Gastbeiträge

11/02/2017 - 08:00

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag von Nicole: Unser Sohn ist manisch-depressiv

Jedes Mal, wenn wir über ihn sprechen, sagt mein Mann diesen einen Satz: "Früher war er ganz anders; ein ganz normales Kind." Dann merke ich, wie sehr er sich nach dieser Zeit sehnt und wie es ihn innerlich zerreißt. 

Dazu immer diese quälenden Fragen: "Was haben wir falsch gemacht? Hätten wir früher was merken müssen? Wird er jemals ein selbstständiges Leben führen können?"

Unser Sohn ist psychisch krank : Schizoaffektive Störung, er ist manisch-depressiv…

Diese Krankheiten sind vielfältig und für alle Beteiligten eine enorme Belastung  - grade, weil es kein Allheilmittel gibt, es gibt keinen Fahrplan, wie man damit umgehen könnte.

Angefangen hat alles, als unser Sohn Mark seine erste Ausbildung begann. Er zog in eine andere Stadt, in eine eigene Wohnung - und war völlig überfordert mit dem Leben.

Die ersten Anzeichen kamen. Völlug überdrehte Anrufe, Nachrichten mit überzogenen Kommentare, seltsame Sefies. Wir begannen zu ahnen: Hier stimmt was nicht. 

Mark ist nicht mein leibliches Kind. Sein Vater und ich lernten uns kennen und lieben, als er noch mit Marks Mutter verheiratet war. Mark war damals 15 Jahre alt, mitten in der Pubertät. Wir fragen uns oft, ob die Trennung der Eltern zu traumatisch für ihn war...

Ärzte jedoch erklärten uns, dass die Krankheit nicht durch die Trennung entstanden sein kann. Sie war schon vorher da - die Trennung könne aber natürlich ein Trigger gewesen sein. 

Als wir merkten, dass Mark immer seltsamer wird, rief ich naiv und panisch die Jugendpsychatrie an. Wir waren überfordert und ich hoffte, es gäbe die Möglichkeit, ihn dort unterzubringen. Ich telefonierte mit einer sehr netten Dame, die mir erklärte, dass nicht nur die despressiven Phasen gefährlich seien. Sie sagte: „Eine Manie ist mindestens so schlimm, wenn in der Akutphase nicht sogar schlimmer, als eine Depression. Die Patienten springen aus Fenstern, weil sie glauben, sie könnten Fliegen. Sie springen vor Autos, weil sie sich für unbesiegbar halten. Sie verspielen Ihr Geld, kaufen wie wild ein, machen Schulden…“

Nach dem Telefonat heulte ich nur noch und sagte zu meinem Mann, dass wir Mark zu seinem eigenen Schutz zwangseinweisen müssten. Wir sprachen lange mit Marks Mutter, sie fuhr noch am Abend zu ihrem Sohn und nahm ihn mit zu sich. 

Am nächsten Morgen klingelte das Telefon und Marks Mutter erzählte etwas, was alles veränderte: Mark habe die ganze Nacht im Wohnzimmer gesessen und mit nicht existenten Wesen kommuniziert. Er sei völlig wirr.

Es folgte, was kommen musste. Mark wurde zwangseingewiesen. Weil er die Pfleger angriff, wurde er ans Bett fixiert. Diese Bilder haben sich fest eingebrannt und ich werde sie nie mehr vergessen. 

Insgesamt war Mark nun vier Mal in der Klinik. Die Abstände der „Episoden“ werden immer kürzer. Dazwischen sucht er sich tatsächlich immer wieder Ausbildungsplätze, setzt sich auch im Auswahlverfahren gegen Mitbewerber durch. Aber dann läuft alles wieder aus dem Ruder. 

Er sagt, er sei nicht krank. Klares Zeichen der Krankheit – Uneinsichtigkeit. Er verweigert die Medikamente, verweigert die Therapie. Er sitzt in seinem Zimmer und kommuniziert mit seinen Freunden auf der ganzen Welt…Im wahren Leben hat er keinen einzigen Freund. Dann stellt er wilde Theorien über Leben in fernen Galaxien auf. 

Er wird nächste Woche 23 Jahre alt und hat keine Perspektive. Marks Mutter schämt sich für ihren Sohn und tut so, als gäbe es die Krankheit nicht. Und wir verzweifeln. 

Gestern hat mein Mann zu mir gesagt: "Ich weiß, dass Mark sich irgendwann etwas antun wird. Ich schäme mich für den Gedanken... aber dann ist es endlich vorbei. Ich kann nicht mehr.."

Es zerreißt mir das Herz zu sehen, wie ein Mensch am Leben scheitert. Zu sehen, wie ein Vater sein Kind aufgibt, das er eigentlich mehr als alles andere auf der Welt liebt. 

Und ich? Ich bin machtlos. Auf dem Papier bin ich nur die Stiefmutter. Aber im Herzen ist er mein Sohn. Und das wird er immer bleiben. 

Tags: Krankheit, Psyche, Depression, Kind, Krankenhaus

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Kommentare

Juliane — Sa, 02/11/2017 - 09:01

An Nicole!!!!!wir erleben ganz ähnliches gerade und es tut gut zu sehen, dass wir nicht alleine sind.danke für euren tollen Blog

Sarah — Sa, 02/11/2017 - 09:28

Liebe Stadt Land Mama ich finde es super, dass ihr diesem Thema einen Platz gebt. Liebe Nicole, ich kann dich so gut verstehen in der Familie meiner Mutter ist die Krankheit vererbt auch meine Mama und mein kleiner Bruder sind betroffen. Die Krankheit ist unfassbar schwer zu verstehen, es ist eine schwere Zeit für alle ABER gebt ihn nicht auf wenn er mit Medikamenten gut eingestellt wird kann er ein ganz normales Leben führen. Fühl dich gedrückt und ihr schafft das!

nora — Sa, 02/11/2017 - 10:17

Sehr einseitig und sehr verstörend fühle ich mich nach dem artikel. Und das wo ich doch bestens informiert bin zumal ich auch seit 5 Jahren die Diagnose habe. Er wird sich hoffentlich nicht umbringen denn das Leben ist auch mit dieser Krankheit lebenswert. Selbsthilfegruppe, Therapie und Medikamente zusammen mit der ständigen Auseinandersetzung und auch Identifizierung können zu Einen "normalen" Leben führen. Betroffene, 30 Jahre alt, 2 jährige Tochter und glücklich verheiratet

Britta — Sa, 02/11/2017 - 13:51

Ich möchte euch beruhigen..Ich bin ebenfalls Bipolar. Ich kenne mich so mein ganzes Leben schon. Meine depressiven Phasen waren sehr ausgeprägt. Nach Klinik, Medikamente und Therapie habe ich noch einige Phasen erlebt. Mit etwa 30 stellte sich eine stabile Phase ein. Ich habe mich selbstständig gemacht, was mir erlaubt, kurze depressive Phasen ausleben zu können. Jetzt bin ich verheiratet und Mutter von 2 Kids. Das Leben ist schön und ich habe akzeptiert, dass ich nun mal entweder himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt bin oder wie jetzt stabil. Mit dieser Akzeptanz und Einsicht lebe ich sehr gut. Ich will nicht sterben und wollte es selbst in schlimmsten Zeiten nie! Bipolare Menschen sind etwas ganz besonderes und sie durchziehen die Geschichte als Genies, Künstler oder Musiker. In manischen Phasen können sie Berge versetzen. Habt Geduld..informiert euch und vertraut. Seht euren Sohn nicht als krank an..Er ist speziell und wundervoll. Man kann sehr alt mit dieser Diagnose werden!

Anke — Sa, 02/11/2017 - 14:57

Liebe Nicole, ich wünsche dir und deinem Mann ganz viel Kraft und Geduld, Mark beizustehen. Ich kann euch nur empfehlen, euch selbst auch frühzeitig Unterstützung zu holen, man muss da nicht alles alleine schultern! Und lasst alle Gefühle zu, die Ihr habt, auch wenn das mal Ablehnung oder Verzweiflung ist. Ich selbst kann ein ziemlich hilfreiches Buch empfehlen, "lass mich, mir fehlt nicht" von Xavier Amador, vielleicht ist das auch was für dich/euch? Bleibt stark!!

Marianne — Do, 01/17/2019 - 23:04

Meine Tochter ist vor 20 erkrankt. Es hat Jahre gedauert, bis ein Arzt ihr Lithium verschrieben hat. Dann wurde alles besser. Sie hat eine Ausbildung nachgeholt und eine Filiale geleitet. Mit Hilfe der Hausärztin hat sie das Lithium wieder ausgeschlichten. 7 Jahr später ist die Manie wieder ausgebrochen mit Arbeitsverlust, gefährlichem Autofahren, überall Streit anfangen, Männerkontakte. Sie braucht Lithium. Das Verabreichen des Medikaments ist momentan nur durch einen Zwangseinweisung möglich. Weder die Hausärztnin noch der Psychiater noch der Notfallpsychiater veranlassen eine fürsorgliche Unterbringung. Ich bete für sie, kann sonst praktisch nichts tun.

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