Pflegekinder: Wir haben mehr als 30 Kindern ein Zuhause gegeben

Liebe Juliane, Deine Mutter hat – also du noch ein Kind warst – immer wieder Pflegekinder aufgenommen. Erzähl doch mal ein bisschen was über deine Mama.

Meine Mama ist für mich das größte Vorbild, denn sie setzt sich schon ein Leben lang für andere Menschen ein. Und dabei stellt sie sich selbst, eigentlich seit ich denken kann, hinten an. Für andere mag das vielleicht nicht richtig klingen…nie Zeit für sich haben, kaum bestandsfähige Freundschaften zu anderen pflegen, keine Reise, kein Ausflug, keine Verabredung ohne Kinder und das über viele, viele Jahre hinweg. Aber genau das hat meine Mutter gewählt und zwar aus voller Überzeugung und mit ganzem Herzen.

Wie sieht Eure Ursprungsfamilie aus?

Ich bin das jüngste von drei leiblichen Kindern meiner Mama. Als meine Mutter 28 Jahre alt war, bekam sie Krebs. Den besiegte sie, aber sie war für sieben Jahre erwerbsunfähig. Neben unserer Erziehung, dem Haushalt, dem Alltag suchte sie aber noch nach einer Aufgabe, die sie komplett erfüllte und ihr Freude machte.

In der Nachbarschaft ergab es sich, dass sie immer wieder mal ein Kind betreute und als „Tagesmutter“ fungierte. Anfang der 90er Jahre fand sie dann in der Tageszeitung einen Artikel, der sie sehr bewegte und letztendlich zu dem Entschluss brachte, ihr „Hobby“ zum Beruf zu machen.

Das Jugendamt suchte dringend Eltern, die sich vorstellen könnten, Kinder bei sich aufzunehmen, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie bleiben konnten. Sie stellte sich daraufhin dort vor und informierte sich ausführlich. Nachdem sie dann auch zu Hause mit uns darüber sprach und ein „OK“ von uns bekam, war ihr klar, dass das ihre neue Aufgabe im Leben sein würde.

Im weiteren Verlauf gab es viele Beratungsgespräche, Tests und Hausbesuche, bei denen mit uns allen gesprochen wurde. Als alles Formelle endlich abgeschlossen war und wir die Prüfung zur Pflegefamilie bestanden hatten, zog das erste Pflegekind bei uns ein. Zu dem Zeitpunkt waren meine Geschwister 13 und 11 und ich 3 Jahre alt. Ich bin damit also aufgewachsen.

Kannst du dich noch an dieses erste Pflegekind erinnern?

Mein 1. Herzgeschwisterchen war ein kleiner Junge, nur wenige Monate alt, misshandelt und verwahrlost. Bei uns fand er ein liebevolles zu Hause auf Zeit. Und wir alle taten unser Bestes, ihn fühlen zu lassen, was die Liebe einer Familie bedeutet. Knappe 2 Jahre hat der kleine Mann unsere Familie bereichert.

Wieviele Kinder waren insgesamt bei Euch?

Es waren mehr als 30 Kinder. Die Gründe, warum ein Kind ein „Pflegekind“ wird, sind zahlreich. Misshandlung, Drogenkonsum der Eltern, Verwahrlosung, Obdachlosigkeit, vorrübergehende oder dauerhafte psychische Probleme der Mutter oder auch die bewusste Entscheidung gegen das Kind. Allerdings waren die Kinder, die zu uns kamen, immer erste wenige Wochen bis Monate alt.

Da ich ja damals selbst noch sehr klein war und auch meine Geschwister noch nicht komplett selbstständig waren, wollte meine Mutter bewusst keine älteren Kinder aufnehmen. Der ständige Wechsel und die damit einhergehende, emotionale Belastung für die eigene Familie, wäre bei älteren Kindern wesentlich größer gewesen als bei Säuglingen. Meist blieben die Kinder nur einige Monate in Kurzzeitpflege bei uns. In einigen Fällen aber auch bis zu 2 Jahre, bevor sie meist in Dauerpflege- oder Adoptivfamilien weitervermittelt wurden. Manche Kinder konnten aber auch in ihre Herkunftsfamilien zurück geführt werden.

Gab es ein ganz besonderes Geschwisterlichen für dich?

Ja, ein Kind ging einen anderen Weg, es blieb in unserer Familie. Der kleine Mann hatte damals keinerlei Perspektive, zurück in seine Herkunftsfamilie zu kommen oder in eine fremde Familie zu kommen. Er war ein Frühchen und kam zu uns, als er 4 Wochen alt war. 4 Wochen, die er allein in einem Inkubator auf der Frühgeborenenstation verbringen musste.

Seine Mutter war abhängig von Alkohol und Schlaftabletten. Und die Auswirkungen ihres Drogenkonsums verfolgten ihn und uns während seiner gesamten Kindheit und auch noch bis heute. Trotz all der Schwierigkeiten haben wir uns dieser Aufgabe aber angenommen, ihn als Sohn und Bruder in unsere Familie aufgenommen und versucht, alle Höhen und Tiefen mit ihm zu meistern. Es gab wundervolle Zeiten mit ihm und wir freuten uns über jeden Fortschritt, den er machte. Aber es gab auch Zeiten, die vor allem meine Mutter an ihre äußersten Grenzen brachte.

Heute ist er 23 und frischgebackener Papa. Aber auch, wenn unser Verhältnis nicht so innig ist wie bei anderen Geschwistern, so kann er sich doch immer auf mich verlassen. Er hat es auch heute noch nicht leicht im Leben, denn auch eine liebevolle Kindheit können seine Herkunft und die Zeit der Schwangerschaft leider nicht komplett kompensieren. Meine Mama und auch wir Geschwister unterstützen ihn aber so gut es möglich ist. Und sein kleiner Sohn ist für mich mein Neffe und so werde ich auch für ihn da sein, wenn er mich braucht.

Gab es auch mal Eifersucht zwischen den Geschwistern?

Dadurch, dass ja schon seit ich denken kann, immer Pflegekinder da waren, war es für mich eigentlich nie komisch oder befremdlich. Ich kannte es ja gar nicht anders. Die Freude, wenn ein Anruf kam und ein neues Kind bei uns einziehen sollte, war immer groß. Jedes Mal bereiteten wir zu Hause alles gemeinsam vor. So wie man das eben macht, wenn ein neues Familienmitglied auf dem Weg ist. Das Bettchen wurde frisch bezogen, die Kleider in der passenden Größe in die Kommode geräumt, Kinderwagen und Babyschale bereit gestellt und die Wickeltasche gepackt. Die Freude bei meiner Mama war ihr immer anzumerken. Es war toll, immer ein Baby im Haus zu haben. Statt einer Puppe, konnte ich ein echtes Baby wickeln und spazieren fahren.

Für uns Geschwisterkinder war es selbstverständlich, unsere Herzgeschwister in unseren Alltag zu integrieren. Sie waren einfach da und bekamen genau die Aufmerksamkeit, Kuscheleinheiten und Liebe, wie wir. Sicher hat meine Mama uns auf eine andere Art geliebt und in ihrem Herzen waren wir immer auf Platz 1. Das hat sie unsere Herzgeschwister aber nie spüren lassen.

An Eifersucht und negative Gedanken in Bezug auf die Pflegekinder, kann ich mich erst erinnern, als ich schon älter war. Es gab immer mal wieder Zeiten, in denen ich mir wünschte, meine Mama hätte einen „normalen“ Job. Nach Feierabend heim kommen und Zeit für mich haben. Frei haben an den Wochenenden. Manchmal wollte ich einfach nur das jüngste Kind sein, das Nesthäkchen, das nicht immer Rücksicht auf die ständig wechselnden, jüngeren Geschwister nehmen muss, die doch eigentlich nur Gäste bei uns waren. Die Freude bei der Ankunft eines neuen Herzgeschwisterchens blieb trotzdem immer. Und je älter ich wurde, desto mehr verstand ich, wie sehr diese kleinen Menschen uns brauchten und wie gut es uns dreien ging, weil wir in einer „normalen“ Familie aufwuchsen durften.

Wie hast du die Abschiede von den Herzgeschwistern erlebt?

Abschiede waren immer schwer. An die Zeit, in der ich noch kleiner war, kann ich mich natürlich nicht mehr wirklich erinnern. Aber später war es immer sehr traurig. Mehrere Monate oder gar Jahre jemanden bei sich aufnehmen, ihn zum Teil der Familie machen und ihn lieb gewinnen. Und dann muss er plötzlich wieder gehen. Und vermutlich sieht man ihn auch niemals wieder.

Aber genau wie die Vorbereitung auf ein neues Pflegekind, ist der Abschied immer ein wichtiger Bestandteil mit festen Ritualen gewesen. Auch heute noch, schreibt meine Mama für jedes Kind ein kleines Büchlein über die Zeit bei uns/ihr und persönliche Gewohnheiten. Dazu gestaltet sie ein Fotobuch und oft auch eine Erinnerungskiste. Liebevoll packt sie jedes einzelne Mal persönliche Dinge zusammen, wie Lieblingsspielsachen, Fläschchen und Pflegeprodukte und Kleidung. Meine Herzgeschwister hatten bei ihrer Ankunft oft nicht einmal eigene Kleidung und sie gingen meist mit einem ganzen Umzugskarton an persönlichen Sachen.

Die Gefühle beim Abschied waren aber unterschiedlich intensiv. Es gab Kinder, die man mehr ins Herz geschlossen hat als andere. Meist waren es die, die es besonders schwer hatten oder aus sehr schweren Verhältnissen kamen. Und eine Rolle spielte natürlich auch, welchen Weg die Zukunft für das jeweilige Kind nahm.

Für Außenstehende mag es vielleicht befremdlich klingen, aber es war sehr viel schwieriger, Kinder gehen zu lassen, die zurück in ihre Herkunftsfamilie kamen (denn sie waren ja nicht ohne Grund bei uns), als solche, die eine neue Familie bekamen (denn dort konnte man sich sicher sein, dass alles nur Mögliche getan wurde, dass es dem Kind an nichts fehlte). Die meisten Kinder wechselten von der Kurzzeitpflege bei uns zu einer Dauerpflegefamilie, hin und wieder auch mit Aussicht auf Adoption.

Habt Ihr heute noch zu einigen Kindern Kontakt?

Zu einigen ehemaligen Pflegekindern und deren Familien hat meine Mutter bis heute den Kontakt gehalten. Die Kinder wissen dann auch, dass sie einige Zeit ihres Lebens bei ihr/uns verbracht haben. Für sie ist es sehr schön zu sehen, was aus ihren einstigen, kleinen Sorgenkindern geworden ist. Zum Teil sind die Pflegekinder von damals heute schon selbst Eltern geworden.

Ich bin heute 34 nun schon seit 7 Jahren selbst Mutter. Die Pflegekinder, die meine Mutter heute aufnimmt, haben nicht mehr den Charakter eines Geschwisterkindes für mich. Dennoch ist es für mich und meine Familie immer schön, wenn ein Herzkind bei meiner Mama lebt. Und auch über die Entfernung versuchen wir, ein Stück Familie oder auch Freunde für das jeweilige Kind zu sein.

Wenn Hilfe nötig ist, sind wir jederzeit da, zu Geburtstagen der Kinder feiern wir zusammen und für mich ist es selbstverständlich, dass es an Weihnachten und Ostern auch für diese kleinen Menschlein ein Geschenk gibt. Solange sie bei meiner Mama leben, sind sie Teil der Familie. Und so wird es immer sein.

Gab es Herzgeschwister, die Die besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Es gibt nicht DAS Kind, was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist. Vielmehr sind es die Gründe, warum sie zu uns kamen. Ich kann mich nicht mehr an jede Geschichte erinnern, aber vieles vergisst man natürlich nicht. Gerade seit ich selber Mutter bin, muss ich sehr oft darüber nachdenken, dass nicht jedes Kind einen so positiven Start ins Leben hat,wie meine eigenen.

Ich erinnere mich z.B. an ein Kind, das nicht einmal einen Namen von seiner Mutter bekam. Es hatte also keine Identität. Die Schwestern im Krankenhaus gaben ihm dann seinen Vornamen. Oder der kleine Junge, der zu uns kam, in schmutzigen und übel riechenden Sachen, der außer drei nach Zigarettenrauch riechender Schlafanzüge rein gar nichts besaß.

Oder das Mädchen, das viele, viele Monate brauchte, um Vertrauen zu anderen Menschen zu fassen, weil es völlig verängstigt war. Es gab Babys, die bereits einen Drogenentzug hinter sich hatten und solche, die bitterlich weinten, wenn sie bei einem Besuchskontakt ihre leiblichen Eltern sahen.

So viele Geschichten, so viele verschiedene Schicksale. Und die damit verbunden Mütter, die ihre Kinder nicht behalten konnten, nicht behalten durften, nicht behalten wollten. Mütter, die alles taten, um ihre Kinder wieder zu bekommen, Mütter, die zu keinem Besuchskontakt erschienen, Mütter die ihre Kinder freiwillig her gaben, Mütter, denen ihre Kinder genommen worden oder werden mussten. Mütter die erst ihr eigenes Leben bereinigen mussten oder solche, die jenes beenden wollten.

Was hast du durch diese Geschichten für dich gelernt?

Ich habe von klein auf vieles miterlebt. Viele Facetten des Lebens habe ich gesehen. Und daraus habe ich vor allem gelernt, meinen eigenen Kinder immer die beste Mutter zu sein, die ich irgendwie sein kann. Und in dieser Einstellung ähnele ich meiner Mama, worauf ich sehr stolz bin. Sie hat so viel Gutes getan mit ihrer Arbeit und tut es noch immer. Im nächsten Monat wird sie 60 Jahre alt und ein Ende ihrer Arbeit ist noch lange nicht in Sicht. Denn ohne diese Kinder würde sie wohl ihren Lebensinhalt verlieren.

Könntest du dir auch vorstellen, ein Pflegekind aufzunehmen?

In die Fußstapfen meiner Mama zu treten, kann ich mir durchaus vorstellen. Das ist sogar immer mal wieder Thema in meiner Familie. Allerdings würde das erst in Frage kommen, wenn meine Kinder älter sind. Mit 7, 3 und 1 Jahr sind sie in meinen Augen noch viel zu jung, denn sie nehmen mich 24/7 voll und ganz in Anspruch. Sie müssen ihre Eltern ja schon mit ihren Geschwistern teilen. Noch mehr „Konkurrenz“ muss nicht sein. Außerdem bin ich mit den Dreien absolut ausgelastet und könnte einem kleinen Herzkind derzeit überhaupt nicht gerecht werden.

Wenn sie aber alle 3 Schulkinder sind, weiß ich schon jetzt, wird sehr wahrscheinlich auch bei mir eine Leere entstehen. Vielleicht ist es dann an der Zeit, einem kleinen Herzkind ein Zuhause auf Zeit in unserer Familie zu geben.

Was braucht man deiner Meinung nach, um ein Pflegekind aufzunehmen?

Vor allem das Bewusstsein, dass das ganze zeitlich begrenzt ist. Nicht jeder schafft es, ein fremdes Kind in sein Leben und vor allem in sein Herz zu lassen, es zu behandeln, wie sein eigenes und es dann wieder loszulassen, ohne daran zu zerbrechen. Ein schmaler Grad.

Man muss außerdem bedenken, dass die Kinder, wie jung sie auch sein mögen, alle ihr „Päckchen“ mitbringen. Ob auf Drogenentzug, oder psychisch/physisch beeinträchtigt, alles kann dabei sein. Damit muss man umgehen können. Und damit verbunden sind auch viele Verpflichtungen, wie Arztbesuche oder Therapien, Gespräche mit dem Jugendamt und auch meist regelmäßige Besuchskontakte mit den leiblichen oder zukünftigen Eltern. Das alles ist nicht einfach, vor allem, weil man auch nirgendwo ein wirkliches Mitspracherecht hat.

Man sollte also emotional gefestigt sein und ein möglichst sicheres, familiäres Umfeld haben. Auch die finanziellen Möglichkeiten sollten gegeben sein. Ein Vollzeitjob oder überhaupt ein Job ist als Pflegemutter (zumindest von sehr kleinen Kindern) kaum möglich. Also sollte der (Ehe)Partner ein ausreichendes Einkommen haben. Ein Gehalt gibt es als Pflegemutter nicht. Eher eine Aufwandsentschädigung. Das sollte meiner Meinung nach anders laufen (aber das ist hier nicht das Thema…)

Abschließend kann man sagen, dass Pflegemutter/vater zu sein schon eher eine Berufung ist, als ein Beruf. Pflegemutter/vater sein heißt, alles zu geben für ein Kind – vor allem Gefühle, Nähe und Verständnis.

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