Magersucht mit 10 – wie meine Tochter einfach aufhörte zu essen

Liebe Wiebke, im Jahr 2016 ist deine Tochter Kim mit zehn Jahren von der Grundschule aufs Gymnasium gewechselt. Genau in dieser Phase entwickelte sie plötzlich eine Anorexie. Wie würdest du Kim in dieser Zeit beschreiben?

Kim war ein ganz normales Mädchen mit gute Noten in der Grundschule. Sie war immer sehr zielstrebig, wenn Dinge nicht geklappt haben, hat sie sich nicht entmutigen lassen, sondern einfach weiter probiert. Kim hatte immer Freundinnen, war aber nie der Mittelpunkt oder Star in ihrer Klasse.

Rein körperlich war sie nie die dünnste oder sportlichste – ihre Figur war stabil, aber bei Weitem nicht dick.

Was waren die ersten Anzeichen der Anorexie, also wann hast du gedacht: Huch, da stimmt etwas nicht!

Das erste Halbjahr auf dem Gymnasium war eine Herausforderung für Kim. Sie ging und geht in eine Musikprofilklasse und hatte sich entschieden Klarinette zu lernen. Zu dem Zeitpunkt spielte sie aber auch schon Geige – und nun musste sie neben den Hausaufgaben zwei Instrumente üben.

Außerdem waren die Anforderungen der weiterführenden Schule doch eine ganz andere Nummer als auf der Grundschule – das kennen sicherlich die meisten Eltern. Plötzlich hatte Kim auch mal eine drei oder vier, diese Noten kannte sie bis dahin gar nicht. Sie fing an, sich selbst klein und schlecht zu machen – es sei alles zu viel und sie sei zu dumm.

Sie hat dann um den Jahreswechsel 2016/2017 herum angefangen, sehr intensiv für die Schule zu lernen, hat sehr häufig ihre Instrumenten geübt, war viel im Garten auf dem Trampolin und hat sich aber auch oft von uns als Familie zurück gezogen.

Kim hat richtige „To do Listen“ für sich selbst geschrieben, hat ihren Tag extrem strukturiert. Zu Anfang fand ich das gut. Die Leistungen in der Schule wurden besser und ich war sogar stolz auf sie, weil sie so gut organisiert war. 

Doch dann weitete sich diese Disziplin auf ihr Essverhalten aus….

Genau, im Februar habe ich dann gemerkt, wie oft Kim keinen Hunger hatte oder nur ganz wenig aß oder sagte, sie habe schon wo anders gegessen.

Irgendwann stand Kim dann in Unterwäsche im Bad und da habe ich mich echt erschrocken, weil man die Schulterblätter sehr gut erkennen konnte. Zur gleichen Zeit erzählte mir meine Mutter, dass Kim sich bei ihr fast täglich auf die Waage stellen würde, weil wir keine hatten und bis heute nicht haben.

Da habe ich mir angefangen, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Als ausgebildete Krankenschwester kenne ich die Anzeichen einer Magersucht, ich mache mir Vorwürfe, dass ich sie so lange nicht gesehen habe.

Wie hast du deine Tochter mit deinen Sorgen konfrontiert und wie hat sie reagiert?

Ich bin ein sehr direkter Mensch. Also habe ich Kim direkt darauf angesprochen und mit dem konfrontiert, was mir aufgefallen war. Sie hat natürlich alles abgestritten, sie würde normal essen und sie habe nicht abgenommen, ich müsse mir doch nur ihre fetten Oberschenkel ansehen. Logischerweise hat sie zu diesem Zeitpunkt keinerlei Krankheitseinsicht besessen und ich war echt verzweifelt – zumal ihr Vater meine Sorge als Hirngespinst abtat.

Wieviel oder besser wie wenig hat Kim in dieser Zeit gegessen?

Kim hat zu Beginn ihrer Anorexie das Frühstück meistens ausgelassen, in die Schule nahm sie nur einen Apfel mit, den sie nicht selten wieder mit nach Hause brachte. Wenn wir gemeinsam warm gegessen haben, war die Portion sehr klein.

Etwa zu dieser Zeit habe ich beim aufräumen einen Essensplan von ihr gefunden, der so aussah:
Frühstück: Ein Brot mit Schinken (nicht alles aufessen)
In der Schule: Einen Apfel
Mittagessen: Immer wenig essen, manchmal nichts. Nach dem Essen keine Süßigkeiten
Abendessen: Wenig essen, manchmal nichts, kein Kakao/Süßigkeiten etc. nach dem Essen.

Spätestens da war klar, dass sie ein Problem hat. Zu der Zeit hat sie bei einer Größe von 1,51 m noch 38 kg gewogen.

Ihr habt Euch dann professionelle Hilfe gesucht.

Ja, in dem Augenblick, in dem ich diesen Ernährungsplan fand, war mir klar, dass es ohne Hilfe von außen nicht geht. Ich bin damals mit Kim zu unserer Hausärztin gegangen, die der Situation total hilflos gegenüber stand. Ich hatte sie vorher schon in einem Einzelgespräch ohne Kim über meine Sorgen informiert, aber ihre erste Reaktion war der meines damaligen Mannes sehr ähnlich.

Erst als sie Kim dann sah und Größe und Gewicht erhoben hatte, hat sie begonnen, meine Ängste ernst zu nehmen. Sie hat uns dann an einen Kinderarzt mit einer Zusatzausbildung in Richtung Essstörungen überwiesen.
Dieser Arzt war sehr gerade raus und hat Kim auch sehr direkt gefragt, warum sie so dünn sein wolle. Kim hat dann erst rungedruckst, aber er hat ihr sehr deutlich gemacht, dass er eine ehrliche Antwort erwartet und kein „weiß ich nicht“. 
Er hat Kim dann auch sehr deutlich gemacht, dass sie mit ihrem Leben spielt und hat mit ihr eine Absprache getroffen. Solange sie mehr als 34 kg wiegt, darf sie zu Hause bleiben, wiegt sie weniger, weist er sie in eine Klinik ein. 
Ab diesem Zeitpunkt sind wir einmal pro Woche zur Gewichtskontrolle in der Praxis gewesen. 

Wie ging es dann weiter?

Da es leider nicht so einfach ist, mal eben einen Therapieplatz im ambulanten Bereich zu bekommen, hat uns der Kinderarzt eine Selbsthilfegruppe für essgestörte Jugendliche empfohlen. Kim war zu diesem Zeitpunkt allerdings erheblich jünger als die anderen Teilnehmer, weswegen sie Einzelgespräche bei einer der Leiterinnen der Gruppe hatte. Diese haben mit mir zusammen stattgefunden. 

Parallel dazu, habe ich nach einer richtigen ambulanten Therapie gesucht und diese dann zum Glück auch zeitnah bei einer niedergelassenen Kinderpsychotherapeutin gefunden. Hier hatte Kim dann Einzelgespräche und wir als Eltern haben mit der Therapeutin immer wieder Rücksprache gehalten, wo sie uns auch Regeln für den Umgang mit Kim und ihrer Erkrankung gegeben hat. Sie hat aber nie mit uns über das gesprochen, was Kim in ihren Sitzungen erzählt hat. Das ist immer in dem geschützten Raum geblieben.

Wie hat sich Kim in der Zeit verhalten?

Kim hat das natürlich gar nicht gefallen. Zu Anfang hat sie sich sehr zurückgezogen und immer wieder versucht die Regeln neu zu verhandeln. Ich bin in einem Alkoholiker Haushalt aufgewachsen und habe ihr klar gemacht, dass ich mich nicht zu einem Co-Abhängigen machen lassen würde. Kim hatte zu Beginn große Probleme damit, dass ich auf Nachfragen immer die Wahrheit gesagt habe, nämlich, dass sie eine Essstörung hat. 

Kim ist knapp 1,5 Jahre zur Therapie gegangen und hat dann zu ihrer Therapeutin gesagt, sie wolle nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt, war ihr Gewicht noch niedrig, aber in einem zu tolerierenden Bereich, so dass die Therapeutin meinte, wir sollten Kims Wunsch nachkommen, damit sie nicht therapiemüde würde. 

Beschreib mal das Gefühl einer Mutter, wenn das Kind absichtlich hungert. Was ging da in dir vor?

Diese Gefühl wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht. Dabei zu stehen und einem Kind sprichwörtlich beim Verhungern zuzusehen, ist echt hart. Ich glaube, ich habe mich noch nie so hilf- und machtlos gefühlt. Man kann nichts tun. Und das, was ich tat, hat dazu geführt, dass mein Kind mich behandelt hat, als ob ich ihre Feindin wäre. Ich habe mich selten so abgelehnt gefühlt, wie in dieser Zeit. Ich hätte ihr am liebsten zugerufen, iss einfach wieder, ist ganz leicht – aber das stimmt bei dieser Krankheit leider nicht. 
Man macht sich natürlich auch Vorwürfe, dass man es nicht früher gemerkt hat. Und man fragt sich dauernd, was man falsch gemacht hat. Ich musste erst lernen, dass es kein schwarz und weiß gibt und dass es ein Mosaik von Gründen für die Entstehung dieser Krankheit gibt.

Das Ganze ist ja jetzt ein paar Jahre her. Wie geht es deiner Tochter heute?

Kim geht es gut. Sie hat zum Glück mittlerweile wieder ein normales Verhältnis zu ihrem Körper und Spaß am Essen. Jetzt kann sie auch dazu stehen, dass magersüchtig war. Sie weiß, dass die Erkrankung für ihre etwas verspätete (aus ihrer Sicht) Pubertät verantwortlich ist. Und sie sagt heute, dass sie nie wieder so dünn sein will.

Natürlich bleibt die Angst, dass sie in einer Krise wieder in das ungesunde Verhalten zurückfallen könnte, aber ich glaube wir sind auf einem guten Weg. Kim hat in der Therapie auch gelernt, nicht immer alles, was sie stört runterzuschlucken, sondern dann das Gespräch zu suchen.
Große Angst hatte ich zum Beispiel letztes Jahr, als ihr Vater sich von mir getrennt hat. Aber gemeinsam haben wir auch das gemeistert.

Was möchtest du anderen betroffenen Eltern raten? 

Immer auf den Bauch zu hören. Wir als Eltern kennen unsere Kinder besser als irgendjemand sonst. Sich nicht scheuen, Hilfe zu suchen. Niemand hat Schuld, dass bei einem Mensch so eine Erkrankung entsteht. Man muss sich nicht dafür schämen. Und früh genug reagieren. Dadurch, dass wir bei Kim so früh hellhörig waren, konnte sich bei ihr die Magersucht noch nicht richtig manifestieren, so die Aussage der Therapeutin. 

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3 Kommentare

  1. Dieses Gefühl kenne ich sehr gut! Meine Tochter hat mit 12 eine Essstörung entwickelt. Angefangen hat das ganze mit einem Kommentar der (damaligen) Kinderärztin: „Auf dei Gewicht musst a mal schauen“. Sie war nicht dick- eher halt „stämmig“. Davor wollten alle Hormone geben;sie ist ja so klein und zierlich 🤦‍♀️.

    Dann kamen die Schafblattern und sie hat viel Gewicht dadurch verloren. Die Kommentare der Leute: „Mei bist du jetzt schön dünn“. Eines Tages kam mir dann ein komischer Geruch in ihrem Zimmer entgegen. Ich fand dann die Jausenboxen versteckt unterm Bett, in ihrer Komode usw. Da war ich echt geschockt. Und hilflos. Ich hab dann mit ihr auch das Gespräch gesucht, natürlich wurde auch alles abgestritten. Zeitnah hat sie angefangen zu ritzen. Das war wirklich sehr hart. Ich habe eine Freundin die Psychologin ist. Mit ihr hab ich mich immer kurzgeschlossen was ich machen kann. Sie selbst wollte absolut mit keinem anderen darüber sprechen…

    Das war dann wöchentlich (kein Rhythmus) wiegen, unter ein gewisses Gewicht durfte sie nicht. Natürlich mit dem (neuen) Kinderarzt alles abgesprochen. Und ich hab sie echt oft kontrolliert ob sie sich wieder ritzt. Das haben wir aber zum Glück endlich alles hinter uns. Sie ist zwar immer noch sehr zierlich aber sie isst und trinkt normal.

  2. Oje, das macht mich ganz betroffen zu lesen Ein Glück, dass es Eurer Tochter jetzt wieder gut geht. Und allen weitere Eltern möchte ich echt bitten nie ein Drama um das Essen zu machen, vor allem wenn die Kinder klein sind. Ich habe selber zwei Kinder, die lange untergewichtig für ihr Alter waren bzw. noch sind. Mit meinem Sohn musste ich in der Zeit von einem Dreiviertel Jahr bis ca. 1,5 Jahre wöchentlich zum wiegen. Ich musste mir solche Vorwürfe vom Arzt anhören, warum ich dem Kind nicht genug zu essen gebe. Bloß er war immer satt, nur eben wahnsinnig aktiv. Heute ist er mit 9 Jahren klein, im normalen Gewichtsbereich und isst noch immer phasenweise recht wenig. Er ist allerdings ein super sportliches Kind und hat daher viel Muskulatur. Allerdings hatten wir auch richtige Essprobleme mit ihm, als im Sachunterricht gesunde Ernährung auf dem Programm stand. Da fing er an auch sehr kontrolliert zu essen. Daher haben wir uns auf einer Kur auch dazu sofort therapeutische Hilfe gesucht. Vom Arzt wurden bis dahin unsere Sorgen auch nicht ernst genommen. Die Ernährungspsychologin hat uns da sehr viel geholfen! Meine Tochter ist heute noch untergewichtig, sie ist sieben. Bei ihr wurde wirklich diagnostisch ein riesiges Programm aufgefahren. Gott sei Dank ohne Befunde. Offensichtlich ist es familiär bedingt. Allerdings war daher das Thema essen eine ganze Zeit sehr unentspannt bei uns. Daher hat sicher auch mein Sohn so sehr reagiert. Was ich sagen will: Viele gesellschaftliche Erwartungen prasseln von Anfang an auf die Kinder ein, z. B. nur still aufessende Kleinkinder sind gut erzogen, den Kindern wird im Kleinkindalter gerne mal etwas zu Essen in die Hand gedrückt, damit sie still im Wagen sitzen. Oder auf der anderen Seite muss alles ohne Zucker sein, nur bio und und und… dadurch gewinnt das Essen so sehr an Bedeutung und bietet so den idealen Nährboden für Machtkämpfe. Einem als Eltern wird auch Druck gemacht, dass die Kinder ja in die hübschen Perzentielen passen sollen usw… das führt zu soviel Druck, dass die Intuition und der Genuss auf der Strecke bleiben. Ich hatte so oft Angst um meine Kinder, weil sie eben nicht aßen. Auch ich habe deshalb therapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Daher würde ich mir wünschen, dass alle mit Genuss essen können.

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