Alleinerziehende Intensiv-Krankenschwester: Hohe Belastung, wenig Lohn

Ihr Lieben, wir ziehen ja vor vielen Menschen den Hut, aber vor Mona grad auch echt nochmal ganz besonders. Sie ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern und arbeitet auf einer Intensivstation. Wie sie das grad alles hinbekommt und ob sie die Themen aus der Klinik mit nach Hause nimmt, hat sie uns im Interview erzählt.

Liebe Mona, du bist eine der Frauen, die gerade unglaubliches leistet. Du bist alleinerziehende Mutter von drei Kindern UND Intensivschwester auf einer Corona-Intensivstation. Wie geht es dir in diesen Tagen? 

Mir geht’s gut, also ich bin gesund. Ich bin schon erschöpft, aber auch dankbar. Gleichzeitig aber auch wütend. Ich empfinde große Ungerechtigkeit, was die Wertschätzung meiner Arbeit angeht. Ich arbeite aktuell fünf Tage die Woche von 7.15 Uhr bis 15 Uhr und verdiene 1480 Euro netto. Meine KollegInnen müssen fast jedes Wochenende ran, das muss ich nicht, weil ich alleinerziehend bin. Das Gesundheitssystem braucht DRINGEND eine Reform, wir müssen über andere Dienstzeiten und mehr Gehalt sprechen. So viele KollegInnen von mir lieben ihren Job, aber können ihn sich schlichtweg nicht mehr leisten

Wir sind mitten in der vierten Welle. Erzähl uns mal, was gerade auf deiner Station los ist. 

Meine Station ist voll und in dem Team in dem ich derzeit arbeite, ist kaum noch Stammpersonal. Viele KollegInnen kommen von anderen Stationen oder über Leasing. Das Team ist aber sehr nett. Wir haben 20 Beatmungsplätze, die immer voll belegt sind. Drei dieser Patienten sind geimpft, der Rest ungeimpft. 

Welches Corona-Schicksal hat dich in den letzten Monaten auf Station ganz besonders berührt?

Sehr berührt hat mich die Geschichte einer beatmeten Schwangeren – da kann ich gar nicht an das Baby denken…. Mir tun aber auch alle leid, die trotz verantwortungsbewussten Handelns schwere Verläufe haben. Dazu muss ich aber sagen, dass diese Patienten alle schwerste Vorerkrankungen und schon lange Krankheitsgeschichten hinter sich haben. 

Wenn deine Schicht vorbei ist, gehst du nach Hause zu deinen Kindern. Wie schaffst du es, die Corona-Station nicht mit nach Hause zu nehmen?

Ich schaffe es, auf dem Weg von und zur Arbeit abzuschalten. Die Kleinste bringe ich um 7 Uhr zu Kita, dann fahre ich mit dem Rad zur Arbeit und hole sie auf dem Rückweg wieder ab. Danach kommen schon die Großen nach Hause. Beim Radeln wird mein Kopf frei. Außerdem erdet mich mein Job sehr. Immer, wenn ich das Krankenhaus verlasse, bin ich dankbar für meine Kinder und dass wir gesund sind. 

Wie alt sind deine Kinder und wie gehen sie mit deinem besonderen Job um? 

Meine Kinder sind 5, 10 und 11 Jahre alt. Ja, sie wissen, dass sie sich oft wegen meines Jobs einschränken müssen, aber sie sind damit aufgewachsen und sie haben kein Problem damit. 

Hast du Unterstützung im Alltag? Und wie nimmst du dir mal Auszeiten für dich?

Leider lebt meine Familie zu weit weg. Einen Babysitter kann ich mir auf Dauer nicht leisten. Ich bin seit vier Jahren alleinerziehend, zum Kindsvater besteht kein Kontakt. Er zahlt allerdings Unterhalt. Ehrlich gesagt habe ich keine Auszeiten nur für mich. Klar hätte ich das manchmal gerne, aber ich bin sehr gerne mit den Kindern zusammen und sehe diese Zeit als absolute Quality-Time. Das gibt mir Kraft. 

Wann hast du das letzte Mal gespürt, dass du an deine absoluten Grenzen kommst?

Da ich im Job hohen Belastungen ausgesetzt bin und oft an meine Grenzen gehe, lasse ich zu Hause dementsprechend auch mal „alle Fünfe gerade sein.“ Zum Beispiel haben wir dieses Jahr noch keine Plätzchen gebacken, es war einfach keine Zeit dafür. In der letzten Zeit schlafe ich abends auch manchmal vor den großen Kindern ein, weil ich einfach kaputt bin. 

Was wünscht du dir für deine Familie?

Ich bin zufrieden! Ich hoffe, dass wir gesund bleiben und ich hoffe, dass das, was ich für meine Kinder mache, reicht, damit sie eine gute Zukunft vor sich haben. 

Und was für uns alle im nächsten Jahr? 

Ich wünsche mir, dass die Menschen sich impfen lassen und sich nicht über irgendwelche Fake-Seiten im Internet informieren. Ich verstehe, dass sie ganze Aufklärungsarbeit und Kommunikation zur Impfung verwirrend war und nicht gut lief. Aber nur durchs Impfen haben wir die Möglichkeit, in ein normales Leben zurückzukehren. Ich sehe den Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften jeden Tag! Ich weiß, viele sind genervt von dem Thema und wollen nichts mehr davon hören, aber Impfgegner bringen mich echt an meine Grenzen. Die Freiheit des einen hört auf, wo die des anderen beginnt. Nur mit Solidarität kommen wir aus dieser Situation heraus, das ist für mich ganz klar.

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9 comments

  1. Es ist schon traurig, dass die meisten Krankenschwestern so an ihrer Belastungsgrenze arbeiten müssen. Meine Nichte kann davon auch nur ein Lied singen. Aus diesem Grund sucht sie auch momentan einen neuen Job als Kinderkrankenschwester.

  2. op dës Manéier de Public matdeelen, datt mir am Moment e Prêt zoustëmmen fir Leit déi finanziell Hëllef brauchen zu engem nidderegen Zënssaz vun 2%. Wann Dir interesséiert sidd fir e Prêt ze froen, kontaktéiert eis w.e.g. fir méi Informatioun per E-Mail: [email protected]

  3. Danke für diesen tollen Artikel. Ich ziehe meinen Hut und hoffe, dass ich mit meinem Kreuz beim Wählen der Grünen zumindest eine erste Besserung der Bedingungen erreichen werde. Vor Allem in unsrer nicht genug frauenemanzipierten Gesellschaft muss sich was ändern. Berufe mit hohem Frauenanteil werden zu gering bezahlt, weil wir immer noch von zuviel Männern regiert werden. Ich hoffe auf die nächste Generation und habe meine Söhne so erzogen, dass sie an einem solchen Umdenken teihaben werden.

  4. Danke liebe Mona, Jabo, Anna und alle Kolleginnen und Kollegen für Euren Einsatz in dieser furchtbaren Zeit! Ich hoffe sehr, dass sich die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung für Euch verbessern und sich endlich alle impfen lassen, die können.

  5. Auch ich bin alleinerziehend mit 2Kindern und arbeite in 3Schichten,einschließlich Wochenenden in einer Notaufnahme, mit derzeitiger Aushilfe auf Intensiv( als ausgebildete Fachschwester). Ich kann Mona nur zustimmen und freue mich aber auch für sie,dass sie die Möglichkeit hat von Montag bis Freitag im „Frühdienst “ zu arbeiten. Diese Option bestand bzw besteht bei mir in keinster Weise. Der Verdienst ist mit unserer Verantwortung nicht zu vereinbaren. Und ich lege auch allen ans Herz : lasst Euch bitte gegen Corona impfen! Danke
    Euch allen eine besinnliche und vor allem gesunde Weihnachtszeit!!

  6. Liebe Mona,
    vielen Dank für deinen Beitrag. Ich bin auch alleinerziehend mit zwei Kindern und berufstätig in der ambulanten Kinderintensivpflege.
    Ich teile Deine Ansichten 😉
    Und wünsche Dir und Deinen Kindern weiterhin ganz viel Kraft und alles Gute 🙂

  7. Hut ab, liebe Mona! Du leistest Großartiges!! Alleinerziehnd Und Intensiv-Krankenschwester während der Pandemie. Das muss so unfassbar anstrengend sein… Ich wünsche dir ganz viel Kraft.

    Ich finde, es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wie wenig du verdienst. Das liegt zum einen an dem zu geringen Lohnniveau im Pflegesektor. Zum anderen vermutlich auch an der Besteuerung, denn Alleinerziehende werden fast so besteuert wie Singles ohne Kinder. Steuerlich sollten sie aber entlastet werden! Das Ehegattensplitting nützt v.a. Familien mit traditioneller Aufgabenverteilung und gehört reformiert.

    1. Ich bin grad so unfassbar beeindruckt, ich kann es gar nicht in Worte fassen… Hut ab, für immer, Wahnsinn was Du leistest und wie entspannt und ruhig Du das tust… Und wie ungerecht Du dafür bezahlt wirst!!

      Ich möchte echt einfach danke sagen, dass Du und Deine Kolleg*innen das tun!

      Und @Susi: volle Zustimmung, das ist eine große Ungerechtigkeit!

  8. Die Rolle, die Menschen wie du für unsere Gesellschaft spielen, ist so unfassbar wichtig. Deine Kinder haben großes Glück, eine so starke, mutige, zuversichtliche und fürsorgliche Frau wie dich als Mutter und als Vorbild zu haben.

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