jahre sein. Dieses Wissen hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Wenn man vielleicht nur noch 10 Jahre vor sich hat, dann wiegen diese verlorenen zwei Jahre unglaublich schwer. Kein Telefonat, kein Skypen kann mir auch nur ansatzweise die Nähe zu meinen Töchtern und Enkeltöchtern ersetzen. Die beiden letzten Male als wir uns trafen, mittlerweile mit Mundschutz, habe ich wenigstens auf einer Abschieds-Umarmung bestanden. Wenn die Schule wieder anfängt, werden wir uns wohl gar nicht mehr treffen können. Das macht mich einfach tief traurig.

Um die Älteren und Vorerkrankten zu schützen, stecken die Jüngeren gerade sehr zurück. Wie geht es Dir damit?

Wenn es so wäre, daß dieses Virus nur für uns Ältere und Vorerkrankte ein echtes Problem ist, würde ich alle unter 65 einfach wieder aufeinander loslassen. Lebt Euer Leben selbst bestimmt. Jeder kann und muss abwägen, welches gesundheitliche Risiko er tragen will und kann. Das müssen wir doch ständig, auch wenn es um andere Themen geht.

Leider scheint es nicht so einfach zu sein. Seit einigen Tagen tauchen ja nun auch Berichte auf, in denen von einer anderen Variante gesprochen wird, dem Kawasaki-Syndrom, das bei Kindern sogar tödlich ausgehen kann. Wir müssen uns in Geduld üben.

Wie schützt Du dich gerade im Alltag?

Ich kann mich eigenverantwortlich schützen, indem ich zu Hause bleibe, mich zu 80 % beliefern lasse und wenn, dann zumindest mit Mundschutz unterwegs bin. Darauf habe ich übrigens sehnsüchtig gewartet, auf diese Mundschutz-Regelung. Auch wenn es immer wieder Vollidioten gibt, die ihren Mundschutz nicht oder nicht richtig tragen.

Wie erlebst du deinen Freundeskreis und Gleichaltrige?

Unsere Freunde versuchen telefonisch den Kontakt aufrechtzuerhalten. Aber das bricht langsam weg, auch von unserer Seite. Was sollen wir uns auch noch erzählen ? Dass heute endlich die Masken angekommen sind ? Dass das selbst gebackene Brot mißlungen ist? Mit einem befreundeten Paar haben wir uns verabredet, uns jeden Abend um 18 Uhr mit einem Aperol Sprizz oder Weinchen tele-zuzuprosten. Nächste Woche werden wir uns endlich mal wieder treffen und distanziert über den langen Tisch ein wenig „anschreien“.

Findest du, dass nun zu schnell gelockert wird?

Die Lockerungen haben hauptsächlich dazu geführt, dass wir alle aufatmen können. Ob die Lockerungen zu schnell und zu weitgehend waren werden wir erst in 2 Wochen sehen. Ich wünsche uns allen von ganzem Herzen, daß es gut ausgeht. Leider fehlt auch jetzt noch ein verläßliches, transparentes Konzept für die berufstätigen Eltern. Einfacher fände ich den Umgang mit einem Wenn-Dann-Zeitplan. Also das passiert, wenn die Zahlen wieder hoch gehen….

Was ärgert dich am meisten in dieser Zeit?

Am meisten hat mich aufgeregt, daß MP Söder meinte, vor dem ankommenden Masken-Flugzeug posieren zu müssen, daß MP Laschet meint, sich mit täglich neuen Lockerungs-Szenarien positionieren zu müssen….

Was wünscht du dir für die nächsten Wochen?

Ich wünsche mir die Kraft weiterhin Freude am Klein-Klein zu haben. Wir haben über unserer Haustür ein Spatzen-Nest. Die Kleinen schreien wie blöd nach Futter. Die Eltern kacken uns fleißig direkt vor die Tür. So what? Das ist das Leben. Als 68er wünsche ich mir und Euch einfach Liebe, Sonne im Herzen, einen offenen Blick für all das Schöne, das wir haben und Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung !

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1 Kommentar

  1. Liebe Oma Gudrun, Dein Blick hört sich ähnlich an, wie der meiner Eltern. Nutzt die Zeit, so lange die Enkelkinder noch „keimfrei“ zu Hause sind miteinander. Wir haben uns als Quarantäne- Gemeinschaft verabredet, das war für alle erträglicher. Also wir mit den Kindern isoliert, meine Eltern isoliert und dann als es wieder erlaubt war mit dem Auto von Tür zu Tür gefahren und viel Zeit gemeinsam verbracht. In der Isolierzeit haben wir täglich Videofoniert, meine Eltern haben so das Einmal- Eins mit unserem Schulkind geübt, da konnten wir in der Zeit arbeiten, er hat auch Gedichte und Vorträge so mit der Oma geübt. Einmal haben sich beide Kinder ein Fingerpuppen- Theaterstück ausgedacht, eine Bühne aus Karton gebastelt und meinen Eltern im Videotelefonat vorgespielt, die haben applaudiert! Viele Päckchen wurden hin und her geschickt… Doch die persönlichen Treffen waren natürlich viel schöner! Jetzt hat bei uns die Schule wieder begonnen und wir sind wieder auf Abstand gegangen. Die nächsten Treffen werden dann wohl im Freien statt finden.

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