Mein wütender Sohn: „Andere Eltern stecken ihn in eine Schublade“

Wütender Sohn

Symbolfoto: Pixabay

Ihr Lieben, wir haben hier schon öfter von Kindern berichtet, die heftige Wutausbrüche haben. Auch Nathalies Sohn zeigte sehr früh starke Wut, was für alle zur Belastungsprobe wurde. Nathalie erzählt uns davon und was sie sich von anderen Eltern – statt Verurteilungen – gewünscht hätte.

„Mein Name ist Nathalie, ich erzähle heute über meinen Sohn und die Wut, die ihn begleitet. Seine Wutanfälle begannen bereits im ersten Lebensjahr. Ich habe mir keine Sorgen gemacht und dachte, das sei eben die Trotzphase.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie er das erste Mal richtig wütend wurde. Er hatte Durst, ich füllte ihm Wasser in einen Becher. Er nahm einen Schluck davon, irgendwas störte ihn – und er warf den Becher gegen die Wand und brüllte herum. Das fand ich schon heftig, aber ich dachte eben, das sei das Alter und mein Sohn vielleicht etwas gefühlstärker als andere Kinder.

Im Kindergarten griff er andere Kinder an

Doch die Wutanfälle häuften sich. Immer, wenn er etwas nicht dufte, nicht bekam, ging es los. Sein ganzer Körper verkrampfte, er ballte die Fäuste, schrie wie am Spieß. Er wusste einfach nicht, wohin mit seiner Wut. Und deshalb fing er an zu hauen, zu treten, Spielsachen kaputt zu machen. Er biss seine Schwester und zog sie an den Haaren.

Auch im Kindergarten zeigte er dieses Verhalten. Wenn er wütend wurde, ging er andere Kinder an, haute und biss sie. Er zerstörte Spielsachen oder Gebautes von anderen Kindern. Ich verzweifelte, überlegte immer wieder, was wir wohl falsch gemacht haben.

Die Erzieher*innen sagten, es läge nicht an mir und unserer Erziehung, sondern dass irgendwas anderes dahinter stecken müsste. Das entlastete mich etwas und machte mir Mut, dass wir eine Lösung finden würden.

Wir suchten die Schuld bei uns

Wir versuchten alles Mögliche, aber das Verhalten änderte sich nicht. Das hatte natürlich Auswirkungen. Die Eltern der anderen Kinder tuschelten, distanzierten sich von uns und verboten ihren Kindern, mit unserem Sohn zu spielen. Das hat mich so verletzt und getroffen – obwohl ich die Eltern natürlich auch verstehe. Ich habe mit den anderen Kindern auch mitgelitten, wenn mein Sohn mal wieder etwas kaputt gemacht hatte.

Ich glaube, ich hätte mich einfach gefreut, wenn die anderen Eltern offen damit umgegangen wären. Wenn sie mich angesprochen und nachgefragt hätten, was mit meinem Sohn los ist. Stattdessen hörte ich, dass es hieß, wir seien an allem schuld. Manche sagten, wir seien zu lasch und sollten ruhig mal zurück hauen, wenn unser Kind uns haut. Andere sagten, wir würden unseren Sohn schlagen und er würde es nur weitergeben. Alles in allem hieß es: Die Eltern haben versagt.

Dank externer Hilfe wird es nun besser

Als er vier Jahre alt war, holten wir uns professionelle Unterstützung. Unser Sohn bekam Frühförderung und wir lernten, wie wir besser mit ihm und seiner Wut umgehen können. Erstmals stand auch im Raum, ob unser Sohn evtl. ADHS hat. Durch die professionelle Hilfe hat sich vieles verändert.

Wenn er wütend wird, schafft unser Sohn es immer öfter, sich bei den Erzieher*innen Hilfe zu holen und seine Wut nicht an anderen auszulassen. Wir Eltern haben gelernt, mehr auf seine Gefühle einzugehen und ruhiger zu bleiben, wenn seine Wut hoch kommt.

Die letzten Jahre haben Spuren hinterlassen, mein Sohn ist bereits in eine Schublade gesteckt worden. Wir alle arbeiten zusammen, dass die Wut nicht mehr zu heftig aus ihm rausbricht. Ich wünsche mir sehr, dass er Freunde findet, die ihn so mögen und akzeptieren wie ist er ist. Er ist ein toller Junge, der sich gerne bewegt und total hilfsbereit ist. Er hat es verdient, dass man ihm eine neue Chance gibt!“

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13 comments

  1. Die Autorin spricht mir so sehr aus dem Herzen. Es könnte aus meiner Feder stammen. Unser Sohn ist auch so. Wir haben beharrlich dem Kinderarzt erklärt, dass das Verhalten unseren Sohnes nicht normal ist und wir dringend Hilfe brauchen, weil wir total überfordert waren. Ein Termin in einem Sozialpädiatrischem Zentrum, welches ganzheitliche die Kinder untersucht (Logopädie, Ergotherapie, Allgemeinmedizinisch, Psychologie…), die dort erfolgte Diagnose ADHAS und folgende Therapien für Kind und Eltern haben sehr geholfen. Wir sind nun auch bei Medikinet gelandet nach einem Jahr Bedenkzeit und endlosen Gesprächen. So bekommen wir ein Stück Normalität zurück. Aber es bleibt ein steiniger Weg für uns alle. Allein die Diagnose half uns, dass es nicht an uns liegt und auch vor der Verwandschaft und Bekanntschaft zu erklären, was los ist. Wir sind such dankbar für diese Hilfe, denn das schafft man alleine nicht- eher zerbricht eine Fanulie daran. Wenn ihr auch bei eurem Kind schon früh solches Verhalten beobachtet, dann schämt euch nicht Hilfe zu suchen und ganz aktiv danach zu fragen.

  2. Ich hoffe, der Neubeginn gelingt! Ich verstehe aber auch die Ablehnung wenn das eigene Kind mit dieser Gewalt angegriffen wird ( die Mutter erwähnt nur zerstörte Dinge). Und auch die verständliche Zurückhaltung der anderen Kinder.

    1. Nein, sie erwähnt, dass er andere Kinder im Kindergarten an ging, sie haute und biss. Und sie erwähnte das auch im Zusammenhang mit der kleineren Schwester. Genau dieser Satz war es nämlich, der mich an die Vorfälle in unserem Kindergarten erinnern ließ. Bei denen ich die ersten Male auch noch versuchte konstruktive Lösungen im Gespräch mit den Erzieherinnen und auch der Mutter des Kindes zu finden. Als die Angriffe jedoch heftiger wurden (es waren nicht nur meine Kinder betroffen), gab ich meinen Kindern den Hinweis weg zu gehen, wenn das Kind kommt und mit anderen Kindern zu spielen. Auch in der Grundschule habe ich erlebt, wie mein Sohn z. B. gerne mit einem Jungen spielte, sie am Nachmittag mit ihm verabredete, ich nahm ihn auch mit zum See, bastelte mit den Kindern etc… als mein Sohn mal den ganzen Nachmittag bei dem Jungen war wurde Anfangs der 4. Klasse Fortnite gezockt, mein Sohn war völlig überdreht danach. Dann fing der andere Junge an ausländische Klassenkameraden zu drangsalieren und Lügengeschichten zu erzählen. Mein Sohn bat ihn mehrfach damit aufzuhören und drohte ihm, wenn er den neuen Mitschüler nochmals drangsaliert, setzt er sich von ihm weg und zu diesem Mitschüler. Da bekam ich Nachrichten von der Mutter des Drangsalierers, warum mein Sohn ihn in die Schranken weist usw…. Ich suchte dann den Dialog wurde aber mit dem Hinweis auf verschiedene Diagnosen des Jungen lediglich um Verständnis für sein Verhalten gebeten und mein Sohn solle auch Verständnis haben, er sei schließlich der einzige Freund des Drangsalierers, mein Sohn war zu dem Zeitpunkt 9 Jahre alt, das war viel zu viel für die schmalen Schultern. Mein Sohn redete mit ihm, warum er den Neuen so ärgert, bekam aber keine Antworten, schließlich setzte er sich zu ihm. Seit dem war leider die Freundschaft kaputt, aber ganz ehrlich da hört mein Verständnis auch auf. Ich hätte mir da echt einen anderen Dialog mit den Eltern gewünscht, zumal das Kind schon die Klasse gewechselt hatte, weil es in der anderen Klasse Probleme mit den Mitschülern hatte. Mein Sohn hat auch nicht verstanden, warum er dann ausgerechnet den neuen Jungen in der Klasse, der es so schon schwer hatte (auch sprachlich) so ärgerte. Vor allem auch politisch sehr unkorrekt. Das kann man nicht mit ADHS und was weiß ich nicht entschuldigen, da müssen die Eltern einfach eingreifen!

      1. Ja genau das meine ich. Wenn Kinder vom Freund, Klassenkameraden Gewalt erleben/ kennen braucht es keine Eltern. Die Kinder lernen und vermeiden das in Zukunft natürlich von alleine. Deshalb ist für einen Neubeginn eventuell auch eine neue Klasse/ Schule hilfreich um “ Vorurteile“ hinter sich zu lassen. Und gerade das Beispiel Ihres Sohnes zeigt warum vergeben und vergessen und ab jetzt heile Welt nicht wirklich funktionieren. Ich hoffe, Ihr Sohn macht auch noch schönere Erfahrungen im Schulleben gut das er so starke unterstützende Eltern hat! Vor allem eben wenn der Angreifer mehr Betreuung bekommt als das Opfer auch das ist nochmal so niederschmetternd für die Betroffenen.

        1. Ich finde es gut das sie sich professionelle Hilfe gesucht haben ich hatte es auch mit mein Sohn er ist 7 Jahre alt und auch mit 3 eine Frühförderung bekommen weil ich nicht mehr weiter wusste er hat auch gebissen und gehauen und ich selber kenn das nicht also mit der wut ich wusste nicht was man tun kann also hab ich mich ans Jugendamt gewendet und ich kann nur sagen das die mir echt geholfen haben ich findest richtig gemachen und eine Lösung gefunden haben er wird sein weg gehen er hat

  3. Ich leide so sehr mit dieser Mama mit. Wenn das eigene Kind und man selbst gleich mit in eine Schublade gesteckt wird, ist der Kreislauf fast vorprogrammiert. Heilpädagogische Frühförderung ist eine gute Grundlage. Als ich ADHS las, dachte ich auch gleich an eine Autismusspektrumstörung. Wäre es eine solche, hätte man auch Anspruch auf eine Schulbegleitung, die dann bei den sozialen Herausforderungen unterstützen könnte. Alles Liebe für die Mama und ihren Sohn!

  4. Ich verstehe die Autorin, dass sie sich Freunde und verständnisvolle Eltern für ihren Sohn wünscht. Dennoch habe ich auch meinen Kindern immer geraten zu solchen Wüterichen (nicht böse gemeint) Abstand zu halten. Ich war auch nie begeistert, wenn ich mit meinem Sohn in die Notaufnahme musste, weil ihn der bekannte Wüterich gegen den Türrahmen geschubst hat, das nächste Mal mussten die Erzieherinnen den Krankenwagen rufen, weil wieder das gleiche Kind ihm lauter große Bausteine auf den Kopf geworfen hat, er eine stark blutende Platzwunde hatte, das nächste Mal Beißspuren etc… irgendwann habe ich meinem Sohn auch gesagt, geh weg, wenn er kommt bzw. wehre Dich, erst dann wurde es besser. Dann ging es bei meiner Tochter los, auf die Nase gesprungen etc… ich weiß nicht, wie ich da als Mutter verständnisvoll bleiben soll… Mit der Weile sind meine Kinder aus dem Kindergarten raus, in Grundschule und Gymnasium. Doch dort äußern sich Attacken von Kindern, die ihrer Wut gegen andere freien Lauf lassen noch folgenreicher… da gibt es dann geprellte und angebrochene Rippen, weil auf dem Boden liegende Kinder weiter getreten werden. Ich finde, dafür muss niemand Verständnis haben! Wenn meine Kinder in dem Maße angegriffen werden würden (zum Glück konnten sie diesen Auseinandersetzungen bisher aus dem Weg gehen) würde ich auch vor einer Anzeige nicht zurück schrecken! Gut, dass sich die Autorin Hilfe holt, damit es so weit nicht kommt!

    1. Kann ich vollkommen nachvollziehen. Ja, es ist schade für die Eltern des Wüterichs, denn oft sind sie selbst hilflos. Aber mein eigenes Kind ist mir nun mal wichtiger und da würde ich ihm genauso raten, Abstand zu halten.

      1. Ich habe auch ein emotionales Kind und er weiß auch sehr oft nicht wohin mit seiner Wut, Freude und Traurigkeit. Hinzu kommt noch das er den Kindergarten einfach als zu laut und zuviel empfindet. Es ist ja auch kein Wunder das es in manchen Kittas solche Kinder gibt wenn man überlegt das da manchmal 20-24 Kinder in einem Kitaraum zusammen sind. Dazu kommt noch das die Kinder dann oft von 7.30 Uhr – 15.30 Uhr in der Kita sein müssen da beide Eltern gezwungen sind zu arbeiten um alles zu finanzieren. Das soll keine Rechtfertigung für böswilliges Verhalten sein.
        Ich kann verstehen dass die Eltern von einem Opfer sagen du spielst am besten nicht mehr mit dem besagten Kind und gehst ihm aus dem Weg. Ich würde genauso handeln.
        Aber bitte steckt uns nicht in eine Schublade wir lieben unsere Kinder genauso wie ihr eure und versuchen ihnen mit viel Liebe, Strenge, Struckturierten Altag, Therapien und anderen Methoden auf Kurs zu bringen.
        Bei uns hat es geholfen das wir unser Kind erst um 9.00 Uhr in die Kita bringen und um 13.00 Uhr wieder abholen. Zudem geht er nur 4 Tage in die Kita, denn Freitags bleibt er zuhause. Das hatte natürlich zur Folge das ich meinen Job aufgegeben habe und wir uns jetzt nicht mehr viel leisten können aber für ihn ist es seitdem leichter geworden und für die anderen Kinder natürlich auch da sich auch sein Verhalten in der Kita verbessert hat.
        Ergotherapie erhält er jetzt auch, denn es wurden vers. Ursachen gefunden die dieses Verhalten verursachen.
        An Eltern mit einem Wüterich kann ich nur empfehlen lasst ihn mal von einem Spezialisten im Bereich Entwicklungs- und Neurorehabilitation untersuchen zu lassen. Bei uns liegt es viel mit daran das seine Wirbelsäule voralem im Bereich der Brustwirbel hypomobil ist und er jedes Jahr neu eingerenkt werden muß. Durch diese Störung ist die Sensomotorik gestört und er kann die vers. Reize nicht richtig einsortieren und verarbeitet.

        Also bitte liebe Eltern sprecht uns Eltern von einem Wüterich an und redet nicht hinter unseren Rücken wir sind Dankbar für jeden Tip den ihr uns geben könnt!

    1. Kann ich vollkommen nachvollziehen. Ja, es ist schade für die Eltern des Wüterichs, denn oft sind sie selbst hilflos. Aber mein eigenes Kind ist mir nun mal wichtiger und da würde ich ihm genauso raten, Abstand zu halten.

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