Wie reagiere ich wertschätzend auf die Wutanfälle meines Kindes?

Kind schreit

Foto: pixabay

Ihr Lieben, wir kennen das doch alle, oder? Gerade war noch alles gut und wie aus dem Nichts kommt die Wut und unser Kind rastet aus. Oder vielleicht es ist auch manchmal den ganzen Tag schon leicht reizbar und springt schon bei der kleinsten Sache aus der Hose. Ja, diese Gefühle sind normal, auch wir sind ja manchmal wütend. Aber wie können wir trotz der großen Wut unseres Kindes wertschätzend bleiben? Wie können wir als Eltern gut damit umgehen ohne selbst auszurasten? Das haben wir Diplom-Sozialpädagogin Yvonne George gefragt. Sie ist zudem Bindungs- und Traumapädagogin, Autorin und Expertin für Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern. Auf ihrem Blog gibt sie regelmäßig praktische Impulse für ein Bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben. Hier kommt ihr Gastbeitrag:

Ich will aber niiiiiicht!!! Gerade war noch alles okay und dein Kind hat seelenruhig gespielt. Dann plötzlich dieser Wutanfall. Dein Kind schreit und wirft die Bausteine durch das Zimmer. Reißt sich an den Haaren. Kratzt und beißt. Blöde Mama! Kommt dir das bekannt vor?

Dein Kind wird von starken Gefühlen überwältigt. Und auch du spürst, wie du nervös wirst und dein Stresspegel steigt. Vielleicht fühlst du dich hilflos und möchtest am liebsten den Raum verlassen, bevor du selbst zu schreien anfängst. Oder du willst schien etwas tun, um deinem Kind zu helfen.

Hier erfährst du die möglichen Ursachen der Wutausbrüche bei deinem Kind und wie du wertschätzend mit der Situation umgehen kannst. Wir fragen uns: Warum wird mein Kind wütend? Es gibt unterschiedliche Gründe für die Wut deines Kindes. Hier sind die einige Ursachen für Wutanfälle bei Kindern:

1. Der Bedürfnistank ist leer

Das war heute ganz schön viel… Im Laufe eines Tages prasseln unzählige Eindrücke auf dein Kind ein. Von Morgens bis Abends möchten die Erwachsenen, dass Kinder kooperieren: Beeil dich, wir kommen zu spät. Das kannst du nicht anziehen, es ist viel zu kalt. Nein. Wir gehen jetzt. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Jetzt wird geschlafen. Mach die Augen zu.

Diese Forderungen werden von Eltern, Großeltern, ErzieherInnen oder LehrerInnen an die Kinder gestellt. Leider geschieht das sehr oft, ohne darauf einzugehen, was das Kind gerade möchte. Anders ausgedrückt wird schlicht übersehen, welche Bedürfnisse sich das Kind im Moment mit der Aktivität erfüllt, mit der es gerade beschäftigt ist.

Es ist daher hilfreich, dass wir unseren Kindern zeigen, dass wir ihre Bedürfnisse ernst nehmen und ihnen Empathie geben, statt wie selbstverständlich Forderungen zu stellen: „Ich sehe, wie viel Freude dir das Schaukeln macht! Ich möchte jetzt nach Hause. Bist du bereit, dich von der Schaukel zu verabschieden?“

Neben dem Bedürfnis nach Empathie können weitere Bedürfnisse unerfüllt sein, was einen Wutausbruch zur Folge haben kann. Vielleicht sind sie müde und brauchen Erholung. Oder sie sind hungrig und brauchen Nahrung. Achte darauf, dass der Bedürfnistank möglichst nicht leer wird. Sowohl dein eigener, als auch der deines Kindes.

2. Dein Kind will etwas, das nicht erfüllt werden kann

Kinder werden häufig mit Situationen konfrontiert, in denen sie etwas wollen, aber nicht haben können. Sei es der spannende Roller vom anderen Kind auf dem Spielplatz oder der zweite Nachtisch. Es ist frustrierend, etwas unbedingt zu wollen und nicht zu bekommen. Und schon bahnen sich die starken Gefühle, die sich in deinem Kind angestaut haben, ihren Weg nach draußen.

Kinder werden in ihrer Entwicklung ganz natürlich mit Grenzen konfrontiert. Außerdem lernen sie die Regeln, wie unsere Welt funktioniert. Von der Schwerkraft bis hin zu den Regeln des zwischenmenschlichen Zusammenlebens. Regeln und Grenzen sind wichtig. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, dass wir Regeln und Grenzen nachvollziehbar und bedürfnisorientiert gestalten und diese auch kindgerecht formulieren.

3. Dein Kind soll etwas tun, was es nicht will

Eltern sind dafür verantwortlich, für Schutz und Sicherheit zu sorgen. Zähne putzen, warme Sachen im Winter, Hände waschen oder die Aufsicht über den Medienkonsum der Kleinen. All das können Auslöser für Wutanfälle sein. Hierbei kann es hilfreich sein, dass du zuerst für dich selbst eine klare Haltung entwickelst und dir bewusst machst, warum du bestimmte Dinge von deinem Kind möchtest. Worum geht es dir gerade? Warum ist es dir wichtig? Welches Bedürfnis wird dadurch erfüllt? Geht es dir um den Schutz deines Kindes? Kümmerst du dich gerade um die Sicherheit oder um die Gesundheit?

Gleichzeitig ist es wichtig, die Bedürfnisse des Kindes im Auge zu behalten und altersentsprechend gemeinsame Lösungen zu finden. Ein gewisses Maß an Flexibilität kann einen Konflikt entschärfen und mehr Leichtigkeit in die Situation bringen. Dabei ist wichtig, dass du deine klare Haltung bewahrst. Das bedeutet: Es ist klar, dass die Zähne geputzt werden, weil du für die Gesundheit deines Kindes verantwortlich bist. Allerdings spricht nichts dagegen, flexibel zu sein, wie es gemacht wird.

4. Dein Kind ist überfordert

Wutanfälle können auch durch zu viele Optionen ausgelöst werden: Möchtest du den Apfelsaft, den Traubensaft, Tee oder Kakao? Wo möchtest du hingehen? Was möchtest du jetzt machen? Kinder haben ein Bedürfnis nach Struktur, Halt und Führung. Je unreifer und jünger die Kinder sind, desto mehr Führung, Sicherheit und Halt brauchen sie. Wenn sie ständig Entscheidungen treffen sollen, die sie noch gar nicht treffen können, kann das zu Überforderung und Frustration führen.

Du möchtest, dass dein Kind mitbestimmt? Super. Denn auch Autonomie ist ein Bedürfnis deines Kindes. Gerade in den Autonomiephasen ist dieser Wechsel zwischen „Ich will das selber machen.“ und „Ich brauche Orientierung.“ ein äußerst schmaler Grat. „Hilf mir, es selbst zu schaffen“, ist ein Wunsch, den dein Kind an dich haben könnte. Wenn es um Entscheidungen geht: Gib deinem Kind eine Wahlmöglichkeit aus zwei bis maximal drei Dingen. Oder übernimm die Führung und entscheide selbst, wenn du merkst, dass dein Kind damit überfordert ist.

5. Etwas funktioniert nicht

Der Reißverschluss geht nicht zu. Meine Mama versteht mich nicht. Ich spüre ein überwältigendes Gefühl. Ich schaffe das nicht. Ich darf nicht mitspielen. Es gibt unendlich viele Situationen, in denen dein Kind erlebt, dass etwas nicht wie gewünscht funktioniert. Wenn nun auch noch die eigenen Bindungspersonen haltlos mit wüten oder mit Strafen drohen, kann sich die innerlich empfundene Frustration noch steigern.

Daher ist es wichtig, die Frustration ernst zu nehmen und daraus resultierende Wutanfälle wertschätzend zu begleiten. Dein Kind ist gerade in Not und braucht Unterstützung. Es wird von starken Gefühlen überschwemmt. Wie du die Wutanfälle deines Kindes wertschätzend begleitest? Hier sind die Schritte, die dich dabei unterstützen, wertschätzend mit der Situation umzugehen:

Verbinde dich mit dir selbst

Wenn du deinem Kind während eines Wutanfalls Sicherheit geben willst, ist es wichtig, zunächst einmal für dich zu sorgen und dir selbst Halt zu geben. Diese innere Stabilität bekommst du, indem du dir bewusst machst, was in dir vorgeht.

  • Was fühle ich?
  • Wo in meinem Körper spüre ich dieses Gefühl?
  • Was kann ich tun, damit es mir besser geht?

Wut ist ein Alarmzustand des Nervensystems. Das Gehirn glaubt, es ginge ums nackte Überleben.

Allerdings geht es in den allermeisten Fällen nicht wirklich um Leben und Tod. Daher hast du genügend Zeit, dich zuerst selbst zu beruhigen. Nimm zum Beispiel drei tiefe Atemzüge.

Nachdem du dich um dich gekümmert hast, kannst du schauen, was dein Kind braucht.

Die Ursache der Wut finden und Einfühlung geben

Fakt ist: Dein Kind ist gerade frustriert, weil etwas nicht so funktioniert, wie gewünscht.

Die folgenden Fragen können dir helfen, der Ursache auf die Spur zu kommen:

  • Was funktioniert gerade nicht für mein Kind?
  • Welches unerfüllte Bedürfnis verbirgt sich hinter dem Wutanfall?
  • Was will mein Kind mit seinem Verhalten ausdrücken?

Gib deinem Kind Einfühlung. Dadurch lernt es, dass die starken Gefühle okay sind und dass es genauso sein darf, wie es ist.

Schau, was dein Kind gerade braucht!

Manchen Kindern tut körperliche Nähe gut. Andere können das überhaupt nicht ertragen und wollen keine Hilfe. Das ist von Kind zu Kind und auch von Situation zu Situation unterschiedlich. Wenn dein Kind alleine sein will, ist das okay. Stelle in dem Fall klar, dass du trotzdem da bist, wenn es dich braucht. Wichtig ist, dass du die Not nicht verstärkst, indem du die Wut bestrafst oder abwertest.

Finde heraus, welches Bedürfnis unerfüllt ist und sprich es an:

Du bist so wütend, weil die Flasche nicht aufgeht.

Du bist sauer, weil dir der Roller so gut gefällt und du jetzt gerne damit fahren würdest.

Du kannst die Gefühle deines Kindes spiegeln, indem du Mimik und Gestik verwendest.

Wirst du selbst wütend?

Wenn du beim Wutanfall deines Kindes selbst wütend wirst, liegt das vermutlich an deinen Gedanken. Beobachte sie. Vielleicht denkst du, dein Kind sollte sich anders verhalten: „Das macht man nicht. Dein Verhalten ist mir unangenehm.“ Oder du überträgst die Verantwortung für deine Gefühle auf dein Kind: „Weil du dich so in der Öffentlichkeit verhältst, schäme ich mich.“

Bewertende Gedanken implizieren, dass etwas am Verhalten deines Kindes falsch ist: „Die macht das doch mit Absicht.“ „Er braucht mal wieder nur Aufmerksamkeit.“ Beobachte also, ob du wertende oder urteilende Gedanken hast. Mache dir dann bewusst, dass dein Kind sich mit seinem Verhalten ein Bedürfnis erfüllen möchte oder etwas gerade nicht funktioniert. Sobald du dich mit deinem oder mit dem Bedürfnis deines Kindes verbindest, ist Wut nur noch Schall und Rauch.

Mach dir bewusst: Dein Kind tut das nicht, um dich zu ärgern. Für dein Kind funktioniert gerade etwas nicht.

Schützende Macht

Wenn dein Kind sich selbst, dich oder andere verletzt oder wenn es Dinge kaputt macht, die heile bleiben sollen, wendest du die schützende Macht an. Dabei hältst du dein Kind davon ab, sich selbst oder andere in Gefahr zu bringen. Ein klares „Stopp!“ oder auch das Festhalten sind hierbei durchaus erlaubt. Wichtig ist, dass deine Handlung aus einer schützenden Haltung kommt, und nicht aus einer bestrafenden.

Du kannst dein Kind dabei unterstützen, seine Wut auszudrücken, indem du ihm ein Kissen zum Draufhauen gibst, statt sich selbst oder andere zu schlagen. Oder ihr trampelt gemeinsam auf den Boden. Damit zeigst du ebenfalls, dass die Gefühle nicht verurteilt werden und du dein Kind dabei unterstützt. Sprich in jedem Fall im Anschluss an den Wutanfall mit deinem Kind: „Als ich dich vorhin festgehalten habe, hast du dich erschrocken. Ich habe das gemacht, weil mir deine Sicherheit wichtig ist.“

Zusammenfassung

1. Beim nächsten Wutanfall deines Kindes verbinde dich zunächst mit dir selbst. Atme. Lege die Hand aufs Herz. Beobachte deine Gedanken. Mache dir bewusst, dass dein Kind das nicht mit Absicht macht und dich auch nicht ärgern will. Dein Kind ist gerade frustriert, weil etwas nicht funktioniert.

2. Nun geh auf dein Kind ein. Sei präsent. Sprich die Gefühle und die Bedürfnisse an. Gib deinem Kind Einfühlung mit Worten sowie mit Mimik und Gestik.

Zum Beispiel so:

Du willst das jetzt haben.

Ja, das ist jetzt schwer für dich.

Du bist gerade frustriert.

Dadurch nimmst du Verbindung mit deinem Kind auf. Diese Verbindung wirkt beruhigend, weil sich dein Kind verstanden, gesehen und gehört fühlt. Mit deiner Hilfe lernt dein Kind zu verstehen, dass diese starken Gefühle sein dürfen. Indem du in deiner Rolle als Bindungsperson agierst, vermittelst du deinem Kind Verständnis und die Gewissheit, dass diese starken Gefühle auch wieder vorübergehen.

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