Fünf Kinder, Job und wieder Homeschooling: „Ich versuche, nicht den Verstand zu verlieren“

Zoommeeting

Ihr Lieben, gestern erreichte uns dieser Beitrag unserer Leserin Sabrina, den wir gern hier mit euch teilen wollen. Uns ist natütlich bewusst, dass es auch Menschen gibt, die wahnsinnig froh sind, dass nun in Bundesländern wie NRW mit steigenden Inzidenzwerten keine Schule in Präsenz stattfinden wird.

Trotzdem gibt es auch für sie ja keinerlei Entlastung, was das Arbeitspensum angeht, dass sie eben neben der Begleitung des Distanzunterrichts auch noch bewältigen müssen, als wäre nichts. Als gäbe es keine Pandemie. Als existierten unsere Kinder mit ihren Sorgen, mit ihren Launen, mit ihren Aufgaben und Fragen nicht. Und genau hier braucht es Entlastung.

Wir dürfen als Eltern einfach nicht übersehen werden – ganz gleich, ob wir für oder gegen Schulschließungen sind. Die Mehrfachbelastung drückt sonst zu viele von uns in die Knie. Hier Sabrinas Appell:

Ihr Lieben, ich würde mich freuen, wenn das Ende der Schulferien und der „Beginn“ der „Schulzeit“ zum Anlass genommen wird, um die schwierige Situation der Eltern zu sehen und um uns Gehör zu verschaffen.

Ich möchte für die Rechte meiner Kinder einstehen und mir in der Zukunft keine Vorwürfe anhören müssen, warum ich nicht für meine Kinder eingestanden bin. Und auch für meine Rechte als (arbeitende) Mutter. Ich möchte Antworten auf Fragen zu der (gefühlten) Ungerechtigkeit und Trägheit des Schulsystems.
Ich möchte Verantwortung für das von mir geforderte Tun übernehmen!!!

Ich wohne in Vaihingen/Enz, bin 35 Jahre alt, verheiratet, Mutter von fünf Kindern und Juristin.

Aufgrund der bevorstehenden Homeschooling-Zeit lag es mir am Herzen, meinen Frust nicht nur weiter in mich hineinzufressen, sondern einen Weg zu finden, meine Ängste und Sorgen herauszulassen.
Das, was mir in den Sinn gekommen ist, ist natürlich nur eine Momentaufnahme eines Tagesabschnitts von mir und wahrscheinlich auch von vielen anderen Eltern. Ich möchte damit meinen Unmut und mein Leid zum Ausdruck bringen. Ich möchte, dass der Situation der Familien mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Ich bin Mutter von fünf Kindern zwischen anderthalb und neun Jahren und arbeite halbtags als Juristin.
Meine Kinder können aufgrund eines Verdachtsfalls nicht in den Kindergarten. Deshalb betreue ich sie zu Hause. Da ich arbeite, habe ich gestern Abend – nach meiner regulären Arbeit morgens und meinem normalen Alltag als Mutter – abends noch für den nächsten Tag vorgearbeitet.

Am Morgen habe ich mit an mir zupfenden Kindern im Home Office noch weitergearbeitet, damit ich dann, während ich mit den Kindern draußen war, alles mit meinem Chef telefonisch besprechen konnte. Während ich dann anschließend die Kinder gebadet habe, habe ich das Badezimmer geputzt.

Jetzt schlafen die Kleinsten, ich setzte mich zu den Größeren und lese eine Geschichte vor, bevor ich dann Mittagessen machen werde und es in den normalen Tagesablauf übergeht. Abends werde ich dann wieder nacharbeiten, was ich heute Morgen nicht geschafft habe.

Zwischendurch versuche ich, nicht den Verstand zu verlieren, weil die ganze Situation auch mich persönlich als Mensch ohnehin schon belastet. Und dann will mir jemand noch vorschreiben, dass ich ab Montag auch noch für die Beschulung meiner größten Kinder verantwortlich sein soll?

Weil nicht genügend Tests beschafft werden konnten? Weil es in einem Jahr nicht gelungen ist, einen sicheren Arbeits- und Lernplatz für Lehrer und Schüler zu gestalten? Weil diese Unflexibilität des Systems es nicht zulässt, dass Lehramtsstudenten, Referendare oder Aushilfslehrer herangezogen werden um in leerstehenden, momentan ungenutzten Räumlichkeiten, eine einigermaßen funktionierende Beschulung gestalten zu können? Weil die Ausrede „Wir können da auch nichts für! Was will man denn machen, wir ändern es ja doch nicht!“ viel einfacher ist, als sich Gedanken zu machen, wie es funktionieren könnte?!

Mit persönlich geht das eindeutig zu weit und da werde ich mich weigern. Ich bin nicht dafür zuständig, das auszubaden, was in einem Jahr Corona nicht geregelt werden konnte.

„Der Weg zum Ziel beginnt an dem Tag, an dem du die volle Verantwortung für dein Tun übernimmst“ (Dante Alighieri).

Mit freundlichen Grüßen,
Sabrina

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10 comments

  1. Ich sehe es so, wie die Autorin des Beitrags. Seid Beginn der Pandemie wird die vulnerable Gruppe der Kinder benachteiligt. Die dabei entstehenden Schäden, im Bereich der sozialen Entwicklung und der psychischen Gesundheit, grenzen für mich an fahrlässiger Körperverletzung. Wem das zu krass klingt: Die seit 1,5 Jahren andauernden Maßnahmen sind eine deutliche Einschränkung der Kinderrechte, nach der UN – Kinderrechtskonvention. Deshalb unterstütze ich diese Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/praesenzunterricht-sozialleben-und-regelmaessige-sportaktivitaeten-fuer-kinder-und-jugendliche?confirm=57b3d4e53794787e116eb0e2cf5bb1b4

  2. Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass homeschooling nicht die Aufgabe der Eltern ist. Ich kann auch nicht leisten, was eine Schule leistet bzw. Leisten sollte, denn auch vor Corona war ja längst nicht alles optimal.
    Aus meiner Sicht schade ich damit aber meinen Kindern. Bildung ist wichtig und daher versuche ich schulisch alles bestmöglichst aufzufangen. Obwohl unsere Kinder an vergleichsweise guten Schulen mit engagierten Lehrern sind, sind meine Kinder durch ihre Art schulsystem bedingt schon immer ein bisschen durchs Raster gefallen. Wir haben also schon immer auch zu Hause die Schule sehr im Blick gehabt. Neben zwei Fastvollzeitjobs, die sich auch jetzt nicht allein im Homeoffice durchführen lassen.
    Ich will meinen Weg nicht als toll hinstellen, ich halte es nur nicht für sinnvoll, die Schule jetzt aktiv zu vernachlässigen. Dass es möglicherweise Verluste und Defizite gibt, ist das eine, aber das möchte ich nicht auch noch unterstützen. Und ja vielleicht machen 1,5 Schuljahre (oder wie viele es am Ende der Pandemie werden) den Bock nicht fett auf die Gesamtzeit betrachtet, aber das wäre jetzt trotzdem nicht mein Weg.

    1. Und das ist leider genau der Punkt, weshalb es nicht ganz oben auf der Liste der Dinge steht, die geändert werden müssen. Weil wir Eltern natürlich alles Tun, damit unsere Kinder nicht noch mehr leiden und alles ausbaden müssen. Wir werden mit der Zukunft unserer Kinder erpresst. Es tut sich in dem Bereich nichts, weil wir kein Druckmittel haben. Keines, was nicht unterm Strich unseren Kindern wieder selbst schadet. Es gibt so viele Appelle und Brandbriefe an Politiker. Gemacht wird nichts. Ich habe leider das Gefühl, dass ohne Druck nichts mehr erreicht wird….

      1. Absolut richtig!! Und wir Lehrer*innen stehen vor dem gleichen Dilemma (häufig noch mit zusätzlich zu beschulenden eigenen Kindern). Eigentlich müssten wir uns alle zusammentun und streiken, da die aktuelle Situation einfach nicht mehr haltbar ist!! Stattdessen stehen so viele kurz vorm Burnout – der Spagat zwischen Distanz- und Präsenzunterricht in Institutionen und Familien, die oftmals nicht über die digitalen Möglichkeiten verfügen, die hierfür notwendig sind, ist nach so langer Zeit kaum noch möglich. Die Schere geht immer weiter auseinander: Kinder, die zuhause aufgefangen werden, die lerntechnisch massiv unterstützt werden und Kinder, die zuhause regelrecht am Lernen gehindert werden. Kinder, die keinen digitalen Unterricht durchführen können, die weder über entsprechende Geräte verfügen, noch Hilfestellungen erhalten, bei denen Eltern sich streitend durchs Bild rennen etc. Das kann von Lehrer*Innenseite kaum noch aufgefangen werden. Ehepartner*innen, die sich irgendwie freistellen lassen müssen, damit sowohl der Unterricht der/des Partner/in als auch die Hilfestellungen für die eigenen Kinder gewährleistet sind. Familien haben einfach keine Lobby in diesem Land! Und das nun kleine Kinder verpflichtend mehrmals die Woche getestet werden sollen, aber Unternehmen weiterhin einen Freifahrtschein haben, ist wirklich eine Frechheit!

      2. Was genau soll denn erreicht werden? Das konnte mir noch keiner sagen. Selbsttests in Schulen machen auch nur dann wirklich Sinn, wenn alle jeden Tag getestet würden. Aktuell geht der Aufschrei durch den Teil der Elternschaft, die sich gegen eine Testpflicht an Schulen wehren. Man kann es ohnehin nie allen Recht machen und die Forderungen gerade auch die der Familien sind sehr unterschiedlich. Also ich bin auch nicht glücklich mit der Situation, aber mir fällt nicht viel ein. Selbst wenn alle Kinder Endgeräte zur Verfügung bekämen und digitale Schule gut funktionieren würde, könnte man die Kinder nicht damit alleine lassen. Kontakte müssten nach wie vor eingeschränkt werden, keine Freunde treffen, kein Hobbies etc.
        Also ich sehe in dieser globalen Pandemie keine großartigen Möglichkeiten. Die Verlierer sind die, die das nicht stemmen können, das sehe ich schon.

        1. Es soll erreicht werden, dass ein sicherer Lern- und Arbeitsplatz geschaffen wird. Z. B. durch mehr geschultes Lehrpersonal, kleine feste Gruppen (die Sinn machen!!!!! z.B. Geschwisterkinder zusammen, Freunde zusammen etc) in Räumlichkeiten, die nicht genutzt werden, z.B. Gemeindesääle, Turnhallen. Es soll ein funktionierendes Hygienekonzept erarbeitet werden. Eines, das man nicht alle drei Wochen umschmeißen muss. Das funktioniert in den Betrieben, vom Fußball mal ganz zu schweigen, doch auch!!! Und warum?? Weil man will!!! Weil nicht das erste was man hört ist, „zu teuer“, „zu zeitaufwändig“, zu irgendwas. Das stimmt alles. Aber warum soll das Geld nicht dafür investiert werden, warum nicht die Zeit?? Die Familien müssen auch Geld, Zeit und Nerven investieren. Wenn die schulischen Ziele erreicht werden sollen, dann muss sich auch jemand darum kümmern, der gelernt hat, den Unterrichtsstoff zu vermitteln. Sonst hab ich so langsam das Gefühl, dass wir uns das Geld für die Lehrer sparen können. Und die Ausbildung auch. Dann setzt ich mein Kind vor das Video von Lehrer Schmidt auf youtube, gebe noch selbst meine Meinung dazu und gut ist.

  3. Hallo, ich kann den Unmut verstehen, auch wenn meine Tochter erst eingeschult wird im Sommer. Man wird in dieser Situation niemandem gerecht, den Kindern nicht, der Arbeit nicht und vorallem sich selbst nicht. Ich muss Kundentelefonate führen und wie man sich vorstellen kann, sind die meisten not amused über schreiende Kinder im Hintergrund. Und ich habe zwei liebevolle Kinder, aber man kennt das ja, wenn eine anruft, ist immer irgendwas.mir graut es vor der Einschulung und dass ich dann helfen soll/muss, was sonst die Schule macht. Und mir graut es vor den Gesprächen mit meiner Vorgesetzten, warum ich die Kinder schon wieder zu Hause betreuen muss und ich so unflexibel bin. Dabei fühle ich mich für jeden flexibel, nur eben nicht für meine eigenen Bedürfnisse. Das muss wirklich aufhören. So kann es nicht weitergehen.

    1. Liebe Anna Kathrin, es bestürzt mich wirklich sehr, dass du dich zusätzlich noch über die Reaktion deines Vorgesetzten sorgen musst. Ich habe bisher(!) wirklich einen verständnisvollen Chef und nette Kollegen*innen. Und ich komme trotzdem an meine emotionalen Grenzen, gehe auch darüber hinaus. Es ist unglaublich schwierig für mich gewesen meiner erst Klässlerin die mathematischen Grundlagen zu erklären. Ich bin einfach am „wie“ gescheitert. Ich wünsche euch als Familie und dir, auf deren Schultern die ganze Verantwortung abgeladen wird, viel Kraft.

  4. Die Frage ist nur wie? Was können wir tun, damit wir Eltern mehr gehör finden? Damit die Kinder ihr Recht auf Bildung und ein soziales lernen ausleben können??? Was können wir tun, dass die Kinder gezwungen werden zum Testen und die Unternehmen nicht? Wie??? Ich bin sofort dabei!

    1. Ja, dieses Gefühl der Handlungsunfähigkeit ist lähmende. Wie kann es sein, dass es so unterschiedlichen Behandlungen gibt. Mir fehlt der Überblick über das große ganze. Aber es würde mir schon helfen, wenn offen kommuniziert werden würde, weshalb leerstehende Turnhallen, Gemeindehäuser etc nicht genutzt werden, damit ein verlässliches und sicheres Hygienekonzept aufgestellt werden kann. Wie kann es sein, dass ich als pädagogisch völlig unwissende die schulischen Grundlagen legen muss, an denen mein Kind gemessen wird? Diese Verantwortung belastet mich so unglaublich und ich habe das Gefühl mit der Zukunft meiner Kinder erpresst zu werden. Nur die leiden darunter, wenn ich“streike“. Wir Eltern haben kein Druckmittel, weil es für uns schwer ist, uns zusammen zu tun. Unsere Handlungen sind so sehr von Emotionen und dem eigen Lebensweg geprägt, dass wir uns schwer tun eine so große Gruppe unter einen Hut zu bekommen. Und das macht uns so handlungsunfähig. Viele Grüße

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