Zwischenruf von Marlene Hellene: Happy birthday! Corona wird eins, sonst ändert sich nichts

Corona Eltern

Foto: pixabay

Der erste Geburtstag steht an. Ein Jahr Corona. Happy Birthday to you. Marmelade im Schuh. Oder vielleicht eher in der Jogginghose. Schuhe trage ich nur noch selten. Mein Leben spielt sich zuhause ab. Spielen tun allerdings nur die Kinder. Am liebsten mit mir. Oder auf mir. Während ich meiner Erwerbsarbeit nachkomme. Korrektur: Während ich versuche, meiner Erwerbsarbeit nachzukommen.

Chancengleichheit? Vertrauen in öffentliche Institutionen?

Ich bin Mutter geworden, mit dem Vertrauen auf öffentliche Instituionen wie Schulen und Kindergärten, die mir erlauben Elternschaft und Erwerbsabeit zu vereinbaren. Auf der Internetseite des Bundesfamilienministeriums heißt es:

Die frühe Förderung von Kindern leistet einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit. Darüber hinaus unterstützt eine gute Kinderbetreuung Eltern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Hello Pandemie! Hätte jemand etwas ahnen können?

Schöne Worte an die ich geglaubt habe. Und auf die ich meines Erachtens auch vertrauen durfte. Auf die ich mich verlassen habe. Unter deren Voraussetzungen ich Mutter geworden bin. Ihr werdet jetzt vielleicht sagen, dass kein Mensch mit Corona rechnen konnte. Dass niemand hätte Schul- und Kitaschließungen vorhersehen können.

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Lasst mich Euch mit einem lauten DOCH UNBEDINGT SOGAR! antworten. Epidemien, Pandemien, Seuchen und Krankheiten sind keine Unbekannten. Die gab es schon immer. Schon oft erlebt. Es ist nicht plötzlich ein UFO gelandet und kleine grüne Männchen haben die Weltherrschaft an sich gerissen. Das wäre überraschend. Aber eine Pandemie ist es nicht. Für mich schon. Für Euch auch. Natürlich. Aber doch bitteschön nicht für die Regierung.

Geld für Flieger und Fußballer: Wer rettet uns Familien?

Warum fallen die denn so aus allen Wolken? Warum verfallen sie in Schockstarre? Warum haben sie keine Krisen-, Katastrophen- oder sonstigen Pläne für so ein Szenario? Gut, ich will nicht unfair sein. Teilweise existieren solche Pläne offensichtlich. Denn plötzlich sind enorme Gelder für Fluggesellschaften und Möbelhausketten da. Schnell und unbürokratisch. Die Fußballbundesliga bekommt Ausnahmegenehmigungen und Karstadt wird gerettet. Aber wer rettet uns?

Wer rettet Familien? Familien, die völlig ausgelaugt sind. Eltern, die am Stock gehen, weil erwartet wird, dass sie doch einfach im Homeoffice arbeiten und die lieben Kleinen betreuen können. Dass sie Erdkunde unterrichten und im selben Moment an der Supermarktkasse sitzen, dass sie lesen lehren und gleichzeitig Zähne ziehen können.

Brüllende Grundschüler in den Bundestag schleusen

Diese dreiste Selbstverständlichkeit mit der angenommen wird, dass das möglich sei, macht mich dermaßen wütend. So wütend, dass ich kreischende Kindergartenkinder in den Ministerien freilassen möchte. Ich will das Alphabet brüllende Grundschüler in den Bundestag schleusen und muffelige, matheverweigernde Teenies das Kanzleramt besetzen lassen.

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Und dann sollen die Herrschaften und Damschaften mir doch bitte mal zeigen, wie das so funktioniert. Englischvokabeln neben Parlamentsbeschlüssen und Windelwechseln auf dem Rednerpult. Und dazwischen sollen sie Essen kochen und gelangweilte Kinder bespaßen. Sie sollen Spielkamerad*in sein. Lehrperson und Pädagog*in. Sie sollen trösten und motivieren. Sie sollen geduldig sein und Geld verdienen.

Besuch bei Tante Angela und Onkel Armin

Echt, ey. Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit. Vielleicht sollten wir alle unsere Kinder an die Hand nehmen und sie einen Vormittag zu Tante Angela bringen. Oder zu Onkel Armin. Als kleinen Realitätscheck.

Möglicherweise käme dann Bewegung ins Spiel. Es müssen ja nicht gleich massenhaft Gelder an Familien fließen. Ich erwarte auch nicht, dass alle Kitas und Schulen Luftfilteranlagen und Corona-Schnelltests bekommen. Auch die Bereitsstellung von genügend Impfstoff für alle Impfwilligen fordere ich nicht. Ich bin schließlich Realistin. Ich weiß, wo die Grenzen des Möglichen sind.

Lösung aller probleme: Warum Eltern nicht einfach klonen?

Mir würde ja schon ein bisschen Unterstütung aus Forschung und Wissenschaft genügen. Bereits im Jahr 1996 hat das mit Schaf Dolly doch schon wunderbar geklappt. Da wird es im Jahr 2021 doch ein Leichtes sein, Eltern zu klonen. Ein Klon für die Carearbeit, einen für die Erwerbsarbeit und einen, der dauerhaft in der Badewanne liegt, Kuchen isst und Serien glotzt. Der bin dann ich.

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5 comments

  1. Ich finde den Artikel super! In meinem Eindruck hat die Autorin einfach damit gearbeitet etwas überspitzt zu formulieren. Meine Stadtverwaltung hat es im letzten Sommer definitiv verschlafen, ihre Mitarbeiter/innen und die Einrichtungen im Herbst auf die zu erwartenden Coronafälle in den Kitas vorzubereiten. Stattdessen Chaos, komplette Schließungen, keine Antwort auf dringliche Emails, etc.. Mir haben hier auch die Kita-Leiter/innen leid getan, die auch irgendwie hilflos waren.
    Wir als Eltern haben unseren Part geschultert und alles „gut mitgemacht“.
    Von meiner Stadtverwaltung erwarte ich den Part, strategisch an Lösungen zu arbeiten. Das muss ich in meinem Job bei den dort auftretenden Herausforderungen (auch unerwarteten) ja nun auch.
    Ich bin auch ein Badewannenklon und sage danke für den Lacher am Ende :-).

  2. Ich musste heute morgen schmunzeln und dennoch ist es ernst.
    Liebe Vorkommentatoren, nein, natürlich kann nicht alles antizipiert werden. Nicht alles hätte vorbereitet werden können. Aber hätten wir nicht den Sommer nutzen können, statt nun Alte einzusperren und Junge der Bildung und Förderung und Betreuung zu berauben? Luftfilteranlagen in Schulen und Kitas wurden ja mehrfach erwähnt. Impfen was das Zeug hält, auch eine Option, ebenso wie Schnelltests.
    Soweit zum Ernst.
    Ansonsten wähle ich auch den Klon Nummer drei… mal eine Pause und mal nur kurz ICH, nicht Mutter, Lehrerin…. gerne mit Kuchen 🙂

  3. Hallo,
    Nein, ich möchte nicht in einem Staat leben, der für alle Eventaulitäten einen festen PLAN hat und mich pampert. Ich lebe lieber in einer lebendigen Demokratie mit allen Irrngen und Fehlentscheidungen und mit allen Benefits. Diese Zeit ist fordernd und auch meine Spaßgrenze ist schon lange erreicht. Aber schlimme Dinge passieren und auch ein perfekter Wohlfahrtstaat kann Dir den Schmerz über die Verluste und den Verzicht im letzten Jahr nicht nehmen. Auch Geld kann die Trauer eines Kinde, weil der Geburtstag nicht gefeiert wird, nicht dimmen. So eine Pandemie war in der Risikoeinschätzung nicht wirklich hoch angesiedelt. Aber mal ehrlich: wenn es geheißen hätte, wir müssen Milliarden für Schutzmasken und Beatmungsgeräte anhäufen und Vorräte schaffen – wer hätte dafür Verständnis gehabt. Es gibt so viel anderen Bedarf.
    Dass Gleichstellung und Emanzipation immer nur leere Anhängsel wie Weltfrieden waren, was sich jetzt nochmal in aller Härte zeigt, das war unser aller Versäumnis. Daran müssen wir arbeiten.
    Die Wut aus der Hilflosigkeit heraus kann ich nachvollziehen, aber diese irrationalen Vorstellungen, das es Leute gibt, die das alles wissen müssten, einen Notfallpln habe müssten und auch diejenigen wären, die ALLES entscheiden… mal ehrlich.

    1. Danke für diesen Kommentar. Volle Zustimmung von mir.

      Ich verstehe den Frust und die Erschöpfung von Eltern, deren Kinder seit Monaten zu Hause sind. Auch ich kann es teilweise nicht nachvollziehen, wieviel Geld in diverse Konzerne gepumpt wird. Während Selbständige, Gastronomen, Künstler etc. hohe bürokratische Hürden nehmen und monatelang warten müssen, um dann vielleicht eine kleine finanzielle Unterstützung zu erhalten.
      Gleichzeitig ist es aber auch so: Wir befinden uns in einer massiven Ausnahmesituation, die es zu unseren Lebzeiten noch nie gab. Wie hätte eine Regierung sich auf eine solche Eventualität, die äußerst vielgestaltig verlaufen kann, dezidiert und passgenau vorbereiten sollen? Wie RM schrieb: Eine solche Vorbereitung, die ja auch mit enormen finanziellen Aufwendungen verbunden ist, hätte in der Bevölkerung kaum Zustimmung gefunden, solange das Ganze ein hoch abstraktes Szenario gewesen wäre und solange etliche andere, akute Problemfelder bzw. Mängel im System bestanden hätten?

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