Alleinerziehend in Corona-Zeiten: Ich mache momentan drei Vollzeit-Jobs

peace of mind 349815 1280 665x435 - Alleinerziehend in Corona-Zeiten: Ich mache momentan drei Vollzeit-Jobs - Wie schaffen es Alleinerziehende, wenn es einfach keinen Partner gibt, der in dieser schwierigen Zeit unterstützt?

Liebe Antonia, Du bist alleinerziehende Mama von zwei Kindern. Was waren deine Gedanken, als du hörtest, dass Schulen und Kitas weiterhin geschlossen bleiben? 

Ich habe ein Grundschulkind und ein Kindergartenkind und für beide gibt es noch kein wirkliches Datum, wann es weiter geht. Das ist belastend, finde ich.

Generell schwanke ich zwischen Panik und dem Bewusstsein, dass es keine Alternative gibt und versuche mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich versuche, meine Kraft zu sparen und die nächsten Wochen zu schaffen.

Wie liefen bei Euch die letzten Wochen ab?

Ich arbeite in Vollzeit im Home Office. Die ersten drei Wochen parallel mit Homeschooling. Die letzten zwei parallel zu zwei Ferienkindern. Glücklicherweise kann ich meine Stunden sehr flexibel arbeiten. Klar ist aber auch: Jeder 15 Minuten Slot muss genutzt werden, sonst klappt das Konzept nicht. Ich versuche den großen Teil meiner Stunden früh morgens zu schaffen, ein bisschen was tagsüber und abends den Rest.

In der ersten Woche waren wir total motiviert, haben Listen geschrieben, was wie wie wann gestalten.

Die zweite Woche war geprägt von einem großen Tief. Alles kostete mich sehr viel Kraft und ich hatte keine Chance, meine Reserven aufzufüllen. Ich musste mir eingestehen, dass das alles nicht so einfach ist, wie meine Listen der vorigen Woche es suggerierten.

Mein Sohn war frustriert, meine Tochter war frustriert. Und ich sowieso. Unsere Gedanken und Gefühle in dieser Ausnahmesituation standen auf keiner dieser Listen. Am Ender der Woche haben wir den Durchbruch geschafft. Wir haben Pläne und Vorstellungen umgeworfen, uns mehr Raum für alles gegeben und doch eine gewisse Struktur aufrecht gehalten.

Viele Eltern stöhnen unter der Last des Home-Schoolings. Wie war das bei Euch?

Wir haben mit Schulschließung viel Material erhalten, sei es in Heftform oder per Mail. Da gab gleich schon mal die erste Herausforderung: wir haben nämlich keinen Drucker zuhause 🙂 

Die Schule meines Sohnes hat nur ein paar wenige Dinge festgelegt, die in der Zeit wirklich erledigt sein müssen, der Rest ist als „so wie es eben geht“ gehalten. Viele beschwerten sich darüber, weil die Struktur und die genaue Planung fehlt. Für mich war das am Anfang auch sehr schwer, denn ich hatte keinerlei Gefühl. Müssen wir nun auch von 8-13 Uhr Schule „durchziehen“? Was ist als tägliches Pensum gewünsch, gewollt, was ist gut, schlecht? Was reicht, was ist zu wenig? Ich habe der Lehrerin meines Sohnes geschrieben, ob sie mir denn eine ungefähre Hausnummer sagen kann was pro Tag gemacht werden sollte… 

Aber dann erkannte ich, dass ich in diesen Zeiten die Lehrerin nicht ersetzen kann. Dass wir unseren Weg finden müssen und wir es einfach so gut machen wie es möglich ist. Wir haben uns zusammen für 30 minütige Schulslots entschieden, dazwischen 15 minütige Pausen und das 4-5 mal pro Tag. Das klappt ganz gut. 

Für Alleinerziehende ist diese Zeit besonders schwer. Was sind Deine größten Sorgen und Nöte momentan?

Ich lese und höre von vielen Müttern, die von der vielen gemeinsamen Zeit schwärmen. Ganz so empfinde ich das nicht. Ich habe nie Pausen, die alleinige 24/7 Betreuung der Kinder ist hart. Vorher hatte ich im Büro kinderfreie Zeit, jetzt gibt es das nicht mehr. Früher hat sich der Alltag der Kinder auf mehrere Orte und Personen aufgeteilt, jetzt liegt das alles bei mir. Ich bin Lehrerin, Erzieherin, Bespaßerin, Köchin, einzige Bezugsperson. Und nebenbei auch noch Arbeitnehmerin.

Meine größte Sorge ist, dass ich jetzt so eine Motz-Mama werde. Das wollte ich nie sein. Denn die Kinder können ja auch nichts für die Situation und ihre Gefühle. Ich habe daher lange mit den Kindern darüber gesprochen, dass ich auch Auszeiten brauche, in denen ich einfach mal 15 Minuten nicht zu sprechen bin. Ich versuche mir ständig bewusst zu machen, dass ich nicht alles immer zu 100% perfekt leisten kann.  

Ich habe natürlich auch Angst um meinen Job. Momentan steht glücklicherweise noch keine Kurzarbeit an. Ich bin sehr dankbar, dass ich noch genug zu tun habe und mein volles Gehalt verdiene. Sollte sich das ändern…. Das möchte ich mir gar nicht ausmalen.

Generell empfand ich meinen Alltag auch schon vor Corona als große Herausforderung, seit Corona ist es aber noch mal zehn Stufen krasser. Aber ich mache weiter – und zwar nicht, weil ich Superwoman bin, sondern schlicht, weil ich keine Alternative habe.
 
Meine Kinder haben ein Recht auf eine Mama, die sie durch diese Krise begleitet und ich tue jeden Tag mein Bestes.

Welche Hilfen würden Dir ganz konkret den Alltag erleichtern?

Eine Hilfe, die meiner Meinung nach schon seit langer Zeit fällig wäre: Care Arbeit wird noch immer nicht wirklich honoriert. Diese Selbstverständlichkeit, dass wir Frauen (es sind ja nun mal vorwiegend wir Frauen) uns neben unserer Berufstätigkeit mal eben so jetzt noch 100% um die Kinder kümmern…. das macht mich wütend! 

Natürlich ist es toll, dass es Unterstützung gibt wenn man jetzt aufgrund der fehlenden Kinderbetreuung nicht arbeiten kann. Mir steht das aber zum Beispiel nicht zu, denn ich habe einen Vollzeitjob, brauche diesen auch zwingend finanziell und kann im Home Office arbeiten. Für diese absolute Mehrfach-Belastung muss ich nun dankbar sein.

Das sind mindestens 3 Jobs, die gerade alleine mache… Vollzeit-Jobs! Und wenn das schon nicht honoriert wird… warum kann dann nicht wenigstens für Entlastung gesorgt werden?

Mit allen weiteren Hilfen ist es so wie immer. Ich warte nicht darauf, dass jemand Hilfe anbietet, ich frage und bitte danach. Zum Beispiel bitte ich innerhalb der Familie, dass sie sich per Telefon mit den Kindern beschäftigen, wenn ich mich nicht kümmern kann…

Gibt es etwas, was du in all den Diskussionen vermisst? 

Die Anerkennung dessen, was wir als Eltern alle zusammen gerade tragen. Da herrscht eine Selbstverständlichkeit, die erschreckend ist! 
Versteht mich nicht falsch, ich finde alle getroffenen Maßnahmen absolut sinnvoll…. aber sie erscheinen mir nicht zu Ende gedacht! Mir scheint auch, als gäbe es gar kein Bewusstsein dafür, was viele weitere Wochen für uns Eltern bedeuten.

Ich habe nun gelesen, dass Notbetreuung auch bald für Alleinerziehende gelten soll – außer, diese arbeiten im Home Office. Sowas kann nur jemand entscheiden, der keine Kinder hat oder total weltfremd ist. Alleinerziehende leisten einfach gerade alle unfassbar viel.

Was gibt Dir Kraft momentan? 

Wer hätte gedacht, dass ich das mal sage, aber: Sport! Ich beginne jeden Tag mit Übungen.

Generell bewege ich mich viel mehr. Vor Corona habe ich die Nachmittage am Fußballplatz verbracht oder auf einer Bank vor dem Musikunterricht…. und vor allem viel im Auto. Jetzt machen wir Fahrrad-Ausflüge, ich kicke mit den Kids zusammen, wir haben uns einen Boxsack gekauft, wir gehen viel spazieren und wandern…. 
Außerdem hilft mir der Austausch mit zwei ganz besonderen Menschen, die mir auch oft einfach nur zuhören.

Krise ist immer das, was man daraus macht. Das weiß ich als Alleinerziehende schon länger. Ich versuche ich immer wieder daran zu erinnern und bin mir sicher, dass wir alle eine große innere Stärke aus diese Zeit ziehen können….

Mehr Infos über Antonia findet Ihr hier: https://www.instagram.com/alltag_als_alleinerziehende

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4 Kommentare

  1. Liebe Antonia!
    Ich kann dich gut verstehen. Eine Möglichkeit wäre, bei der Notbetreuung an der Schule und im Kindergarten nachzufragen. Mancherorts ist die Auslastung bei gerade mal 2%. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit. Wenn nicht, dann werden mehrere Anfragen nach oben weiter gegeben. Ohne Nachfrage können sich die Entscheidungsträger schönreden, dass alles gut ist. Bei einer Quote der Notbetreuung von 40% würde dies anders aussehen. Wünsche dir alles Gute! Viele Grüße

  2. Alles das stimmt und ist leider Realität. Diese Kinder sind es, die es dann mit ihrer Bildung und Arbeit bezahlen müssen, wo jetzt in der Krise wenig an sie gedacht wird. Engagierte und innovative Lehrer*innen gibt es, aber viel zu wenig. Es wird immer nur in bekannten Systemen nach Veränderung geschaut, aber da bewegt sich seit Jahren nichts. Jetzt in der Krise – die schon lange andauert- sollen es die Eltern und Alleinerziehenden ausbaden und ohne richtige Handlungsanweisungen ohne Tools und Ausstattung mit mangelhaften Kopien und Aufgabenzetteln den Job gut bezahlter Lehrer zu übernehmen, alles fuer lau – nicht mal ein Danke- nicht mal eine Entlastung bei voller Bezahlung oder mehr finanzielle Unterstützung bei alleinerziehenden Solo-Selbstständigen oder kleinen Unternehmen und Dienstleistern. Der Anteil der Frauen ist dabei sehr, sehr hoch, auch eine Folge des Systems ist – keine Teilzeitjobs fuer Alleinerziehende, keine Kita, kein Hort, was bleibt fuer viele “top qualifizierte” Mütter und Väter – Solo-Selbststaendigkeit und der Kampf mit dem Ueberleben beginnt und Durchhalten – besonders fuer die Kinder. Man sieht es Ihnen nicht an, aber sie arbeiten hart und sind engagiert. Wer dankt es Ihnen – die Kinder, ja, aber nicht die Gesellschaft und die Politik auch nicht, die jetzt und dringlichst anders handeln muss.

    1. Ja, ja und ja!!! Und dann dabei noch die große Frage: Verbreiten Kinder überhaupt wirklich das Virus? Also, was ich damit sagen will, Kinder werden gerade von allen Seiten diskriminiert (Kita zu, Schulen zu, Spielplätze zu,Zoos zu, alles, was im öffentlichen Raum für Kinder gedacht ist, ist zu, sie sollen nicht mit zum einkaufen, die Großeltern nicht besuchen…). Aber in den Firmen werden Sitzungen gehalten, Erwachsene fahren volle Aufzüge usw… wo doch bekannt ist, dass Erwachsene es vor allem verbreiten… Es steht nicht genug Schutzkleidung in Pflegeheimen und Altersheimen zur Verfügung, was wirklich sinnvoll wäre! Ich verstehe die Welt nicht mehr. Und an die Eltern wird dabei so gar nicht gedacht!

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