Gastbeiträge

26/11/2016 - 06:30

Land-Mama Lisa

Gastbeitrag von Ute: wie ich nach zwei Kaiserschnitten endlich eine Hausgeburt erleben durfte

Ein sonniger Sonntagmorgen im November: Ich liege müde aber glücklich auf einer großen Matratze in unserem Wohnzimmer. Vor nicht einmal vier Stunden kam hier unser Sohn zur Welt. Jetzt sitzen unsere drei älteren Kinder bei mir und bestaunen ihren schlafenden Bruder. Mein Mann richtet gerade das Frühstück und der frische Kaffe duftet verführerisch.

Soweit so gut und eigentlich keine besondere Sache. Immerhin kamen im Jahr 2014 in Deutschland mehr als neuntausend Kinder ausserhalb von Geburtskliniken zur Welt. Doch meine erste Hausgeburt war gleichzeitig erst meine zweite natürliche Geburt. Unsere beiden großen Kinder wurden durch Kaiserschnitte geboren und Kind Nummer drei kam im Krankenhaus zur Welt.

Der Weg zu dieser dritten Geburt war für mich die größte Herausforderung. Ich habe dabei gelernt, alte Glaubenssätze über den Haufen zu werfen und nach Lösungen zu suchen, anstatt vor allem Probleme zu sehen. Vom Weg zu dieser ersten natürlichen Geburt nach zwei Kaiserschnitten möchte ich Euch gerne berichten.

Doch zunächst ein Blick zurück.

Als ich vor 17 Jahren mit unserem ersten Kind schwanger war, wusste ich sofort, daß die Geburt zu Hause stattfinden soll. Als Medizinstudentin hatte ich Klinikgeburten gesehen und konnte mir das selbst nicht vorstellen. Voller Vertrauen und Vorfreude blickten mein Mann und ich der geplanten Hausgeburt entgegen. Doch leider kam alles anders als erwartet. Selbst nach vielen Stunden unerträglich schmerzhafter Wehen war der Muttermund nur wenige Zentimeter eröffnet und der Kopf hatte sich nicht ins Becken gesenkt. Auch die Verlegung in ein nahe gelegenes Krankenhaus und eine PDA brachten nicht die erhoffte Wende. Gegen Nachmittag beschloss die Dienst habende Ärztin, das Kind durch einen Kaiserschnitt zu holen.

Völlig entkräftet ließ ich die Operation über mich ergehen. Während die Ärzte über unser Baby witzelten „Der hat ja schon einen Schulranzen auf“ , denn der kleine große Kerl wog bei seiner Geburt 4700g und war 58 cm lang, war mir überhaupt nicht zum Lachen zu Mute.

Ich haderte lange mit diesem Erlebnis. Vor allem, weil wir nach der Geburt grundlos getrennt wurden, dauerte es einige Zeit, bis ich überhaupt so etwas wie Muttergefühle für mein Baby empfinden konnte. Auch das Stillen klappte am Anfang schlecht, doch wenigstens das bekamen wir mit viel Geduld in den Griff. Es wurde zu einem wichtigen Teil unseres gemeinsamen Heilwerdens nach dieser Geburt. 

Bei unserem zweiten Kind wollte ich vieles anders machen.

Deshalb meldete ich mich zur Geburt im Geburtshaus an und achtete während der Schwangerschaft auf meine Ernährung, denn ich hoffte damit ein weiteres schweres Kind zu vermeiden. Doch kurz vor dem Geburtstermin kündigte das Geburtshaus die Begleitung auf. Bei einer anderen Mutter,  ebenfalls im Zustand nach Kaiserschnitt, hatte sich die Narbe an der Gebärmutter leicht geöffnet, ohne daß es zu Komplikationen gekommen war. Nun stand ich kurz vor der Geburt ohne Betreuung da.

Jetzt zeigte sich, daß ich die vorherige Geburt noch nicht richtig verarbeitet hatte. Ich geriet in eine Spirale aus Angst und Verzweiflung und als einziger Ausweg und Erlösung bot sich der geplante Kaiserschnitt an. Ich spürte zwar tief in mir, daß dies ist nicht der richtige Weg wäre, aber in meiner damaligen Situation sah ich keine andere Möglichkeit.

So erfolgte mein zweiter Kaiserschnitt geplant bei 39+1 Schwangerschaftswochen. Direkt nach der Geburt, noch im OP-Saal, legte man mir unsere kleine Tochter auf die Brust und wir hatten eine wunderschöne erste Kennenlernzeit. Deshalb war dieser zweite Kaiserschnitt trotz aller Zweifel, eine durchaus positive Erfahrung für mich. Dennoch quälte mich der Gedanke, daß ich in meinem Leben niemals mehr ein Kind auf natürliche Weise zur Welt bringen würde. Und dies, obwohl ich mir immer drei oder vier Kinder gewünscht hatte.

Ich begann zu recherchieren und mich genauer mit den Gründen für meine beiden Kaiserschnitte zu beschäftigen. In dieser Phase lernte ich im Internet eine Mutter kennen, die sich gerade auf dem gleichen Weg wie ich befand. Einige Zeit später berichtete sie mir über ihre geglückte natürliche Geburt nach zwei vorherigen Kaiserschnitten. Nun war ich mir sicher, auch für mich könnte es bei einem dritten Kind die Möglichkeit einer natürlichen Geburt geben.

Doch der Weg zu meiner natürlichen Geburt nach zwei Kaiserschnitten war nicht einfach. Ich musste mich mit diversen eigenen und fremden Ängsten beschäftigen und lernen, meinem Körper zu vertrauen. Einige Menschen in meinem Umfeld standen meinem Wunsch sehr kritisch gegenüber und ich fühlte mich teils massiver Kritik ausgesetzt. Aber ich war mir sicher, dies würde mein Weg sein und nichts außer gravierenden medizinischen Problemen, die gegen eine natürliche Geburt sprechen, würde mich von meinem Vorhaben abbringen.

Am Ende der Schwangerschaft wurde meine Geduld hart auf die Probe gestellt, denn der Geburtsbeginn ließ auf sich warten. Erst am 13. Tag nach dem erwarteten Termin machte sich unsere Tochter auf den Weg. Die Geburt selbst begann, wie beim ersten Kind, mit sehr heftigen Wehen. Sie dauerte knapp 22 Stunden und meine Hebamme war während dessen ununterbrochen meiner Seite. Auch eine Oberärztin der Geburtsklinik verbrachte die letzten Stunden der Geburt bei mir.

Meine gründliche Vorbereitung auf die Geburt machte sich jetzt bezahlt. Ich hatte Menschen um mich, die mich vorbehaltlos unterstützen und verlor trotz des langwierigen Verlaufes mein Ziel nie aus den Augen. Trotzdem grenzte es für mich fast an ein Wunder, als meine kleine Tochter nach den anstrengenden Stunden endlich auf mir lag und ihr kleines Köpfchen nach der Brust suchend hin und her drehte. 

Leider ist meine Geburtsgeschichte eher die Ausnahme als die Regel. Nur 26% aller Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, erleben beim nächsten Kind eine natürliche Geburt. Nach zwei Kaiserschnitten ist das sogar eine Seltenheit.

Deshalb möchte ich hier 10 wichtigsten Schritte schildern, die mir in der Vorbereitung auf meine persönliche Wunschgeburt geholfen und aus meiner Sicht den Ausschlag für das Gelingen gegeben haben.

  1. Die vorherigen Kaiserschnitte verstehen und verarbeiten

Ich habe mir die Geburts- und OP Berichte der zurückliegenden Geburten schicken lassen und bin diese mit meiner Hebamme durchgegangen. So konnte ich sehen, welche Denkweisen und medizinischen Interventionen zu den vorherigen Kaiserschnitten beigetragen haben. Für mich selbst hatte ich gleich nach den Geburten Berichte verfasst. Das hat mir persönlich geholfen, das Geschehen zu verarbeiten.

2. Ein Netzwerk aus professionellen und sonstigen Unterstützern schaffen

Ich habe mir schon früh in der Schwangerschaft eine Hebamme gesucht und sehr offen über mein Vorhaben gesprochen. Ich wollte wissen, ob ich mit ihrer vorbehaltlosen Unterstützung rechnen kann oder ob sie im entscheidenden Moment kalte Füße bekommt. Auch mit meiner niedergelassenen Gynäkologin habe ich beim ersten Vorsorgetermin gesprochen, um zu sehen, wie sie reagiert. Hätte Sie meine Pläne abgelehnt, hätte ich mir eine andere Ärztin gesucht. Der Grund dafür ist: in einer Schwangerschaft nach einem oder zwei Kaiserschnitten braucht es bestärkende Begleitung. Sorgen hab ich mir selbst schon genug gemacht. Wenn man sich gleich zu Beginn der Schwangerschaft ein Netzwerk an positiven Unterstützern aufbaut, trägt einen dieses Netzwerk durch die Zeiten, in denen Ängste und Sorgen überhand zu nehmen drohen. 

3. Fakten selbst recherchieren und gegebenenfalls eine Zweitmeinung einholen

Als Schwangere mit zwei Kaiserschnitten in der Vorgeschichte findet man kaum Ärzte und Hebammen, die bereit sind, eine natürliche Geburt zu begleiten. Die meisten Geburtshelfer glauben, dies sei zu gefährlich oder gar unmöglich. Eine Ärztin versicherte mir sogar, ich müsse mit einer Ruptur-Rate (Einreißen der Gebärmutter kurz vor oder während der Wehentätigkeit) von 20% rechnen.

Also machte ich mich selbst auf die Suche um herauszufinden, ob eine Geburt nach zwei Kaiserschnitten tatsächlich so unmöglich und gefährlich ist. Ich sichtete die medizinischen Studien zu den Risiken einer so genannten Uterusruptur und befragte Geburtshelfer, die schon einmal Frauen nach zwei oder mehr Kaiserschnitten begleitet hatten. Zu meinem großen Erstaunen stellte ich fest, daß nur 2 bis 5 von 1000 Frauen mit einem Kaiserschnitt in der Vorgeschichte, eine Ruptur erleben. Auch nach zwei Kaiserschnitten ist das Risiko für diese Komplikationen nicht wesentlich höher. Dieses Wissen beruhigte mich.

4. Herausfinden, ob ein erneuter Kaiserschnitt medizinisch erforderlich ist

Es gibt nur wenige Gründe, die einen erneuten Kaiserschnitt zwingend erforderlich machen. Dazu gehört beispielsweise eine Plazenta, die den Geburtskanal verlegt oder wenn man schon einmal eine Ruptur der Gebärmutter erlebt hat.  Beides ist eher selten. Trotzdem ist die Rate der Mütter, die in Deutschland nach einem Kaiserschnitt eine natürliche Geburt erleben, mit 26% erstaunlich niedrig. Häufig spielen nichtmedizinische Gründe, wie die Angst vor juristischen und haftungsrechtlichen Konsequenzen eine größere Rolle, als der tatsächliche Zustand von Mutter und Kind. Mit einem wiederholten Kaiserschnitt ist ein Arzt einfach immer auf der sicheren Seite.

5. Ängste ernst nehmen

Es ist ganz normal, vor einer Geburt Respekt zu haben. Mit einem Kaiserschnitt in der Vorgeschichte kommt das geringe, aber nicht von der Hand zu weisende Risiko hinzu, daß die Narbe der Wehentätigkeit der Gebärmutter nicht stand hält. Ist diese oder eine andere Angst da, hilft es nicht, sie zu verdrängen. Spätestens während der Geburt wird man mit ihr konfrontiert. Deshalb ist es besser, Ängste wenn sie auftauchen anzunehmen und ihnen den Raum zugeben, den sie benötigen. Das bedeutet z. B. sich zu überlegen, was genau einem Angst macht und diese Sorgen dann VOR der Geburt mit Hebamme oder Arzt zu besprechen. Gemeinsam kann man sich vergegenwärtigen, wie selten die meisten Komplikationen eintreten und mögliche Szenarien dafür besprechen. Auch positive Suggestionen können helfen, mit Ängsten umzugehen. Dazu später mehr.

6. Die Hauptpersonen bei der Geburt sind ICH und das Baby

Bei einer Geburt wirken unterschiedliche Hormone zusammen. Allen gemeinsam ist, daß sie durch Stresshormone und äussere Reize blockiert werden können. Deshalb habe ich mir vor der Geburt genau überlegt, wo sich bei MIR ein Gefühl der Geborgenheit und des Beschützt seins einstellt. Es hat keinen Sinn, wenn ich bei der Geburt meines Kindes versuche, anderen Menschen etwas Recht zu machen. Es geht hier um mich und mein Baby und um niemanden sonst. Deshalb wollte ich weder bei der Wahl des Geburtsortes, noch bei der Wahl meiner Begleiter Kompromisse eingehen.

7. Loslassen, wenn alles organisiert ist

Jede Geburt ist anders. Sicherlich haben alle Mütter diesen Satz schon einmal irgendwo gehört oder gelesen. Und er stimmt ja auch. Für mich bedeutet das: Ich habe großen  Einfluss auf die Rahmenbedingungen der Geburt. Diese kann ich so gestalten, daß eine natürliche und medizinisch unbeeinflusste Geburt wahrscheinlich ist.

Aber dann kommt der Moment, wo ich loslassen muss. Wo ich einfach sagen muss, ich habe jetzt alles mir mögliche getan und werde mich nun auf meinen Körper, meine innere Stärke und meine Begleiter verlassen und voller Vertrauen in diese Geburt gehen.  Ich werde sie hoffentlich so annehmen können, wie sie verlaufen wird. Denn genau das werde ich irgendwann kaum beeinflussen können.

8. Positive Suggestionen und die Geburt visualisieren

Viele Mütter, die einen Kaiserschnitt erlebt haben, kenne diese inneren Stimmen: „Mein Körper hat versagt!“, „ Ich kann keine Kinder auf natürlichem Weg bekommen!“,  „Ob wohl die Narbe halten wird?“, „Bestimmt ist der Kopf wieder zu groß und senkt sich nicht ins Becken!“ und vieles andere mehr. Damit diese Gedanken keine Macht über die Geburt bekommen, kann man diese negativen Autosuggestionen in positive Bilder umwandeln,  wie beispielsweise: „Mein Körper ist perfekt dafür geeignet, ein Kind zu gebären“ oder „Mein Becken ist ganz weit“ . Dazu kann man sich eine sich öffnende Blüte oder was einem sonst noch so gefällt, vorstellen.

9. Die Schwangerschaft dauert so lange, wie sie dauert

Der so genannte erwartete Geburtstermin ist ein theoretisches Konstrukt, denn nur 5% aller Kinder kommen an diesem Tag wirklich zur Welt. Sinnvoller ist es, von einem Geburtszeitraum zu sprechen, der ungefähr mit dem Ende der 37. Schwangerschaftswoche beginnt und sich bis zum Ende der 42. Schwangerschaftswoche erstreckt. Erst danach ist es angebracht, von einer Übertragung zu sprechen. Allerdings besteht immer wieder die Sorge, daß es mit dem Verstreichen des erwarteten Termins zu allerhand geburtshilflichen Problemen bei Mutter und Kind kommen kann. Ob das Überschreiten des erwarteten Termins dabei ein eigenständiges Risiko ist, konnte bislang von den Wissenschaftlern noch nicht geklärt werden. Vielmehr ist es gerade mit einem Kaiserschnitt in der Vorgeschichte wichtig, mit jeglichen Methoden zur Einleitung der Geburt sehr zurückhaltend umzugehen. Der natürliche Wehenbeginn ist auf jeden Fall günstiger für den Geburtsverlauf.

10. Plan B haben

Auch wenn man sich noch so gut vorbereitet hat, ist der Ausgang einer Geburt schlussendlich nicht vorhersehbar. Deshalb habe ich persönlich eine Klinik gewählt, die mich auch bei einem erneuten Kaiserschnitt gut begleitet hätte und in der das so genannte „Sectio-Bonding“ möglich gewesen wäre. Sectio-Bonding bedeutet, daß das Baby sofort nach dem Kaiserschnitt direkt zur Mutter auf die Brust gelegt wird. Das OP-Team muss dazu einige Vorbereitungen treffen, damit das Baby nicht fallen kann und nicht friert. Eine Begleitperson unterstützt die Mutter.

Für eine Geburt nach vorherigem Kaiserschnitt ist es andererseits sehr wichtig, dem Gedanken an einen erneuten Kaiserschnitt nicht allzu viel Raum zu geben. Man kann die Möglichkeit eines erneuten Kaiserschnittes nicht ausschließen und sollte ein klein wenig darauf vorbereitet sein, kann sich dann aber innerlich voll auf das Gelingen der natürlichen Geburt ausrichten.

 

Nachtrag:

Die Mutter, die ich im Internet kennen gelernt hatte, traf ich später persönlich. Wir sprachen über unsere Geburtserfahrungen und stellten fest, daß man mit einem Kaiserschnitt in der Vorgeschichte, schneller als man es selbst für möglich hält, auch das nächste Kind auf dem OP-Tisch zur Welt bringt. Ein dritten Kaiserschnitt schien nach dieser Vorgeschichte bei uns beiden unausweichlich. Er blieb uns nur deshalb erspart, weil wir für unsere natürliche Geburt kämpften und uns genau über die medizinischen Möglichkeiten informiert hatten, die uns offen standen.

Das Wissen und die Erfahrungen, die wir in der Vorbereitung auf unsere Geburten gesammelt hatten, wollten wir nicht für uns behalten. Aus dieser Überlegung heraus entstand die Idee ein Buch zu schreiben. Es heißt „Meine Wunschgeburt-Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt“ (Amazon-Affiliate-Link) und wurde im Verlag edition riedenburg veröffentlicht.

 

Tags: Kaiserschnitt, Geburt, Hausgeburt, Entbindung, Selbstbestimmte Geburt, Mut, Kraft

Das könnte dich auch interessieren...

Kommentare

Nadja — Sa, 11/26/2016 - 16:35

Liebe Ute, schön, dass für dich und dein Kind alles gut gegangen ist. Allerdings beträgt das Rupturrisiko bereits nach einem Kaiserschnitt 0,4 %, also eine von 250 Frauen erlebt das. Eine Ruptur kann für die Mutter und das Kind tödlich ausgehen, vor allem wenn man nicht in einem Krankenhaus entbindet. Vor dem Hintergrund kann ich nicht verstehen, warum ihr in eurem Buch diesen Weg propagiert. Ihr habt ja im Buch sogar das Beispiel einer Mutter mit vier Kaiserschnitten, die danach zu Hause spontan entbindet. Gottseidank gut gegangen, kann man da nur sagen. Das Risiko, dass so etwas schiefgeht, ist sehr hoch. Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, warum man solche Risiken für sich und sein Kind eingeht, nur um eine unkomplizierte Standard OP wie eine Sectio zu umgehen. Aber wie gesagt, schön dass es für dich und dein Kind gut gegangen ist. Liebe Grüße, Nadja

Ute — Sa, 11/26/2016 - 18:28

Liebe Nadja, wir propagieren im Buch keinen Weg, sondern ermutigen die Frauen dazu, ihren eigenen Weg zu gehen, nach sie sich informiert und mit ihren Ärzten und Hebammen gesprochen haben. Bei den Geburtsberichten haben wir Frauen aufgefordert, uns ihre Erfahrungen mitzuteilen. Bei knapp über 30 Berichten sind zwei Berichte darunter, bei denen die Mutter eine Ruptur der Gebärmutter erlebt hat. Das steht also in keinem Verhältnis zu den von Dir erwähnten 0,4%. Wir haben das bewusst getan, um die Geburt nach vorherigem Kaiserschnitt nicht zu verharmlosen. Andererseits haben wir auch den Bericht der Mutter mit aufgenommen, die nach 5 Kaiserschnitten eine ausserklinische Geburt hatte. Wir haben jedoch ausdrücklich darauf hingewiesen, daß wir das Vorgehen, daß in den Geburtsberichten teils beschrieben wird, nicht weiter empfehlen. Aber die Berichte schönen? Nein!!! Berichte unterdrücken? Nein!!! Denn gerade die Mutter mit den vielen Kaiserschnitten hat sich schon von Anfang an nicht gehört gefühlt und wir wollten zeigen, was Frauen wirklich bewegt und wie groß auch die Ängste vor einem Kaiserschnitt sein können. Du schreibst selbst, daß das Risiko für eine Ruptur bei 0,4% liegt. Je nach Untersuchung kann es auch bei 0,2% liegen. Das widerspricht doch der Aussage, daß das Risiko hoch ist. Ausserdem sind darin sind auch jene Fälle enthalten, bei denen die Ruptur auf Grund vorheriger Einleitungsversuche stattfand und Fälle nicht vollständiger Rupturen. Eine Ruptur bedeutet auch nicht gleich totes Kind. Um einen kindlichen Todesfall durch eine Ruptur zu verhindern sind ca. 2500 oder mehr Kaiserschnitte notwendig. Im Rahmen der Untersuchungen zur Müttersterblichkeit in Bayern wurde in den letzten mehr als 20 Jahren kein einziger Fall dokumentiert, bei dem die Mutter an den Folgen einer Ruptur verstorben ist. Sehr häufig kann das also nicht sein. Ich denke, die Risiken sind den meisten Müttern bewusst und werden eher groß als klein geredet. Aber zum Glück gibt es (klinische) Geburtshelfer, die Frauen dazu ermutigen, auch nach mehr als einem Kaiserschnitt auf natürlichem Weg zu gebären. Ich bin froh, daß ich dies erfahren durfte.

Alice — So, 11/27/2016 - 17:27

Hallo Nadja, ein Kaiserschnitt ist für Mutter und Kind ebenfalls risikoträchtig und mitnichten eine "unkomplizierte Standard-OP". Dein Kommentar verharmlost Kaiserschnitte und verteufelt VBAC / HBAC. Eine Ruptur kündigt sich im Übrigen an. Auch zuhause ist man im extrem unwahrscheinlichen Fall einer Ruptur (unter 1%) also noch handlungsfähig. Viele Komplikationen bei Klinikgeburten sind hausgemacht, ich wüsste gern, bei wie vielen der 0,4% Rupturen z.B. ein Wehentropf im Spiel war... Nur als Denkanstoß!

Pia — So, 11/27/2016 - 14:58

Hallo Gratuliere! Aber du erwähnst leider nicht, wie genau die Hausgeburt verlief, wer dich unterstützt hat und wie es abgelaufen ist? Warum nicht? Welche Hebamme darf eine Frau mit zwei Sectiones zuhause betreuen? Ich dachte, nach dem Totschlagsurteil gegen Anna R-L., die ja deine fachliche Beraterin für dein Buch war, seien viele Hebammen vorsichtigere geworden - immerhin würde die Hebamme gegen sämtliche berufsrechtliche Regelungen verstoßen und keine Haftpflichtversicherung würde im Falle eines Schadens zahlen. Also, wer hat dich betreut? Das wollen sicher viele Mütter wissen. Bitte um eine ehrliche Antwort. Denn was sollen sonst Mütter, die ähnliches planen und umsetzen möchten, mit deiner Geschichte anfangen? Alles Gute Pia

Ute — So, 11/27/2016 - 15:38

Liebe Pia, danke für Dein Interesse an meiner Geschichte. Wie Du vielleicht gelesen hast, hatte ich nach meinen beiden Kaiserschnitten, die eher unnötig waren, die ich aber inzwischen sehr gut akzeptiert habe, eine Krankenhausentbindung. Mit meiner Geschichte möchte ich vor allem zeigen, daß es auch nach zwei Kaiserschnitten bei einer guten 1:1 Betreuung möglich ist, eine natürliche Geburt zu erleben. Und damit bin ich nicht die Einzige, auch wenn viele glauben, daß dies irgendwie "verboten" sei. Nein, es ist möglich, nur viele Kliniken bieten es nicht an. Interessanter Weise werden nach einem Kaiserschnitt bei Frauen durchaus Geburten eingeleitet, wobei das Ruptur Risiko hier weitaus größer ist, als im Zustand nach zwei Kaiserschnitten. Als nächstes sprichst Du die fachliche Beratung an. Wenn Du Dir unsere Danksagung durchliest, wirst Du feststellen, daß wir eine ganze Reihe von Gynäkologen, teils auch Chefärzte gebeten haben, das Buch zu lesen und uns auf Fehler hinzuweisen. Die Endkorrektur hat dann besagte Ärztin und Hebamme, die vom Verlag als Fachlektorin hinzugezogen wurde, durchgeführt. Derartige Entscheidungen sind jedoch Verlagssache. Und, wie Du vielleicht gesehen hast, entstand unser Buch lange bevor das Urteil gefallen ist. Und nun zu Deiner letzten Frage: Die Begleitung von Hausgeburten nach zwei Kaiserschnitten ist möglich, wenn nach den Kaiserschnitten eine natürliche Geburt stattgefunden hat. Und es war eine ganz normale Hebammenbegleitung mit einer Fachärztin im Hintergrund. Selbstverständlich wurde ich vorher über alle möglichen Risiken aufgeklärt und habe ausschließen lassen, daß die Plazenta über der Narbe angesiedelt ist. Bei Hausgeburten ist ja eh klar, daß man sobald eine der beteiligten Personen ein ungutes Gefühl hat, eine Verlegung durchführt. Und mit meiner Vorgeschichte ist es nochmal schneller soweit. Reicht Dir das als Erklärung aus? Auch Dir alles Gute, Ute

Pia — So, 11/27/2016 - 17:13

Danke für deine Antwort! Musstest du bei der Hausgeburt unterschreiben, dass du in letzter Konsequenz die Verantwortung übernimmst? Eine Freundin von mir hat jedenfalls bei Zustand nach KS (wegen Bel) keine Hebamme gefunden, die sie beim zweiten Kind zuhause begleitet. Eben, wegen diesem Urteil und den Folgen. Daher wundert mich das. Was bedeutet Fachärztin im Hintergrund? War die auch anwesend? Ich denke, diese Informationen wären für viele Frauen wichtig.

ute — So, 11/27/2016 - 18:44

Hallo Pia, nein ich musste nichts unterschreiben und das wäre rechtlich auch nicht bindend gewesen. Eine BEL dürfen Hebammen zu Hause entsprechend ihrer berufsrechtlichen Vorschriften nicht begleiten, eine Geburt nach einem Kaiserschnitt oder wenn zwei Kaiserschnitte und eine natürliche Geburt dazwischen stattgefunden haben, schon. Das ist der Unterschied. Und es ist natürlich auch so, daß ich mit den Folgen klarkommen muss. Aber eben auch dann, wenn in der Klinik etwas passiert wäre. Immer sind die Eltern schlussendlich diejenigen, die für ein krankes oder behindertes Kind gerade stehen müssen im Leben oder damit klar kommen müssen, wenn etwas passiert ist. Es sind nicht die Ärzte und nicht die Hebammen. Niemand kann einem da die Verantwortung abnehmen. Auch dann nicht, wenn ich in eine Klinik gehe und mir dort nach einem vorherigen Kaiserschnitt ein Mittel zur Geburtseinleitung gegeben wird und ich dann eine Ruptur mit Notkaiserschnitt erlebe. Es ist immer ein Abwägen. Durch das Urteil gegen die Hebamme Anna R. hat sich viel geändert und auch Hebammen, die entsprechend ihrer Berufsordnung handeln, haben jetzt Angst. Meine Geburt fand allerdings vor diesem Urteil statt und falls Du darauf anspielst, es hat nicht Anna R. begleitet. Die Fachärztin hielt sich bereit und ist auch zur Geburt gekommen. Ich fand es besser, wenn eine weitere Person da ist. Allerdings muss man sagen, wenn es akut zu einer Ruptur kommt, die sich nicht ankündigt, hätte mir bzw. dem Kind das nur bedingt geholfen. herzlich Ute

Sine — Mo, 11/28/2016 - 07:23

Hallo! Auch ich hatte bei meinem ersten Kind einen Kaiserschnitt auf Grund einer BEL. Ich habe mich damals aus Angst entschieden und würde es nie wieder tun. Mein Kaiserschnitt war nicht schön. Es ist nichts passiert, aber ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert und trotz tollem Oberarzt, war das Team nicht gut eingespielt, was die Situation noch beängstigender machte. Meinen zweiten Sohn brachte ich im KH spontan zur Welt. Die Geburt dauerte vom Platzen der Fruchtblase bis zur Entbindung sage und schreibe vier Tage unter permanenter Weheneinleitung. Die Ärzte waren mehrfach kurz vorm Kaiserschnitt, aber ich wollte dies nur, wenn es medizinisch lebensnotwendig gewesen wäre. Die Hebammen haben mich die ganze Zeit unterstützt! Die zweite Geburt war anstrengender, keine Frage! Zudem hatte ich einen nicht bemerkten Plazentaabriss und musste einige Stunden nach der Geburt doch noch eine Not-OP bekommen. Aber die zweite Geburt hat mich für die erste entschädigt! Ich habe Freundinnen, die einen tollen Kaiserschnitt hatten. Ein tolles Team, Bonding usw. Ich möchte den Kaiserschnitt nicht verteufeln! Aber für mich war es nicht schön... Ich würde immer wieder tagelange Wehen auf mich nehmen, um anschließend diese Hormondurchflutung zu erleben! Wichtig ist, dass man sich verstanden fühlt und keine Scheu hat, alles zu sagen! Nicht alle haben medizinisches Vorwissen - ich auch nicht! Aber das muss ich auch nicht! Es gibt Menschen, die mir Fragen beantworten können, aber ICH muss sie stellen! Traut euch! Und wenn die Hebamme oder Ärztin einem kein 100% gutes Gefühl vermitteln, dann wechselt! Manchmal stimmt einfach die Chemie nicht... Aber bestimmt selber über euch!

Neuen Kommentar schreiben