Wie ich meine Tochter an einen Loverboy verlor – und wiederbekam

loverboy 665x435 - Wie ich meine Tochter an einen Loverboy verlor – und wiederbekam -

Ihr Lieben, neulich teilten wir auf unserer Facebookseite den Spielfilm "Ich gehöre ihm" von Thomas Durchschlag (noch bis zum 24.12. in der Mediathek) und zwar mit dem Zusatz, dass man diesen Film als Eltern einer Tochter kaum aushält.

Es geht um das Drama eines Mädchens, das an einen so genannten "Loverboy" gerät. Nachdem wir den Link geteilt hatten, nahm Carola, die eigentlich anders heißt, Kontakt zu uns auf. Wir telefonierten lang. Aus diesem Gespräch entstand der folgende Text, der auch von ihrer Tochter so abgenommen wurde…

_____________

Als Carola bemerkt, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt, ist diese schon ausgezogen. Sie hatte immer einen guten Draht zu ihrem zweiten Kind. Die beiden telefonieren nach ihrem Auszug viel und sehen sich häufig, weil sie weiter in der gleichen Stadt wohnen. Sie ist 19, bereit fürs Leben.

Doch Carola ist beunruhigt. Sie spürt, dass ihrer Tochter – nennen wir sie Sabrina – etwas auf der Seele liegt. Sie ist schweigsamer als sonst, lässt sich in Gesprächen immerzu von Nachrichten auf ihrem Handy ablenken. Hier stimmt doch etwas nicht, ahnt die Mama. Und sie soll Recht behalten…

Hörig, abhängig: In den Fängen eines "Loverboys"

Denn was sie da noch nicht weißt, ist, dass Sabrina in die Fänge eines genannten Loverboys geraten ist. An einen Typen Anfang oder Mitte 20, der aussieht wie ein Topmodel. Ein Schönling, der ihr den Himmel auf Erden verspricht. Und der irgendwann sagt, er brauche dringend 10.000 Euro.

Es sind die kleinen Dinge, die der Mutter Sorgen machen. Wenn Sabrina bei ihr ist, zieht sie auf dem Sofa die Beine an sich, wie in Embryohaltung.

Carola sagt ihr immer wieder: Sabrina, ich bin für dich da. Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid. Bis Sabrina irgendwann in Tränen ausbricht. Danke, Mama. Danke. Aber ich kann dir leider noch nicht sagen, was los ist.

Was Mama nicht weiß: Ihre Kind geht anschaffen

Zehn Freier bedient ihre Tochter in der Anfangszeit. Pro Tag! Später sind es drei oder vier, je nach Auftragslage.

Sabrina ist ihrem Loverboy, der ihr immer mal wieder andere Namen und Geburtsdaten auftischt, verfallen. Wenn sie äußert, dass sie aussteigen will, schlägt er sie, sie hat blaue Flecken am ganzen Körper. Er braucht das Geld. Das Geld, das sie ihm liefert!

Bewusst verschuldet er Sabrina. Mit Handyverträgen oder teuren Bestellungen, die sie „abbezahlen“ muss. Er droht, ihren kleinen Geschwistern oder ihrer Mutter etwas anzutun, wenn sie etwas sagt.

Sie liebt ihn. Sie kann nicht ohne ihn.

Carolas Tochter verändert sich, lächelt nicht mehr

Wenn Sabrina ihre Mutter besucht, geht sie erstmal ins Bad. Sie fühlt sich dreckig. Einmal kommt sie kaum ohne Hilfe aus der Dusche raus, nicht nur ihre Seele leidet. Auch ihr Körper.

Die Freier sind eher gut betuchte Männer. Irgendwann kann sie wählerischer werden, bald lässt sie nicht mehr jeden in ihre kleine Wohnung. Denn dort geschieht es. Sie will da raus. Aber sie schafft es nicht.

Ich bin für dich da. Als Carola endlich von Sabrina erfährt was los ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Sabrina behauptet, das alles freiwillig zu tun. Für ihn. Aus Liebe. Es sei ja nur Sex und schnell verdientes Geld. Sie sei so verliebt. Sie habe Angst, dass Carola sie jetzt verstoße. Ich bin für dich da.

Mama macht gute Miene zum bösen Spiel

Ihrer Mama kommt fast die Galle hoch, wenn sie an ihn denkt. An diesen Typen, der noch mit ihnen Weihnachten gefeiert hatte. Von dem sie nicht wissen durfte, was er ihrer Tochter antat. Sie musste gute Miene zum bösen Spiel machen, sie durfte nichts sagen, obwohl sie es wusste. Es wäre gefährlich geworden. Für sie. Für ihre Tochter.

Er habe gut geschauspielert, sagt Carola, sei höflich in der Ansprache gewesen und habe sich sogar geduldig mit Sabrinas Geschwistern gezeigt. Sie musste mit ansehen, wie ihre Tochter ihn anhimmelte, wie sie ihm Parfum geschenkt hatte, das sie sich eigentlich nicht hätte leisten können… knutschen, turteln – das ganze Programm. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schwer das war!“, sagt sie.

Mittlerweile hat sie eine Erklärung für Sabrinas verloren gegangenes Lächeln. Auch ihr eigenes friert ein. Mehr noch. Sie weiß alles und darf doch nichts wissen. Sie weint an den unmöglichsten Orten, in der Bahn auf dem Nachhauseweg, im Supermarkt. Wie kann sie ihrer Tochter helfen?

Eine Mutter kämpft um ihr Kind

Carola wird zur Löwenmama. Sie schmiedet Fluchtpläne für Sabrina, freundet sich mit Mädchen und Jungen aus der Szene an, von denen sie sich Hilfe erhofft. Spricht mit Opfern und deren Müttern, bringt sich selbst in Gefahr.

Sie liest das Buch „Und plötzlich gehörst du ihm – Gefangen im Netz eines Loverboys*“. Sie will immer einen Schritt weiter sein, um handeln zu können, um ihre Tochter aus der Schusslinie zu nehmen.

Im Hintergrund telefoniert sie Beratungsstellen ab, wendet sich ans Jugendamt. Aber ohne echten Namen kommt sie nicht weiter, so richtig fühlt sich niemand zuständig. Außerdem ist ihre Tochter volljährig. Und: Sie gibt vor, das alles freiwillig zu tun.

„Ich bin durch die Hölle gegangen“, sagt Carola. „Aber für mich war immer klar, ich halte zu meinem Kind.“ In ihrer Verzweiflung will sie stark sein. Stark für ihr Kind. Und ihre bedingungslose Loyalität zahlt sich aus. Ihre Tochter zeigt ihr einige Mails, gibt ihr Kontaktdaten von Freiern.

Mit einem nimmt sie Kontakt auf, er könne evtl. beim Ausstieg helfen, sagt er. Doch bei einem ersten Treffen stellt er Bedingungen: Ich habe deine Tochter gevögelt. Jetzt will ich noch dich. Eine Farce.

"Es war schlimmer als ein Albtraum."

Schlimmer als ein Albtraum, nennt Carola das heute. „In mir ist so viel kaputt gegangen.“ Wenn dein Kind die Hilfe nicht will, sind uns die Hände gebunden, sagen die Beratungsstellen. Sie kämpft allein.

Immer wieder verbietet der Loverboy ihrer Tochter den Kontakt zu ihr. Währenddessen zieht er sein Spielchen mit weiteren Frauen durch. Sabrina mag seine „Hauptfrau“ sein, mit ihr macht er das meiste Geld, aber sie ist nicht die einzige, die ihm hörig ist, die er manipuliert, bis sie alles macht, was er von ihr verlangt.

Die wie fremdgesteuert für ihn funktioniert, die er immer weiter in seine Abhängigkeit manövriert. Die für ihn anschaffen geht. Angeblich aus Liebe.

Vier Jahre lang dauert ihr Martyrium aus Prostitution und Hörigkeit.

Drei Mal geht Carola mit ihrer Tochter zum LKA, dreimal bricht sie das Gespräch ab und läuft weg. Zurück in seine Arme. Sie kommt nicht los. Jetzt noch nicht.

Dann schafft sie den Absprung.

Endlich: Sabrina schafft den Absprung

Am Ende ist es ihr Körper, der sie zum letzten Schritt zwingt, er nimmt kaum noch Nahrung an. Mehrmals bricht sie auf der Straße zusammen, wird ins Krankenhaus eingeliefert. Sie fängt eine Therapie an, besucht Ärzte. Hält sich kaum noch in ihrer Wohnung auf, um nicht von ihm abgefangen zu werden.

Anfangs terrorisiert er sie, ruft immer wieder an, droht. Doch am Ende haben sie so viel gegen ihn in der Hand, dass sein echter Name polizeibekannt wird und er sich zurückziehen muss. Sabrina beginnt einen Job, vor allem zur Ablenkung.

Bei manchen Gerüchen auf der Straße wird Sabrina immer noch schlecht, dann erlebt sie Flashbacks in die schlimme Zeit. Überall im Alltag lauern Geruchs-Trigger, Betroffene haben oft jahrelang damit zu kämpfen. Da kommt plötzlich Hass und Wut hoch, viele richten diese auch gegen sich selbst, erzählt Carola.

Selbst die Umarmung eines vertrauten Menschen kann Erstickungsgefühle hervorrufen. Nähe zuzulassen fällt nicht mehr leicht. Familien zerbrechen daran. Die meisten brauchen jahrelange Therapien, um halbwegs zurückzufinden in einen geregelten Alltag.

Vier Jahre sind seit Sabrinas Absprung vergangen, die Fassade wirkt unauffällig. Heute ist sie verheiratet und Mama geworden.

Nichts ist mehr wie es war: Für immer verändert

Carola hat die Sorge um ihr Kind gebrochen, sie hat es schwer, Männern zu vertrauen, ihre Grundfeste sind erschüttert. Aber sie hat keinen Hass mehr. Sie hat ihre Tochter wieder. Und das ist mehr als sie erwarten konnte. Nie wieder aber, das glaubt sie fest, werden sie zurückfinden in die Unbeschwertheit von damals.

Wirklich geholfen hat ihr am Ende der Kontakt zu einer anderen betroffenen Mutter, die ihr die Beratungsstelle Eilod vermittelt hat (der Verein übrigens, der ihr in der Zeit am meisten geholfen hat) und mit der sie noch heute freundschaftlich verbunden ist. Weil niemand sonst wirklich nachvollziehen kann, was sie da durchgemacht haben. Und was es bedeutet, wenn sich das eigene Kind ins Unglück stürzt.

Sabrina wird nie wieder dieselbe sein wird wie vorher. Und ihre Mama eben auch nicht.

 

__________________________________________________

Foto (Symbolbild): pixabay

*Affiliate Link

Du magst vielleicht auch

8 Kommentare

  1. Sexkauf muss endlich verboten werden
    Leider kein Einzelschicksal und das Problem liegt absolut an der rechtlichen Situation in Deutschland: Prostitution ist legal und wenn Frauen behaupten, „freiwillig“ anzuschaffen, wird nichts unternommen, auch wenn klar ist, dass sie fremdbestimmt sind (98% aller Frauen, die in der Prostitution sind, sind laut polizeilichen Angaben fremdbestimmt).
    Siehe: https://www.swp.de/politik/inland/_freiwillige-prostitution-gibt-es-nicht_-20895657.html
    Solange nach dem Skandinavien-Modell Prostituion nicht endlich verboten wird (Freier-Bestrafung), wird sich in D nichts ändern.
    Es wird Zeit, gegen Prostitution aufzustehen und klar zu benennen, was Prostitution ist: Vergewaltigung, frauenverachtend und eine Form von Sklaverei. Das Recht, einen Menschenkörper zu benutzen, kann nicht erkauft werden.

    1. Passende Worte
      Besonders deinen letzten Satz finde ich sooo treffend! Genauso ist es. Mich hat der Bericht sehr betroffen gemacht und ich denke noch viel darüber nach…

  2. Sexkauf muss endlich verboten werden
    Leider kein Einzelschicksal und das Problem liegt absolut an der rechtlichen Situation in Deutschland: Prostitution ist legal und wenn Frauen behaupten, „freiwillig“ anzuschaffen, wird nichts unternommen, auch wenn klar ist, dass sie fremdbestimmt sind (98% aller Frauen, die in der Prostitution sind, sind laut polizeilichen Angaben fremdbestimmt).
    Siehe: https://www.swp.de/politik/inland/_freiwillige-prostitution-gibt-es-nicht_-20895657.html
    Solange nach dem Skandinavien-Modell Prostituion nicht endlich verboten wird (Freier-Bestrafung), wird sich in D nichts ändern.
    Es wird Zeit, gegen Prostitution aufzustehen und klar zu benennen, was Prostitution ist: Vergewaltigung, frauenverachtend und eine Form von Sklaverei. Das Recht, einen Menschenkörper zu benutzen, kann nicht erkauft werden.

    1. Passende Worte
      Besonders deinen letzten Satz finde ich sooo treffend! Genauso ist es. Mich hat der Bericht sehr betroffen gemacht und ich denke noch viel darüber nach…

  3. Hinter Gitter???
    „Doch am Ende haben sie so viel gegen ihn in der Hand, dass sein echter Name polizeibekannt wird und er sich zurückziehen muss.“
    Dann müsste doch auch eine Anziegebubd Ermittlungen möglich sein! Könnt ihr mehr zu der rechtlichen Situation berichten und ob es irgendwelche rechtlichen Folgen für den Loverboy gab?
    Schwer vorstellbar, dass der immernoch frei herumläuft und genau so weitermacht!!!
    Liebe Grüße,
    Birgit

  4. Hinter Gitter???
    „Doch am Ende haben sie so viel gegen ihn in der Hand, dass sein echter Name polizeibekannt wird und er sich zurückziehen muss.“
    Dann müsste doch auch eine Anziegebubd Ermittlungen möglich sein! Könnt ihr mehr zu der rechtlichen Situation berichten und ob es irgendwelche rechtlichen Folgen für den Loverboy gab?
    Schwer vorstellbar, dass der immernoch frei herumläuft und genau so weitermacht!!!
    Liebe Grüße,
    Birgit

  5. Unvorstellbar
    Danke für diesen Text, der mich sehr traurig gemacht hat. Als Mutter zweier Töchter und einem Sohn, hoffe ich, dass wir es schaffen, unsere Kinder so zu begleiten, dass so etwas nie passiert. Aber das hat Carola bestimmt auch gedacht… Wirklich erschreckend!

  6. Unvorstellbar
    Danke für diesen Text, der mich sehr traurig gemacht hat. Als Mutter zweier Töchter und einem Sohn, hoffe ich, dass wir es schaffen, unsere Kinder so zu begleiten, dass so etwas nie passiert. Aber das hat Carola bestimmt auch gedacht… Wirklich erschreckend!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*