Mein Sohn hat heftige Wutanfälle, weil er Schlimmes erlebt hat

Liebe Marika, erzähl erstmal, wer alles zu deiner Familie gehört und wie Ihr lebt.

Unsere kleine Familie besteht aus mir und meinem Sohn Max (5 Jahre). Ich (42) arbeite Vollzeit, wir leben ziemlich genau in der Mitte Deutschland. Max ist nicht mein leibliches Kind, sondern mein Pflegesohn.

Max spürt oft einige heftige Wut. Erzähl uns mal ein bisschen was über ihn.

Max ist vor gut drei Jahren zu mir gekommen, davor war er in einer Bereitschaftsfamilie und in seiner Herkunftsfamilie. Er liebt alles was mit Wasser zu tun hat, aber auch – wie viele kleine Jungen –Baustellen und Autos. Probleme hat er mit dem Sprechen, aber eben auch mit der Emotionsverarbeitung – da sind wir schon beim Thema Wutanfälle. 

Wir wissen nur in Bruchteilen was in seiner Vergangenheit passiert ist. In seiner Herkunftsfamilie spielte Überforderung eine große Rolle, aber es ist mir auch wichtig zu sagen, dass die leiblichen Eltern Max lieben. Zum Schutz von Max möchte ich nicht zu sehr ins Detail gehen, aber Vernachlässigung und Verwahrlosung standen im Vordergrund, häusliche Gewalt wird angenommen (was nicht zwangsweise bedeutet, dass Max selbst misshandelt wurde, er kann auch Zeuge gewesen sein).Hinzu kommt eine medizinische Vorgeschichte von Max, die die Eltern sicherlich auch überfordert hat. Trotzdem bringt es nichts, die Herkunftsfamilie zu verteufeln, sie sind die Wurzeln von Max und werden wohl für immer ein Thema bleiben.

Generell ist aber eines sicher: Max ist durch die Erlebnisse in seiner Kindheit traumatisiert. Hinzu kommt eine so genannte Bindungsstörung – die vielen Beziehungsabbrüche machen es Kindern schwer, sich erneut zu binden.

Was löst bei ihm die Wutanfälle aus und wie läuft ein typischer Wutanfall ab?

Wir haben zwei verschiedene Arten von Wutanfällen – zum einen die „normalen“ Trotzanfälle. Mit schreien, toben, hauen, treten. Die kommen oft in „Nein“-Situationen. Max musste vieles aufholen, hatte starke Entwicklungsrückstände. Vieles davon hat er aufgeholt, bewegt sich jetzt in den meisten Bereichen in seiner Altersklasse.

Aber eben nicht in der emotionalen Entwicklung, also wie er Gefühle bei sich und anderen wahrnimmt – und vor allem wie eigene Gefühle regulieren kann – da ist er eben nicht knapp 5 sondern ca. 3,5 bis 4 Jahre alt. Das Problem ist: körperlich ist er ein gesunder 5 Jähriger mit viel Kraft. Da wird so ein Wutanfall schnell schmerzhaft für andere Menschen oder zerstört Gegenstände. Diese „normalen“ Wutanfälle bekommt man aber geregelt, auch wenn wir in solchen Situationen Blicke oder Sprüche bekommen. Denn Max haut sich oft auch selber oder beißt sich selber, tut sich also selber weh, weil er nicht weiß, wie er sonst mit der Wut umgehen soll. Dass er Probleme mit der aktiven Sprache hat (also alles versteht, aber sich selber kaum äußern kann) führt auch oft zu Wutanfällen, weil er nicht verstanden wird – seit 1 Jahr haben wir aber hier eine Diagnose und mit intensiver spezieller Logopädie haben wir da schon Fortschritte gemacht. 

Eine andere Kategorie sind die traumainduzierten Wutanfälle, wir nennen sie auch Flashbacks. Wobei niemand weiß, was genau dann vor seinen Augen abläuft. Bei diesen Wutanfällen ist das Ganze mit absoluter Panik gepaart, er entwickelt dann unglaubliche Kräfte, blickt aber quasi durch einen durch – ist also oft gar nicht vom Kopf her anwesend, er ist dann in der Situation drin. Auch hier kommt es dann zu Selbstverletzung, da diese aber unbewusst geschieht, ist es oft sehr heftig. Da schlägt er dann manchmal mit voller Wucht den Kopf gegen was auch immer er erreichen kann – Wand, Sessel, Fußboden. So stark und kräftig, dass man es hören kann, also vollkommen undosiert. Meistens holt er sich so aus dem Anfall raus.

Wie verhälst du dich in solchen Situationen?

Bei den normalen Trotzanfällen ruhig bleiben, kurz und knapp die Anweisung wie „zieh dich bitte an“ wiederholen, gerne auch 20mal hinterheinander. Haut oder tritt er mich – gehe ich aus der Situation raus. 

Bei den Flashbacks ist es schwieriger – festhalten, wo es geht und sein muss (bspw wenn er andere gefährdet) auch wenn man sich dabei verletzt. Vor einigen Monaten gab es solch einen Wutanfall mitten an einer Straße – da musste ich ihn festhalten. Damals hat er mir fast einen Finger gebrochen. Das Problem ist, dass sich ein normaler Wutanfall in einen Flashback wandeln kann – zum Glück nicht oft, aber noch weiß ich nicht genau was eigentlich Trigger sind. Ich vermute, dass es dann der Winkel ist, wie ein Erwachsener sich nährt, weil er dann panisch versucht, von dem Erwachsenen wegzukommen. In diesen Flashbacks kann er Berührungen kaum ertragen, daher ist es am Besten, einfach dazu sein, ihn ruhig anzusprechen und versuchen, ihn aus dem Flashback zu holen. Und vor allem hinterher da zu sein.

Ich könnte mir vorstellen, dass es sehr viel schwieriger für dich wird, wenn solche Anfälle nicht zu Hause passieren. Wie reagieren die Leute dann auch euch?

Sie reden. Sie lästern. Sie schenken missgünstige Blicke. Oder sie geben ungefragte Ratschläge. Am schlimmsten war es 2020 mal an einem Badesee. Max war total müde, die ungewohnte Situation und fremde Umgebung hat ihn überfordert, aber er wollte aus der Situation einfach nicht raus und ist dann auch immer wieder weggelaufen. Hat sich ins flache Wasser gesetzt und wollte nicht rauskommen. Da hilft es nur, ruhig zu bleiben. Eine Mutter wollte ihr kleines Kind zu ihm schicken, um ihn zu beruhigen, das habe ich unterbunden. Sehr verletzt hat mich eine Frau, die mit Sonnenhut dann hinter ihm im flachen Wasser rum spazierte – er lag im Wasser und beobachtete mich am Strand – und dann blieb sie direkt hinter ihm stehen und beobachtete und wie Tiere im Zoo. So kam es mir vor. 

Noch schlimmer sind aber ungefragte „Erziehungsmethoden“ – in einem Indoorspielplatz, es ist schon etwas her, hatte Max mal einen schlechten Tag und ich ging los, um die Schuhe zu holen. In diesen 5 Minuten gerieten er und ein etwas jüngeres Kind aneinander und er schubste es – nicht dolle, aber er wurde eben körperlich. Die Großmutter des anderen Kindes, die dabei war, ging dazwischen, aber anstatt mit Worten zu agieren, wurde sie körperlich und schubste Max, damals 3,5 Jahre alt, ebenfalls. Ich war ca. 20m entfernt und konnte so schnell nicht eingreifen. Das löste umgehend einen Flashback aus –Max lag sofort schaukelnd und schreiend auf den Knien, als ich mich ihm vorsichtig näherte, kroch er erst und lief danach panisch weg (Fluchtreaktion). Danach hat er sich in einer dunklen Ecke des Spielgeräts versteckt – ich habe 10 min ruhiges Zureden gebraucht, bis er sich zu mir getraut hat.

Und was macht diese Reaktion der Leute mit dir?

Es macht mich wütend. Wütend und hilflos. Ich möchte die Leute anschreien, sie schütteln. Das geht natürlich nicht. Also versuche ich für mich selbst alle auszublenden. Aber es tut weh.

Welche Reaktion würdest du dir wünschen?

Verständnis. Das kann schon ein Blick sein. Verständnis dafür, dass Kinder lernen müssen, ihre Gefühle zu regulieren. Und Vertrauen darauf, dass ich weiß, wie ich damit umgehen muss. Diese Situationen kann nur ich bereinigen, da kann niemand helfen. Und ich würde mir wünschen, dass jeder versucht, auch mal über den Tellerrand zu schauen. Zu überlegen, ob es eben nicht „schlechte“ Erziehung ist (wobei wer definiert das eigentlich was schlecht und was gut ist), sondern vielleicht eine Behinderung oder etwas Erlebtes. Und dass Kinder nun einmal keine kleinen Erwachsenen sind. Auch wenn die Gesellschaft das gerne hätte…

Habt ihr professionelle Unterstützung?

Wir sind in kinderpsychologischer Behandlung, im SPZ (sozialpädiatrisches Zentrum) sowie bei diversen Fachärzten, immer in enger Absprache und Begleitung durch den Kinderarzt. 

Wenn die Anfälle häufiger oder schwerwiegender werden, müssen wir über eine medikamentöse Einstellung nachdenken. Vor Corona waren wir auf einem guten Weg aber die soziale Isolation hat vieles wieder verschlimmert. Man muss es mal mit den Augen des Kindes sehen: es hat mühsam gelernt, Nähe anzunehmen und zu geben, hat gelernt, Erwachsene sind verlässlich, hat Bindung aufgebaut, lässt sich trösten und plötzlich soll es wieder Abstand halten. Das macht Angst und Frust und wie soll ein Vierjähriger das verstehen, das verstehen ja wir Erwachsenen kaum.

Außerdem arbeiten wir in der Ergotherapie daran, Ersatzhandlungen bei Wut zu finden, also Wut zu kanalisieren und anders, als durch beißen oder sich selbst schlagen, zu kanalisieren.

Was wünscht du dir für Max? 

Dass er einfach als Kind akzeptiert wird. Niemandem steht auf der Stirn geschrieben, warum er reagiert wie er reagiert. Max hat viel geleistet und tut es noch. Er soll einfach glücklich sein – trotz des Rucksacks, den er mitbringt…

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3 comments

  1. Es ist schön, das dein sohn dich hat!

    Da du Medikamente angesprochen hast: wir haben mit unserer Tochter viel durch…gehe nicht weiter drauf ein… sie nimmt seit einem Jahr Pipamperon! Es hat uns so geholfen… vielleicht auch eine Option für euch… nur als Art eine Gehhilfe… alles gute

  2. Hallo Marika,

    Hut ab, vor dem, was Du leistest, Dein Pflegesohn hat großes Glück, dass er Dich gefunden hat! Sicherlich wird er mit Deiner Begleitung in ein gutes Leben für sich finden können.
    Bei Fremden würde ich sagen, sieh es ihnen nach, die wollen ja Dich nicht ärgern, meist wollen sie einfach helfen. Ich habe mit meinen beiden gefühlsstarken Kindern in dieser Zeit auch viele Erlebnisse in der Öffentlichkeit gehabt, teils mit ungebetenen Ratschlägen, die ich als solche auch abgewiesen habe, aber auch manchmal mit helfenden Händen, die ganz unverhofft genau das Richtige in einer Situationen gemacht haben und mir dadurch sehr geholfen haben.
    Einmal habe ich auch ein völlig fremdes Kind einfach festgehalten, was auch in Wut seiner Mutter weg gelaufen war, es lief auf die Schienen zu und die Straßenbahn fuhr ein, da habe ich geistesgegenwärtig zu gegriffen. Die Mutter war dankbar und es war ihr auch peinlich, ich habe dann nur gesagt, dass ich das kenne, selber zwei Kinder habe und froh bin, dass dem kleinen Mann nichts passiert ist.
    Warum ich das erzähle? Nur damit klar wird, dass andere einen oft gar nicht bewerten, nur schnell helfen wollen.

  3. in solchen situationen hat man schon genug zu tun. und dann gaffende oder sich einmischende menschen-gehen gar nicht. und eine erwachsenen person die ein fremdes kind einfach zurück stumpt schonmal gar nicht! das ist doch ein normaler konflikt in dem alter, sowas machen auch kinder ohne die vorgeschichte des kindes hier. ich kann sehr gut verstehen das das sehr anstrengen ist und wünsche der erzählerin weiterhin viel kraft und ausdauer. ihr pflegekind hat großes glück so eine mutter bekommen zu haben!

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