„Alles belegt“: Kein Bett für mich und meinen Säugling mit RSV

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Ihr Lieben, heute Morgen veröffentlichten wir diesen Bericht einer Krankenschwester über die Zustände auf den Covid-Stationen. Wie sich übervolle Stationen und zu wenig Pflegepersonal auswirken, erleben auch all diejenigen, die wegen anderer Krankheiten ins Krankenhaus müssen. So wie Rosa, die vor vier Wochen ihr zweites Baby zur Welt gebracht hat und dem es plötzlich sehr schlecht ging. Lest hier, was Mutter und Kind in einer Berliner Klinik erlebt haben:

„Ich habe einen kranken, schwer atmenden, vier Wochen alten Säugling zuhause. Der Kinderarzt bittet darum, nur zu kommen, wenn das Kind Fieber hat. Sonst sei es eben eine simple Erkältung. Ich lege auf, bin verunsichert. Zurück bleibt das Gefühl, eine hochgradig übertreibende Helikoptermutter zu sein. 

Es wird immer schlimmer. Ich rufe den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst an. Bandansage: „Wir können Ihren Anruf derzeit nicht entgegennehmen. In lebensbedrohlichen Situationen rufen Sie bitte die 112.“ Lebensbedrohlich ist unsere Situation dann ja wohl nicht, wenn kein Fieber da ist, oder? Ich bin maximal verunsichert.

Ich rufe im Krankenhaus an. „Wat soll ick jetzt sagen. Wenn se röchelt, müssen se halt kommen. Wartezeit!“ Und grußlos aufgelegt.

Hmmm. Dann kommt zum Glück das Mama-Bauchgefühl und ich rufe den privatärztlichen Bereitschaftsdienst – koste es mich als gesetzlich Versicherte, was es wolle. Der ist in 20 Minuten da. „Ihrem Kind geht es sehr schlecht, es muss sofort ins Krankenhaus.“ Notfallmedikamente verabreicht und mit Blaulicht ab ins Krankenhaus – und da sitzen wir dann. Und warten und warten. „Ich weiß nicht, wo ich Sie hinsetzen soll, hier ist alles belegt.“ 

Ich heule und will für heute jedenfalls nur noch weg aus dieser kaputten Stadt mit dem gesamten kaputten System. Und ich will, dass meinem Baby geholfen wird. Ist das in Deutschland zu viel verlangt?

Nach 1,5 Stunden werden wir in einer krachend vollen Notaufnahme endlich behandelt und liegen jetzt seit über einer Stunde hungrig und durstig auf meiner Jacke, zugedeckt mit meinem Pulli auf einer Pritsche in der Ambulanz, immerhin am Monitor hängend, und warten, bis irgendwo auf einer Station ein Bett frei wird. Aktuell sind alle belegt… Mittlerweile ist klar: Das Baby hat das RS-Virus.

00.44 Uhr, wir warten seit Stunden auf ein Bett. Langsam geht auch der Mama die Energie aus. Um kurz vor zwei Uhr nachts kommen wir auf die Station. das Baby und ich, wir sind völlig kaputt…

Ich hätte nicht gedacht, dass sowas möglich ist. Nicht in Berlin, nicht in Deutschland, nicht, wenn man ein wirklich krankes, vier Wochen altes Baby hat. Unser Gesundheitssystem ist wirklich am A*sch.“

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11 comments

  1. Tja, wirklich neu ist das Problem leider nicht. In den Kinderkliniken ist es (mit Ausnahme von letztem Jahr) im Winter üblich, dass die Kinder im Flur liegen oder zwischen den Kliniken umher geschickt werden müssen bis man irgendwo ein freies Bett findet. Dieses Jahr halt ein bisschen früher und heftiger als sonst. Hat aber bisher auch niemand interessiert wenn die Kinderkliniken im Winter völlig überlastet sind. Ich postuliere mal, dass es keinen einzigen Tag Lockdown gegeben hätte, wenn Corona die Kinder und nicht die Erwachsenen schwer treffen würde.
    Kinder gehen halt nicht wählen. Und zahlen keine Steuern. Und dank DRG-System kann man mit ihnen in der Klinik auch kein Geld verdienen…

  2. Hey, so eine Situation hatten wir auch. Mit 4 Wochen altem Baby, das kaum noch ansprech/erweckbar war, 5 Stunden in der Notaufnahme gewartet. Nur eine Ärztin für Notaufnahme und Station in einer der größten (Kinder-)Kliniken Berlins. Wir hatten Glück, es war im Endeffekt nichts und hatten eine Schwester, die uns mit viel Erfahrung sehr gut behandelt hat, aber das darf einfach nicht passieren.

  3. Das Geschilderte kann ich unterschreiben. Selbiges in Berlin vor Kurzem auch erlebt, mit dem Unterschied, dass in dieser Nacht die Rufnummer für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst gar nicht erreichbar war. Da der fulminante Pseudokruppanfall meines Sohnes trotz Notfallmedis nicht endete, hab ich die 112 angerufen. Es ist nicht zu fassen, wenn man es nicht selbst erlebt hat.

    1. Müssen sie aber, sie sind verpflichtet Babys aufzunehmen. Das Problem ist hier das gleiche, aber ich meine die Eltern, die es vorher zeitlich nicht geschafft haben. In JEDEM Dienst mehrere „hustet seit drei Tagen, aber haben es heute nicht zum Arzt geschafft“

  4. Ich frage mich aber auch, was das für ein Kinderarzt ist, der ein 4 Wochen altes Baby nicht sehen möchte, wenn eine Mutter anruft und sagt, es atmet schwer.

  5. Ach Du liebe Zeit! Das ist schlimm, dieser Bericht. Mit einem Kind unter 1 Jahr habe ich so etwas noch nicht erlebt. Das spricht ganz sehr dafür, dass die Belastungsgrenze nicht erreicht, sondern überschritten ist!

  6. Kann ich als Kinderärztin bestätigen- jeden Tag mehrfach. Liegt am System und an den 80% der Kinder in der Notaufnahme, die da nicht hingehören. Wenn man es nicht geschafft hat zum Kinderarzt zu gehen, das Kind Ohrenschmerzen oder erbrochen hat, muss man nicht in die Notaufnahme. Für uns bedeutet jedes dieser Kinder 20-30min Arbeit und zu wenig Kapazitäten für die wirklich kranken Kinder…. Blöd… im Moment ist es aber wirklich voll mit (RSV-)kranken Kindern.

    1. Schade, dass es nicht unterbunden werden kann, dieses in die Notaufnahme mit „banalen“ Dingen. Geht rechtlich nicht, schon klar.
      Aber ein Baby, dass keine Luft mehr bekommt muss warten.
      Wahrscheinlich weil das Kind, dass davor dran war 38 Grad Fieber hatte.
      Respekt an alle, die in der Notaufnahme arbeiten und das aushalten müssen.
      Ich stelle mir den Spagat zwischen schweren Fällen und banalen Fällen sehr schwer vor.

      1. Ach, wir schauen schon, dass die wirklich kranken Kinder früher als alle anderen dran kommen. Meistens gelingt das aus. Allerdings ist die Station auch so voll und so viele Kinder müssen isoliert werden, dass man erstmal genau schauen muss ob man ein Bett für ein Kind hat und wenn ja wo. RSV liegt neben RSV, wenn da aber kein Platz frei ist, dann nicht neben einem anderen Kleinkind, eher neben einem großen usw…. Dann beginnt das fröhliche umschieben, Wechsel der Zimmer, dann ist der Papa des Privatpatienten sauer, weil er sein Einbettzimmer nicht behalten kann usw… dann wird ein Zimmer nach Noro frei, das muss geputzt werden, die Putzhilfen sind im Krankenhaus aber derart überlastet, dass sie erst nach 4 Stunden kommen…. Usw usw. Neulich haben wir einen Patienten 10 Stunden in der vollen Notaufnahme liegen gehabt, weil das Zimmer erst nicht frei und dann nicht geputzt war. Das ist alles der totale Wahnsinn. Jedes Kind, was mit Fieber oder Aremwegsinfekt aufgenommen wird, muss erstmal wegen Va Covid isoliert werden…. Viel zu viele, viel zu kranke Kinder und dann die ganzen, die (fast) nichts haben dazwischen….

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