Krankenschwester in Corona-Zeiten: „Jeder sollte alles dafür tun, eine Ansteckung zu vermeiden“

Liebe Sabine, du bist Krankenschwester in einer Notaufnahme – wie hast du die letzten Wochen erlebt?

Ich bin seit 20 Jahren Krankenschwester, arbeite seit zwölf Jahren in der Notaufnahme. Da ich zwei Kinder habe, habe ich in den letzten Jahren Teilzeit gearbeitet. In den letzten Wochen jedoch erheblich mehr – da viele Kollegen ausgefallen sind, weil sie zur Corona-Risikogruppe gehören.

Tatsächlich war es zu Anfang der Corona-Krise „leerer“ als sonst in der Notaufnahme, weil wirklich nur noch die Notfälle kamen – alle anderen sind aus Angst vor Ansteckung zu Hause geblieben.

Trotzdem war es sehr anstrengend – wir mussten uns an all die neuen Hygiene-und Schutzmaßnahmen halten, außerdem war da auch die mentale Belastung. Was, wenn ich mich anstecke und das Virus in meine Familie trage?

Zu Beginn der Krise war bei uns auch noch das Abstrichzentrum für unseren kompletten Landkreis – was wiederum viel Personal und Zeit bindet. Ich habe unzählige Telefonate geführt und den Menschen erklärt, was sie zu tun haben, wenn sie Symptome haben.

Wie ist die Situation gerade?

Mit den Lockerungen kamen auch wieder mehr „normale“ Patienten zu uns in die Notaufnahme, es herrscht wieder der alltägliche Wahnsinn. Momentan müssen wir uns oft beschimpfen lassen, denn Angehörige dürfen momentan nicht mit in die Behandlungen – außer es handelt sich bei den Patitenten um Kinder. Dafür haben viele kein Verständnis und wir bekommen den Unmut ab. Es entladen sich dann bei uns viele Emotionen, die sich wohl angestaut haben. Leider mussten wir deshalb nun Security engagieren, die uns helfen, falls es brenzlich wird.

In den ersten Wochen der Corona-Krise wurde viel darüber diskutiert, dass Pfleger, Krankenschwestern mehr Geld bekommen sollen. Hat dich diese Diskussion gefreut und bekommst du denn nun mehr Geld?

Natürlich war es schön, dass vielen Menschen vielleicht das erste Mal bewusst geworden ist, was wir leisten. Es gab allerdings auch andere Situationen. Eine Mutter aus der Schule hat mich angerufen und mich gefragt, ob ich noch bei Trost sei, dass ich mein Kind wieder zur Schule schicke – ich sei schließlich eine Gefahr für alle anderen.

Zum Verdienst: Ich habe Glück und werde nach Tarif bezahlt, in meiner Tarifstufe bekommt man in Vollzeit etwa 3800 Euro. Ich arbeite im Schichtdienst, gerne mal sieben Tage in Folge, immer mit vollem Einsatz. Wenn man sich mal anschaut, was in anderen Berufen bezahlt wird, ist unser Verdienst fast lächerlich.

Den Corona-Bonus bekomme ich nicht, da ich nicht in Bayern lebe und unser Krankenhaus diesen Bonus nicht aus eigener Tasche bezahlt. In unserem Bundesland haben nur Altenpfleger/innen diesen Bonus bekommen – ich gönne den Kollegen diesen Bonus von Herzen, hätte mich selbst aber auch darüber gefreut. Denn um es mal ganz klar zu sagen: Vom abendlichen Klatschen an den Fenstern kann ich keine Rechnungen bezahlen.

Letztes Wochenende gab es eine große Demo in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen. Was ist deine Meinung dazu?

Ich bin stinksauer. Ich riskiere meine Gesundheit und die meiner Familie, um anderen Menschen zu helfen. Dafür erwarte ich, dass jeder Einzelne alles dafür tut, das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Dazu gehört eben Abstand halten und Maske aufsetzen.

Ich würde gerne wissen, ob diese Menschen medizinische Hilfe in Anspruch nehmen wollen, wenn sie erkranken. Am Liebsten würde ich sagen: Wenn Ihr absichtlich ein Risiko eingeht, müsst Ihr dafür auch Verantwortung tragen.

Ich selbst arbeite jeden Tag acht Stunden mit Mundschutz – was ist so schwer daran, diesen kurz zum Einkaufen zu tragen? Es war noch nie so einfach, solidarisch zu sein.

Mir tut es auch so leid, dass die Kinder wahrscheinlich die Dummheit der Erwachsenen ausbaden müssen – denn steigen die Infektionszahlen, sind die Schulen und Kitas schnell wieder dicht.

Einige Menschen behaupten ja: So schlimm ist Corona ja nicht – die Krankenhäuser waren ja auch nie voll. Was willst du diesen Menschen sagen?

Wie schlimm Corona ist, konnte man Italien sehen oder derzeit in den USA. Wenn zu viele Menschen erkranken, werden die Beatmungsgeräte knapp. Man kann nicht zwei Patienten an eine Maschine anschließen – ist die Maschine besetzt, stirbt der andere. Und das könnte dein Opa, deine Freundin, dein Mann sein – so hart es ist: Das ist die Realität.

Wenn die Krankenhäuser also nicht überfüllt sind, haben wir alles richtig gemacht. Das zeigt, wie sinnvoll die Maßnahmen sind.

Ich habe Corona-Patienten gesehen. Dieses Virus ist unberechenbar und kann jeden treffen. Ob jung oder alt – ob mit Vorerkrankungen oder ohne – es gibt keine Garantie, das Virus zu überleben. Und noch haben wir keine Ahnung, welche Spätfolgen es gibt.

Wie ist deine Einschätzung in Bezug auf den Herbst? 

Ich fürchte, es kommt die 2. Welle. Die Menschen sind einfach zu unvorsichtig geworden. Ich kann nicht verstehen, wie man wirklich denken kann, dass ein Mundschutz die persönliche Freiheit einschränkt.

Was wünscht du dir für die kommenden Wochen und Monate? 

Einen Impfstoff – lieber heute als morgen. Auch ich wünsche mir ein normales Leben zurück. Ich will meinen Geburtstag nachfeiern und meine Freunde alle drücken. Bis es soweit ist, wünsche ich mir vorallem, dass die Menschen verantwortungsbewusst mit der Situation umgehen.

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6 Kommentare

  1. Gesundheits- und Krankenpfleger ist ein besonderer Beruf ist, für den man geboren sein muss. Man kommt dabei mit Fäkalien und Erbrochenem in Berührung, man muss stinkende, verwahrloste Menschen waschen und man sieht Alte, Kranke und Kinder sterben. Wer dies beruflich macht, soll gut bezahlt werden. 3.800,-€ ist m.M.n. eine gute Bezahlung, wobei das Einstiegsgehalt dann ca. bei 2,2-2,5 T€ liegt. Das ist auch für einen ausgelernten Azubi eine attraktive Vergütung. Was definitiv verbesserungswürdig ist, sind die Umstände, unter denen gepflegt wird. Zu lange Schichten, zu viel Dokumentation, zu wenig freie Tage. Auch das immer größere Ausmaß an Gewalt, dem das Personal ausgesetzt ist und gegen die nicht konsequent vorgegangen wird. Es ist das gleiche Klientel, das in den Zügen meines Mannes (Lokführer, regelmäßig Schichten, die um 3:30 Uhr nachts beginnen und 12 Stunden dauern) randaliert, die weiblichen Zugbegleiter zu küssen versucht oder ihnen gleich mit der Faust ins Gesicht schlägt. Mehr Geld macht all diese beschissenen Umstände nicht wett. Es sorgt auch nicht dafür, dass die Kinder in den Randzeiten wie von Zauber Hand betreut werden. Ein Problem, das im Übrigen etliche Millionen Menschen in Deutschland haben und nicht nur Krankenpfleger.
    Ich bleibe dabei, Krankenpfleger ist ein toller, unglaublich fordernder Job und ich bin froh, dass es Menschen gibt, die ihn machen. Und als ich im Artikel gelesen habe, dass die Frau in VZ 3.800,-€ verdienen würde, habe ich gedacht, endlich mal ein angemessener Verdienst für eine anstrengende Arbeit.
    Aber lasst mal, auch mein eigener Mann fühlt sich unterbezahlt. Meines Erachtens verdient er gut. Ich wünsche mir nicht mehr Geld, sondern kürzere Schichten, damit er hier nicht nachmittags wie der Tod auf Latschen aussieht, nachdem er 13,5 Stunden unterwegs war.

  2. Der Verdienst ist nicht lächerlich, sondern angemessen. In den meisten anderen Ausbildungsberufen sind 3.800,-€ in Vollzeit niemals zu erreichen.
    Es gibt immer Menschen, die mehr verdienen. Man muss den Hals auch mal voll bekommen.

    1. Wow. Dieser Berufsstand hat Menschenleben in der Hand, meist viel zu viele auf einmal zu überwachen. Es wurden während des ersten Lockdowns 12 Stunden Schichten eingeführt, das Personal-Patientenverhältnis nochmal verschlechtert, um mehr Patienten versorgen zu können. Diese Maßnahmen wurden noch nicht zurückgenommen von einigen Kliniken. Von engagierten Kollegen wurden aus dem Nichts Isolierstationen und mehr Beatmungsplätze gestampft. Wissend, dass so niemals ein guter Standard für Patientenversorgung aufrecht erhalten werden kann.
      Richtige Pausen ohne Unterbrechung sind kaum möglich, geschweige denn in eine Kantine verschwinden.Randarbeitszeiten in denen die Kinder der Krankenpflege auch betreut/versorgt sein müssen, wie morgens 5 Uhr, Nachts, später abend, werden irgendwie abgedeckt.
      Also ja, ich finde, dass da Bezahlungstechnisch noch Luft nach oben ist. Vor allem weil diese Menschen ja trotzdem haftbar gemacht werden können für Fehler, die ihnen unterlaufen, weil sie zu viele Menschen betreuen müssen.

    2. Ich kenne keine Krankenschwester die so viel verdient… Ein Gehalt von einer Krankenschwester entspricht ungefähr der Hälfte von dem oben genannten Summe. Wäre schön, wenn wir Krankenschwestern wirklich so viel bekommen würden…

      1. Ich schon, es kommt natürlich drauf an, wo. 1.900€ ist in der Tat mal eine lächerliche Bezahlung. Das kann ja nur in den neuen Bundesländern sein. Unsere bekannten Krankenpfleger arbeiten in Regensburg und die verdienen sehr gut.

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