Wütend und hochbegabt – wie unser Sohn uns täglich fordert

Liebe Michaela, Du hast zwei Kinder, eine neunjährige Tochter und einen fünfjährigen Sohn. Dein Sohn hat manchmal eine heftige Wut in sich. Wann kamen diese Wutanfälle auf und was macht ihn so wütend?

Die Wut ist leider unberechenbar. Sie richtet sich leider sehr oft gegen seine Schwester. Die zwei können zwar nicht ohne einander, aber provozieren sich gegenseitig auch massiv. Der Kleine wird dann wie auf Knopfdruck plötzlich aggressiv, impulsiv und kann sich nicht mehr kontrollieren. Das ging schon im Kleinkindalter los. Da hat er seiner Schwester aus dem Nichts eine Schreibtischlampe auf den Kopf geschlagen. Meist wird er wütend, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Deswegen haben wir jetzt versucht, ihm ganz viel Struktur zu geben, damit er immer weiss was auf ihn zukommt und bringen ihm aber trotzdem bei, dass sich Pläne immer wieder ändern können und dass das aber nicht schlimm ist.

Wie lässt er sich in einem Anfall beruhigen? Habt Ihr da spezielle Strategien?

Beruhigung geht bei ihm nur über Isolierung. Wir haben bis vor 2 1/2 Jahren in einer Wohnung gewohnt ohne zweites Kinderzimmer. Wir hatten keine Chance, die zwei bei einem Streit zu trennen und somit fiel es auch wahnsinnig schwer, den Streit zu entzerren. Wir sind mittlerweile umgezogen, haben seitdem zwei Kinderzimmer und das allein ist Gold wert.

Meist sieht es also so aus: wenn wir merken, dass es bei ihm zu eskalieren droht, dann warnen wir ihn vor, bzw machen ihn drauf aufmerksam, dass er scheinbar grad wieder sehr wütend wird. Dass er doch mal kurz durchatmen soll, bevor er wieder Dinge tut oder sagt, die er gar nicht möchte und er danach wieder deswegen ein schlechtes Gewissen hat, das ihn beinahe auffrisst. Wenn es nicht hilft, bringt einer von uns ihn in sein Zimmer, sagt ihm nochmal, dass er sich etwas beruhigen soll und er danach wieder raus darf und macht dann die Tür zu (natürlich nur die Tür, nicht das Schloss). Meist weint er dann 10 Minuten, kommt dann wieder raus, entschuldigt sich für das, was schief gelaufen ist und benennt es auch. Danach ist er meist wieder wie ein Engel. 

Nun kam raus, dass Euer Sohn eine Hochbegabung hat. Hattet Ihr das schon so eine Vorahnung?

Ja, wir haben es geahnt. Ich habe über ein Jahr jemanden gesucht, der seinen IQ testet, obwohl er noch so jung ist. Normalerweise werden die Tests erst ab 6 Jahren durchgeführt, nur wenige machen es schon vorher. Uns war wichtig, dass wir wissen, warum er zu kämpfen hat und wie wir ihm vielleicht helfen können und ob er vielleicht auch einen anderen Schulweg einschlagen sollte – darum wollten wir es rechtzeitig vor der Einschulung wissen. Er konnte schon mit 18 Monaten ganze Sätze sprechen, sich schon immer wahnsinnig gut ausdrücken. In der Krippe bekamen wir die Resonanz, dass er den anderen Kindern weit voraus sei. Auch dem Kinderarzt ist es aufgefallen.

Er kannte mit drei Jahren die ersten Buchstaben und mit 4 konnte er die ersten Worte zusammen setzen und lesen, jetzt ist er 5 und rechnet schon sehr viel, sei es Addition, Subtraktion oder Multiplikation. Er zählt weiter als bis 100 und hinterfragt komplexe Dinge, die wir ihm teilweise nicht beantworten können. 

Dein Sohn hat einen IQ von 140 – ist das für euch eher Fluch oder Segen?

Ich würde sagen, es ist eher ein Segen. Denn trotz all dieser genannten Symptome, ist er ein so aufgewecktes, fröhliches, liebevolles Kind. Es macht so Spaß sich mit ihm über Dinge zu unterhalten, über die du dich normalerweise mit einem kleinen Kind nicht unterhalten kannst. Er hat so interessante Sichtweisen auf Dinge und gibt uns teilweise Ratschläge, die sinnvoll sind. Es ist so eine interessante Reise, auf die er uns mitnimmt und seine Symptome werden sich irgendwann mildern, da bin ich mir sicher. 

Wie könnt Ihr ihn jetzt fördern?

Das ist für uns momentan noch eine offene Frage. Wir hängen grad ein bisschen in der Luft, bis zur Einschulung ist es ja noch ein wenig hin. Die Schulzeit wird uns bestimmt einige Dinge aufzeigen. Wir lassen seinen Gedanken momentan einfach weiterhin freien Lauf. Wenn er sich für etwas interessiert, dann greifen wir das Thema auf. Wir versuchen ihn in mehr Dinge mit einzubeziehen und ihm vieles schon mehr zu erklären, da er einfach sehr wissbegierig ist.

Was wünscht Du Dir für deinen Sohn?

Ich wünsche mir für ihn, dass er lernt, seine Gefühle besser zu kontrollieren, damit er 1. niemandem mehr weh tut und 2. Danach nicht so zerrissen ist, weil er grad wieder was getan hat, was er nicht wollte. Ich wünsche ihm, dass er lernt, mit seiner Intelligenz richtig umzugehen, damit er davon profitiert und sie nicht doch noch zu einem Fluch wird…

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7 comments

  1. Wir haben dieses Thema auch. Es gibt Kinder, die reagieren heftig/ wütend, um sich zu fühlen…
    Man sollte niemanden vorschnell ver/ beurteilen. Unser Sohn ist sehr sensibel und schnell überreizt, weil er zu viele Reize gleichzeitig aufnimmt und dann nicht mehr weiss, wie er aus der Situation aussteigen kann.
    Als wir das mit der Hochbegabung erfahren haben konnten wir einige Verhaltensweisen besser verstehen und Adhs wurde erstmal ausgeschlossen.
    Jeden Kind, jeden Menschen für sich zu nehmen wie es/ er ist wäre schön…

  2. Welchen Mehrwert bringt euch die Zahl 140 jetzt?
    Bei mir wurde ebenso mit 6 Jahren bei einem IQ Test die Zahl 136 ermittelt. Auch weil ich eben ein „herausforderndes“ Kind war.
    Ich habe eine ganz normale Schullaufbahn und anschließend mein Studium absolviert. Ich bin froh, dass mir meine Familie nie Druck gemacht hat, weil ich im Vergleich zu den meisten Kindern und zu meinem
    Bruder einen wesentlich höheren Wert hatte. Ich durfte ganz „normal“ sein und hoffe, das lasst ihr euer Kind auch sein.
    Es gibt auch noch andere „Diagnosen“ die ein (Klein-)Kind begleiten können welches gemeinhin als „schwierig / herausfordernd“ gilt – Asperger usw.
    Lasst das Kind doch einfach Kind sein, fördert wo möglich aber überfordert nicht.
    Und 5 Minuten allein im Zimmer weinen lassen finde ich persönlich schlimm. Mein kleines Kind ist ähnlich, es macht ebenso den Anschein als ob es sich bei einem Wutanfall schnell und effektiv allein beruhigen könnte. So ist es aber nicht. Bricht man die erst Welle der Gegenwehr in dieser Situation, fällt es einem schluchzend um den Hals und lässt sich gern auffangen. Starke Persönlichkeiten zeigen eben auch nur ungern Schwäche.

  3. Wieso wird das Kind in seinem Zimmer allein gelassen, statt dass ihn ein Elternteil bei diesen starken Gefühlen begleitet? Er ist in so einem Moment doch total in Not und braucht Beistand. Und wieso muss er sich entschuldigen? Dann bekommt er ja das Gefühl, er sei falsch.

    Ich finde diesen Artikel zum Thema sehr augenöffnend:

    https://www.mini-and-me.com/wenn-dein-kleinkind-haut-beisst-tritt-was-du-tun-kannst-anstatt-deine-grenzen-aufzuzeigen-achtung-das-kann-dich-herausfordern/

    1. Weil er sich am besten beruhigen kann, wenn er alleine ist und Ruhe hat. Hat die Mutter doch geschrieben. Ist bei meinen beiden Kindern übrigens (oft) auch so.
      Und warum darf/ soll sich ein 5-jähriger nicht entschuldigen?

  4. Hallo, wir haben auch so ein cleveres Kerlchen zu Hause und diese ausgeprägten Wutanfälle kenne ich auch. Mit der Weile ist er zehn, bisher habe ich mich immer gescheut einen IQ- Test machen zu lassen bei ihm, da ich nicht so richtig greifen konnte, was uns als Familie die Zahl bringt. Habt Ihr Tipps, wie man es gezielt einsetzen kann? Vielleicht lassen wir ihn dann ja doch mal testen… Wir haben immer versucht ihn zu fordern und zu fördern. Gerade die Gespräche mit ihm sind wahnsinnig aufschlussreich! Das habe besonders ich immer genutzt, um ihm zu verdeutlichen, was Verhalten in seinem Gegenüber auslöst. Z. B., dass er mit „Oh, kann ich das oder das bitte haben…“ erfolgreicher ist, als „Ich will oder gib her“! Als er mal in einem Wutanfall seiner kleinen Schwester mit einer Holzschiene eine Platzwunde am Kopf verpasst hat, musste er mit 4 Jahren mit in die Notaufnahme und ihr Leid mit aushalten! Danach brauchte ich ihn immer nur an diesen Nachmittag erinnern. Ansonsten haben wir auch versucht ihn auszulasten in dem wir ihn in einem bilingualen Kindergarten hatten, in der Grundschule hat er nun begonnen Englisch und Französisch zu lernen und ab Sommer wird er in eine bilinguale Französisch- Klasse aufs Gymnasium kommen und seine Grundschullehrerin hat ihn zur Begabungsförderung Mathematik im Gymnasium angemeldet. Was uns aufgefallen ist: Er kann sein unaufhörliches Denken nur bei körperlicher Aktivität stoppen und fordert diese gerade zu ein. Deshalb hat er mit 4 schwimmen gelernt, mit 3 Radfahren mit 6 inlinern usw. Er lebt da richtig seinen Ehrgeiz aus und übt und übt, bis er es kann. Zusätzlich blüht er im Fußballverein richtig auf… Alles Gute mit Euerm Sohn!

  5. Es gibt einige Parallelen zu meinem Kind. Wut, Lesen und Rechnen im Kindergarten,… Allerdings hatten wir eine deutliche Sprachverzögerung (trotzdem werden inzwischen ganze Bücher selbst gelesen)
    Bei uns kommt noch ein ausgeprägter Ehrgeiz hinzu und der Wille alles alleine und ohne Hilfe zu schaffen. Das führt leider oft zu Frustration, aber ist irgendwie auch bewundernswert.
    Wenn dein Sohn Interesse zeigt, würde ich es ihm ermöglichen ein Instrument zu lernen. So ist auch schon im Kindergarten eine gute Förderung möglich.

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