Intensivkrankenschwester auf Corona-Station: „Frust, Müdigkeit und schlechte Laune“

Intensivstation

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Ihr Lieben, unsere Leserin Heike ist 31 Jahre alt, hat zwei Kinder im Alter von eins und vier und arbeitet seit fast zehn Jahren als Krankenschwester auf Intensivstation.

Nach der Geburt ihres jüngsten Kindes war sie ein Jahr in Elternzeit und begann dann vor einigen Monaten wieder, im Job einzusteigen. Nicht mit der vollen Vollzeitstundenzahl, aber mit mehreren Diensten pro Woche. Deswegen hält sie sich für „noch nicht so ausgelaugt“, wie ihre Kolleginnen und Kollegen weltweit. Trotzdem ist sie praktisch von Null auf Hundert ins kalte Wasser geschmissen worden, was das Arbeiten mit Corona angeht.

Heike, wie geht es Dir gerade als Person, Mensch und Frau?

Ich fühle mich aktuell noch nicht maßlos überfordert. Allgemein nerven mich Corona und die damit verbundenen Einschränkungen aber sehr. Natürlich ist es notwendig, aber es ist eben einfach auch sehr belastend. Als Ausgleich habe ich schon immer Joggen genutzt. Das kann ich jetzt zum Glück auch noch machen.

Wie viele Stunden die Woche bist Du außer Haus und wie ist die Kinderbetreuung geregelt?

Wie oben schon erwähnt arbeite ich nur Teilzeit. Allerdings eben auch im 3-Schichtsystem. Also Früh-, Spät- und Nachtdienste. Wann in der Woche ich in der Klinik bin, variiert, je nachdem wie mein Mann arbeitet.

Er arbeitet ebenfalls im Schichtdienst in einer anderen Branche. Allerdings hat er einen festen Rhythmus. Um diesen herum werden meine Dienste geplant. Die Kinderbetreuung teilen wir uns somit. Wir geben uns sprichwörtlich die Klinke in die Hand. 

Hast du Angst deine Familie anstecken zu können? Bekommt ihr genug Tests?

Ich habe sogar sehr große Angst, Zuhause jemanden anzustecken. Ich bin inzwischen doppelt geimpft, aber inwieweit ich das Virus weitergebe, ist ja noch nicht ganz klar. Die dadurch entstehende Isolation ist natürlich sehr belastend. Man soll ja sowieso so wenig wie möglich mit anderen Menschen zusammenkommen, aber selbst meine Mutter (sie ist 72 Jahre alt) sehe ich kaum noch, weil ich Angst habe, sie anzustecken. Darunter leiden vor allem die Kinder. Sie hängen sehr an ihrer Oma!

Da vor einigen Wochen das Virus auch in unserem Team ankam, wurden wir die letzten vier Wochen alle wöchentlich durchgetestet. Aber auch so steht es uns frei, zweimal die Woche abgestrichen zu werden. 

Wie hat sich dein Arbeiten verändert – im Vergleich zur Zeit vor Corona und im Vergleich zum ersten Lockdown?

Wie schon gesagt, habe ich den ersten Lockdown nicht auf der Arbeit miterlebt. Von Kollegen habe ich aber jetzt schon öfter erzählt bekommen, dass sie ihn als nicht so krass empfunden haben wie die zweite Welle jetzt!

Es sind viel mehr Patienten mit viel schwerwiegenden Verläufen. Und ja, es gibt gravierende Veränderungen im Arbeiten, ich würde sogar sagen: Es ist gar nichts mehr wie es war!

Arbeiten in voller Montur. Schutzkittel, doppelt Handschuhe, OP-Haube, Schutzbrille und das Schlimmste… die FFP 3 Masken! Also kaum Luft. Aufgrund der personellen Engpässe und hygienischen Vorschriften kommt es nicht selten vor, dass man mal drei, vier oder mehr Stunden so am Patientenbett steht. Da ist die Birne ,,luftleer“ und so fühlt man sich auch! 

Mal davon abgesehen, dass wir angehalten sind, nicht mal mehr zusammen Pause zu machen. Es ist einfach nichts mehr wie es mal war! Und so sind natürlich auch meine Kollegen drauf: Frust, Müdigkeit und schlechte Laune sind Dauerbegleiter. 

Als Team, so wie es vor der Pandemie war, agieren wir nur noch selten. Man ist eher Einzelkämpfer geworden. Klar gibt es Hilfen. Springer nennt sich das. Sie helfen, Patienten zu betten oder reichen uns Utensilien ins Zimmer, wenn wir sie benötigen, aber am Bett im Zimmer ist es sehr einsam geworden.

Was war die emotionalste Situation, die Schönste und Traurigste?

Vieles lässt man nicht mehr an sich ran. In Bezug auf Corona finde ich es eben besonders schlimm, dass der Kampf so aussichtslos ist. Vorher hat man Patienten intubiert und maschinell beatmet, um ihnen Entlastung zu geben und in den meisten Fällen führte das zu Linderung oder gar Genesung. Jetzt kommt mit der Intubation viel zu oft der letzte Weg.

Was meinst du damit?

Leider sind bislang ohne Ausnahme alle Patienten verstorben, die ich bis zur Intubation begleitet habe. Der Tod ist insofern trauriger bei uns auf der Station, weil sie viel zu oft alleine bzw. ohne Angehörige sterben… 

Dürfen gar keine Angehörigen kommen?

Das ist ein schwieriges Thema. Eigentlich herrscht ja Besuchsverbot. Allerdings gibt es hiervon natürlich auch immer wieder Ausnahmen. Gott sei Dank!

Wenn es also einem Patienten sehr schlecht geht, dürfen natürlich auch die Angehörigen kommen. Das muss nur gut kommuniziert und abgesprochen werden. Man muss die Angehörigen auch sehr an die Hand nehmen.

Vorher konnten sie sich, wenn sie bekannt auf Station waren, auch frei mit den Patienten in deren Zimmer bewegen, gehen wann sie wollten. Jetzt muss man sie anleiten, wie sie sich anzuziehen haben – also die Schutzkleidung – oder sie sind sehr unsicher im Umgang mit den Erkrankten, denen es ja nun so schlecht geht und bei denen keiner weiß, wie es für sie weiter geht.

Habt ihr psychologische Hilfe, um all das zu verarbeiten?

Ja! Es gibt seit kurzem die Möglichkeit an Supervisionen teilzunehmen. Im Team wird auch viel gesprochen. 

Wie sieht denn so ein Tag bei dir im Dienst aus?

Umziehen in blaue Krankenhauskleidung, große Übergabe im Pausenraum, kleine Übergabe am Bett bzw. wegen Corona vorm Zimmer an der Kurve, Platzcheck (Geräte überprüfen, beim Patienten vorstellen, etc.) Medikamente geben, Diagnostik, OP-Fahrten.

Es gibt auch kleine Unterschiede zwischen den Schichten: Im Frühdienst kommt noch Waschen, Betten beziehen und Mobilisieren dazu, im Spätdienst Systemwechsel an den Geräten.

Neben gewöhnlichen Aufnahmen kommen dann noch Notfälle dazu. Da gibt´s das Notfalltelefon, das geht, wenn auf Normalstationen Patienten reanimiert werden müssen. Da rufen sie dann uns als Notfallteam, dazu einen Arzt und eine Pflegekraft.

Optimalerweise hat eine Pflegekraft zwei Patienten zu versorgen. Bei speziellen Therapien wie ECMO (Lungenersatztherapie) hat man nur diesen einen Patienten.

Man ist aber schon oft flott unterwegs, weil der Arbeitsauswand schon hoch ist und häufig was dazwischenkommt. Es kommt auch häufig vor, dass wir dann doch für drei oder vier Patienten zuständig sind. 

Zwischen den Zimmern dürfen wir in Isolations-Kleidung hin- und herlaufen, solange alle auch Covid haben. An die Schränke und zum Pausenraum hingegen dürfen wir nur ohne Isokleidung.

Wenn du nach einer langen Schicht nach Hause kommst, sind da auch noch Menschen, die Bedürfnisse haben. Wird dir das schnell zu viel oder tankst du Kraft aus deiner Familie?

Nein, es ist mir gar nicht zu viel! Klar ist man müde, wenn der Dienst dann endlich rum ist, aber ich freu mich, meine Kinder zu sehen. Sie sind noch so unverdorben. Quatsch haben sie ohne Ende im Kopf, aber sie wissen noch nicht, wie viel Schwieriges oder Trauriges da draußen herrscht. Das macht mich dann ruhiger.

Allerdings ist es auch schwierig, die gute Laune mitzuleben. Eben weil man den Tag über so viel Leid und Hoffnungslosigkeit sieht.

Was würde dir und deiner Branche gerade helfen? Fühlst du dich übersehen oder zu wenig wertgeschätzt?

Also was ich zuerst zu dieser Frage sagen muss, ist, dass ich mich nicht vorrangig über die Bezahlung beschwere! Das ist ja das, was man im Moment vorherrschend hört! Zu wenig Geld, für eine zu hohe Belastung! Es mag zwar schön sein, mehr Geld auf dem Konto zu haben, aber wenn man keine Zeit hat es auszugeben, ist es auch doof. Ich habe mich damals für diesen Beruf entschieden und wusst ja in etwa, was finanziell auf mich zukommt.

Ich denke aber, dass es unserer Branche guttun würde, wenn man bei der Schichtgestaltung mehr Wert auf die Grundbedürfnisse von Menschen legt. Schlaf, Essen, Familie, usw. Mehr Freizeitausgleich, andere Schichtsetzung.

Nachtdienste später anfangen und dafür morgens etwas länger laufen lassen. Dafür den Frühdienst nicht um 6 Uhr, sondern vielleicht erst gegen 7 oder 8 beginnen lassen und dann eben auch den Spätdienst mehr in den Mittag hineinplanen. So könnte man evtl. mehr Zufriedenheit bei den Mitarbeitern bewirken und damit vielleicht auch ein größeres Interesse am Job, weil es einfach wieder mehr Spaß macht.

Meiner Meinung nach ist an der jetzigen Situation nichts groß zu ändern. Man wird nicht in wenigen Wochen erfahrene Intensivfachkräfte aus dem Hut zaubern. Das lernt man ja über Jahre. Ich denke, da müssen wir jetzt einfach alle durch und für die Zukunft lernen.

Was gibt dir Kraft, wer gibt dir Anerkennung. Wer baut dich auf?

Ganz klar meine Familie! Besonders mein Mann. Wir führen eine sehr temperamentvolle Ehe, wenn ich das mal so sagen darf. Wir streiten leidenschaftlich und genauso schnell vertragen wir uns wieder. Aber wenn es mir schlecht geht, ist ER immer für mich da. Er kann mich eben auch so gut verstehen, wenn ich von dem Schichten genervt bin, weil er es ja selbst gut kennt.

Was hat Corona mit dir als Mensch gemacht?

Ich bin noch vorsichtiger geworden. Also besonders als Privatperson. Man hält halt einfach Abstand zu allem und jedem. Das wird auch nicht mehr so schnell vorbei gehen. Bei vielen…

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1 comment

  1. Danke für seinen Einsatz! Ich wünsche dir, dass du das Abschalten von der Arbeit immer beibehalten kannst. Das ist so wertvoll. Ein spätes Danke für den Beitrag!

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