Hanna kehrte in die Ukraine zurück, um zu helfen – ihre Kinder blieben in Italien

Anna Kopylova copyright Mariko Becher

Ihr Lieben, über drei Monate tobt nun der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen, ganze Städte sind zerstört, es gibt viele, viele Tote. Wir dürfen uns nicht an diesen Krieg gewöhnen. Wir müssen und immer wieder klar machen, wie grausam das ist, was nur wenige tausend Kilometer von uns passiert. Die Journalistin Sandy Bossier-Steuerwald portraitiert Geflüchtete in dem Blog „Frauen auf der Flucht“, wir dürfen hier die Geschichte von Hanna erzählen:

Frauen auf der Flucht copyright Bossier Steuerwald

„Wir haben in Kiew in einer schönen Mietwohnung gelebt, die auf einer Anhöhe liegt. Als wir auf die Flucht gingen, habe ich mich weinend von allen Sachen darin verabschiedet: Von meinen Büchern, den Spielsachen meines Sohnes, dem Stoffschweinchen meiner Tochter. Ich wusste nicht, ob ich sie jemals wiedersehen würde…

Ich bin Mutter von zwei Kindern, mein Sohn Ivan ist elf, meine Tochter Sasha ist acht. Ich habe auch zwei Arbeitgeber, arbeitete als Regisseurin für Werbespots sowie als Art Director in einem Buchverlag. Mein Mann und ich haben uns vor ein paar Jahren scheiden lassen, sind aber weiterhin eng befreundet. Wir hatten einen großen Freundeskreis, und ich genoss es, meine Freizeit mit den Kindern zu verbringen oder manchmal auszugehen. So viel zu meinem Leben bis zum 24. Februar 2022.

Nach Ausbruch des Kriegs zog ich mit den Kindern, meinem Bruder und seiner Familie sowie einigen Freunden zunächst ins Haus meiner Eltern, außerhalb von Kiew. Als nach zwei Wochen die Lebensmittel knapp wurden und Bedrohung näher rückte, entschieden wir auf die Flucht zu gehen. Vor Ort wurden Ressourcen beim Militär benötigt, die Soldaten haben Vorrang, sie müssen mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden.

Also nahm ich den Jeep meines Vaters und bin nach Katowice und über Lwiw nach Polen gefahren. Von dort nach München und dann nach Italien, wo meine Familie vor zehn Jahren ein Ferienhaus am Lago Maggiore gekauft hatte. Der Vorbesitzer war Deutscher und wollte zuerst nicht an Ukrainer verkaufen. Als er dann hörte, dass meine Mutter halb deutsch ist, war es dann doch okay… Seit dem 15. März 2022 halten sich meine Kinder nun in Italien auf, meine Eltern kamen ein paar Wochen später aus der Ukraine nach. 

Nun möge man meinen: „Alles gut fürs erste,“ aber ich bekam gesundheitliche Probleme. Ich hatte in den vergangenen acht Wochen eine andauernde Herzfrequenz von 110 Schlägen pro Minute. Es war sehr beängstigend und schwer zu begreifen, aber es war, als hätte ich eine dauerhafte Panikattacke. 

Ich brauchte keine Blutdruckmesser-App, so deutlich spürte ich mein Herz am Hals.

Also beschloss ich, mich beim Freiwilligenteam zu melden und allein in die Ukraine zurückzukehren. Am 8. Mai 2022 nahm ich ein Flugzeug nach Charkiw und von dort aus zwei Züge nach Kiew. In der Schlange am Grenzübergang standen Freiwillige und Militärs aus den USA, aber auch ein paar Hippies mit Trommeln. Seit dieser Rückkehr erscheint mir insgesamt alles sehr befremdlich, alle meine Freundinnen haben die Heimat verlassen. 

In der Ukraine scheint es keine Frauen mehr zu geben. 

Nun gehe ich hier in Kiew Tag für Tag körperlich schwerer Arbeit nach. Ich sehe belastende Dinge, Telefone aus geschmolzenem Plastik, Einschusslöcher an Zimmerwänden, ja die physische Scheiße der Besatzer in den Ecken. Es macht mich so wütend, dass ich am liebsten die Böden komplett rausreißen möchte. Ende Mai werde ich laut Plan zurückkehren nach Italien, wo meine Kinder sind. Der Preis sie zurückzulassen war hoch, aber wissen Sie was: In der Ukraine schlägt mein Herz wieder normal. Trotz allem geht es mir gesundheitlich hier besser – Ist das nicht verrückt?

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Die ganze Geschichte von Hanna Kopylova und vielen, weiteren mutigen Frauen auf der Flucht findet Ihr hier: http://www.frauenaufderflucht.de/ oder auf Instagram. Solltet ihr Frauen kennen, die die Ukraine verlassen haben, freut sich Sandy auch über die Vermittlung von Interviewpartnerinnen. Sandy wurde für dieses wichtige Projekt mit dem „Blue Dove Award“ von Atists4Ukraine für das Projekt ausgezeichnet.

Fotos: Mariko Becker und Sandy Bossier-Steuerwald

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