Interviews

21/09/2018 - 23:15

Stadt-Mama Katharina

Interview mit Steffi: Wie ich durch Pflegekinder doch noch Mutter wurde

Liebe Steffi, Du bist eine Pflegemutter. Wer gehört denn alles zu Eurer Familie?

Meine Familie besteht aus meinem Mann Björn, unserer Tochter (6,5 Jahre),  unserem Sohn (fast 2 Jahre) und mir. 

Ihr habt keine leiblichen Kinder, sondern zwei Pflegekinder. Wie kam es dazu?

Wir waren ganz frisch verheiratet und in Babyplanung, als sich raus stellte, dass ich Tumore am Eierstock habe. Björn brachte mich damals mit den Worten ins Krankenhaus: „Mach dir keine Sorgen, wir werden Kinder haben. Es müssen ja keine leiblichen sein." Und so kam es auch. 

Für viele Paare, die keine eigenen Kinder bekommen können, steht dann Adoption an erster Stelle. Habt Ihr auch darüber nachgedacht?

Ja, kurz nach meinem Krankenhausaufenthalt habe ich uns bei einem Adoptions-Infoabend im Jugendamt angemeldet. Björn war anfangs abolut pro Adoption und gegen ein Pflegekind - er hatte einfach Angst, man könnte uns das Pflegekind einfach irgendwann wieder wegnehmen. Zu dem Infoabend sind wir mit der naiven Vorstellung gegangen, dass wir ja was Gutes tun wollen uns die ganze Welt schon auf uns wartet. Da hatten wir uns mächtig getäuscht - auf 800 Kinder kommen gut 6000 bereits geprüfte Elternpaare. Da mussten wir erstmal ganz schön schlucken.

Wie ging es dann weiter?

Ich bin mit einer Nachbarin, die bereits ein Pflegekind hatte und somit viel Erfahrung, spazieren gegangen. Sie hat mir sehr viel über Pflegekinder erzählt. Als ich zu Hause war, habe ich alles mit Bjorn besprochen. Danach habe ich das Jugendamt angerufen und mich nach dem nächsten Infoabend für Pflegeeltern erkundigt. Wie der Zufall es wollte, war am selben Abend noch eine Veranstaltung. Wir sind also hin, hörten uns alles an und wussten: Das machen wir. Innerhalb von drei Wochen hatten wir alle erfolderlichen Unterlagen zusammen und an das Jugendamt verschickt. Wir machten eine Fortbildung und hatten einige Termine beim Jugendamt. Dann hieß es: Warten. 

Wann kam das erste Kind dann zu Euch? Und in welchem Zustand war es?

Nach einigen Monaten kam der ersehnte Anruf, dass ein kleines Mädchen ein neues Zuhause sucht. Sie war fünf Monate alt und war als Frühchen in der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen. Wir haben zugesagt und dann erstmal die leiblichen Eltern und später auch das Kind getroffen. Danach gab es eine sogenannte Anbahnung, in diesen drei Wochen konnten die Kleine und wir uns kennenlernen. Zwei Monate nach dem Anruf ist sie dann aus der Bereitschaftspflege bei uns eingezogen. Uns fiel auf, dass sie irgendwie in ihrer eigenen Welt war. Die ersten Monate haben wir sie fast nonstop getragen, mein Mann sagte immer, das Mädchen müsse Nähe auftanken. Wenn man ihre Geschichte kennt, klingt das logisch. Sie kam ja als Frühchen zutr Welt, ihre leiblichen Eltern sind ab dem dritten Tag einfach nicht mehr ins Krankenhaus gekommen. Die Kleine musste sich also durch diese schwere Zeit ganz alleine kämpfen. Auch wenn die Ärzte und Pfleger sicher alles getan haben - sie können eben nicht Mama oder Papa ersetzen. Heute ist klar, dass das ein Trauma hinterlassen hat. Sie tut sich schwer mit emotionalen Bindungen.

Wann kam dann Euer Sohn zu Euch?

Am Freitag vor dem ersten Advent 2016 kam der ersehnte Anruf, dass es da einen sieben Wochen alten Jungen gibt. Montag waren wir beim Jugendamt und haben ihn das erste Mal gesehen. Schon am nächsten Freitag ist er bei uns eingezogen. Er macht sich super, ist fröhlich und gesund und verzaubert jeden mit seinem Lachen.

Was meinst Du: was brauchen Pflegekinder am meisten?

Sicherheit, Zuverlässigkeit, unglaublich viel Liebe. Und auch sehr viel Verständnis, die Bereitschaft sie so anzunehmen, wie sie eben sind. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, dass man die Herkunftsfamilie akzeptiert und sie nicht verteufelt. Irgendwann wird das Kind sich mit seinen leiblichen Eltern auseinander setzen.

Kommt Ihr manchmal an Eure Grenzen?

Ja, wir kommen - gerade auch bei der Großen - regelmäßig an unsere Grenzen. Sie hat aufgrund ihrer Vergangenheit eine sehr geringe Frustrationstoleranz und explodiert regelmäßig. Sie „funktioniert“ eben nicht wie die meisten anderen Kinder. Sie braucht für vieles deutlich länger und mittlerweile ist ihr das auch bewusst. Das wiederum lässt sie dann noch mehr an sich selber zweifeln. Um sie besser zu unterstützen machen wir viele Fortbildungen. Zurzeit mache ich eine Sonderpädagogische Fortbildung. Zudem besuchen mein Mann und ich seit einem Jahr einen sogenannten Step-Elternkurs, speziell für Pflegeeltern.

Was sind Eure Rechte und Pflichten als Pflegeeltern?

Unsere Pflichten sind keine anderen als bei leiblichen Eltern auch. Unsere Rechte hingegen sind immer ein Stück weit davon abhängig, wo das Sorgerecht liegt. Bei der Großen liegt das Sorgerecht komplett bei den leiblichen Eltern. Der Kleine hat momentan einen Vormund. 

Wenn das Sorgerecht noch bei den leiblichen Eltern liegt, müsst Ihr Euch bei Alltagsentscheidungen wie Impfen oder in welche Kita das Kind gehen soll, das Einverständnis der Eltern holen...

Das stimmt. Das war bei uns bisher kein Problem - weder beim Impfen, noch bei der Kita-und Schulwahl. Für Klassenfahrten und OPs haben wir auch die Erlaubnis der leiblichen Eltern. Sollten wir außerhalb Europas Urlaub machen, müssten wir allerdings nochmal nachfragen und eine schriftliche Bestätigung, dass wir die Kinder mitnehmen dürfen. Das hört sich jetzt nach viel Aufwand an, ich empfinde es aber nicht so, denn im Verhältnis ist es doch recht selten, dass man sich mit den leiblichen Eltern kurzschließen muss. 

Wie lange werden die Kinder bei Euch bleiben?

Beide Pflegeverhältnisse sind auf Dauer angelegt. Das ist, wenn man nicht bewusst Bereitschafts- oder Kurzzeitspflege hat, eigentlich die Regel. Über 90% der Kinder, gehen NIE wieder zurück zu den leiblichen Eltern. 

Sind die leiblichen Eltern der Kinder bei Euch zu Hause Thema?

Ja, wir haben mit der Großen gerade aktuell das Thema. Man muss es immer altersgerecht besprechen und am Besten dann, wenn das Kind das Bedürfnis danach hat. Wir finden ganz wichtig, dass es kein Tabu Thema ist. Wenn die Kinder fragen, stellen sie sie einfach und wir agieren aus dem Bauch heraus. Allerdings sprechen wir nie böse über die leiblichen Eltern, das steht uns nicht zu. Letztenendes müssen die Kinder sich später selbst ein Bild von ihren Eltern machen. 

Welche Voraussetzungen muss man haben, um ein Pflegekind aufnehmen zu können?

Um Pflegeeltern zu werden, sollte die Partnerschaft länger als 3 Jahre bestehen. Man sollte ein geregeltes Leben und einen Job haben. Es wird ein polizeiliches Führungszeugnis angefordert und auch sonst macht man sich ziemlich "blank" - was sinnvoll ist, damit die Kinder wirklich in gute Familien kommen. Man sollte natürlich bereit sein, mit dem Jugendamt und auch bis zu einem gewissen Punkt mit der Herkunftsfamilie zusammen zu arbeiten.

Was hast Du aus der Pflegeelternschaft gelernt? 

Man wird toleranter, ein Pflegekind ist immer auch ein Stück weit wie ein Überraschungsei - wobei das bei leiblichen Kindern ja genau ist. Man muss sich einfach auf das Pflegekind einlassen. Unsere Entwicklung finde ich wunderbar: Wir waren uns fremd und nun sind wir eine Familie. Ich liebe sie und sie sind meine Kinder. Ich möchte Mut machen: Familie muss nicht immer bedeuten, dass es leibliche Kinder sind. 

Foto: Pixabay

 

Tags: Pflegekinder, Pflegemutter, Pflegeeltern. Adoption, Familie, Jugendamt

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Kommentare

Sabrina — Sa, 09/22/2018 - 08:33

... Für den sehr informativen Artikel. Uns interessiert das Thema Pflegeeltern sehr da wir auch darüber nachdenken statt einem eigenen dritten Kind evtl. Ein Pflegekind zu "bekommen". Hat hier jemand Erfahrung? Platz und Kapazitäten haben wir, aber das ist ja nur der äußerste Faktor, natürlich spielen hier aber nicht nur wir eine Rolle sondern auch die "Großen". LG

Ruth — Sa, 09/22/2018 - 21:09

Mein Mann und ich haben seit zwanzig Jahren Pflegekinder im Hause wohnen.Wir haben keine leiblichen Kinder,daher sind wir mit einer siebenjaehrigen Adoptivtochter angegangen.Danach kamen noch drei Pflegekinder dazu.Natuerlich muessen leibliche Kinder voll hinter dieser Entscheidung stehen,da die fremden Kinder sehr viel Aufmerksam brauchen.Wenn ihr derMeinung seit das die Kraft bei euch reicht und ihr beide Parteien gleich viel liebe geben koennt ,holt euch eins.Es ist wunderbahr anzusehen und zu spueren wenn man merkt wie die ersten Erfolge eintreten.Ich wuensche euch dabei viel Kraft und viel Freude.

Susanne Bregenzer — Sa, 09/22/2018 - 12:10

Hallo liebe Steffi und liebe Katharina! Ein toller Beitrag und ich finde es schön, dass hier das Thema Pflegefamilie zwar positiv aber nicht in rosa Watte gepackt wird. Ich beschäftige mich schon lange mit dem Thema und man hat eben zuerst rosa Einhörner im Kopf und landet dann unsanft auf der Erde. Horrorszenarien entstehen vor dem inneren Auge... ihr habt das Thema sehr bescheiden und realistisch gefasst, danke dafür

Adelheid Weber — Sa, 09/22/2018 - 12:26

Ich habe 1980 mit einem 81/2 Monate alten Jungen angefangen und bis vor zwei jahren keine minute ohne fremdes kind gelebt .Es war oft stressig ich möchte aber keine Minute noch Tag missen. Ich habe mir immer klar gemacht das auch meine eigenen Kinder kein Engelchen sind .Meinen Kindern hat eins gefehlt und das sind die negativen Erfahrungen im Elternhaus .Schreibt eure Sorgen und Eindrücke .bin gerne bereit mich zu äußern Grüße A..Weber

Herbert Herrmann — Sa, 09/22/2018 - 18:28

Hallo, wir haben unsere Kleine , jetzt 11, mit einem Jahr aus dem Kinderheim bekommen. Unsere Kinder waren damit alle beide einverstanden und als große Schwestern super. Überraschungsei ist aber richtig. Das Jugendamt hat vergessen ( aus Datenschutzgründen ) zu erwähnen das die leibliche Mutter Alkohol umd Drogen in der Schwangerschaft konsumiert hat. Dadurch haben wir ein entwicklungsverzögertes, traumatisiertes Adhs Kind mit Diagnose Beginn Borderline mit Pflrgegrad 2 zu Hause. Wir lieben sie, aber es ist sehr schwer und bringt uns an unsere Grenzen. Physisch und psychisch. Das Jugendamt ist wenig hilfreich, um alles muss man kämpfen. Für einen speziellen Heimplatz müssten die das zehnfache zahlen. Aber trotz allem ist sie ein ganz spezielles Geschenk und wir lieben sie.

Steffi — Sa, 09/22/2018 - 21:05

Hallo Herbert, welche Stufe habt ihr denn innerhalb des JAs? Unsere hat Pflegegrad 3 und innerhalb des JAs gilt sie als Sozialpädagogische Vollzeitpflege. Ich habe nun auch lange kämpfen müssen und darf nun endlich an einer Fortbildung für Sonderpädagogik teilnehmen. Man hätte euch die Daten der Eltern geben müssen! Denn das ist jetzt halt entscheidend, das war kein Schutz der leiblichen, das war wieder mal eine Aktion vom JA, Hauptsache das Kind ist preiswert untergebracht... Denn ein Heimplatz ist wie du schon sagst um längen teurer... Sehr Verantwortungslos von eurem JA! Bleibt stark! Solange es geht... Lg

Meike — So, 09/23/2018 - 12:50

Ich bin 32 und selber Sozialpädagogin. Meine Mutter hat seit inzwischen 12 Jahren Pflegekinder, aktuell das 2. Und 3., davor seit ich zwei bin immer mindestens 2 Tagespflegekinder. Gefühlt ist nur der erste Pflegesohn mein Bruder. Obwohl er inzwischen im betreuten Wohnen ist, haben wir regelmäßig Kontakt. Ich habe vor der Arbeit meiner Eltern großen Respekt und finde es toll, dass es Paare gibt, die diese Arbeit leisten. Ich muss aber auch ganz klar sagen, dass meine beiden leiblichen Brüder und ich dabei oft zurückstecken mussten. Wir haben alle 3 zugestimmt und würden es alle 3 nicht nochmal tun, obwohl wir die Pflegekinder gerne mögen. Auch für meine Töchter ist es heute oft schwierig, dass Oma und Opa Kinder haben, die nicht viel älter sind, aber eben auch massive Verhaltensoriginalitäten aufweisen, dass sie Oma und Opa nie für sich allein haben und immer Rücksicht nehmen müssen. Daher an alle, die überlegen, Pflegekinder aufzunehmen: überlegt es euch gut, denn es ist mit vorher nicht überschaubaren Einschnitten verbunden.

Andre — So, 09/23/2018 - 22:16

Ihr seit alle äußerst engstirnig mit eurer Argumentation. Ich selbst bin Pflegekind gewesen und das ab 1,5 jahren heute bin ich 31... leider wird mir der Kontakt mit dem Jugendamt und meinen Problemen von vor 21(!!!) Jahren zum Verhängnis. Ich habe heute Arbeit verdiene gutes Geld habe keine suchtprobleme und doch bin und bleibe ich für das Jugendamt der Psychisch kranke 9 Jahre alte junge von damals... ein Leben ohne Jugendamt ist einmal mit ihnen in Kontakt gekommen wie HIV. Sie bleiben ein Leben lang weil sie zwei Worte aus der Akte lesen (Letzer Eintrag vor 15 Jahren) und glauben zu wissen wenn sie vor sich haben... Keiner sollte sich Pflegekinder wünschen und schon keinen Kindern wünschen Pflegekind zu werden... Man sucht sich zumindest bis zu einem gewissen Zeitpunkt sein Leben nicht aus...

Furiosa — Di, 09/25/2018 - 11:23

Da ich selber Pflegekind war (ich benutze als 33-jährige Frau bewusst die Vergangenheit) interessiert mich, inwiefern du nicht vom Jugendamt loskommst mit 31 Jahren? Nachdem ich meine Hochschulreife erlangt habe, habe ich nie wieder etwas mit dem Jugendamt zu tun gehabt. Mittlerweile arbeiten dort auch ganz andere Menschen. Wieso findest du die Argumentationen engstirnig? Hier habe ich nirgends gelesen, dass Kindern gewünscht worden ist Pflegekind zu werden. Meine Pflegemutter ist im Übrigen Pflegemutter geworden, weil sie selber keine Kinder hätte bekommen können.

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