Auch Zwillinge sind Individuen: Warum die ständigen Vergleiche schaden

Foto Twins

Ihr Lieben, wir bei Stadt Land Mama haben ja auch ein Zwillingspärchen unter unseren Kindern: Lisas Söhne sind eineiige Zwillingsjungs – und die kennen sich mit diesen Vergleichen aus. Wer von euch ist denn der Ruhigere? Wer von euch ist sportlicher? Warum diese Vergleiche echt nerven und weshalb Außenstehende überhaupt ständig vergleichen wollen, erklärt die Zwillingsexpertin Ilka Poth, die selbst Zwilling ist, in diesem Gastbeitrag.

Warum Zwillinge verglichen werden

Alle Zwillinge werden wohl miteinander verglichen – und zwar von Geburt an! „Oh, wächst er schneller? Ist sie munterer? Es haben ja gar nicht beide diesen Leberfleck“. In der Kindheit und Jugend geht das weiter. Bei gegengeschlechtlichen Zwillingen mögen diese Vergleiche etwas weniger ausgeprägt sein als bei gleichgeschlechtlichen Zwillingen. Mit ihnen wird allein schon wegen ihrer körperlichen Unterschiede und verschiedenen Interessen von Anfang an anders umgegangen. Ähnlich wie mit Geschwistern mit Altersunterschied eben. Auch sie werden verglichen. Allerdings wird von ihnen kein ähnliches Verhalten erwartet wie von uns Zwillingen.

Vergleiche nehmen wir zunächst unbewusst wahr. Wir wachsen damit auf und kennen es nicht anders – sie gehören für uns irgendwie dazu. Warum wir von Eltern, Verwandten, Freunden, Klassenkameraden, Lehrern oder auch fremden Menschen verglichen werden, kann verschiedene Gründe haben:

1. Suche nach Unterschieden

Das Vergleichen passiert oft unbewusst. Schließlich will man uns auseinanderhalten. Allerdings hört die Suche nach Unterschieden (wie: wer von uns größer ist) und Gegensätzen (wie: einer ist redseliger als der andere) im Laufe unseres Lebens nicht mehr auf. 

Dabei werden getroffene Feststellungen leider nicht für sich behalten, sondern uns meistens stolz mitgeteilt. So folgen zum Beispiel auf die Frage „Wer von euch ist…?“ Feststellungen und Bewertungen wie „Ah, du bist die Größere oder Kräftigere von euch beiden.“ 

Werden kaum äußerliche Unterscheidungsmerkmale gefunden, wird nach Eigenschaften gesucht, die oft als gegensätzliche Positiv-negativ-Bewertungen ausfallen (z.B. leise-laut, lieb-frech, gut-böse). Wenn solche Bewertungen häufig genug wiederholt werden oder uns emotional treffen, führt das zu Stigmatisierungen und Etikettierungen. Die bleiben dann an uns haften und werden von uns verinnerlicht. 

Nun vergleichen uns aber nicht nur Außenstehende. Auch Eltern vergleichen uns. Das ist für uns noch schlimmer. Weil sich wegen unserer engen Eltern-Kind-Bindung solche Vergleichsurteile und Bewertungen als negative Glaubenssätze festsetzen. Davon wiederwegzu kommen ist sehr schwer und kann ab der Pubertät große Auswirkungen auf unsere Zwillingsbeziehung haben. 

2. Suche nach Ähnlichkeit und Gleichheit

Menschen sind oft von unserer Ähnlichkeit fasziniert. So werden wir Zwillinge in der Gesellschaft immer noch als etwas Besonderes angesehen – besonders eineiige. Das ist ein Grund, warum manche Eltern gerne die Ähnlichkeit ihrer Kinder, etwa durch gleiches Anziehen oder gleiche Frisuren, unterstreichen. Das bringt zwar mehr Aufmerksamkeit, fördert jedoch wieder das Stellen unschöner Vergleichsfragen. Außerdem werden dann unsere tatsächlichen Unterschiede, z.B. im Charakter und bei Interessen, nicht mehr gesehen und gefördert.

Wenn wir als eine Einheit gesehen werden, stellen sich ganz schnell einheitliche Erwartungshaltungen ein: an unser Verhalten, unsere Leistungsfähigkeit und -bereitschaft. Denn wir haben ja scheinbar die gleichen Voraussetzungen, wie gleiche Erbanlagen, gleicher Entwicklungsstand, usw. Unser intensives Zusammengehörigkeitsgefühl und unsere natürliche Ähnlichkeit verstärken das noch.

Das sind die Folgen von Vergleichen

Egal woher und warum wir verglichen werden. Vergleiche können weitreichende Folgen für uns haben, über die sich Eltern und Außenstehende bewusst sein sollten. 

1. Selbstvergleiche

Weil wir so oft Qualitäts- und Leistungsvergleichen ausgesetzt sind, fangen wir irgendwann selbst an, uns ständig miteinander zu vergleichen. Wir bewerten unsere Ergebnisse und spielen diese gegen uns aus, z.B. wenn wir uns streiten und uns verletzen wollen (du bist hässlicher, dicker, dümmer, etc.). 

Durch unser gegenseitiges Vergleichen treiben wir uns untereinander an, was nicht immer vorteilhaft ist. Gerade wenn es ums Aussehen, Figur und Karriere geht. Da wir uns das Verhalten schon sehr früh antrainiert haben, können wir es im Laufe unseres Lebens kaum wieder abstellen. Schließlich kann es einen Keil zwischen uns treiben und dazu führen, dass wir als junge Erwachsene nicht mehr zusammen sein können und wollen. Wir entfremden uns. 

2. Mangelnde Identitätsentwicklung

Werden wir ständig miteinander verglichen, stehen im Wettbewerb zueinander und werden als eine Einheit gesehen, können wir nur schwer herausfinden, wer wir ohne den anderen sind. Dadurch können wir als Teenager oder Erwachsene große Probleme miteinander bekommen, z.B. psychische Erkrankungen (wie Depressionen, Essstörungen) oder wir distanzieren uns voneinander. 

3. Trennungsprobleme

Es kann aber auch sein, dass wir durch den Wettbewerb eine große Abhängigkeit zueinander entwickeln. Ist das der Fall, werden wir uns als Erwachsene nicht voneinander trennen können.

4. Leistungsdruck und Perfektionismus

Eltern oder Erzieher nutzen manchmal die Ähnlichkeit, um von uns bestimmte Leistungen oder Verhaltensweisen zu erhalten. Z.B. indem ein Zwilling für seine Erfolge gelobt und dem anderen vorgehalten wird, warum er schlechter als sein Zwilling ist oder ständig „Mist baut“. 

Sind wir in gemeinsamen Schulklassen, kann das für uns manchmal sehr belastend sein. Weil der durch die Schulsituation ohnehin schon geförderte Perfektionismus und Leistungsdruck dadurch noch verstärkt wird. Außerdem zählen Ausreden wie z.B. „Der Test war viel zu schwer“ nicht, weil dein „Superzwilling“ als Gegenbeweis immer dabei ist. 

Abschließende Worte

Du kannst jetzt bestimmt verstehen, warum wir Zwillinge Vergleiche hassen. Wir befürchten:

  • bei Gegenüberstellungen schlechter abzuschneiden als der andere 
  • ansehen zu müssen, wie unser Zwilling traurig über die negative Bewertung ist 
  • Schuldgefühle zu bekommen, besser zu sein als der andere 
  • Nicht als eine eigenständige Person gesehen und wahrgenommen zu werden
  • Immer mit dem anderen mithalten zu müssen
  • Nicht o.k. zu sein, so wie wir sind

Dabei möchte jeder von uns als der Mensch gesehen werden, der er ist und nicht als Klon seines Zwillings!

Was du als Eltern von Zwillingen tun kannst

  • Wenn du deine Kinder insgeheim miteinander vergleichst, sprich es nicht laut aus und lass es deine Kinder nicht spüren
  • Sprich mit deinen Zwillingen über Vergleiche. Hilf ihnen, positive Antworten zu formulieren, die sie Fremden sagen können, wenn sie verglichen werden
  • Sprich selbst Außenstehende an, wenn sie im Beisein deiner Kinder unangemessene Fragen stellen
  • Achte auf die wahren Unterschiede deiner Kinder und fördere sie, z.B. indem du Qualitytime mit jeweils einem Kind verbringst
  • Nimm die individuellen Bedürfnisse deiner Kinder wahr und erlaube ihnen z.B., unterschiedliche Hobbies ausüben zu dürfen
  • Rede mit ihnen über ihre Unterschiede, um ihre Individualität zu fördern

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Ilka Poth ist selbst Zwilling und ganzheitliche Coachin. Sie beschäftigt sich seit über 27 Jahren intensiv
mit den Besonderheiten des Zwillingsdaseins. Sie unterstützt und begleitet Zwillinge und Eltern von
Zwillingen bei der Bewältigung ihrer Herausforderungen.
Mehr Infos unter: www.ilkapoth.de, ihrer Facebook-Seite oder der Facebook-Gruppe.

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Ilka Poth

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