Erst waren da Zwillinge, doch dann starb eines meiner Kinder im Bauch

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Ihr Lieben, vor Kurzem hatten wir hier den sehr bewegenden Beitrag von Alexandra über die Freude und Trauer, wenn nur ein Zwilling lebend auf die Welt kommt. Wir haben sehr viele Reaktionen darauf bekommen, auch Steffi hat sich gemeldet. Auch sie war mit Zwillingen schwanger, doch nur ein kleines Mädchen kam lebend zur Welt. Wir sind sehr dankbar, dass sie heute ihre Geschichte mit uns teilt: 

"DER Tag im Oktober kommt näher. Der Tag, der in unserem Geburtstagskalender mit einem "Sternchen" markiert ist. Der Tag, an dem das Herzchen von Luises Zwillingsbruder Paul einfach nicht mehr schlug…

Endlich schwanger. Als ich vor über 6 Jahren einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, konnte ich es vor lauter Vorfreude kaum erwarten zum Arzt zu gehen. Beim Ultraschall kam dann die Überraschung: "Da sind ja tatsächlich zwei Fruchthöhlen", sagte die Ärtzin. Ich habe mich riesig gefreut. Zwillinge – wie cool war das denn. Ich habe sofort meinen Mann angerufen, der wirklich sprachlos war. Am Abend haben wir gemeinsam unsere zwei kleinen Krümel gefeiert – behielten unser Geheimnis aber erstmal für uns.

Da ich durch die Zwillinge risikoschwanger war, sollte ich alle zwei Wochen zur Kontrolle in die Praxis kommen. Die Herzchen schlugen und in der 14. Schwangerschaftswochen sind beide Gummibärchen gehüpft,  sie hatten sichtlich Spaß in meinem Bauch. Den Babys ging es gut. Wie beschlossen, unsere Freunde und Verwandten einzuweihen, dass wir Zwillinge bekommen. Alle freuten sich so sehr. 

In der 17. Schwangerschaftswoche war ich bei meiner wunderbaren Hebamme und es war unbeschreiblich schön, beide Herzchen schlagen zu hören.

Am 14.10.2013 stand die nächste Ultraschalluntersuchung an. Mein Mann war auf der Arbeit, ich wollte nach dem Termin auch schnellstmöglichst ins Büro. Ich war mir sicher, dass alles ok ist. Aber dann kam alles anders.

Meine Ärztin bemerkte schnell, dass was nicht stimmte. Sie untersuchte erst Luise und sagte, dass mit ihr alles ok ist. Doch Paul lag reglos in seiner Fruchthöhle. Es war kein Herzschlag mehr zu sehen. Er war auch schon viel kleiner als seine Schwester. Sein Herz hatte einfach irgendwann aufgehört zu schlagen.

Ich zitterte. Die nächsten Stunden und Tage lief ich wie ferngesteuert. Die Ärtzin organisierte für die nächste Woche einen Termin zur Feindiagnostik in der Klinik, um Luise genauer zu untersuchen. Der Termin war schulisch und emotionslos. Solche Fälle gäbe es sehr oft, hieß es und es sei Schicksal der Natur. Luise war zeitgemäß entwickelt und Paul wurde gar nicht mehr beachtet. Er war schon so klein geworden. 

Die restlichen Schwangerschaftswochen vergingen sehr langsam. Ich lenkte mich mit Arbeit ab, obwohl mir eigentlich ein Beschäftigungsverbot zustand. Ich wollte nicht nachdenken. Ich wollte nur, dass die Zeit irgendwie vergeht.

Im März 2014 habe ich Luise zur Welt gebracht. Ihr Zwillingsbruder Paul wurde nach ihr mit der Plazenta geboren. Luise lag währenddessen schon auf meiner Brust und ich habe geweint. Glück, Dankbarkeit, Erschöpfung, Erleichterung, Trauer und Verzweiflung machten sich breit.

Meine Hebamme fragte, ob ich bereit sei für die letzte Presswehe. Es ging körperlich sehr einfach und schnell. Paul hat sich in die Plazenta zurück entwickelt und war kaum noch als Baby erkennbar.

Luise ging es anfangs gut. Zwei Tage nach der Geburt hatte sie jedoch im Krankenhaus einen Neugeborenenkrampf und wir mussten auf die Intensivstation. Ein MRT zeigte, dass sie eine Hirnblutung hat. Um die 20. Schwangerschaftswoche hatte sie einen Schlaganfall in meinem Bauch. Da das Gehirn der Babys noch nicht ausgebildet ist und alles erlernt werden muss, mussten wir abwarten, wie sich Luise entwickelt.

Das erste Lebensjahr waren wir sehr oft im Krankenhaus, immer wieder standen Kontrollen an. Aber Luise hat es uns allen gezeigt. Sie war motorisch und sprachlich immer einen Schritt vorraus und an ihrem ersten Geburtstag, war die Blutung im Gehirn nicht mehr darstellbar. Wir konnten das Thema Krampf, Schlaganfall und Hirnblutung medizinisch endlich abhaken.

Im ersten Jahr war Luise Tag und Nacht bei mir. Wir brauchten kein Babyphone. Da wo sie war, war ich auch. Das Grundvertrauen wurde mir durch den Zwillingstod, aber auch durch den Krampf genommen.

Heute ist Luise 5 Jahre alt. Sie weiß, dass sie ein Zwilling ist und spricht mit der kindlichen Naivität oft altklug daher, wie schlimm doch damals alles war. 🙂 Das lässt mich schmunzeln, wenn sie so erwachsen spricht. Wir gehen oft gemeinsam zum Grab und legen etwas Selbstgebasteltes oder Blumen nieder. Nachts braucht Luise jemanden, der bei ihr ist. Generell braucht sie extrem viel Nähe.

Mittlerweile hat Luise noch zwei Geschwister. Willi ist 3 Jahre und Frieda 6 Monate alt. Wir sind eine glückliche, abenteuerlustige Familie. Die beiden letzten Schwangerschaften waren komplikationslos. Und doch haben mich die Schicksalschläge verändert. Aus Selbstschutz und Angst habe ich Vorfreude in den nachfolgenden Schwangerschaften nicht zugelassen. Erst, als meine Babys zur Welt kamen, war es real. Erst dann konnte ich den Kinderwagen, die Wiege und das Beistellbettchen herausholen.

Auf die Frage, ob wir nun komplett sind, habe ich keine Antwort. Ist es das viertes Kind, das fehlt? Vielleicht. Sicher ist, dass unser kleines Sternchen immer fehlen wird. Er wird immer in unseren Herzen sein.

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