Wie kann man für seine Kinder da sein, wenn man selbst überfordert ist?

Ihr Lieben, in den nächsten Zeilen werden sich sicherlich einige von euch wiedererkennen – weil viele von euch wirklich jeden Tag sehr viel leisten und an verschiedenen Fronten im Einsatz sind. Elisabeth Raffauf ist Diplom-Psychologin und hat genau über diese Überforderungen einen Beitrag für uns geschrieben:

„Es klingt wie die Quadratur des Kreises: gerade getrennt, den Job verloren, die Mutter pflegebedürftig, Corona und jetzt auch noch die Sorgen über den Krieg – der Speicherplatz im Kopf ist schon lange voll. Und dann sind da auch noch die Kinder, die einen brauchen, jetzt mehr denn je.

Manchmal ist es einfach zu viel – auch für Eltern. Und das kann unterschiedliche Gründe haben. Persönliche Sorgen, berufliche Schwierigkeiten, gesellschaftliche, gesundheitliche und weltpolitische Krisen überfordern Eltern und irgendwann ist die Batterie schlicht leer.

Aber wer schaut dann auf die Kinder? Was ist mit ihnen, wenn wir sie aus dem Blick verlieren? Wenn wir einfach nicht Multitasking können, sondern nur eine Sache gleichzeitig: Homeoffice oder Kinderbetreuung, die eigenen Eltern versorgen oder zum Elternabend in die Schule gehen. Einkaufen, kochen, putzen oder den Kindern zuhören und sich mit ihnen befassen.

Kinder spüren die Überforderung

Kinder spüren, wenn ihre Eltern nicht mehr können und es macht etwas mit ihnen: Manche reagieren auf überforderte Eltern indem sie versuchen ihnen zu helfen und elterliche Aufgaben zu übernehmen. Sie kümmern sich um den Haushalt, um jüngere Geschwister und haben ein Ohr für die Sorgen der Eltern. Sie schlüpfen nach und nach, manchmal unmerklich in die Elternrolle. Parentifizierung nennt sich das im Fachjargon: „Zu Eltern machen“. Mit dieser Rolle sind sie allerdings komplett überfordert. Für ihre eigenen Entwicklungsaufgaben Kind oder Jugendlich zu sein, zu spielen, sich aufzulehnen gegen die Erwachsenen, ist kein Platz mehr. Und das Leid der Eltern können sie nicht schultern.

Andere werden auffällig. Sie werden selbst krank, leiden unter Schlafstörungen, essen nicht mehr oder ganz viel, ritzen sich, verhalten sich aggressiv oder ziehen sich in sich selbst zurück.

Was können Eltern tun, wenn sie eigentlich grad selbst nicht mehr können?

Der erste Schritt ist natürlich die Erkenntnis: Ich bin überfordert und mein Kind kommt zu kurz. Sich selbst einzugestehen, dass es zu viel ist, macht den Weg frei zu handeln. Dann können Eltern den Kindern das Signal geben: Es liegt nicht an dir, dass ich gerade Sorgen habe und nicht mehr kann. Es liegt an der Situation. Der „Feind“ ist außen.

Für die Kinder bedeutet das erstmal: Du wirst gesehen. Ich sehe, dass du gerade leidest und für deine Anliegen kein Platz ist.

Gleichzeitig ist es wichtig den Kindern zu signalisieren, dass sie nicht einspringen müssen. Ihnen zu vermitteln: Wir werden für Unterstützung sorgen. „Du musst mich nicht trösten und auch nicht in die Elternrolle schlüpfen. Wir holen uns Hilfe. Wir schauen, mit wem du sprechen kannst, wer uns in der Familie helfen kann, und was uns entlasten kann. – Wir sprechen Bekannte, Verwandte, Vertrauenslehrer, Nachbarn an, die uns unter die Arme greifen können und – wenn das nicht ausreicht: Wir suchen uns professionelle Beratung.“

Ansprüche runterschrauben bringt Entlastung

Manchmal – wenn wir uns der Überforderung bewusst sind, hilft es sofort: Die Ansprüche runterzu- schrauben: Es muss nicht alles perfekt sein. Die Wohnung muss nicht blitzsauber sein, die Schulnoten müssen nicht super sein, die Oma muss nicht von uns alleine gepflegt werden. Es gibt gerade gute Gründe, warum das alles nicht so gut läuft. Die erkennen wir an. Denen tragen wir Rechnung.

Also stellt sich die Frage: Was ist gerade wirklich wichtig? Entspannung, Entlastung und Fünfe gerade sein lassen. Ist es wirklich so wichtig, dass der Haushalt tip top ist, dass die Schulnoten super sind, dass das Zimmer aufgeräumt ist? Nein, ist es nicht.

Was brauchen die Kinder unbedingt? – Die Kinder brauchen unseren Blick. Das Signal: Du wirst gesehen und du bist wichtig. Sie brauchen eine positive Verbindung zu uns. Das sichere Gefühl gehalten und geachtet zu werden. Eine sichere Beziehung, an der sie sich orientieren können.

Gleichzeitig brauchen Sie einen Raum für sich. Einen Bereich in dem sie selbst gestalten und entscheiden können. So können sie erfahren, dass sie selbst Einwirkung haben.

Was brauchen die Eltern?

Was können sie für sich tun, um sich zu entlasten? Entspannte Eltern, Eltern die ihre Verantwortung wahrnehmen können und sei es indem sie sich Hilfe holen, entspannen auch die Kinder.
Erste Anlaufstellen können immer Verwandte, Bekannte, vertraute Personen sein. Mit anderen zu sprechen, bedeutet erstmal: Die Sorgen auf mehrere Schultern zu verteilen. Auch wenn nicht sofort eine Lösung in Sicht ist. Und dann, wenn man mehr braucht, kann es hilfreich sein, sich professionell Unterstützung zu holen: Ein niedrigschwelliges, kostenfreies Angebot bieten zum Beispiel Erziehungsberatungsstellen. Dort gibt es meist relativ schnell einen Termin für ein Erstgespräch. Und das lohnt sich immer. Also: Nicht alleine bleiben mit dem Belastungspaket und lieber einmal zuviel nachgefragt, als einmal zu wenig.

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Elisabeth Raffauf ist als Diplom-Psychologin in eigener Praxis in Köln tätig.

Die Autorin zahlreicher Erziehungsratsgeber und Aufklärungsbücher arbeitet für die Aufklärungsreihe „Herzfunk“ im WDR und gehört zum Beratungsteam der Kindernachrichtensendung „LOGO“ im ZDF.

Elisabeth Raffauf ist selbst Mutter einer Tochter und eines Sohnes. Gerade erschien ihr Buch Erzieht uns einfach!“ im Patmos Verlag.

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1 comment

  1. Mir hat während der Schulschließungen manchmal einfach die Telefonseelsorge gutgetan. Vielen Dank hier an die tollen Mitarbeiterinnen, die ich an der Strippe hatte!
    Das Nachdenken vor und während des Anrufs hat bereits meine Gedanken sortiert, sodass ich danach wieder Land gesehen habe.

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