1,5 Jahre Pandemie: Dinge, die kleine Kinder jetzt dringend bräuchten

Kinder in der Pandemie

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Ihr Lieben, Inke Hummel ist Familienbegleiterin und erfolgreiche Autorin etlicher Bücher, darunter Mein wunderbares wildes Kind, Mein wunderbares schüchternes Kind und Miteinander durch die Pubertät, die wir ja hier auch schon besprochen haben. Sie hat täglich Kontakt mit Eltern und weiß relativ genau, wo für Familien hierzulande der Schuhe drückt. Weil zwar viel über größere Kinder in Pandemiezeiten geredet wird – und welche Folgen die Krise und ihre Lockdowns für sie gehabt haben könnte, wollten wir mit ihr nun einmal den Fokus auf die Kleinere, auf die 0- bis 5-jährigen Kinder richten. Danke Inke, dass du dir zu diesem wichtigen Thema nochmal Zeit für uns genommen hast! 

Familienberaterin und Autorin Inke Hummel

Ich kann nur von der Schule unserer Teenies berichten, in der es auf einem Elternabend hieß, dieVertrauenslehrerInnen könnten sich nicht mehr retten vor Anfragen, seit die Schule wieder in Präsenz stattfindet. Sonst sei es nach den Sommerferien immer recht ruhig bei ihnen und erst in Richtung Weihnachten würden sie vermehrt angesprochen, weil die Stimmung in der Familie schärfer würde. Nun sei das anders. Da stehen 13jährige, die sagen, sie dürften nun keine schlechten Noten mehr scheiben, weil „ihre Eltern ja schon genug Sorgen durch die Krise hätten“. Da sind Kinder, die sich nicht trauen zuzugeben, dass Die Eltern kein Geld mehr für neue Kleidung für die Kinder hätten, weil sie in Lockdownzeiten nichts oder kaum verdient haben. Und da stehen Kinder, die erzählen, wie radikal sich der Ton in der Familie verschlechtert hat, weil alle immer aufeinanderhingen.

Mich haben diese Schilderungen erschaudern lassen. Denn auch wenn wir uns alle denken konnte, welche Auswirkungen die langen Schulschließungen hatten, so ist es nochmal etwas anderes, zu hören, wie schlecht es einigen Kindern wirklich dadurch ging und geht. Die wahren Auswirkungen werden wir erst nach und nach erkennen und erörtern können, denke ich. Wie die aktuelle Lage für die Kleinsten aussieht, dazu erzählt jetzt Inke Hummel.

Wunderbares wildes Kind
Inke Hummel: Mein wunderbares wildes Kind

Liebe Inke, was die VertrauenslehrerInnen an unserer Schule erzählen: Kannst du das aus deiner Praxis in der Familienbegleitung bestätigen?

Ich bekomme hierzu vor allem die Themen der Familien mit, deren Kinder etwa 3 bis 8 sind, teilweise aber auch schon im Jugendalter, und ja, da kann ich bestätigen, dass Corona nicht nur während der Phasen zu Hause problematisch war, sondern sich jetzt erst vieles zeigt, was dadurch verursacht wurde.

Teilweise spreche ich mit Familien, die ich schon eine Weile begleite und die wirklich gut aufgestellt waren im Alltag. Aber die Anforderungen durch Job und Kinderbetreuung plus mögliche Ängste um die Gesundheit der Liebsten bedeuteten wahnsinnig viel Druck, der sich nicht selten in Partnerschaften und auch in Eltern-Kind-Beziehungen zeigte. Da kann man sich kaum vorstellen, wie es in Familien lief, die vorher schon eine Reihe von Belastungen zu stemmen hatten. Ein bisschen kann man meist bewältigen, aber mit jeder weiteren Belastung on top, wird das Risiko größer, dass Stress ausbricht und Kinder auch in ihrer Entwicklung behindert werden können.

Akut zeigen sich in meinen Beratungen vor allem Nachwehen in den Bereichen Eingewöhnung und Schulunterricht – also an den Stellen, wo die Kinder wieder in ihren geregelten Alltag mussten. Vieles geht nicht mehr so einfach, vieles verursacht Ängste und Hemmungen, und an vielen Stellen taucht Druck auf. Ja, gerade auch beim Thema Schulstoff.

Nun möchten wir ja heute vor allem über die jüngere Zielgruppe sprechen: Hier gab es keine Schulschließungen, welche Probleme entstanden für sie durch Kitaschließungen und Eltern im HomeOffice?

Zu Hause bleiben sah ja je nach Familie sehr unterschiedlich aus. In manchen Familien hatte eh noch ein Elternteil Elternzeit oder man hat sich gemeinsam mit den Großeltern isoliert und konnte den Kindern so ein gutes Nest bieten. Aber in den meisten Familien sah das nicht so idyllisch aus. Ich habe Eltern erlebt, die von morgens um 5 bis abends spät in Wechselschichten im Homeoffice arbeiteten, quasi ohne Pause, denn es gab nur Job oder Kinder. Druck und Dichtestress durch das ewige Aufeinanderhocken waren groß. Selbst Rausgehen konnte das nicht immer lösen. Es fehlten Pausen, Erholung, Durchatmen. Aber auch andere Menschen, andere Situationen, Lerngelegenheiten fürs Soziale und das Kommunikative.

Und im Nachgang ist bei vielen ganz klar zu spüren, dass der Rückweg in die Betreuung eine besondere Herausforderung ist. Klar gibt es auch die Kinder, die sich plötzlich begeistert zurück in den vorher so als langweilig empfundenen Kindergarten stürzten nach der Auszeit zu Hause. Aber ebenso gab und gibt es Kinder, denen derartig große Gruppen nun unglaublichen Stress verursachen. Sie kennen es nicht mehr oder hatten es teilweise vor Corona noch gar nicht kennenlernen dürfen. Und wenn sie dann (je nach Institution und Coronaregeln) nun bitte möglichst rasch und eigentlich ohne Elternteil im Gruppenraum eingewöhnt werden sollen, ist das ein echtes Drama.

Wild Child
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Was hätten Kinder in diesem Alter gebraucht, was fehlte ihnen?

Kinder bis zum Vorschulalter benötigen zum einen ein Grundgerüst für das ganze weitere Leben, das aus Bindungssicherheit durch feinfühlige Eltern besteht und ihre psychische Stabilität sichert. Zum anderen gibt es verschiedene Entwicklungsbereiche, in denen sie vorankommen und für die sie passende Begleitung und nährende Situationen brauchen: Motorik, Denken, Fühlen, Wahrnehmung, Kooperation… Das braucht keine Kinderbetreuung, aber es braucht Begleitung. Eltern können die in vielem gut geben, auch ohne andere Erwachsene oder andere Kinder. Aber nicht umfassend, wenn sie einer Erwerbsarbeit nachgehen. Niemand kann gleichzeitig Auto und Fahrrad fahren. Dadurch hat vielen Kindern etwas gefehlt. Zum Glück war es insgesamt betrachtet nicht so ein furchtbar langer Zeitraum, aber eben doch irgendwie ein großer, wenn man erst 3 oder 5 Jahre alt ist.

Was – meinst du – hat sie am meisten gestresst und gefordert?

Nach all den Beratungen würde ich inzwischen sagen: Verlässlichkeit. Dass die Kinder nicht wussten, was nächste Woche ist, hat vielen zu schaffen gemacht. Hat die Kita auf? Kann Mama sich kümmern? Warum läuft der Tag heute anders als sonst immer und wir können nicht rausgehen nach dem Mittagessen? Welche Spielkameraden sind in der Notbetreuung, wenn ich morgen mal hindarf? Wieso ist die Kita jetzt schon wieder zu? Und wieso müssen wir in Quarantäne, wir hatten doch fest verabredet heute an den See zu fahren?

Das klingt nach kleinen Unsicherheiten, war aber bei einigen in Summe ein echter Berg, der tägliches Unwohlsein tief im Inneren bedeutet hat.

Außerdem hat sicher oft ständige Rücksichtnahme aufeinander das Kooperationsvermögen ans Limit gebracht (auf allen Seiten), und andauerndes Ermahnen (Abstand! Waschen!) war für manch ein Kind oder die Eltern-Kind-Beziehung auch belastend.

Elterngefühle, negative Schwingungen, Sorgen – das alles spüren Kinder doch auch schon in jungen Jahren, oder?

Auf jeden Fall, und hier gibt es dazu noch eine besondere Problematik. Sie können zwar noch nicht so klug weiterdenken wie Teenies, die bei drohender Arbeitslosigkeit erfassen, was das für die Familie bedeuten kann. Aber die Kleinen sind auf der Gefühlsebene belastet: Sie können sich nicht gut abgrenzen von den Gefühlen um sie herum und beziehen alles sehr auf sich. Die Gefühle der Bezugspersonen können sie ganz leicht anstecken, so dass Reibereien zwischen den Eltern auch ihnen Not verursachen. Sie können aufgrund ihres Entwicklungsstandes auch noch nicht klar unterscheiden zwischen Fühlen und Denken. Wir Großen können uns sagen: „Hey, das Gezanke nervt, aber es liegt halt an Mama und Papa!“ Bei den Kleinen kommt eher an: „Oh, das Gezanke fühlt sich schlimm an. Ob ich vielleicht schuld bin?“

Meinst du, andere Entscheidungen der Politik hätten etwas besser/schlechter gemacht?

Ich tue mich schwer, mich dazu gezielt zu äußern, weil das so ein großes Feld mit so vielen verschiedenen Bedürfnissen ist und ich mich nicht kompetent genug sehe, um einzuschätzen, was wie anders machbar und auch finanzierbar gewesen wäre. Ich habe immer wieder mal sinnvolle Ideen gelesen, wie Betreuungshilfen outdoor in vielen kleineren Gruppen durch StudentInnen, die ihre anderen Jobs verloren hatten oder so. Aber vieles wäre dann ganz alltagspraktisch doch wieder kompliziert geworden, denn auch da kann man in der Regel kein Kind einfach abgeben, sondern braucht Eingewöhnung, Regelmäßigkeiten…

Rosarot gesprochen wäre Zahlung von Verdienstausfall und vollkommene Freistellung der betreuenden Eltern sicher super gewesen, aber was das dann wieder nach sich gezogen hätte, weil Arbeitskraft gefehlt hätte… Puh, ja ich weiß es nicht.

Gruselig ist im Grunde mal wieder, dass vieles nach finanziellen Berechnungen gelaufen ist, aber die Folgekosten (Beratung, Therapie) da nicht drin waren. Und das nervt mich so, weil es an vielen Stellen so ist, wenn es um Kinder geht.

Wie äußern sich die Versäumnisse und Folgen – auch ganz konkret in deiner praktischen Erfahrung?

Zu mir kommen Eltern von Kindern, die Ängste haben, die vorher nicht da waren, die sich schwer tun im Kontakteknüpfen, oder die sich auffallend pessimistisch äußern. Ich sehe auch Kinder, die Probleme dabei haben, sich wieder an Strukturen im Alltag zu gewöhnen. Kinder im Vorschulalter sind manchmal nicht so selbständig, wie sie es sonst vielleicht schon sein würden, weil Mut und Übung fehlten, und Kinder in der magischen Phase rund um den 4. Geburtstag haben sich manchmal ziemlich große Ängste rund um das Virus gebastelt.

Und ich erlebe Eltern, die jetzt erst die Erschöpfung der belastenden Monate spüren: Ihre Zündschnur bei ganz normalen Stressmomenten wie Wutanfällen oder Geschwisterstreit ist dauerhaft kürzer als sonst. Alle wünschen sich eine Pausetaste.

Können wir das in irgendeiner Weise wieder „gutmachen“? Wie können wir das Erlebte jetzt wieder auffangen, um unser Familienschiff wieder in gewohnte Fahrwasser zu lenken?

Ich glaube, wenn es irgendwie möglich ist, sollten wir einen Gang zurückschalten und aussortieren, was an Druck machenden Dingen jetzt nicht unbedingt sein muss. Den Terminplan entschlacken, eine Fortbildung verschieben, Elternzeit verlängern, Kindern noch mehr Zeit für einen Entwicklungsschritt einräumen, bevor man intensiv nachhilft – kurz: Nachsicht haben. Wie sich das genau umsetzen lässt, ist natürlich sehr unterschiedlich. In einer Familie hat ein Elternteil seine Examensarbeit verschoben, in einer anderen wurden Arbeitsstunden reduziert oder bei einem Schulkind wirklich draufgeachtet, dass es wieder Spaß an der Schulgemeinschaft hat, bevor es in irgendeiner Form wieder konkret um Noten geht.

Welche konkreten Aufgaben stehen für Eltern jetzt an?

Gut in Beziehung zum Kind sein, um zu merken, wenn es sich an irgendeiner Stelle auffällig oder besonders leidend zeigt. Und Zuverlässigkeit geben, wo immer es geht, also vermeiden, ständig wieder irgendetwas abzusagen und zu verschieben. Das hatten unsere Kinder im Übermaß.

Was ist es, was kleinere Kinder jetzt brauchen?

Ich denke, sie brauchen viel Raum, um Gefühle kennenzulernen und besprechen zu können. Da war so viel los in uns allen. Das müssen wir wahrnehmen und sortieren. Und sie brauchen unseren Optimismus und unsere Bewältigungskraft: Themen angehen, in kleinen Schritten. Damit sie sich nicht so passiv fühlen wie in der Zeit als sie zu Hause bleiben mussten. Wo können sie aktiv werden? Sich etwas Gutes tun, um zurück in den Kitaalltag und in die Begegnungen mit FreundInnen zu finden? Wie können sie mithelfen, einen Plan zu gestalten, der zuverlässig zeigt, was in der Woche so ansteht? Solche Dinge.

Und ganz sicher täte es in den Kindern auch gut, wenn wir Eltern uns Raum für Selbstfürsorge nehmen, um die Begleitung schaffen zu können. Sprich: Wenn euer Kind wieder gut in der Betreuung angekommen ist und keine Auffälligkeiten zeigt, habt kein schlechtes Gewissen, es auch mal länger dort zu lassen als sonst.

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2 comments

  1. Danke für diesen Artikel! Das Thema Auswirkungen der Pandemie für kleine Kinder kam mir bisher etwas kurz. Meine Tochter ist im März 2020 geboren worden. Mein Sohn war damals 2 Jahre alt. Ich mache mir viele Gedanken dazu, was die Pandemie mit uns als Familie gemacht hat. Mein Sohn war 2,5 Monate Anfang 2021 nur zu Hause und zum Schluss ging es ihm damit echt schlecht. Er traute sich nicht mehr raus und war total antriebslos. Dann ging die Kita wieder los und nach 2 Wochen war er wieder der alte. Ich habe das Gefühl, dass er die Zeit dann doch ganz gut überstanden hat. Sorgen mache ich mir dann aktuell mehr um meine Tochter. Das Wochenbett ist durch die turbulente Zeit im März und April 2020 quasi ausgefallen. Unsere Hebamme war nur die ersten 5 Tage für uns da, Omas und Opas haben sich nicht zu uns getraut und mein Sohn musste umsorgt werden. Und ich habe mich von Sorgen und Ängste wegen der Pandemie ablenken lassen und wenig Zeit für mich und meine Tochter aufbringen können. Ich habe das Gefühl, die Chance verpasst zu haben eine echte starke Bindung zu meiner Tochter aufgebaut zu haben. Naja, zum Teil ist das bestimmt auch Jammern auf hohem Niveau. Die ersten Monate nach der Geburt bekommt man eben nicht wieder. Ich versuche aktuell nach zu holen was irgendwie nach zu holen ist.

  2. Kleine Kinder brauchen jetzt vor allem Verständnis. Das aktuelle „Zurück zur Normalität“ egal ob in Kindergarten oder in der Freizeit ist für sie nämlich kein „Zurück zu“.
    Für unsere 3 jährige ist Corona die Normalität. Jedes bischen Lockerung der Regel ist für sie eine totale Änderung ihres gewohnten Lebens und bringt Unsicherheit. Das fordert von uns Eltern nochmal ganz schön viel Gediuld und Einfühlungsvermögen.

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