Depression und Magersucht: Ich wünschte, meine Tochter wäre ein ganz normaler Teenager

Anorexie

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Ihr Lieben, durch unsere Arbeit hier wird uns immer wieder bewusst, wie unterschiedlich die Päckchen sind, die Familien tragen müssen. Während einige Teenie-Eltern sich nur über motzige Antworten und unordentliche Zimmer aufregen müssen, haben andere Eltern richtige Ängste um ihr Kind, etwa wegen Depressionen oder Magersucht. Angela hat sich bei uns gemeldet und uns von ihrer Tochter erzählt. Danke für dein Vertrauen und alles Liebe.

Liebe Angela, Lisa hat neulich darüber erzählt, dass sie ihre Teenie-Kinder vermisst, weil diese nur noch in ihren Zimmern sitzen oder unterwegs sind. Darauf hast du dich gemeldet und gesagt, du wünschtest, deine Tochter wäre so ein „normaler“ Teenie. Bei euch gibt es nämlich gerade Probleme. Bitte erzähl mal. 

Bei meiner Tochter (13) wurde eine Anpassungsstörung mit einhergehender Essstörung und depressiven Verstimmungen diagnostiziert. Momentan hat sie noch große Probleme, wieder mit Gleichaltrigen und auch „alten“ Freunden „normalen“ Kontakt zu pflegen und ist – neben der Schule und gemeinsamen Aktivitäten – eigentlich immer zu Hause. Dort auch am liebsten in meiner Nähe und selten in ihrem Zimmer.

Wann hat das alles angefangen, wann hat deine Tochter sich verändert? 

Es fällt mir gar nicht so leicht, diese Frage genau zu beantworten. Im Nachhinein hat es sicher schon viel früher kleine Hinweise gegeben, die keiner von uns wirklich erkannt hat. 

Im Schuljahr 2019/2020 ist meine Tochter von der Grundschule aufs Gymnasium gewechselt. Bis dahin war sie ein fröhliches, offenes, neugieriges Kind, mit immer guten bis sehr guten Leistungen. Im ersten Halbjahr gab es schulisch einige Dämpfer in Form von schlechteren Noten, die sie (und ehrlicherweise auch wir Eltern) erstmal verarbeiten mussten. Alles aber im normalen Rahmen und sie ging und geht auch gerne dort zur Schule. Sie hat viele neue Freundschaften geschlossen und alte gepflegt und war viel unterwegs.

Dann kamen das zweite Halbjahr und die Pandemie und alles war plötzlich anders. Digitales Lernen, nur zu Hause sein, viel Handy und PC. Mein Mann konnte zwar aus dem Homeoffice arbeiten, aber war meistens in seinem Büro und am Telefon. Ich habe weiter „normal“ gearbeitet und war damit meistens nur abends wirklich für die Kinder greifbar. Trotzdem dachte ich, dass wir gut durch die Pandemie kommen. Die Kinder waren fleißig, es lief schulisch auch gut und als der erste Lockdown vorbei war, lebten die Kinder auch ihre Freundschaften richtig aus.

Doch dann kam der zweite Lockdown….

Genau, plötzlich war meine Tochter nur noch in ihrem Zimmer. Meistens lief sie den ganzen Tag in Sportklamotten rum. Auf Nachfrage sagte sie, dass sie zwischen dem Lernen Workouts macht, damit sie lockerer wird. Ich fand das auch zunächst gar nicht schlimm. Ihrem Hobby Turnen und Cheerleading konnte sie ja gerade nicht nachgehen.

Im Nachhinein habe ich dann herausgefunden, dass sie eigentlich fast ununterbrochen nach YouTube Videos Bauch- und Beinübungen gemacht hat, um abzunehmen. Sie hatte sich richtige Pläne gemacht, nicht nur fürs Lernen, sondern auch ganz speziell dafür, was sie wann isst oder auch nicht und welchen Sport sie dann macht

Zu diesem Zeitpunkt hat sie auch angefangen, sich sozial komplett zurückzuziehen, aber auch das habe ich zunächst nicht bemerkt. Generell war es für mich lange nicht ersichtlich, ob es sich um eine „normale“ pubertäre Phase oder doch eine ernsthafte Störung handelt.

Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass sich das in die falsche Richtung entwickelt?

Nach Weihnachten 2021 habe ich dann tatsächlich ganz deutlich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Wir waren bei Freunden zum Essen, welches sie zunächst komplett verweigert hat (schmeckt nicht) und erst nach gutem Zureden etwas darin herumgestochert hat.

Mit den gleichaltrigen Kindern wollte sie gar nicht kommunizieren und sie saß die ganze Zeit mit gesenktem Kopf schweigend am Tisch. Bei einem Gespräch am nächsten Tag konnte sie mir nicht wirklich erklären, was los war, nur dass sie sich gerade sehr traurig fühlt.

Etwa zum gleichen Zeitpunkt wurde auch das Essen von ihr fast ganz eingestellt und nur nach gutem Zureden eine ausgewählte Mahlzeit zu sich genommen. In einem Gespräch mit meiner Tochter zu diesem Zeitpunkt habe ich auch erfahren, dass sie mit niemandem mehr – außer in der Schule – Kontakt hatte. Und auch dort war sie die meiste Zeit allein, da natürlich die Mitschüler ihr Verhalten zumindest „komisch“ fanden.

Sie selbst konnte mir aber lange gar nicht erklären, was mit ihr los war. Nur, dass sie sich hauptsächlich traurig und allein fühle. Dazu kam dann natürlich auch die körperliche Schwäche, da sie zu wenig Nahrung zu sich nahm.

Was hast du daraufhin unternommen?

Ich habe angefangen, mich zu belesen und wurde direkt hellhörig. Magersucht, Depressionen etc. waren dann doch schwerwiegende Schlagwörter. Ich habe sofort einen Termin beim Kinderarzt gemacht. Eine erste Untersuchung ergab, dass sie vom Gewicht her am unteren Rand war und dass man das beobachten müsste. Wir sollten uns melden, wenn es schlechter wird.

Ich fühlte mich zunächst sehr alleine gelassen und hilflos damit. Ich habe dann versucht, mit Gesprächen und viel Essen nach ihrem Geschmack zu helfen – aber natürlich mussten wir schnell feststellen, dass wir das alleine nicht in den Griff bekommen.

Zwei Wochen später war meine Tochter dann so schwach, dass sie nicht mehr vom Sofa hochkam und selbst um Hilfe gebeten hat. „Mama, ich kann nicht mehr, hilf mir bitte…“ Im Nachhinein empfinde ich es als unser großes Glück, dass meine Tochter selbst um Hilfe gebeten hat, also selbst festgestellt hat, dass etwas nicht stimmt und sich auch helfen lassen wollte und will.

Wie ging es dann weiter?

Bei einem erneuten Arztbesuch befand sie sich schon in einem kritischen Zustand, was das Gewicht anging und es kam dann natürlich sofort (endlich!!!) das Thema ambulante und eventuell stationäre Therapie auf den Tisch. Wir bekamen sofort eine Überweisung in die Kinder und Jugendpsychiatrie. Für meine Tochter und auch für den Rest der Familie war das erstmal ein Schock. 

Die Worte Psychiatrie und auch Klinik waren für uns doch ganz große und auch erstmal befremdliche Begriffe. Meine Tochter hat sich auf alles eingelassen, unter einer Bedingung: keine stationäre Behandlung, Therapie im normalen Umfeld und auch kein Verlassen der Schule.

Wie reagiert euer Umfeld, also Lehrer, Mitschüler, Bekannte auf deine Tochter?

Nach der Überweisung habe ich dann Kontakt zur Schulsozialarbeiterin, der Vertrauenslehrerin, der Klassenlehrerin, meinen Freunden und auch meinem Arbeitgeber gesucht. Natürlich ist allen aufgefallen, dass mit meiner Tochter was nicht stimmt, aber die einen wollten, die anderen trauten sich nicht, etwas zu sagen.

Von den meisten Lehrern war ich doch enttäuscht. „Ja, jetzt wo sie es sagen, ihre Tochter sitzt den ganzen Unterricht in der dicken Jacke im Klassenzimmer, mit gesenktem Kopf und redet kaum.“ „Ja, mir ist aufgefallen, dass sie ganz dünne Arme bekommen hat und im Sport für vieles zu schwach ist.“ „Ja, sie steht allein im Pausenhof, ohne mit den Mitschülern zu kommunizieren.“ Das waren dann die Aussagen der Lehrer, nachdem ich gefragt hatte, aktiv auf mich zugekommen ist keiner.

Mit unseren engen Freunden und sogar mit meinem Arbeitgeber (die Termine für die Therapiesitzungen lagen oft in der Arbeitszeit und ich habe dann ganz offen die Notwendigkeit kommuniziert und auch viel Verständnis und Unterstützung erhalten) kann ich inzwischen offen über alles reden. 

Was unternehmt ihr ganz aktuell, um eurem Kind zu helfen?

Wir haben gerade eine Ernährungstherapie abgeschlossen und das Gewicht befindet sich nicht mehr im kritischen Bereich. Einmal die Woche geht meine Tochter zur Gesprächstherapie. Mein Mann und ich besuchen eine Selbsthilfegruppe für Angehörige. Wir arbeiten daran, über alle Gefühle offen zu reden (das fällt vor allem meinem Mann sehr schwer).

Momentan suchen wir nach einem neuen Hobby für meine Tochter, da sie die alten leider aufgegeben hat oder aufgeben musste wegen körperlicher Schwäche. Ich versuche, sie aktiv zu unterstützen, sich mit Freunden zu treffen. Es fällt ihr immer noch sehr schwer, alte Kontakt wieder herzustellen und/oder neue zu knüpfen.

Was würdest du dir am meisten für deine Tochter wünschen?

Ich wünsche mir, dass sie wiederentdeckt, was für ein toller Mensch sie ist. Dass sie ihren eigenen Wert erkennt. Dass sie für sich selbst einstehen kann. Dass sie sich mehr zutraut. Dass sie zufrieden mit sich selbst ist und auch mal einfach in den Tag hineinleben kann.

Dass sie wieder selbständiger wird. Dass sie mit Freunden „um die Häuser zieht“ und einfach Spaß hat. Dass sie glücklich ist.

Und dass sie sich nie dafür schämt, dass sie diesen Weg gehen musste, dass eine Therapie kein Makel ist und sie so die Chance hat, viel über sich selbst zu lernen und ganz viel „Werkzeug“ für ein erfülltes Leben mit sich nehmen kann. 

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9 comments

  1. das wichtigste ist doch, das du es erkannt und hilfe für deine tochter gesucht hast!
    ich kann heute als erwachsene erkennen das ich in meiner jugend hilfe gebraucht hätte-ungesundes selbtsbild, viel sport wenig essen, ob es eine essstörung war kann ich nicht beurteilen. aber ich habe zwei suizidversuche als jugendliche hinter mir, zumindest der eine wurde erkannt durch meine narben. aber die weitere familie hat nur doofe kommentare darüber ausgelassen, meine eltern haben nichts gemacht. jetzt im nachhinein mit zwei kindern kann ich das null nachvollziehen. also wie weit muss es bei einem kind sein damit man als eltern einschreitet?!
    und auch bei mir, auf dem gymnasium, war ich sehr still. und kein lehrer hat mal richtig hin geschaut oder sich eingesetzt.
    da wird denke ich auch eher bei den lauten interveniert.
    und wenn es spät ist, aber man hat es getan und hilfe gesucht….
    ich wünsche euch das ihr das zusammen durch steht und es deiner tochter wieder besser geht und auch ihr anderen euch davon erholt.

  2. Liebe Angela, ich kann sehr gut nachvollziehen, was ihr schon geschafft habt! Ich wünsche euch weiter viel Kraft und Hilfe auf eurem Weg. Denn es ist auf jeden Fall ein Weg, den die ganze Familie geht. Bei uns war auch der 2. Lockdown der Knackpunkt. Zuerst hat es den Ältesten getroffen, der im letzten Schuljahr vor dem Abitur in eine Depression gerutscht ist, und den wir am Tag seiner 2. Abiturklausur in die Klinik bringen mussten, weil einfach nichts mehr ging. Er hat sich inzwischen gut erholt, hat sein Abitur verspätet machen können und jobbt erstmal. In der Zeit seiner akuten Erkrankung hat unsere Mittlere immer mehr abgenommen, wurde auch immer trauriger, aber anfangs leider unbemerkt, da der Fokus natürlich vermehrt bei ihrem Bruder lag. Lange Rede kurzer Sinn, sie ist Anfang diesen Jahres für 9 Wochen in der Reha gewesen. Eine spezielle Klinik für Jugendliche mit Essstörungen in Bad Oeynhausen. Was soll ich sagen, es hat ihr und uns so gut getan! Die Therapeuten waren toll, sie hat so viel für sich mitgenommen, kann endlich wieder mit Freude essen, hat immer noch Kontakt zu ihrer Gruppe und besucht hier vor Ort noch 14-tägig eine Gesprächstherapie. Ich war parallel mit dem Jüngsten zur Kur, denn diese Zeit hat uns allen sehr viel abverlangt! Auch die Töchter meiner besten Freundin haben zeitversetzt ähnliche Diagnosen gehabt, eine gerade vor 4 Wochen. Ich kann nur jedem empfehlen sich Hilfe zu suchen, so wie auch ihr es getan habt. Die ganze Familie braucht Unterstützung! Für euch auf jeden Fall alles Gute für die Zukunft!

  3. Danke für deine Offenheit!
    Was mir allerdings auffällt ist das dass Thema Schule, speziell Gymnasium, eine große Rolle spielt. Ich kenne euch überhaupt nicht aber beim lesen hatte ich da Gefühl das doch sehr viel wert auf schulische Leistung gelegt wird. Warum? Evtl dort den Druck raus nehmen. Man kann auch als Real, Gesamt oder Hauptschüler ein glückliches und erfülltes Leben führen. Warum glauben immer so viele Eltern das man es nur auf dem Gymnasium zu etwas bringt?
    Ich wünsche deiner Tochter und euch, als Familie, nur das beste, und das deine Tochter ein glückliches und erfülltes Teenie Leben führen kann.
    Alles liebe

    1. Ehrlich gesagt, hatte ich beim Lesen überhaupt nicht das Gefühl, dass hier schulisch Druck gemacht wurde. Ich glaube, den Eltern hier Schuldgefühle zu machen, ist sehr unfair. Solche Krankheiten treten auch auf ohne, dass jemand (z.B. die Eltern) etwas falsch gemacht haben.

    2. Nein das hat sicher nichts mit Gymnasium zu tun? Die Entscheidung welche Schule es wird trifft der Schüler nicht die Eltern. Und warum einem guten Schüler, der das geleistet hat ( freiwillig ohne Überanstrengung!) die höhere Schule verweigern? Im Gegenteil Leistung verdient Belohnung. Nein hier geht deutlich der komplette soziale Kontaktabbruch durch die Lockdowns als Ursache hervor. Und ja es gibt heutzutage Video- und andere Chats aber die persönliche direkte Interaktion ist existenziell wichtig gerade für Kinder/ Jugendliche ( eigentlich ALLE Menschen) in den Entwicklungsjahren.

  4. Hallo, es klingt, als ob ihr auf einem guten Weg seid. Ich habe das mit meiner mittlerweile 16 jährigen Tochter auch durch. Sie ist wieder stabil. Habe hier auch mal berichtet. Es geht ihr gut, obwohl sie immer wieder sagt, ich brauche nicht zu glauben, dass diese Stimme komplett weg sei. Aber jetzt kann sie anders damit umgehen.
    Man kann es schaffen. Nur Mut!

    1. Hallo liebe Mama’s,
      eine Essstörungen hat am Ende immer etwas mit der Mutter zu tun. Das will keine Mama hören aber in der Psychotherapie ist das kein Geheimnis.

      1. Liebe Mütter, die ihr Tabeas Satz lest: Nein, ihr seid nicht schuld an der Essstörung eures Kindes! Und DAS ist in der Psychotherapie von heute kein Geheimnis. Punkt!

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