Krieg in der Ukraine: Ich habe solche Angst um meine Eltern

Ihr Lieben, noch immer können wir kaum glauben, was sich in diesen Tagen in der Ukraine abspielt. Wir sind tief betroffen und können nur erahnen, wie es den Menschen in der Ukraine gerade geht. Und auch viele Menschen in anderen Ländern durchleben gerade einen Albtraum – weil sie Freunde und Familie in der Ukraine haben und sich um ihre Sicherheit sorgen. So auch Nataliya, ihre Eltern sitzen in Kiew fest. Mit uns hat sie darüber gesprochen, wie sie diese Tage erlebt.

Liebe Nataliya, du lebst in Deutschland, doch Teile deiner Familie sind in Kiew. Bitte beschreib uns, wie es deiner Familie geht. 

Ich bin 47 Jahre alt und lebe seit fast 18 Jahren in Deutschland. Ich bin mit einem Deutschen verheiratet und habe eine 13-jährige Tochter. Ich komme aus Kyjiw (Kiew), meine Eltern leben bis heute dort.

Immer wieder habe ich versucht, meine Eltern zu überreden, nach Deutschland zu kommen. Das letzte Mal, als ich hörte, dass die Lufthansa nicht mehr in die Ukraine fliegen wird. Doch meine Eltern lehnten ab – sie glaubten einfach nicht, dass wirklich eine russische Invasion stattfinden würde.

Der Krieg ist ein absoluter Schock für uns alle. Meine Eltern sind am Ende, sie weinen und mein Vater hat große Herzprobleme. Da es momentan nicht möglich ist, zum Arzt zu gehen, wissen wir nicht, wie es mit seinem Herz weitergehen wird.

Meine Eltern wohnen in einem 16-stöckigen Mehrfamilienhaus. Im Grunde gibt es für sie keine schnelle Fluchtmöglichkeit während eines Bombenangriffs. Der Keller ist für solche Angriffe auch nicht ausgebaut. Bis zur nächsten U-Bahn-Station schaffen sie es auch nicht, denn beide sind alt und mein Vater kann nur sehr schlecht laufen.

In dem Haus meiner Eltern gibt es zum Glück momentan noch Strom, Wasser und Internet. Viele Supermärkte waren gestern geschlossen, vor den offenen Märkten waren lange Schlangen. Meine Eltern sind zu alt und unfit, um sich lange in einer Schlange anzustellen. Meine Mama hat etwas Mehl auf Vorrat, nun essen sie Pfannkuchen.

Wie hast du derzeit Kontakt mit deinen Eltern?

Wie gesagt, glücklichweise funktioniert das Internet und auch die Handyverbindung klappt noch. Wenn das nicht mehr geht, wird es schwer. Die Nachbarin hat ein Festnetz, dann würde ich es da versuchen.

Wie geht es dir in dieser aktuellen Lage?

Es geht mir schlecht. Ich weine die ganze Zeit, kann mich kaum konzentrieren, ich zittere. Ich bin komplett machtlos, ich lese alle Nachrichten, spreche mit den Eltern und Freunden.

Aber: Mir geht es gut, denn ich bin sicher – im Vergleich zu meinen Eltern und meinen Freunden. Und ich bin so wütend. Wenn ich in der Ukraine wäre, würde ich ohne zu zögern das Militär unterstützen und das Land verteidigen.

Was sind deine Befürchtungen, wie es weiter gehen wird in den nächsten Tagen?

Putin ist nicht berechenbar. Ich glaube, er will unbedingt die ganze Ukraine erobern. Das heißt, viele Menschen werden sterben, Städte und Dörfer werden zerstört werden. Es ist einfach nur schrecklich.

Was würdest du dir von der westlichen Welt jetzt wünschen? 

Solidarität mit der Ukraine. Hängt die ukrainische Fahne auf, geht auf Demos, setzt euch für die Ukraine ein. Ich würde mir von der Politik wünschen, dass sie die Russen von SWIFT ausschließen und ja – wenn es nach mir ginge – würde der Westen die Ukraine auch mit Waffen unterstützen.

Es zerreißt mir das Herz, wenn ich sehe, wie die Menschen aus der Ukraine fliehen. Das will niemand, keiner will flüchten. Die Menschen wollen dort leben, arbeiten und in Frieden sein.

Hast du das Gefühl, dass die Menschen in der Ukraine viel zu lange allein gelassen wurden?

Oh ja! Lange acht Jahre wollte man nicht merken, daß in der Ukraine Krieg herrscht. Acht Jahre wurden im Osten der Ukraine Soldaten und Anwohner beschossen. In diesen acht Jahren sind 15.000 Menschen gestorben.

Gibt es momentan Hoffnung, dass deine Eltern flüchten können und zu dir nach Deutschland kommen?

Im Moment nicht. Sie sind ziemlich weit weg von der Westukraine und von der Grenze zu Polen. Die Ausfallstraßen sind überfüllt, in Kyjiw fliegen Bomben und es gibt Gefechte auf den Straßen. Meine Eltern sind alt und krank und es ist gefährlich draußen.

Was möchtest du noch sagen? 

Bitte verschließt die Augen nicht. Wir haben Krieg in Europa. Ich wünsche mir, dass diese Kriegsverbrecher irgendwann zur Rechenschaft gezogen werden.

Du magst vielleicht auch


Mehr zum Thema





2 comments

  1. Liebe Natalya,

    danke für Deinen Bericht. Wir dürfen unseren Frieden nie als selbstverständlich ansehen, das zeigen diese grauenhaften Taten der letzten Tage.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie von Herzen alles Gute.

  2. Liebe Nataliya, es gibt wahrscheinlich keine Worte, die in dieser Situation helfen, aber ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute und bete, dass Putin schnell gestoppt wird, der Krieg bald vorbei ist und die Ukraine von der Staatengemeinschaft die notwendige Unterstützung bekommt. Die Nachrichten machen einfach fassungslos. Gestern hat eine Mutter in Kiew ihr Baby in einer U-Bahn-Station zur Welt zur Welt bringen müssen, wo sie vor den Luftangriffen Schutz gesucht hat. Familien sind auf der Flucht und Menschen müssen ihre Heimat gegen eine Invasion verteidigen. Im Jahr 2022 in Europa. Was für ein Wahnsinn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.