Nun 5 Kinder: „Wir haben 2 Geschwister aus der Ukraine aufgenommen“

Flüchtlinge

Foto: pixabay

Ihr Lieben, als uns unsere Leserin schrieb, dass sie plötzlich neben ihren drei eigenen Kindern noch zwei hat, weil sie helfen wollte, waren wir ganz gerührt. Als sie dann auch noch erwähnte, dass sie sich das vor allem getraut hat, weil wir selbst 2015 eine Familie aus Syrien bei uns aufgenommen haben und sie unsere Berichte darüber so machte, waren wir fast sprachlos. Und so, so dankbar. Wenn wir hier in solch guten Richtungen motivieren können, dann lohnt sich doch echt alles, oder? Hier erzählt uns die toughe Mama, die zum Schutz der Kinder lieber anonym bleiben möchte, von den ersten Tagen mit ihren Gästen aus der Ukraine.

Du Liebe, du hast drei eigene Kinder und nun habt ihr vor einigen Tagen zwei Geschwister aus der Ukraine aufgenommen, sie sind 14 und 20. Wie kam es dazu?

Eine Bekannte aus der Fußballmannschaft meines Sohnes sprach mich an. Ihre Freundin aus der Ukraine suchte für ihre Nichte und ihren Neffen eine Bleibe hier in Deutschland. Die Beiden haben sich in der Nacht vom 3. auf den 4. März innerhalb der Ukraine auf den Weg gemacht, sie wurden von ihrer Tante bis zur slowakischen Grenze gebracht.

Zuerst wollten sie im Westen bleiben, aber auch da spitzte sich die Situation immer weiter zu.
Nach vielen Nächten in diversen Notunterkünften etc. wollten sie nur noch weiter, es fehlte ein Ziel in Deutschland und da kamen wir ins Spiel.

Wo sind die Eltern der beiden?

Die Eltern der beiden sind in Charkiw geblieben, der Vater darf nicht ausreisen und die Mutter bleibt beim Vater. Gleichzeitig beschützen die Eltern ihr Haus, da es vor Plünderern nicht sicher ist.

Wie halten die Beiden Kontakt mit Eltern, Verwandtschaft und Freunden?

Zum Glück haben beide ein Handy, die Familie hat täglich Kontakt über FaceTime bzw. Videotelefonie. Gleichzeitig gibt es einen Familien-Chat, wo alle drin sind und man sich austauscht. Der Kontakt zu Freunden wird auch so gehalten, ein Teil der Freunde ist ebenfalls in Deutschland, zum Teil in Hamburg und Berlin.

Gestern wurde über Video mit den Eltern gebacken, denn wenn mal kein Raketenalarm ist, halten die Eltern sich im Erdgeschoss des Hauses auf und haben dann Zeit, in Kontakt zu treten. So haben Schwester und Bruder dann Muffins bei uns gebacken, sie in die Kamera gezeigt – und ich durfte sie essen.

Hattet auch ihr selbst auch schon Kontakt mit den Eltern?

Ja, auch via Videotelefonie. Es war sehr emotional. Da stehen Eltern vor dir, der Vater, ein Bär von einem Mann, der weinend in sich zusammensackt, weil er seine Kinder weggeschickt hat. Der dicke Kloß in meinem Hals war gigantisch. Wie müssen sie sich fühlen? Die Kinder in fremde Hände geben, fremden Menschen das Wertvollste anvertrauen…

Wie unterhaltet ihr euch, mit Händen und Füßen, Übersetzungs-App?

Zum Glück sprechen beide sehr gut Englisch, hinzukommt, dass beide in der Schule auch Deutsch-Unterricht hatten. Allerdings reichen die Deutschkenntnisse nicht aus. Gleichzeitig nutzen wir die Übersetzungs-App auf dem Handy, dies hilft schon weiter.

Wie war das erste Zusammentreffen?

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Ich war aufgeregt – und wie! Die große Schwester hatte mir vorab schon über die Freunde-App ihren Standort übermittelt, so konnte ich ihre Reise innerhalb der Ukraine schon verfolgen. Wir haben dann vorab telefoniert und ein erstes Kennenlernen gehabt.

Danach war es deutlich entspannter. Beide machten sofort einen unheimlich sympathischen Eindruck. Als ich sie dann vor einer Woche in Köln am Bahnhof abgeholt habe, war es, als würde ich Bekannte abholen.

Gleichzeitig war eine unglaubliche Traurigkeit dabei. Man hat ihnen die Strapazen der letzten Wochen angemerkt. Sie sind beide unendlich dankbar, sagen es immer wieder, was mir zum
Teil unangenehm ist. Das liegt aber eher an mir, weil ich solche Dinge schlecht annehmen kann.

Welches kleine Zwischenfazit ziehst du, läuft alles so, wie du dir das vorgestellt hattest?

Naja, ich dachte halt, die Schwester ist 20, also ist alles für den minderjährigen Bruder geregelt. Dem ist aber nicht so, dies entscheidet hier das Jugendamt. Plan A ist es, dass die Schwester die Vormundschaft übernimmt, wenn der Richter dem zustimmt. Sollte dies nicht der Fall sein, dann
kommt Plan B, also ich ins Spiel, dies war auch der Wunsch der Eltern. Wir hoffen, dass dieser Punkt bald erledigt werden kann, aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam.

Bekommst du irgendeine Form von Unterstützung dafür, dass du jetzt zwei weitere Menschen versorgst?

Dies weiß ich aktuell nicht, das Jugendamt hatte da etwas erwähnt, aber bisher gab es da noch nichts Konkretes. Dies ist aber aktuell nebensächlich, finanziell kriegen wir das hin, dann gibt´s halt für mich ein paar Schuhe weniger.

Weißt du, wie lang die Geschwister bei euch bleiben?

So lange, wie sie es brauchen. Das Jugendamt kümmert sich gerade um eine kleine Wohnung für die beiden, sie sollen dann hier bei uns in der Nähe wohnen. Besser jedoch wäre es, wenn dieses unsagbare Leid in der Ukraine ein Ende hätte und sie zurück zu ihren Eltern und Freunden könnten…

Wo siehst du dir größten Herausforderungen für sie?

  • Das Studium der Großen. Sie hat in ihrer Heimat studiert, ist fertig, muss nur noch ihre Diplomarbeit einreichen.
  • Hier Anschluss zu finden und beide nicht in ein Loch fallen lassen.
  • Das Beste aus dieser Zeit hier zu machen und ihnen ein wenig Alltag mit an die Hand geben.
  • Traumabewältigung! Ganz großes Problem, vor allen Dingen dann, wenn hier mal wieder die Düsenjets übers Haus fliegen, weil gerade Übungsflüge angesagt sind. In solchen Momenten da zu sein und zu zeigen, dass alles in Ordnung ist und jetzt keine Bomben angeworfen werden.

Und wo für euch?

Dass auch meine eigenen Kinder nicht zu kurz kommen. Dies ist neben unseren Vollzeit-Jobs eine ordentliche Herausforderung, denn jeder hat seine Bedürfnisse und diese wollen auch befriedigt
werden. Dass wir uns alle verstehen, aber auch jeder sich traut, auszusprechen, wenn es mal nicht so gut läuft.

Was wünschst du dir für die nächsten Wochen?

Die Unterstützung, die mir jetzt gerade angeboten wird, die ich jetzt im Prozess des Ankommens und Vertrauen aufbauen noch nicht annehmen kann. Ich wünsche mir, dass ich auch in ein paar Wochen noch auf die Angebote zurückgreifen kann, wenn es darum geht, eine Wohnung einzurichten etc….

Was möchtest du anderen Familien mitgeben, die Geflüchtete bei sich zu Hause aufnehmen?

Wenn ihr die Kraft, den Platz und auch die Zeit habt, dies zu machen, dann tut es. Nutzt die Hilfsangebote von offizieller Seite, Jugendamt, Sozialamt etc. Denkt daran aber auch an euch, sucht euch jemanden zum Austausch für den Fall der Fälle.

Sucht Euch frühzeitig jemanden für den Worst Case, falls es zu schlimmen Nachrichten von zu Hause kommt, was die Familie betrifft, denn dies ist eine Aufgabe, die man wohl nicht ohne Hilfe schafft.

Und sollte alles positiv verlaufen und die Zwei kehren zurück nach Hause zu ihren Eltern, dann haben wir schon eine Einladung für einen Winterurlaub, damit auch wir mal richtig Schnee haben…

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2 comments

  1. Zunächst einmal sehr gut, dass Ihr die beiden aufgenommen habt. Das ist absolut bewundernswert!

    Gestattet mir bitte trotzdem eine kritische Anmerkung: Eine 20jährige junge Erwachsene kurz vor Studienabschluss und ein 14jähriger Jugendlicher sind keine „Kinder“. Ich denke, es ist wichtig das im Kopf zu behalten, damit es keine falschen Erwartungen und Enttäuschungen gibt.

  2. Das ist irgendwie so schön, in so einer unschönen Zeit! Ich wünsche Euch alles Liebe und natürlich, dass der Best Case eintritt und ihr auch mal richtigen Schnee sehen könnt!

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