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22/04/2016 - 08:15

Stadt-Mama Katharina

Interview mit Sandra: Von einer Alleinerziehenden, die wirklich alleine erzieht

Ihr Lieben, als Lisa vor Kurzem über Alleinerziehende gebloggt hat, haben wir viel Resonanz bekommen und wieder mal gemerkt, WIE wichtig das Thema ist. Unsere Leserin Sandra hat bei uns im Blog kommentiert und erzählt, dass sie sich oft in der Diskussionen um Alleinerziehende nicht wieder findet, weil sie wirklich ganz alleine erzieht - dass es also keinen Kontakt zum Vater des Kindes gibt. Wir haben sie gebeten, uns von ihrem Leben zu erzählen und freuen uns sehr, dass sie uns dieses tolle Interview gegeben hat. Liebe Sandra, wir finden, Du bist eine Heldin. Alles Liebe für Dich und Deine Tochter! 

Liebe Sandra, Du bist alleinerziehend und zwar so richtig, wie Du sagst. Das heißt, Du und dein Kind habt keinen Kontakt zum Vater. Magst Du erzählen, warum das so ist? Wie ist Eure Geschichte? 

Die Geschichte ist schnell erzählt, meine Tochter ist das weltbeste Ergebnis einer eher kurzen Liaison mit einem Mann, der nicht zu dem Kind stehen konnte und sich mit Feststellung der Schwangerschaft von mir abwandte. Ich war also bereits die gesamte Schwangerschaft allein und habe mich mit mir auf meine Tochter gefreut. Die wunderbarste Entscheidung meines Lebens war es, diesem Menschlein das Leben zu schenken, auch wenn in ihrer Geburtsurkunde nur eine Mutter unter "Eltern" eingetragen ist. 

Die ersten 3 Lebensjahre meiner Tochter versuchte ich immer wieder des Vaters Interesse zu wecken, akzeptierte seine Spielchen, mich zu einer Abtreibung zwingen zu wollen, uns zu einem Vaterschaftstest zu schleppen, keinen Unterhalt zu zahlen und mich deutlich zu beschimpfen. 

Er war inzwischen zu seiner Ex-Frau zurückgekehrt und lebte in einem Lügengerüst, in dem seine Tochter nicht vorkam. Nachdem alle Versuche der Kontaktaufnahme scheiterten, ließ ich den Punkt ungeklärt liegen und fand, dass ich alles versucht hatte. Das finde ich bis heute. Meine Tochter wird dieses Jahr 10, wir haben 2 Fotos von ihm. Ich hoffe, sie kann mir nichts Unversuchtes vorwerfen. 

Andere Alleinerziehende können ab und zu auf die Unterstützung des Ex-Partners zurückgreifen. Ist das eher ein Vorteil oder kann das auch ein Nachteil sein, weil man zb. gewisse Dinge immer abstimmen muss?

Ich glaube, das hält sich die Waage. Wenn eine befreundete Alleinerziehende sich beschwert, weil ihr jedes 2. Wochenende die Decke auf den Kopf fällt, weil das Kind beim Vater ist, kann ichnur schwer ruhig bleiben. Aber in der Regel sage ich nichts und nicke. 

Andererseits habe ich es sicher in vielen Punkten viel leichter und vielleicht meine Tochter auch. Wir kennen keine Situationen, in denen große Enttäuschungen über abgesagte Papa-Besuche aufzufangen sind. Ich muss mich zu keinem Thema jemals mit jemandem abstimmen. Vieles ist sicher unkomplizierter bei uns. Vor allem: mein Kind ist kein Trennungskind. 

Kannst Du Situationen benennen, in denen Dir der Rückhalt des Vaters besonders fehlt?

Ja das kann ich. Witzigerweise geht es da nicht um Zeit oder klassische Unterstützungsleistungen, sondern um Momente der Freude. Es wäre schön, wenn es einen zweiten Menschen auf der Welt gäbe, der versteht, warum ich in bestimmten Momenten stolz auf meine Tochter bin. 

Im Alltag wünsche ich mir jemanden, der zum Beispiel auch mal eine Ferienwoche übernimmt. Jeden Brückentag und alle Ferien allein zu stemmen, ist eine nicht leistbare Herausforderung. 

Hast Du das Gefühl, manchmal nicht für voll genommen zu werden, weil du ja nur ein Elternteil bist und nicht zwei?

Im privaten Umfeld nicht, vielleicht aber auch, weil ich mich mit unserer 2-Frau-Familie als vollständig empfinde und sagen kann, dass wir zwei glücklich sind. Ich bin selbstbewusst und ziehe mir so einen Schuh nicht an. 

Findest Du, die Gesellschaft unterstützt Alleinerziehende genug? Und wenn nein, was würdest Du Dir wünschen?

Ich wünsche mir als erstes finanziell eine Veränderung in der Besteuerung. Das empfinde ich gegenüber verheirateten kinderlosen Paaren als bodenlos ungerecht. Im Übrigen wird auch dem Vater meiner Tochter der halbe Freibetrag und das halbe Kindergeld zugestanden- obwohl er nicht mal weiß, wie sein Kind aussieht.

Organisatorische Unterstützung wünsche ich mir zum Beispiel bei Kita- und Hortplätzen, hier sollten Alleinerziehende -wenn gewünscht- vorrangig Plätze bekommen können. 

Ich wünsche mir vor allem aber mehr Stimme und Präsenz in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt. Ich glaube, wir sind häufig die mit am besten organisierten Menschen, fehlen weniger am Arbeitsplatz als weithin gedacht und sind flexibler als manche denken - und trotzdem gibt es auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen auf Grund der gängigen Vorurteile. Moderne Arbeitsstrukturen mit Home-Office-Lösungen, Arbeitszeit ohne Stundenkonto, Führungspositionen in Teilzeitmodellen oder geteilte Schichten wünsche ich mir für alle – meiner Meinung nach würden davon Alleinerziehende besonders profitieren.

Gab es Situationen, in denen Du konkret benachteiligt wurdest, weil Du alleinerziehend bist?

Ja bei der Wohnungssuche. Hier würde ich konkret abgelehnt, weil ich als Alleinverdiener mit Kind ein "Risiko" sei. Dabei verdiene ich solide, habe seit 16 Jahren einen unbefristeten Arbeitsvertrag. 

Welche Eigenschaften brauchen Alleinerziehende ganz besonders?

Wie oben bereits erwähnt: Organisationstalent, Belastbarkeit und gute Sensoren, um sich selbst zu beobachten und zu merken, wann es kippt. Die Wahrscheinlichkeit in eine Überlastung durch den Alltag zu geraten, ist bei uns vermutlich bei knapp 100%.

Aber wir brauchen auch die Fähigkeit unseren Stolz hier und da abzulegen und dürfen uns nicht scheuen im Hilfe zu bitten - was mir bis heute extrem schwer fällt.

Hast Du sonst von irgendwem im Alltag Hilfe?

Ein Glück ja, meine Familie lebt in der Stadt. Trotzdem konnten die nicht immer einspringen, weil alle noch aktiv im Arbeitsleben standen und nicht spontan "zur Verfügung" standen. Die ersten 4 Lebensjahre hat meine Tochter außerdem nicht bei anderen geschlafen (und tut es heute noch nicht, außer bei Oma und Tante), so dass ich die ersten 4 Jahre tatsächlich nur raus konnte, wenn ein Familienmitglied bei uns eingezogen ist.

Wie schaffst Du Dir für Dich Auszeiten?

Jetzt ist meine Tochter in einem Alter, in dem sie tagsüber vermehrt auch allein unterwegs ist. Sie verabredet sich nun mehr mit Freunden und wird selbstständiger. Das war bis vor 2-3 Jahren ja noch nicht so, da war dann abends ein gutes Telefongespräch mit engen Freunden meine Erfüllung. Durch die Unterstützung meiner Tante und Übernachtungen bei Oma, kann ich inzwischen manchmal wieder mal allein unterwegs sein. Das Netzwerk um mich herum ist Gold wert und unverzichtbar. 

Wie schwer ist es, einen neuen Partner zu finden - bzw. willst Du das überhaupt?

Ehrlich? Ich hatte ein Jahrzehnt keine Zeit dafür. Ich war jahrelang tagein tagaus ab 18 Uhr an meine Wohnung gebunden und online Dating schließe ich für mich kategorisch aus. Inzwischen merke ich immer mehr, dass wir uns so in unserem Leben eingerichtet haben, dass ich glaube, ich könnte niemanden mehr so einfach in unser Refugium lassen. Ich sage immer: "mein Leben ist eine Sahnetorte, sie ist vollständig, ein Partner wäre die Kirsche obendrauf, aber ohne fehlt mir kein Stück vom Glück."

Was hilft Dir, wenn Du mal wieder mit Deiner Kraft am Ende bist?

Viele Folgen Grey's Anatomie ;-), ein Wochenende ohne Termine mit meiner Tochter und vor allem meine engsten Freunde. Und viel schlafen. ;-)

Was fehlt Dir in der Diskussion um Alleinerziehende?

Mich ärgert schon seitdem meine Tochter klein ist, dass es ganz wenig Kinderbücher  oder Elternlektüre gibt, die das Thema "1-Elternteil-Familie" aufgreifen. Es gibt endlos Bücher über Trennungen, Scheidung, neue Partner usw., aber nach Themen wie "dem Kind fehlt vielleicht ein Teil seiner Identität", "warum liebt mich nur ein Mensch?" sucht man vergeblich. Denn oft sind es die Themen des Alltags, die es mir manchmal noch schwerer machen. Was bastelt meine Tochter im Kindergarten zum Vatertag? Wie führe ich richtige und wertvolle Gespräche mit meinem Kind, wenn es wissen will, warum der Papa es wohl nicht haben wollte, nicht liebt. Leider finde ich solche Themen in Artikeln rund um Alleinerziehende selten.

Du bist eine starke Frau – gibt es trotzdem Nächte, in denen Du sorgenvoll wach liegst?

Ja, es gibt die immer schwebende Angst, dass mein Kind nur einen Menschen hat. Wenn mir etwas passiert, dann ist da niemand mehr. Da sind rechtliche Dinge zu bedenken und man kann ganz leicht in Panik geraten, wenn man zu lange darüber nachdenkt...

 

 

 

Tags: Alleinerziehend, Ein-Eltern-Familie, vaterlos, Herausforderung, Leben, Familie

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