Attachment Parenting: „Vernachlässigt lieber den Haushalt als die Kinder“, rät Frauke Ludwig

schwarzludwigpeter 665x435 - Attachment Parenting: "Vernachlässigt lieber den Haushalt als die Kinder", rät Frauke Ludwig - Frauke Ludwig begleitet Familien bedürfnisorientiert. Wie das geht, ohne dass sich Mütter selbst verlieren? Das hat sie und erzählt.

Ihr Lieben, manchmal sitzt man durch Zufall mit Menschen zusammen an einem Tisch, die sich im Laufe des Abends zu großartigen Gesprächspartnern mausern. Frauke (auf dem Foto links mit dunklen Haare) ist so eine Person.

Wir haben uns beim Abendessen des Jako-o-Familienkongresses gegenübergesessen und waren schließlich die letzten auf der Tanzfläche, OBWOHL Frauke die Eröffnungsrede am nächsten Tag vor 500 Personen halten musste. Denn Frauke leitet zusammen mit Diana Schwarz (rechts auf dem Foto) die Trageschule Hamburg und das Kursportal Einfach Eltern.

Die bedürfnisorientierte Begleitung von Familien steht bei ihrer Arbeit immer im Fokus. Sie bilden Trageberaterinnen und BabySteps-Kursleiterinnen aus, beraten Hersteller von Tragehilfen und weil das natürlich neben den eigenen Kindern noch nicht reicht, sind sie auch noch Initiatorinnen des Attachment Parenting Kongresses.

Liebe Frauke, manchmal glauben wir als Eltern, unser Kind sei kaputt. Weil wir Erwartungen haben und dann doch alles ganz anders kommt. Manchmal unterstellen wir unseren Kindern sogar Gemeinheiten – obwohl sie doch eigentlich nur unsere Hilfe brauchen… wie können wir damit umgehen?

Lesen, lesen, lesen. Oder auch gerne unseren Youtube-Kanal anschauen oder anderen Menschen zuhören, die sich damit befassen, warum Kinder so sind wie sie sind. Bindungs- und beziehungsorientiert 😉
Warum? Weil wir dann verstehen, wieso unsere Kinder sind wie sie sind und warum sie sich so anders verhalten als wir es manchmal gerne hätten und warum das auch okay ist.

Es ist zwar nicht weniger anstrengend, aber wenn ich weiß, dass mein Kind es eben wirklich nicht absichtlich macht und es sogar gute Gründe gibt – dann kann ich mein Kind wertschätzender sehen und behandeln. Das wünsche ich mir sehr <3

Ein Beispiel: Mein Kind ist 4 Jahre alt, ich komme ins Wohnzimmer und sehe gerade eben noch, dass meine Tochter mein Handy in der Hand hat und es runterfällt. Ich habe vorher natürlich zigmal gesagt, dass das Handy bitte nicht zum Spielen da ist etc. Meine normale Reaktion: Ich schimpfe! „Na super, jetzt ist das Handy kaputt, ich hab dir doch gesagt, …! Ich bin stinksauer…“

Meine Tochter sieht mich erschrocken aber nahezu entrüstet an und sagt: „Ich war das nicht!“ Die meisten Menschen würden jetzt meiner Tochter unterstellen, dass sie genau weiß, was sie getan hat und jetzt auch noch „frech lügt“.

Meist kommen dann noch weitere Schimpfarien der Eltern, dass das Kind jetzt auch noch lüge und am besten jetzt mal in sein Zimmer geht und erst wieder rauskommt, wenn es wieder lieb ist, oder so ähnlich. Was aber tatsächlich der Fall ist: Kinder in dem Altern und darüber hinaus stecken in der sogenannten magischen Phase und reimen sich in bestimmten Situationen ihre Welt so zusammen, wie es für sie passt.

In einem solchen Moment beispielsweise, war das Runterfallen des Handys viel zu krass für meine Tochter, weil sie das natürlich nicht wollte und erschrocken war. Ihr Gehirn spaltet sich davon ab und in ihrer Welt war sie es dann tatsächlich nicht. (Es gibt Kinder, die stehen mit – im Schritt – nasser Hose vor einem und behaupten, sie seien das nicht gewesen!)

Das Ende vom Lied ist jetzt: Mein Kind fühlt sich ganz schlimm behandelt, ich fühle mich hingegen belogen und wir sind alle nicht mehr in Beziehung. Wie kann ich es anders machen?

Als allererstes habe ich dafür zu sorgen, dass meine Tochter gar nicht an mein Handy kommen kann, um solche Momente schon von vornherein zu eliminieren. Und dann ist es natürlich unfassbar gut, wenn ich weiß, dass mein Kind das nicht wollte und sich aus der Situation nimmt, weil es in dieser Phase der Entwicklung so agieren kann, wenn der Moment es erfordert.

Dann weiß ich damit umzugehen, meckere vermutlich eher mit mir, warum ich das Handy nicht weggeräumt habe und tröste vielleicht noch mein Kind, weil ich es ganz anders sehe. Wir sind in Beziehung <3

Mit EinfachEltern berätst du viele junge Mütter: Was sind ihre größten Sorgen im Alltag – und wie kann sich die Situation für junge Eltern verbessern?

Die größte Sorge ist vermutlich, dass Eltern denken, wenn sie die Kinder nicht schon früh erziehen, sie später im Leben nicht zurechtkommen. Verwöhnen spielt hier eine große Rolle – also die Angst, dass man sich eine „verwöhnte Rotzgöre“ heranzieht, wenn man immer „zu liebevoll“ ist.

Dass Kinder aber ewig nicht manipulativ denken und handeln können (erst mit dem sogenannten Schulalter, was übrigens ein Grund dafür ist, sie dann auch erst einzuschulen) und dass wir daher eigentlich nur unsere Verlässlichkeit beweisen, wenn wir immer „springen“, das weiß kaum jemand.

Genau da setzen wir mit Einfach Eltern und den BabySteps Kursen an. Aufklärung über unsere Spezies, die tatsächlich mega spannend ist.

Scheitern viele Mamas an ihren hohen Ansprüchen an sich selbst?

Wenn man bindungs- und beziehungsorientiert lebt (nicht, weil es ein Programm ist, sondern weil man es wirklich liebt und lebt), ist es die ersten Jahre vielleicht anstrengender als für Eltern, die von vornherein ihr Kind in allen Richtungen reglementieren, weinen lassen, Schlafprogramme durchführen, womöglich schon die ersten Klapse verteilen. Diese Kinder werden vermutlich angepasster, leiser, gehorsamer, etc.

Die Frage ist aber – wünschen wir uns diese Attribute für unsere Kinder, wenn sie erwachsen sind? Oder wünschen wir uns selbstbewusste, neugierige, kreative erwachsene Kinder, die sich mögen und in sich vertrauen?

Aber zurück zu der Frage – wenn wir die ersten Jahre, auf die es nachweislich ankommt, viel investieren in unsere Kinder, dann haben wir es später wesentlich leichter, denn der Grundstein ist gelegt. Das Vertrauen in uns, lässt unsere Kinder selbständig werden.

Sie kommen in der Schule vermutlich besser mit und bereiten in den Jahren ab 6 vermutlich weniger Probleme als ihre Altersgenossen. Somit kann ich nur sagen: Buttert ordentlich rein in den ersten Jahren, springt bei jedem Weinen, seid da für eure Kinder in jeglicher Situation, wenn sie euch brauchen und ja – das ist vielleicht anstrengend, aber es lohnt sich!

Es gibt hier zahlreiche Untersuchungen, dass die ersten Lebensjahre entscheidend sind für all das, was danach kommt. Gestärkte Kleinkinder werden zu starken Erwachsenen! Was man vielleicht vernachlässigen kann, ist der Haushalt und dass man immer perfekt aussieht – das kommt alles wieder 😉

Woher meinst du kommt unsere große Verunsicherung im Umgang mit unseren Babys? Denn natürlich finden wir es Quatsch, wenn die Schwiegermutter warnt, wir könnten unser Kind verwöhnen – nachdenken tun wir dann aber trotzdem drüber…

Das sitzt einfach in unseren Zellen. Man wird ja quasi mantramäßig damit groß: „Pass auf, sonst wickelt er dich um den kleinen Finger“, „Wenn du jetzt springst, dann merkt sie sich das“, etc. Anfangs können wir das gar nicht verstehen, wenn die Babys frisch auf der Welt sind.

Aber einige Monate später, wenn die kleinen Muckis wacher werden und schon sehr früh zeigen, was sie wollen, wie zum Beispiel auf keinen Fall mehr im Arm liegen, sondern aufrecht getragen werden, mehr sehen wollen, die Welt entdecken…

Dann fordern sie das ganz klar und deutlich ein. Noch einige Zeit später kommen richtiggehende Wutanfälle dazu, auf den Boden werfen vor lauter Unglück, dass es kein zweites Eis gibt, etc. Das sind die Momente, wo ein Teufelchen auf unserer Schulter sitzt und flüstert, dass man jetzt vielleicht doch mal anfangen sollte, zu erziehen…

Weil man die Sorge hat, dass die Kinder zu den Tyrannen werden, von denen man so oft gehört hat. Und dann ist es fantastisch so viel wie möglich über diese Zeit und Phasen zu wissen. Dann versteht man, warum die Kinder so sind, dass sie gar nicht anders können und dass es sogar ein Kompliment an uns ist, wenn sie so ausflippen! Denn sie trauen sich.

Sie haben keine Angst vor uns, sondern fühlen sich in Sicherheit bei uns. Dass Kinder erst mit Eingang des sogenannten Schulalters überhaupt strategisch denken können, weiß kaum jemand. Die meisten Menschen unterstellen den Kindern das schon in der Autonomiephase, dass sie Dinge absichtlich tun. Ist aber nicht so – sie können es schlichtweg nicht!

Wie gut, das zu wissen. Wir können sie mit Liebe und Aufmerksamkeit und Trost überschütten, sie werden es nicht „gegen uns“ verwenden. 😉

Nun lebst du Attachment Parenting (AP), hast sogar einen Kongress zum Thema ins Leben gerufen, was genau definiert für dich bedürfnisorientierte Erziehung?

Kinder sind in unserer Familie komplett gleichwürdig! Wir gehen wertschätzend, liebe- und respektvoll miteinander um. Wir leben beziehungsorientiert und mit viel Spaß. Das ist für mich das Grundgerüst und keines Falls laissez-faire.

Wir bauen keine künstlichen Grenzen, weil das Leben da draußen vielleicht kein Ponyhof ist, sondern haben unsere eigenen, ganz individuellen. Bei uns zu Hause gibt es beispielsweise auch für die Kinder jederzeit freien Zugang zu Naschis, bei dem Papa meiner Kinder eher nicht.

Wir drehen hier die Musik schon mal laut auf, die Oma der Kinder kann das überhaupt nicht leiden. Ich mag es gerne aufgeräumt, Freunde von mir sind da ganz anders. So lernen die Kinder kennen, dass Menschen verschieden sind und sie auch sie selbst mit ihren eigenen Eigenheiten sein dürfen.

Ich ziehe meine Kinder in keine Richtung, ich schaffe nur den Rahmen, in dem sie sich sicher bewegen können. Entdecken sollen und dürfen sie allein. Und dafür muss man sich trauen dürfen und in einer angstfreien Umgebung groß werden. Sonst wird man kein Gestalter oder Entdecker – höchstens auf einem steinigeren Umweg.

Nun gibt es zu AP etliche Vorurteile, zum Beispiel, dass Mütter sich selbst durch dieses Modell aufgäben für die Kinder, weil Familienbett und Tragen und Langzeitstillen ja dringend notwendig sei… was entgegnest du dem?

Dass sie das dann bitte nicht tun sollen, wenn sie das so überhaupt nicht wollen. Bindung entsteht nicht nur durch CoSleeping, ständiges Stillen und Tragen, sondern vor allem dadurch, dass ich mein Kind sehe, es nicht weinen lasse, es in seiner Not erkenne, tröste, kuschel und es im besten Falle mit Liebe überschütte.

Da Babys/Kinder aber am liebsten bei ihren Eltern – schon aus dem Sicherheitsaspekt heraus – schlafen wollen, am liebsten auf dem Arm sind und wirklich am liebsten ewig stillen würden, ist es schwierig, wenn ich das selbst so gar nicht will. Dann muss ich vermutlich mein Leben viel mehr umkrempeln, denn ich muss ja ständig nachts zum Babybett gehen, um sofort zu trösten.

Ich muss mit dem Kinderwagen immer wieder anhalten, das Baby kurz rausnehmen und beruhigen, um es dann wieder hineinzulegen, etc. Wenn Babys Milch einfordern hat es einen Grund und sollte gestillt werden – auch mit der Flasche gibt es keine Fütterungszeiten (außer bei 2er Milch, die man eh nicht nutzen sollte, weil sie mit Zucker versetzt ist) und das kann anstrengender sein, als AP zu leben und das alles ganz einfach nebenbei zu erledigen.

Man schläft nachts besser, die Kinder weinen bis zu 50% weniger, wenn sie getragen werden und sind natürlich zufriedener, wenn sie keinen Hunger haben müssen 😉

Was bedeutet Bindung für ein kleines Menschenleben?

Alles! Aber vor allem Sicherheit und dass sie mit dem Wissen durchs Leben gehen, dass sie sich auf ihre Eltern in jeder Lebenslage verlassen können. Menschen mit einer guten frühkindlichen Bindungsqualität haben im Erwachsenenleben enorme Vorteile, können besser Beziehungen und Freundschaften führen, Vertrauen aufbauen und haben ein besseres Bild von sich selbst.

„Spannend ist zudem, dass mittlerweile auch in der Medizin angekommen ist, in welchem Zusammenhang die frühkindliche Bindungsqualität mit späteren Erkrankungen wie Krebs, Rheuma, Herz- und Kreislaufleiden, etc. steht. Waren es sonst nur die Psychologen, so sind es jetzt auch die Allgemeinmediziner, die diesen direkten Zusammenhang durch verschiedene Studien nicht mehr leugnen können.“ K.H. Brisch

Und was bedeutet Bindung für uns als Mütter?

Wir haben manchmal Mamas in unseren Ausbildungskursen, die erst beim dritten Kind gemerkt haben, was eine tiefe Bindung ist, weil dieses dritte Baby so viel Nähe und Körperkontakt eingefordert hat. Sie beschreiben dann, dass sie all das, was sie sich dann aus der Not heraus beim letzten Kind angelesen haben, um zu verstehen warum dieses so anders ist, so gerne früher schon gewusst hätten.

Die großen Kinder wurden klassisch erzogen und jetzt sind die Mütter wirklich verzweifelt, weil man das kaum nachholen kann, wenn zu viel Zeit ins Land gegangen ist. Das ist harte Arbeit – aber es geht und es lohnt sich unbedingt.

Wer sich hier jetzt vielleicht von euch wieder erkennt – geht zu euren Kindern, sagt ihnen offen, dass man in vielen Punkten einfach zu wenig wusste und vieles heute anders machen würde. Man kann sich entschuldigen und ab heute versuchen, einen anderen Weg einzuschlagen.

Zudem ist es so, dass wenn wir eine gute Bindung zu unseren Kindern haben, wir in der Regel wesentlich entspannter und weniger genervt sind. Wir entwickeln quasi „Superkräfte“ und „Ninjaskills“ in Bezug auf unsere Kinder.

Unser Gehirn schüttet Oxytocin und Dopamin aus, was uns unfassbar glücklich macht. Und wenn man das alles weiß, kann man sich das wunderbar zunutze machen <3

Frauke Ludwig hat zusammen mit Diana Schwarz ein wundervolles Buch geschrieben, dass neben WOW MOM (hihi, na klra, Eigenwerbung ;-)) zu jeder Geburt verschenkt werden solte: Baby Basics: Alles, was ihr über euer Baby wissen solltet (Affiliate Links).

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5 Kommentare

  1. Ich bin fast ein wenig dankbar, für dieses Interview, zeigt es doch sehr deutlich, wie sehr unter den AP-Jüngerinnen ein extremes Schwarz-Weiß-Denken verbreitet ist und man sich nicht einmal zu blöd ist, Eltern, die dieser Ideologie nicht anhängen, schwere Erkrankungen im Lebenszyklus ihrer Kinder zu prognostizieren. Danke also für dieses sehr erhellende Interview.

    1. Du hast Recht, Carina. AP-Eltern sitzen gerne auf ihrem Thron und meinen die Wahrheit gepachtet zu haben.
      In meinem dörflichen Umfeld erziehen (ja, ich benutze dieses böse Wort) nahezu alle Eltern bedürfnisorientiert und beinahe niemand kennt den Begriff des AP…
      Ein bisschen mehr Pragmatismus schadet nicht als Eltern.

      1. Da bin ich aber froh! Ich dachte, nur ich finde das Interview total banal und in der aktuellen Situation absolut nicht passend.
        Danke den anderen Kommentatorinnen

      1. @y, darüber habe ich mich auch geärgert. In der aktuellen Situation, wo viele Homeoffice, Kinder, Haushalt unter einen Hut kriegen müssen und ggf. noch Existenzsorgen haben, finde ich das auch null zielführend. Ich habe AP außerdem bisher so verstanden, dass es hier um die Bedürfnisse ALLER Familienmitglieder geht. Das kommt hier gar nicht vor.

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