Interviews

23/07/2019 - 06:45

Land-Mama Lisa

Finanzen: Was steht Alleinerziehenden rechtlich zu?

Foto: Anna Gladkova-Klein

Ihr Lieben, unsere Kollegin Christine Finke vom Blog mama-arbeitet.de hat wie wir drei Kinder - zieht sie aber alleinerziehend groß. Nun hat sie für die Stiftung Warentest einen "Finanzplaner Alleinerziehende" (Affiliate Link) geschrieben, in dem es um Recht und Geld geht - also um Themen wie Versicherungen, Steuersachen, Familienleistungen und Altervorsorge.

Ein Thema, das im turbulenten Alltag zwischen Kindern und Job zu oft untergeht. Bei Alleinerziehenden kommt jedoch noch hinzu, dass die Finanzen auch mit dem Ex-Partner geklärt werden müssen - und hier kann es schon mal schwieriger und auch wirklich existenziell gefährdend werden, wenn der Unterhalt zum Beispiel nie pünktlich oder nicht zuverlässig gezahlt wird. Entstanden ist ein Ratgeber, der Alleinerziehende an die Hand nimmt und wirklich praktische Tipps gibt.

Liebe Christine, du hast dich mit deinem neuen Buch den "trockenen Themen" des Lebens gewidmet - heraus kam ein bunter Ratgeber, aus dem sogar ich als Nicht-Alleinerziehende Erkenntnisse ziehen konnte. Zum Beispiel, dass auch Kinder von nicht-berufstätigen Müttern ab dem ersten Geburtstag einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz haben.... erwarten die Leser weitere Überraschungen?

Ja, reichlich! Gerade, was das Rechtliche betrifft, halten sich hartnäckig etliche Mythen. Zum Beispiel ist es in der Tat so, dass der Anspruch auf Kinderbetreuung gar nicht davon abhängig ist, ob die Mutter/Alleinerziehende berufstätig ist, sondern dass das ein Recht auf Bildung des Kinds ab dem 1. Geburtstag ist. Wie genau die jeweilige Kommune aber die meist raren Plätze vergibt, ist wiederum oft von der Berufstätigkeit abhängig. Aber auch da sollte frau ihre Rechte kennen und auch einklagen können.

Eigentlich gab es in jedem Kapitel Dinge, die sogar mich als langjährige Fachfrau überrascht haben. Eins der Makabereren ist, dass man im Rahmen der Scheidung mit dem Exmann geteilte Rentenpunkte wieder zurückbekommen kann, wenn dieser vor Erreichen des Rentenalters verstirbt. Das ist gerade wegen des Themas Altersarmut bei Alleinerziehenden ein wichtiger Hinweis. Und so weiter, und so fort. Das Buch ist wirklich sein Geld wert!

Wie hast du für diesen Ratgeber recherchiert, wie kamst du an dein Fachwissen?

Es hat relativ lange gedauert, dieses Buch zu schreiben. Insgesamt habe ich über ein Jahr daran gesessen und mich in sämtliche Themenbereiche gründlich eingelesen. Aber um sicherzugehen, dass die Informationen auch stimmen –  vor allem beim Thema Recht kommt es oft haarklein auf die Formulierungen an – haben mich für jedes Kapitel ausgewiesene Fachleute unterstützt, die mit der Stiftung Warentest zusammenarbeiten, und die das Ganze am Ende gegengelesen haben. Ohne dieses Wissen im Hintergrund hätte ich mir auch niemals zugetraut, so ein Buch zu schreiben. Aber es war wirklich eine Heidenarbeit!

Lass uns mal einmal eintauchen in die wertvollen Infos deines Buches. Wie genau können Alleinerziehende Steuern sparen?

Dass die Steuervorteile für Alleinerziehende ziemlich überschaubar bis lächerlich sind, betone ich ja immer wieder, und ich durfte es sogar etwas abgeschwächt auch in diesem Ratgeber so sagen. Es ist nicht viel, was der Staat für uns bereithält, aber das Wenige sollte man kennen und nutzen. Zum Beispiel wird Steuerklasse 2 nicht automatisch erteilt, wenn eine Frau alleine mit einem Kind lebt, sondern muss beim Finanzamt beantragt werden, da fängt es ja schon an. Ansonsten gilt es, Fallen zu vermeiden: nämlich unbedarft eine WG zu gründen, was zum Verlust der Steuerklasse 2 führt, wenn man nicht separates Wirtschaften nachweist. Außerdem kann man sich unter bestimmten Umständen den Kinderfreibetrag des Expartners übertragen lassen – das lohnt sich vor allem für Alleinerziehende, die halbwegs gut verdienen.

Welche Info aus dem Buch hätte dir selbst am meisten nach der Trennung geholfen?

Direkt nach der Trennung das Kapitel über die Rechte, Anwälte, Sorgerecht und Gerichte. Da habe ich eine Menge Geld und Nerven verpulvert, weil ich überhaupt nicht gut informiert war und völlig von dem, was meine Anwältin sagte, abhängig war. Wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, und was auch in diesem Buch steht, hätte mir das locker 8.000 Euro und etliche graue Haare erspart.

Wie wollten Frauen deinen Ratgeber lesen, wenn sie sich grad akut in der Nach-Trennungsphase befinden. Mit welchem Kapitel sollten sie beginnen?

Dem ersten! Ich habe das Buch extra so aufgebaut, dass gerade frisch getrennte Frauen sich von vorne bis hinten durchlesen können, auch wenn das bei einem Ratgeber kein Muss ist. Wer schon länger getrennt ist, wird wahrscheinlich hinten im Stichwortverzeichnis nach dem jeweiligen Thema gucken, das sie gerade beschäftigt, aber ansonsten kann man es gut ganz klassisch mit Kapitel 1 beginnen. Da erkläre ich nämlich auch, was zuerst am dringendsten erledigt und bedacht werden muss. Es gibt eine Checkliste für frisch Getrennte, die „Was muss ich erledigen?“ heißt, und die einen guten Überblick über das gibt, was auf einen zukommt. Und außerdem mache ich im ersten Kapitel ausdrücklich Mut.

Wie genau hast du als Alleinerziehende an diesem Buch gearbeitet, wie hat das mit der Vereinbarkeit geklappt?

Das frage ich mich auch. ;-) Nein, im Ernst: Ich arbeite hervorragend auf Lücke. Immerhin habe ich 7 Jahre Home Office Erfahrung, und es hat immer irgendwie geklappt. Ich setze mir genaue Deadlines und Wochenziele, plane genügend Puffer ein, und scheue auch nicht vor dem Einsatz von bösen elektronischen Medien zurück, um die Kinder zu beschäftigen, wenn ich Ruhe zum Schreiben brauche.

Und ab und zu sind sie ja auch in der Schule, auch wenn es einem als berufstätige Alleinerziehende oft so vorkommt, als hätten die Kinder mehr Ferien und Wochenenden als Unterricht. Womit wir übrigens beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind, das in dem Buch auch ausführlich behandelt wird. Gerade für die Betreuung von Krippen- und Kitakindern, aber auch für Ferienfreizeiten und Hort von Schulkindern gibt es sehr häufig substanzielle Zuschüsse durch die Kommunen, da muss man sich nur kümmern!

Hast du noch abschließende Tipps an Alleinerziehende zu ihren Rechten?

Zuerst zwei praktische Dinge: Eine Sorgerechtsvollmacht vom Expartner ist sehr zu empfehlen, damit hat man es als Alleinerziehende im Alltag wesentlich leichter in Punkto Unterschriften für alles Mögliche, was das Kind betrifft (Wahl der Kita, Girokonto, Therapie, Umzug, Kinderausweis). Und zweitens sollte jede/r Alleinerziehende eine Sorgerechtsverfügung aufsetzen, um zu bestimmen, was mit dem Kind passieren soll, falls er überraschend verstirbt.

Und generell würde ich mich immer erst via Verband alleinerziehender Mütter und Väter informieren, der auch an der Entstehung des Buchs beteiligt war, und nur im Notfall über einen Anwalt gehen. In meiner Erfahrung wissen die Anwälte teils weniger gut Bescheid als die Verbände, und vor allem berät ein Verband parteiisch und engagiert. Und nicht zu vergessen, kostenlos oder für einen geringen Beitrag. Und wenn ich zum Schluss nochmal politisch werden darf: Lasst euch nicht unterkriegen, und stellt euch auf die Hinterbeine, wenn Ihr ungerecht behandelt werdet! Und wenn alle Stricke reißen, gibt es immer noch Prozesskostenhilfe, es muss niemand ohne Anwalt dastehen.

Tags: Alleinerziehende, Finanzen, Recht, Hilfe, Ansprüche, Unterhalt, Trennung, Partnerschaft, Patchwork, Scheidung

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Kommentare

anja — Di, 07/23/2019 - 10:50

der unterhaltsvorschuss müsste dringend erhöht werden und sollte genauso hoch sein wie der betrag, den der vater eigentlich zahlen müsste.

Ella — Di, 07/23/2019 - 10:53

Ich würde mich über ein Buch oder einenRatgeber freuen, in dem es um finanzielle Unterstützung und Fragen bezüglich des Wechselmodells geht. Mein Exmann hat das Wechselmodell durchgesetzt und dadurch steht mir kein Unterhalt und keine Aufstockung zu. Ich lebe finanziell am Abgrund und niemand kann mir dazu einen Rat geben. Es gibt nunmal nicht nur Alleinerziehende sondern auch Mütter im Wechselmodell. Aber darüber findet man leider garnichts...

Jana — Di, 07/23/2019 - 19:06

...wie Ella! Das Buch ist sicher Gold wert, aber wenn man eben die „klassischen Kriterien“ nicht erfüllt und beispielsweise im Wechselmodell lebt, findet man dazu kaum Informationen :(

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